Ab in den Urlaub! Viele Deutsche träumen davon, endlich wieder außerhalb der Landesgrenzen zu verreisen.
Ab in den Urlaub! Viele Deutsche träumen davon, endlich wieder außerhalb der Landesgrenzen zu verreisen.Bild: iStockphoto / YakobchukOlena
Analyse

Tourismus-Experten sind sicher: "Die Urlaubslust der Deutschen ist so groß wie nie zuvor"

23.03.2022, 07:4724.03.2022, 14:35

Kaum scheint die Sonne häufiger als einmal die Woche und die ersten zarten Blumen sprießen aus dem Boden, erwachen wir plötzlich aus dem Winterschlaf und fragen uns: Was ist eigentlich mit Urlaub dieses Jahr? Nach derzeitiger Lage sieht es für alle Deutschen mit Fernweh 2022 so aus, als könnten sie auch mal wieder außerhalb der Landesgrenzen reisen.

Das sind gute Nachrichten für die Reisebranche, der die Corona-Pandemie auch im vergangenen Jahr schwer zugesetzt hat. Laut Reise-Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) ist der internationale Tourismus im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2019 um mehr als 70 Prozent zurückgegangen und damit auf dem Niveau von 1987.

"Die Covid-19-Pandemie stellt die gesamte Tourismusbranche global vor nie da gewesene Herausforderungen"
Bernd Eisenstein, Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung

"Die Covid-19-Pandemie stellt die gesamte Tourismusbranche global vor nie da gewesene Herausforderungen", sagt Bernd Eisenstein, Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung (FH Westküste). "Bisherige Krisen führten nie zu einem vergleichbaren Rückgang des weltweiten Reiseverkehrs und auch die deutsche Tourismusbranche stürzte in eine tiefe Krise."

Gegenüber dem Vor-Pandemiejahr 2019 verzeichneten die deutschen Reiseveranstalter 2021 ein Umsatzminus von 69 Prozent, die Reisebüros von 73 Prozent. Die Campingbranche hingegen profitiert von den Auswirkungen der Pandemie: Noch nie waren so viele Deutsche an Ferien mit einem Wohnmobil (15 Prozent) oder im Caravan (12 Prozent) interessiert, wie während der Pandemie.

Schlafen am Strand: Die Reise mit dem eigenen Wohnwagen bietet einige Vorzüge.
Schlafen am Strand: Die Reise mit dem eigenen Wohnwagen bietet einige Vorzüge.Bild: iStockphoto / Aleksandra Pancewicz

Verreisen ohne Corona-Regeln ist deutlich attraktiver

Diese Zeiten sind hoffentlich vorbei, die Rückkehr zum Vor-Corona-Tourismus zeichnet sich auf breiter Front ab. Die Reiseveranstalter jedenfalls geben sich sehr optimistisch bezüglich der Reisesaison 2022. Ralph Schiller, Geschäftsführer des deutschen Reisekonzerns FTI GROUP, sagt gegenüber watson: "Die Nachfrage hat sich in den letzten Wochen deutlich erholt und wir rechnen mit einer sehr guten Sommersaison. Bei den Buchungen für den Sommer 2022 liegen wir sogar wieder auf Vor-Pandemie-Niveau."

Ralph Schiller erklärt die Trends der Reisesaison 2022.
Ralph Schiller erklärt die Trends der Reisesaison 2022.privat

Vor allem das Wegfallen von Corona-Restriktionen führe dazu, dass viele Urlauber wieder langfristiger planen. Schiller glaubt, dass der Aufwärtstrend der Tourismusbranche weiterhin anhalten wird, die Buchungszahlen für fast all ihre Zielgebiete würden derzeit steigen.

"Bei den Buchungen für den Sommer 2022 liegen wir sogar wieder auf Vor-Pandemie-Niveau."
Ralph Schiller, CEO bei der FTI GROUP

Tourismusforscher Bernd Eisenstein erklärt, wie wichtig den Deutschen das Reisen ist: "Für viele stellen Urlaubsreisen einen wichtigen Bestandteil des Lebensstandards dar, sind Ausdruck des eigenen Lebensstils oder zumindest eine liebgewonnene Gewohnheit, deren Verzicht schwer fällt."

So sei es nicht verwunderlich, dass die Deutschen gegenwärtig ein sehr großes Bedürfnis nach Urlaub hätten: Gemäß der Reiseanalyse der FUR für 2022 gaben 61 Prozent der Deutschen an, Urlaubslust zu verspüren – ein neuer Höchstwert. "Hier spielt sicherlich ein gewisser Nachholeffekt eine Rolle, die Reiselust hat sich während der Zeit mit umfassenden Restriktionen aufgestaut und kommt jetzt verstärkt zur Geltung", sagt Eisenstein gegenüber watson.

Für Nachhol- und Kompensationseffekte spreche auch der beobachtbare Anstieg hedonistischer Urlaubsmotive wie Spaß, Freude, sich verwöhnen lassen oder die Tendenz zu gesundheitlichen Aspekten. Eisenstein: "Die Urlaubslust der Deutschen ist so groß wie nie zuvor."

2022: Insel- und Camperurlaub liegt voll im Trend

Doch die Art des Reisens hat sich verändert: Eisenstein stellt durch die Corona-Pandemie "deutliche Verhaltensänderungen bei den Reisenden" fest. Auf Anfrage von watson, sagt er: "Noch gegenwärtig im Trend sind beispielsweise Verkehrsmittel und Unterkunftsformen, die das Social Distancing erlauben oder erleichtern." Dies sind beispielsweise der Urlaub mit eigenen PKWs, ebenso wie das Buchen von Ferienwohnungen und Ferienhäusern.

"Einen wahren Hype erleben Reisemobile und zum Teil das Camping."
Bernd Eisenstein, Direktor des Deutschen Institut für Tourismusforschung

"Einen wahren Hype erleben Reisemobile und zum Teil das Camping." Passend zu diesem Reisetrend stellt sich laut Eisenstein auch ein "Boom bezüglich der Outdoor-Aktivitäten wie Fahrradfahren, Wandern et cetera ein, während Indoor-Aktivitäten deutliche Rückgänge verzeichnen". Auch Nachhaltigkeit spiele für Urlauber eine immer größere Rolle bei der Reiseplanung.

Ralph Schiller von der Reisegruppe FTI bestätigt diesen Trend, der sich in der Nachfrage im Mietwagen- und Camper-Segment momentan "auf Rekordniveau" widerspiegele. Für mehr Ruhe und weniger Kontakt mit Menschenmassen geben Urlauber 2022 gerne auch mal mehr Geld aus und "entscheiden sich für höherwertigere Unterkünfte wie weitflächige Resorts und Hotels renommierter Marken, was zeigt, dass Privatsphäre auch im Urlaub erwünscht ist."

"Inselurlaube sind wieder sehr beliebt, da viele Menschen sich dort in Pandemie-Zeiten besonders sicher fühlen."
Ralph Schiller von der Reisegruppe FTI

Derzeit seien laut Schiller vor allem Inselurlaube "wieder sehr beliebt, da viele Menschen sich dort in Pandemie-Zeiten besonders sicher fühlen." Hier sind vor allem die Türkei, Spanien mit den Balearen und Kanaren, Italien, sowie Griechenland und Zypern angesagt. Auf der Mittelstrecke boomen Marokko und Ägypten, während auf der Fernstrecke Inseln im Indischen Ozean und der Karibik wie Mauritius und die Dominikanische Republik hoch im Kurs stehen. Auch für Nordamerika und das südliche Afrika ziehe die Nachfrage extrem an.

Der Sonnuntergang auf der Insel Santorini in Griechenland.
Der Sonnuntergang auf der Insel Santorini in Griechenland.Bild: iStockphoto / aletheia97

Auch der Reiseveranstalter Opodo sieht einen Nachholbedarf in der Urlaubsplanung: "Urlaub, Erholung und andere Kulturen kennenlernen ist sicherlich etwas, was viele Menschen in den letzten zwei Jahren vermisst haben", sagt ein Sprecher zu watson. Nach Suchergebnissen sind die beliebtesten Urlaubsregionen weiterhin gleich geblieben und haben nur die Reihenfolge getauscht, wie eine Analyse des Reiseanbieters nach den Trendzielen 2022 zeigt.

Trendziele 2022 nach Suchvolumen
1) Mallorca (Spanien)
2) Istanbul (Türkei)
3) Antalya (Türkei)
4) New York (Amerika)
5) Izmir (Türkei)
eDreams ODIGEO

Der einzige Unterschied, der 2022 feststellbar ist: 2020 war Bangkok in Thailand noch auf Platz fünf der beliebtesten Reiseziele. Fernreisen trauen sich viele Urlauber und Urlauberinnen wohl noch nicht zu buchen. Auch wenn sich abzeichnet, dass die – zeitweise nahezu alternativlose – Inlandszuwendung der Reisenden zurückgehen werde, "wird Deutschland auch im Jahr 2022 das beliebteste Reiseziel der Deutschen sein", sagt Tourismus-Experte Bernd Eisenstein. "In Summe ist davon auszugehen, dass sich die Urlauber zumeist an ihrem vor der Pandemie bewährten Reiseverhalten orientieren und – zumindest mittelfristig – Großteils zu diesem Verhalten zurückkehren."

Vorgezogener Saisonstart für Mallorca

Auch Anja Braun, Sprecherin des Reiseanbieters TUI berichtet von hohen Buchungszahlen. "Die Zeichen stehen gut, dass wir in diesem Jahr ein Sommergeschäft sehen werden, das an das Vor-Pandemie-Niveau herankommt. Immer mehr Einschränkungen fallen, Reisen wird vielerorts erleichtert. Auch die Reiselust steigt. Für Mallorca haben wir jetzt sogar den Saisonstart vorgezogen."

Mallorca ist weiterhin ein beliebtes Reiseziel.
Mallorca ist weiterhin ein beliebtes Reiseziel.Bild: iStockphoto / pixelliebe

Allerdings reagieren Reisewillige ganz unterschiedlich auf die aktuellen Krisen, erklärt Eisenstein:

"Während ein Teil aufgrund des wahrgenommenen Risikos die Reisepläne verschiebt, halten andere an Reiseplänen fest, auch wenn das Reiseziel gegebenenfalls geändert wird. Grob gesagt orientierten sich die Reisepläne der Deutschen insbesondere an der beschränkten Auswahl an Reisezielen und einer möglichst garantierten Sicherheit."

Ukraine-Krieg mit Folgen für Tourismus

Auch der Krieg in Europa gegen die Ukraine werde die Urlaubssaison beeinflussen. Es sei davon auszugehen, dass die Attraktivität von weiteren Staaten in Osteuropa als Zielgebiete für die deutsche Tourismusnachfrage leiden werde. Gerade wieder zugänglich gewordene Reiseziele würden nun doch gemieden, "so dass sich die Touristenströme abermals verschieben werden". Eisenstein wagt die Prognose, dies werde "auch massive Auswirkungen auf Reiseveranstalter und Reisebüros haben, in deren Programm die genannten Reiseziele eine wichtige Rolle spielen".

Auch indirekt könnte die Ukraine sich auf die Reisesaison 2022 auswirken, wie Eisenstein sagt:

"Zudem können sich die in Folge des Krieges (weiterhin) steigenden Energiepreise negativ auf das touristische Geschehen auswirken. Die Kosten für die An- und Abreisen, die die reisewilligen Deutschen zu tragen haben, werden entsprechend steigen. Gewinner der Situation könnten kostengünstig erreichbare und sichere Reiseziele, insbesondere auch im Inland sein."

Großer Wunsch nach Sicherheit und Zugänglichkeit der Reise

Die Folgen der Corona-Pandemie sind bei den Urlaubern also unter anderem eine noch größere Hinwendung zu inländischen Reisezielen, eine verstärkte Beachtung von Stornobedingungen und Hygienevorschriften sowie ein Trend zum kurzfristigen Entscheiden und Buchen. Denn auch für die Destinationen würden sich in Pandemiezeiten die Wettbewerbsfaktoren ändern: So seien derzeit auch (staatliche) Reiserestriktionen und die Wahrnehmung gesundheitlicher Risiken entscheidend.

"Die Kombination aus Sicherheit und Zugänglichkeit bildet eine grundsätzliche Voraussetzung, um als Reiseziel überhaupt am Markt teilnehmen zu können."
Bernd Eisenstein, Direktor des Deutschen Institut für Tourismusforschung

Seit Corona hat "der Wunsch nach Sicherheit bei der Buchung und während der Reise ebenso wie flexible Umbuchungs- und Stornomöglichkeiten oberste Priorität für Reisende", berichtet auch Anja Braun von TUI aus eigener Erfahrung. Um den Kunden die Angst vor einem coronabedingten Reiseausfall zu nehmen, bieten einige Reiseanbieter bereits spezielle Tarife an, teilweise mit Gratismöglichkeiten für Storno oder Umbuchungen.

Tourismusforscher Bernd Eisenstein ist sich sicher: "Die Kombination aus Sicherheit und Zugänglichkeit bildet eine grundsätzliche Voraussetzung, um als Reiseziel überhaupt am Markt teilnehmen zu können."

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