Max Bergmann arbeitet seit 2019 für den Halleschen FC, fing in der Jugendabteilung an und trainiert mittlerweile als Co-Trainer die Profis.
Max Bergmann arbeitet seit 2019 für den Halleschen FC, fing in der Jugendabteilung an und trainiert mittlerweile als Co-Trainer die Profis.Bild: IMAGO / Picture Point LE / IMAGO / Picture Point LE
Interview

"Was will der 12-jährige Analyst?": Jüngster Profi-Coach über Vorbehalte beim Einstieg ins Fußballgeschäft

Mit Fußballanalysen für einen Blog und auf Youtube fiel Max Bergmann vor mittlerweile drei Jahren dem Halleschen FC auf. Der aktuelle Drittligist überzeugte Bergmann davon, aus Frankfurt, wo der Trainer studierte, nach Halle zu ziehen. Über die Nachwuchsarbeit stieg Bergmann immer weiter auf und ist nun Co-Trainer bei den Profis.
25.07.2022, 13:19

Max Bergmann hält den Rekord als jüngster Trainer in der 3. Liga. Die Bestmarke stellte er im April 2022 auf – mit damals 24 Jahren und 151 Tagen. Der gebürtige Bremer coachte für ein Spiel den Halleschen FC gegen Osnabrück als Cheftrainer an der Seitenlinie. Er ersetzte den gesperrten André Meyer.

Im Interview mit watson erzählt Bergmann, wie skeptisch ihm die Profis zu seiner Anfangszeit gegenüberstanden und wie er sie doch von sich überzeugen könnte. Dabei hat der Trainer ein ungewöhnliches Hobby, um den Kopf freizubekommen.

Watson: Herr Bergmann, auf Instagram zeigen Sie einige Fotos und Videos, auf denen Sie klettern. Was ist eigentlich anstrengender – einen Überhang zu klettern oder ein Profi-Spiel in der 3. Liga zu coachen?

Max Bergmann: (lacht) Es ist sehr schwer zu vergleichen, weil es komplett unterschiedliche Tätigkeiten sind. Mental ist das Coachen in der 3. Liga anstrengender. Körperlich definitiv, den Überhang zu klettern. Ich mache aber beides sehr gerne.

Wie oft schaffen Sie es neben dem Trainerjob noch in eine Kletter- oder Boulderhalle?

Früher ging das natürlich häufiger. Teilweise war ich täglich klettern. Aktuell freue ich mich, wenn ich es einmal pro Woche schaffe.

Wie ist es in so einer Kletterhalle oder generell in der Öffentlichkeit? Werden Sie da angesprochen?

Bergmann: Besonders nachdem ich das Osnabrück-Spiel gecoacht habe, wurde ich auf der Straße öfter erkannt und angesprochen. Insgesamt sind die meisten Menschen aber eher zurückhaltender.

Sie sind nun drei Jahre in Halle. Wie ist diese Zeit aus Ihrer Sicht vergangen?

Bergmann: Rasend schnell.

Inwiefern?

Bergmann: Seit ich 2019 hierhergekommen bin, hatte ich fast jedes halbe Jahr eine Veränderung der Position. Ich kam in die U17 als Co-Trainer und Analyst. Nach einem halben Jahr bin ich zur U19 hoch. Danach habe ich angefangen, die Analysen für die Profis zu machen, damals noch extern und ohne Kontakt zu den Spielern. Und zur vergangenen Saison bin ich als Analyst und zweiter Co-Trainer näher an das Profiteam gerückt.

Im Winter sind Sie dann nochmal aufgestiegen…

Bergmann: So könnte man es bezeichnen. Aufgrund des Trainerwechsels wurde ich Co-Trainer und habe weiterhin die Videoanalysen gemacht. Dadurch bin ich nochmal näher an das Team gerückt und habe mehr Verantwortung übertragen bekommen.

Wie war es für Sie als junger Trainer auf einmal in so engem Kontakt mit Spielern zu sein, die genauso alt oder auch älter waren als Sie?

Bergmann: Es war von Vorteil, dass Halle relativ klein im Vergleich zu anderen Klubs ist. Die Verbindung zwischen Nachwuchs und Profis ist vorhanden. Außerdem wurde der damalige Profi Tobias Schilk bei uns in der U19 Trainer. Durch die gemeinsame Arbeit mit ihm war ich auch schon auf dem Schirm von einigen Profis.

Max Bergmann (l.) mit Halles Cheftrainer André Meyer.
Max Bergmann (l.) mit Halles Cheftrainer André Meyer.Bild: IMAGO / Jan Huebner / IMAGO / Jan Huebner

Waren die Spieler aufgrund Ihres Alters trotzdem kritischer mit Ihnen?

Bergmann: Die Spieler, die mich noch nicht kannten, waren schon skeptisch. Da wurde dann auch mal ein kecker Spruch gedrückt.

Wie sah das genau aus?

Bergmann: Sie haben mich genau gescannt und geschaut, was ich draufhabe. "Was will der 12-jährige Analyst?" durfte ich mir – natürlich als Witz – schon anhören. Diesen Spielern wollte ich dann zeigen, dass ich Ahnung von Fußball habe. Dabei wollte ich aber nicht von oben herab wirken, sondern auf Augenhöhe kommunizieren.

Sind Sie jemand, der so einen Spruch dann übergeht oder kontern Sie?

Bergmann: Ich gehe da nicht drauf ein, denke mir aber innerlich: "Schauen wir mal, ob du mir in zwei Wochen noch immer Sprüche drückst".

Was hat sich in der täglichen Arbeit geändert, seit Sie auch Co-Trainer sind?

Bergmann: Vorher war ich beim Training mehr in einer Beobachterrolle und habe analysiert. Jetzt als Co-Trainer leite ich Übungen an, schaue aber auch welche Möglichkeiten wir haben, um unser Spiel zu verbessern. Das versuche ich dann in Trainingsformen umzuwandeln. Natürlich immer im engen Austausch mit dem Cheftrainer.

Sie sind mit 24 Jahren sehr jung im Trainergeschäft. Bevor Sie nach Halle gekommen sind, haben Sie in Frankfurt Sport studiert. Wie lief der Beginn beim HFC ab?

Bergmann: Ich wurde über eine Job-Plattform von Steffen Weiß angeschrieben. Der lose Kontakt wurde immer intensiver und irgendwann war klar, dass er beim Halleschen FC als Leiter der Nachwuchsabteilung im Gespräch ist. Dann hat er mich direkt gefragt, ob ich nicht als Analyst arbeiten will.

Und das wollten Sie.

Bergmann: Es war von Beginn an spannend, weil es mir die Möglichkeit bot, mich auf hohem fußballerisch-taktischen Niveau weiterzuentwickeln. Davor war ich ausschließlich im Breitensport aktiv.

Hatten Sie überlegt, Ihr Sport-Studium in Frankfurt ganz abzubrechen?

Bergmann: Nein, die Stelle im Nachwuchs war noch nicht in Vollzeit, deshalb habe ich noch weiter studiert. Aktuell bin ich an eine Fernuniversität in Berlin gewechselt. Nebenbei zur Tätigkeit im Profi-Team ist es definitiv schwerer, das Studium durchzuziehen. Wenn eine Präsenzklausur am Samstag in Berlin geschrieben wird und wir in München spielen, geht das natürlich nicht.

War es schon immer ihr Wunsch, eine Trainerlaufbahn anzustreben?

Bergmann: Erst habe ich natürlich auch selbst gespielt, war aber schon immer von der körperlichen Komponente eher nicht für höhere Aufgaben berufen. Die Verbandsliga im Nachwuchsbereich war das Maximum. Deshalb habe ich besonders in der B-Jugend zunächst das Interesse an Fußball verloren und war sechs- oder siebenmal pro Woche klettern.

Sie sind dann aber wieder zurück in den Fußball gekommen?

Bergmann: Ich habe parallel immer noch zweimal pro Woche in einem Verein trainiert, aber nicht mehr mit dem Fokus wie davor. In der A-Jugend hatte ich aber einen richtig guten Trainer, durch den ich die Lust wieder entdeckt habe. Danach beschäftigte ich mich damit, wie man Fußballtrainings interessant gestaltet, sodass die Spieler Spaß haben und sich dennoch weiterentwickeln.

"Ich kann mir vorstellen, auch noch andere Bereiche im Fußball anzuschauen."
Halles Co-Trainer Max Bergmann über mögliche Positionen in der Zukunft

Was waren die nächsten Schritte?

Bergmann: In meiner Abiturzeit legte ich eine Trainerlizenz ab, mit der Motivation, den Spaß weiterzugeben und zu schauen, ob mir die neue Aufgabe liegt und Spaß macht.

Offensichtlich hat es das gemacht. Gleichzeitig haben Sie auch das Interesse an Analysen gefunden und im Internet selbst welche verfasst, wodurch der Hallesche FC letztlich auch auf Sie aufmerksam wurde…

Bergmann: Da ich in meiner eigenen Spielerausbildung wenig Taktik vermittelt bekommen hatte, las ich mehrere Taktikblogs und beschäftigte mich damit. Irgendwann kam "Total Football Analysis" aufgrund meiner Tweets auf mich zu und hat gefragt, ob ich für sie Analysen schreiben möchte.

Das haben Sie getan…

Bergmann: Ich fand es herausfordernd und gleichzeitig interessant. Das Ganze hat sich dann stetig gesteigert, sodass ich auch Youtube-Videos mit Analysen angefertigt habe, bis der Hallesche FC auf mich zukam.

Und Sie nach Halle gegangen sind. Wie war der Start für Sie in einer neuen, fremden Stadt?

Bergmann: Mir ist die Anbindung relativ leichtgefallen. Im Nachwuchs arbeiten viele junge Menschen, die auch oft noch studieren. Man ist gefühlt den ganzen Tag am Trainingsgelände gewesen, hat sich über Fußball ausgetauscht und die Einheiten geplant. Das war eine sehr coole Erfahrung und es ist weiterhin schön, dort immer mal wieder vorbeizuschauen.

Halle und ihre Heimatstadt Bremen trennen rund 330 Kilometer. Wie oft schaffen Sie es, Familie und Freunde zu besuchen?

Bergmann: In der Regel haben wir einen Tag pro Woche, an dem wir von Zuhause arbeiten. Aber alle zwei Monate nehme ich mir den freien Tag und fahre mit dem Zug nach Bremen. Die Zeit in der Bahn nutze ich dann, um zu arbeiten.

Lassen Sie uns über Ihre Zukunft sprechen. Felix Magath hat mit 68 Jahren in der vergangenen Saison mit Hertha BSC die Klasse gehalten. Können Sie sich vorstellen, so lange als Trainer zu arbeiten? Das wären immerhin noch 44 Jahre.

Bergmann: Ich kann mir vorstellen, auch noch andere Bereiche im Fußball anzuschauen. Aktuell schnuppere ich ins Scouting rein. Der Trainerbereich macht mir aber viel Spaß und ich kann mir durchaus vorstellen, auch über mehrere Jahre in diesem Segment zu arbeiten. Grundsätzlich bin ich aber für verschiedene Funktionen offen.

"Durch den Bezug zu meiner Heimatstadt Bremen ist natürlich das Weserstadion sehr interessant"
Max Bergmann über ein Wunschstadion in dem er gerne coachen würde

Wie schaut es mit einer Position als Cheftrainer aus?

Bergmann: Ich bin grundsätzlich Fan davon, als Trainer im Team zu arbeiten. Natürlich auch gerne mal in einer anderen Rolle, aber aktuell funktioniert das in dieser Konstellation sehr gut.

Haben Sie einen Traumverein oder ein Traumstadion, in dem Sie mal gerne coachen würden?

Bergmann: Durch den Bezug zu meiner Heimatstadt Bremen ist natürlich das Weserstadion sehr reizvoll. Ich stand früher häufig in der Ostkurve und es wäre sicherlich spannend, in anderer Funktion dorthin zurückzukehren. Gerne auch in einem DFB-Pokalspiel gegen Werder Bremen. (lacht)

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Podcasterin Laura Larsson über Selbstzweifel, ihre Nase und Sprachbarrieren mit Gen-Z

Laura Larsson wurde als ein Teil des erfolgreichsten deutschen Frauenpodcasts, der ironischerweise den Namen "Herrengedeck" trägt, bekannt. Als das Projekt von ihr und Ariana Baborie endete, hielt es die 33-jährige Radiomoderatorin jedoch nicht lange aus – in ihrem neuen Podcast "Zum Scheitern verurteilt" mit ihrem Radiokollegen Simon Dömer geht es um Alltagspannen und peinliche Momente in ihrem Leben.

Zur Story