Trotz steigender Corona-Zahlen drängen sich viele Leute in den Gassen von Mykonos.
Trotz steigender Corona-Zahlen drängen sich viele Leute in den Gassen von Mykonos.
Bild: www.imago-images.de / Nikos Zotos
watson-Story

"Abstand? Fehlanzeige. Masken? Nur in Supermärkten. Clubs? Sind offen": Verrückte Erlebnisse aus dem Urlaub in Griechenland

29.07.2021, 14:2130.07.2021, 14:56

Und plötzlich endet mein Urlaub mit einer Horrornachricht von zwei Freundinnen, die ich auf Paros kennengelernt hatte. Eine sei positiv getestet worden und habe Symptome. Ich war Erstkontakt. So hatte ich mir meinen ersten Urlaub außerhalb Berlins seit über zwei Jahren nicht vorgestellt.

Gerade frisch zurück aus Griechenland sitze ich also in der Berliner S-Bahn vom neuen Flughafen in Richtung Innenstadt und weiß nicht, was ich tun soll. Es ist bereits kurz nach 21 Uhr. Die Corona-Hotline des Gesundheitsamtes ist nicht mehr erreichbar. Ich mache zuerst einen Schnelltest. Negativ. Zum Glück. Dennoch fahre ich noch in ein Krankenhaus und will einfach Gewissheit oder eine Aussage, was ich jetzt tun solle.

Die Antwort: Begeben sie sich in Quarantäne. Wie lange kann mir keiner genau sagen. Fünf Tage und dann testen oder doch einfach 14 Tage?

Am nächsten Tag rufe ich das Gesundheitsamt an und muss doch nicht in Quarantäne, da ich seit Anfang Juni durchgeimpft bin. Dennoch teste ich mich eine Woche lang per Schnelltest und mache zusätzlich einen PCR-Test – sicher ist sicher. Alles negativ. Glück gehabt. Ein Rückblick auf zwei verrückte Wochen und mein Urlaubschaos mit und um Corona.

"Plötzlich herrschte große Unruhe. Es rannte eine große Menge an Menschen aus dem Club. Warum? Die Polizei fuhr vor."

Das Chaos beginnt bereits vor dem Urlaub: RKI stuft Portugal als Virusvariantengebiet ein

Bereits im Januar hatte ich für die Osterferien einen Flug nach Portugal gebucht. Doch dann verbreitete sich die britische Variante und die Zahlen explodierten. Der Flug wurde gecancelt, der Urlaub komplett gestrichen. Ich gab die Hoffnung allerdings nicht auf. Mitte Mai buchte ich erneut einen Flug – wieder nach Portugal.

Erneut kam eine Virusvariante dazwischen. Die Delta-Variante verbreitete sich so rasant, dass drei Tage vor meinem Abflug das RKI Portugal als Virusvariantengebiet einstufte. Ich hatte ein Déjà-vu. Jetzt wurden die Flüge allerdings nicht gestrichen. Ich hätte ja auf eigene Gefahr hinfliegen können und mich danach zwei Wochen in Quarantäne begeben können – so die Aussagen der Fluggesellschaften. Nach mehrfachen Telefonaten mit den Airlines gab es allerdings auch eine andere Möglichkeit: die Flüge umbuchen.

Also setze ich mich zwei Tage vorher hin und suchte nach möglichen Urlaubszielen: Niederlande, Italien, Österreich oder doch Mallorca? Die Inzidenzen waren unterschiedlich hoch, die Einschränkungen in jedem Land gegeben. Am Ende wurde es Griechenland. Die Inzidenz sank rapide und war Ende Juni bei 24,6 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Die griechische Urlaubsinsel Mykonos ist für sein <br>vielseitiges Nachtleben bekannt.
Die griechische Urlaubsinsel Mykonos ist für sein
vielseitiges Nachtleben bekannt.
Bild: NurPhoto / Nicolas Economou

Einreise nach Griechenland verlief
problemlos, später wurde es schwierig

Also ab nach Griechenland. Ohne irgendeine Ahnung, was mich dort erwartet und wann ich wieder zurückfliegen würde. Für die ersten zwei Nächte hatte ich noch ein Hotel gebucht, der Rest sollte spontan passieren. Auf dem Flug stellte ich mir die Frage: Was für einen Urlaub möchtest du eigentlich? Erholsam am Strand liegen oder doch durch die Hostels reisen und Leute kennenlernen? Ich war mir selbst beim Abflug noch unsicher. Und was erwartet dich vor Ort? Wie sind die Einschränkungen? Ich wollte zunächst die ersten zwei Nächte in Athen abwarten.

Da ich vollständig geimpft bin, war die Einreise kein großes Problem. Einmal den Impfnachweis vorzeigen und das Einreisedokument. Das war's.

In Athen wurde es dann zunächst weniger erholsam – schließlich zeigte das Thermometer knapp 39 Grad an. Tagsüber war die Hauptstadt Griechenlands eine Geisterstadt. Abends dann das komplette Gegenteil: Die Stadt füllte sich von Stunde zu Stunde. Die Gassen in der Innenstadt waren voll. Maske tragen? Nicht nötig. Lediglich die Kellnerinnen und Kellner und Verkäuferinnen und Verkäufer trugen eine Maske. Es gab auch keine Listen, in die ich mich bei einem Restaurant eintragen musste oder gar eine App. Besonders zu Beginn eine surreale Situation.

Athen wurde die kommenden Tage nicht kühler, weshalb ich mich in Richtung Paros, einer Insel in der Ägais, aufmachte. Fünf Stunden Fähre. Genug Zeit, um folgende Frage zu beantworten: Urlaub oder Party? Ich entschied mich vorerst für den Urlaub. Es war die richtige Entscheidung. Auch auf Paros gab es kaum Einschränkungen. Lediglich in den Supermärkten musste man Maske tragen. Nach vier Tagen Pool, Strand und Erholung hieß es dann doch: Party! Ich stürzte ich mich in ein Hostel am anderen Ende des Ortes.

"Was macht man hier eigentlich? Kann ich überhaupt noch tanzen?"
Meine Gedanken während des ersten Clubbesuchs nach über einem Jahr

Drinks auf dem Dach und dann
gemeinsam tanzen im Club

Im Hostel gab es vorerst kaum Einschränkungen. Maske? Musste man auf dem gesamten Gelände nicht tragen. Ich teilte mir das Zimmer mit teilweise bis zu sieben fremden Personen. Impfnachweis? Hat mich keiner nach gefragt. Abends traf sich fast das gesamte Hostel auf dem Dach, inklusive eines wunderschönen Sonnenuntergangs. Wie es dann in Hostels so abläuft, lernt man bei einigen Kaltgetränken relativ schnell neue Leute kennen.

Dabei wurde mir schon berichtet, dass es eine neue Verordnung auf Paros geben würde und wir mit mehr Einschränkungen rechnen sollten. So zumindest in der Theorie.

In der Praxis gingen wir nach Mitternacht von Bar zu Bar und landeten am Ende in einem Club. Ich konnte es selbst nicht ganz glauben: Ich war in einem Club. Also zumindest eine Lokalität, in der man tanzen konnte. Sogar mit zwei DJs. Ohne Maske, ohne Abstand. Mit lauter Musik. Ein solches Lokal hatte ich seit Beginn der Pandemie nicht mehr gesehen. Das Gefühl war sehr komisch. Was macht man hier eigentlich? Kann ich überhaupt noch tanzen?

Der Blick vom Dach des Hostels auf Paros.
Der Blick vom Dach des Hostels auf Paros.
bild: privat

Ich überstand den Abend halbwegs unfallfrei. Einen Tag später wurde im Hostel erzählt, dass ein Bar-Mitarbeiter des Clubs positiv getestet wurde. Eigentlich mussten diese Maske tragen und waren hinter der Bar – mit genug Abstand. Wir wussten nicht, ob das stimmt und konnten ja auch nichts nachweisen.

"Mir war schon zu diesem Zeitpunkt klar: Wer nicht geimpft ist, der begibt sich hier in eine gefährliche Situation."

Sonntag zum EM-Finale sollte die neue Verordnung dann in Kraft treten. Wir sahen das Spiel in einer Bar in der Nähe des Hostels. Zur Verlängerung gingen wir immer näher in das Zentrum des Ortes. Es versammelten sich viele Menschen dicht an dicht gedrängt, um gemeinsam das spannende Endspiel zu schauen. Mir war schon zu diesem Zeitpunkt klar: Wer nicht geimpft ist, der begibt sich hier in eine gefährliche Situation.

Oft dachte ich: Das ist ein potenzielles Superspreader-Event. Es erinnerte mich an Stadionbesuche, Konzerte oder Public Viewing. So wirklich viel sah man auf den kleinen TV-Bildschirmen nicht, aber die Stimmung war super. Die Italiener feierten ihren Sieg ausgelassen und mir lagen teils fremde Personen weinend in den Armen. Danach ging es erneut in den Club. Ich hatte ja nun Erfahrung und wusste wieder wie das geht. Tanzen? Kein Problem für mich.

Polizei kommt und Besucher rennen aus dem Club

Viele Engländer und Italiener waren von ihren Emotionen übermannt und suchten ihr Glück im Alkohol. Deshalb kümmerte ich mich zwischenzeitlich draußen um einen betrunkenen Engländer. Plötzlich herrschte große Unruhe vor dem Club. Es rannte eine große Menge an Menschen aus dem Club. Warum? Die Polizei fuhr vor. Auf einmal standen wir mit vielen Leuten vor dem Club. Wie viele noch drinnen waren? Kann ich nicht beurteilen, aber viele können es nicht mehr gewesen sein.

Nachdem die Polizei mit den Clubbesitzern sprach und wegfuhr, dachten wir, der Abend sei beendet. Doch ganz im Gegenteil: Alle durften wieder rein. Bis fünf Uhr morgens, dann machte der Club zu. Neue Einschränkungen? Mir sind zumindest keine aufgefallen.

Die engen Gassen von Mykonos: Viele Menschen dicht an dicht gedrängt
Die engen Gassen von Mykonos: Viele Menschen dicht an dicht gedrängt
bild: privat

Nach knapp einer Woche ging es weiter von Paros nach Mykonos. Bereits einen Tag vor meiner Abreise achtete der Hostelbetreiber nun darauf, dass wir in den Innenräumen Maske tragen. Scheinbar war das ein Teil der neuen Verordnung, die nun umgesetzt wurde.

Auf der berühmten (und teuren) Partyinsel Mykonos angekommen, war ich nicht mehr in einem Hostel mit 30 bis 40 Leuten, sondern Hunderten. Auch, wenn der Großteil an der frischen Luft war und einem Campingplatz ähnelte: Maske trug dort niemand. In der Innenstadt waren es auch wieder nur die Verkäuferinnen und Verkäufer und Kellnerinnen und Kellner, die eine Maske trugen. Dicht an dicht in den engen Gassen Mykonos' drängte man sich an vielen Menschen vorbei. Ohne Maske. Nach fast zwei Wochen Griechenland irgendwie ein normales Gefühl.

Einschränkungen? Niemand wusste, wie die aussahen

Abends dann ein ähnliches Bild wie auf Paros. Man lernte Leute kennen und wollte feiern gehen. Es gab aber Einschränkungen. Nur wusste niemand so wirklich, wie die aussahen. Also gingen wir los und suchten einen der Clubs auf, aus denen noch sehr laut Musik tönte. Auch hier: kein Nachweis von negativen Tests, kein Nachweis von Impfungen oder gar eine Anwesenheitsdokumentation.

"Ich habe mich eine Woche lang per Schnelltest getestet und sogar einen PCR-Test gemacht. Alles negativ. Glück gehabt."

Wir feierten bis zwei Uhr, dann wurde die Musik plötzlich ausgemacht. Die Party verlagerte sich direkt an den Strand, der hinter dem Club war. Ohne laute Musik, aber trotzdem mit einer Menge Spaß.

Isolation auf eigene Faust

Die beiden Freundinnen, die mir von ihrem positiven Test berichtete, erlebten in Griechenland im Vergleich zu meinen Tests in Berlin einen wahren Horrortrip. Nach dem positiven Test wurde die Verantwortung zwischen Krankenhaus, Polizei und Hostelbetreiber hin- und hergeschickt. Über mehrere Tage konnte weder die Polizei, noch das Quarantäne-Hotel oder das Krankenhaus eine verlässliche Aussage tätigen. Wenn eine Aussage getroffen wurde, dann wurde sie nicht eingehalten. Sie mussten sich auf eigene Faust isolieren und warteten tagelang auf Anweisungen der Behörden.

Quarantäne-Hotel? "Gibt's hier nicht, kennen wir nicht."
Das Krankenhaus auf Paros wusste nichts von einem Quarantäne-Hotel

"Uns wurde mitgeteilt, dass uns die Polizei abholen würde und in ein Quarantäne-Hotel bringt", sagt eine der beiden Betroffenen. Die Polizei sah das unterdessen ganz anders: "Wir holen hier niemanden ab. Bitte rufen Sie im Krankenhaus an." Das Krankenhaus wusste nichts von einem Quarantäne-Hotel: "Gibt's hier nicht, kennen wir nicht."

Nach einer Mail an die Civil Protection, die wohl dafür zuständig ist, meldeten sich diese und wollten die mittlerweile beide positiv getesteten Frauen am nächsten Tag abholen. Es kam niemand. Bis dahin waren bereits mehrere Tage vergangenen. Die deutsche Botschaft in Athen gab den beiden den Rat: "Machen sie die Quarantäne auf eigene Faust." Auch bis heute hat sich niemand Offizielles von den griechischen Behörden gemeldet.

Inzidenz auf Mykonos erreichte vergangene Woche fast 400

Bei der besagten Feier am Sonntag nach dem EM-Finale wurden im Nachhinein mindestens 17 Personen positiv getestet. Das ist die Anzahl, die dem Hostelbesitzer bekannt ist. Die wirkliche Zahl ist wahrscheinlich höher. Die Inzidenz lag bei meiner Rückreise Mitte Juli bei 160,8 im gesamten Land. Drei Tage nach meiner Rückreise wurde das Land als Risikogebiet eingestuft. Auf Mykonos erreichte der Wert vergangene Woche fast 400. Als Reaktion verhängte die Regierung eine Ausgangssperre zwischen 1 und 6 Uhr.

Es war besonders zu Beginn wie in einer anderen Welt. Abstand? Fehlanzeige. Masken? Nur in Supermärkten. Clubs? Sind offen.

Es schwang nicht täglich die Angst mit, was passieren oder wo ich mich anstecken könnte, denn ich war durchgeimpft. Aber das Risiko einer Corona-Ansteckung schwang immer mit und wurde bei meiner Ankunft in Berlin plötzlich wieder irgendwie real.

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