Coronavirus
Virologe Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn beim Vorstellen der Heinsberg-Studie.

Bekannt geworden ist der Virologe Hendrik Streeck, weil er die groß angelegte Corona-Studie in Heinsberg leitet. Bild: www.imago-images.de / Jens Krick

Corona-Fallzahlen steigen: Virologe Streeck erklärt, warum Infektionszahl wenig aussagt

Die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen wieder an: Obwohl wir uns nicht im exponentiellen Wachstum befinden, was bedeuten würde, dass sich die Zahl der Infizierten jeden Tag verdoppelt, wirkt die Entwicklung bedenklich. Donnerstag früh meldete das Robert-Koch-Institut 2194 neue Corona-Fälle hierzulande, deutlich mehr, als in den vergangenen Wochen.

Das ist eine ernstzunehmende Entwicklung, die streng im Blick behalten werden sollte. Panik wäre allerdings kontraproduktiv. Obwohl die Corona-Fallzahlen steigen, sagen sie allein wenig über das Infektionsgeschehen aus. In einem Interview mit der "Welt" sagt Virologe Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn:

"Die reinen Infektionszahlen sagen im Grunde sehr wenig darüber aus, wie das Infektionsgeschehen weiter geht."

Die Zahl der schweren Corona-Fälle ist recht niedrig

Weiterhin sieht Streeck, dass die Infektionen europaweit gerade hochgehen würden, "aber die Zahlen der Personen, die stationär oder intensivmedizinisch behandelt werden, nicht ansteigen." Das heißt, nicht alle Menschen, die positiv auf das Virus getestet werden, erkranken auch wirklich daran beziehungsweise erkranken nicht schwer daran. Die wichtigste Kenngröße sei laut Streeck:

"Wer erkrankt an dem Virus? Weil der gibt es auch in jedem Fall weiter, und der braucht auch die bestmögliche Versorgung."

Neben den Infektionszahlen allgemein sollten wir also idealerweise auch mit erfassen und bedenken, wie viele Menschen schwer erkranken und stationär behandelt werden müssen. Um alle wichtigen Aspekte beim Infektionsgeschehen auf einen Blick erkennen zu können, schlägt Streeck Folgendes vor:

"Und das alles zusammengefasst in einer Kenngröße, in einer Ampel zum Beispiel, würde uns sehr viel mehr helfen, sehr viel mehr Souveränität geben, um besser durch den Herbst und Winter zu kommen."

Asymptomatische Patienten, bei denen die Erkrankung nicht ausbricht, die vermutlich niemanden anstecken können und auch keine Langzeitfolgen zu befürchten haben, würden dann in Hinblick auf den gesamten Infektionsverlauf anders gewertet werden als solche, die schwere Symptome zeigen und ins Krankenhaus müssen.

Generell warnt Streeck vor Panik: "Keinem in der Pandemie ist es gutgetan, einfach nur zu warnen und alarmistisch zu sein." Deswegen brauchen wir einen ausgewogenen, besonnenen Blick auf sämtliche Aspekte der Virenverbreitung. Die Infektionszahlen sind nur ein Teil davon und Streeck betont, dass wir nicht von ihnen "weggehen" sollten.

Auch beim Impfstoff: Bitte kein "Alarmismus"

Auch in Bezug auf die Frage, wann der Impfstoff gegen das Virus in Deutschland erhältlich sein wird, warnt der Virologe vor "Stimmungsmache". Laut "Handelsblatt"sagt er: "Schon die Debatten darum halte ich für teils recht unseriös."

"Während sich ein Wirkstoff schnell kreieren lässt, können wir nicht vorhersagen, ob er funktioniert oder nicht." Gerade die Phase der Tests sei "immer voller Überraschungen". Streeck warnt der Zeitung zufolge zugleich vor "Alarmismus", zumal die Pandemie aktuell "vergleichbar gut zu managen" sei. "Man muss nicht mehr das ganze Land lahmlegen."

(ak/mit Material von Reuters)

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