Unvergessen
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Paolo di Canio begrüßt die rechten Lazio-Fans 2005 beim Derby gegen Rom mit dem faschistischen Gruß. imago

Unvergessen

Ausgerechnet der bekennende Faschist Di Canio wird zum Fairplay-Vorbild

16. Dezember 2000: Paolo di Canio ist ein genialer Fußballer. Der Italiener gilt als unverbesserliches Raubein sowie launischer und unfairer Spieler mit faschistischer Ideologie. Doch dann widerlegt er mit einer Aktion alle Vorurteile. Zumindest für einen Tag.

Reto fehr

Paolo Di Canio ist während seiner Karriere stets ein Spieler, an dem sich die Geister scheiden. 2005 erklärte er selbst: "Ich bin Faschist, kein Rassist." Der Verehrer von Benito Mussolini sorgte während seiner Karriere nicht nur wegen seiner politischen Ausrichtung immer wieder für Kopfschütteln.

So auch während seiner Zeit bei Sheffield Wednesday 1998. Im Spiel gegen Arsenal sieht der Italiener nach einem Handgemenge die Rote Karte. Di Canio stösst anschliessend Schiedsrichter Paul Alcock um, wird für elf Spiele gesperrt und wird nie mehr für Sheffield auflaufen.

Di Canio setzt seine Karriere bei West Ham fort. Auch dort bleibt eine Szene besonders in Erinnerung. Im Spiel gegen Bradford City werden dem Italiener drei (klare) Elfmeter verwehrt, der dritte beim Stand von 2:4. Di Canio tobt, zeigt Trainer Harry Redknapp, dass er sich auswechseln lassen wolle.

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Die drei nicht gegebenen Elfmeter und Di Canios Auswechsel-Bitte. Video: YouTube/YobboGobbo

Redknapp schildert Jahre später: "Er saß mit verschränkten Armen vor mir auf den Boden und wollte nicht mehr weiterspielen. Ich sagte ihm, ich nehme ihn nicht runter, wir brauchen ihn."

Wenig später wird West Ham ein Elfmeter zugesprochen. Di Canio und der junge Frank Lampard streiten sich heftig um die Ausführung des Penaltys. Der Italiener setzt sich durch und verkürzt auf 3:4. West Ham siegt am Ende 5:4.

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Die Spielzusammenfassung von West Ham – Bradford 5:4. Der Kampf um die Ausführung des Elfmeters folgt bei 3:10 Minuten. Video: YouTube/TheAgedGamer

So tingelt der Angreifer durch seine Karriere. Immer das Image als (genialer) Bad Boy pflegend. Doch dann kommt dieser 16. Dezember 2000. West Ham trifft im Goodison Park auf Everton, die Nachspielzeit läuft, es steht 1:1.

Evertons Goalie Paul Gerrard verletzt sich bei einer Rettungsaktion und bleibt ausserhalb des Strafraums liegen. Ein Mitspieler Di Canios kümmert dies nicht und flankt zur Mitte. Auch wenn der Ball nicht optimal angeflogen kommt, bietet sich dem Italiener durch das leere Tor eine gute Möglichkeit auf den späten Siegtreffer. Doch Di Canio hat anderes vor. Er fängt den Ball mit den Händen ab und sorgt für einen Spielunterbruch, damit Gerrard gepflegt werden kann.

Paolo Di Canios Fair-Play-Aktion gegen Everton:

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Video: YouTube/Luca Rossi

Die 31'260 Zuschauer in Liverpool trauen ihren Augen kaum, erheben sich aber ausnahmslos zu einer Standing Ovation. Gerrard muss mit einem ausgerenkten Knie ausgewechselt werden, die Partie endet 1:1. Fast ein Jahr später wird ausgerechnet Skandalnudel und bekennender Faschist Di Canio von der FIFA mit dem Fair Play Award für diese Handlung ausgezeichnet.

Weitere zwölf Jahre später wird Di Canio angesprochen auf die Aktion sagen: "Wenn ein Spieler innerhalb einer Sekunde nach einer strittigen Szene merkt, dass er etwas falsch gemacht hat oder etwas falsch läuft, sollte er es dem Schiedsrichter sagen. Es ist nicht fair, aus solchen Situationen einen Vorteil zu ziehen. Aber ich glaube, solche Aktionen wie meine damals werden wir in Zukunft nicht mehr sehen."

Zurück zum Bad Boy als Trainer

Im weiteren Verlauf seiner Karriere sorgt Di Canio allerdings wieder eher für negative Schlagzeilen. Nach der Spielerlaufbahn wird der Angreifer Trainer bei Swindon. Nur elf Tage nach Stellenantritt gerät sich Di Canio mit Spieler Leon Clarke in die Haare. Die beiden mussten nach einem heftigen Streit im Anschluss an das Ausscheiden gegen Southampton im Cup im Spielertunnel von Teammitgliedern getrennt werden. Clarke wurde neun Tage später an Chesterfield ausgeliehen.

Auch den Unmut der Gegner zieht er später auf sich. Nachdem sein Team gegen Aston Villa aus dem Cup fliegt, geht Di Canio zu seinen Fans, zeigt in den Himmel und deutet für die Aston-Villa-Anhänger auf den Boden. Diese interpretieren dies so, dass Di Canio Aston Villa den Abstieg wünscht. Er selbst versucht sich damit zu retten, dass er sagt, er habe den eigenen Fans nur zeigen wollen, er finde sie besser als diejenigen des Gegners.

Im März 2013 wird Di Canio überraschend Trainer von Sunderland. Dies hat zur Folge, dass Vize-Präsident David Miliband sofort zurücktritt, weil er mit "früheren politischen Aussagen" Di Canios nicht übereinstimmen kann. Die Anstellung bleibt wenig erfolgreich. Nach nur 13 Partien wird der Italiener gefeuert.

Seither ist er ohne Job im Profifußball und seit September 2016 ist er auch seinen Experten-Status bei Sky Sport Italia los. Warum? Er zeigte sich in einem kurzärmligen Shirt und dabei kam ein faschistisches Tattoo zum Vorschein.

"Obwohl wir Di Canios Kompetenz schätzen, haben wir uns einvernehmlich zur Aussetzung der Zusammenarbeit entschieden", sagte Jacques Raynaud, Vizepräsident von Sky Sport. Ein weiteres unrühmliches Kapitel in der Karriere von Paolo Di Canio.

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