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"Ich habe Angst davor, meine Masterarbeit abzuschicken"

Bild: Pixabay

Bianca Xenia Jankovska
Bianca Xenia Jankovska

In unserer Kolumne "Mein ganz persönlicher Mindfuck" beantworten wir eure Fragen. Alle.

Liebe Bianca

ich sitz seit Wochen vor meiner fast fertigen Masterarbeit und bring es einfach nicht übers Herz, sie abzuschicken. Irgendein Fehler fällt mir immer auf, wenn ich noch einmal drüber lese. Vor allem habe ich Angst davor, was meine Professorin denken wird.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, eine Arbeit abzuschließen und wie befreit man sich von dem Gefühl, nicht genug getan zu haben?

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Nicht genügend​

Liebe Nicht Genügend!

Lautet dein Zweitname zufällig auch Perfektionismus? Die meisten an dieser unbarmherzigen Krankheit leidenden Millennials werden das Gefühl, "nicht genug getan zu haben" vermutlich nie ganz loswerden, während ihre Weggenossen freudig bei Version 2 – und nicht erst bei Version 17 – auf senden drücken und einen richtigen Sommer genießen.  

Aber keine Sorge, du bist nicht allein. Das Psychological Bulletin stellte erst kürzlich fest, dass der Perfektionismus seit 1989 auf dem Vormarsch ist und wir uns selbst Jahr für Jahr einem größeren Druck aussetzen. 

Lass mich dir also kurz den kreativen und selbstzerstörerischen Schaffenszyklus näherbringen, der auch für 99 Prozent deines aktuellen Gemütszustands verantwortlich ist – und was du dagegen tun kannst.  

Phase 1: This is awesome.

Yes! Phase 1 bedeutet Anfangseuphorie pur. Du bekommst den Auftrag, du bekommst die Zusage für dein Exposé, deine Forschungsarbeit wurde genehmigt. Das Geld von einem Stipendium ist da, whatever. In dieser Phase wird viel gefeiert, auf die eigene Großartigkeit angestoßen und nicht an die nächsten Monate gedacht, in denen man zuhause mit einem halben Liter Wein vor einem leeren Blatt Papier sitzen und an den externen Anforderungen seiner Peers zerbersten wird.  

Phase 2: This is tricky.

Nach der ersten Euphorie will man dann das umsetzen, was man ursprünglich als Idee abgegeben hat. Man schreibt wild drauf los, Hauptsache drei Seiten bis 16 Uhr. 

Um den Inhalt und die Form kann man sich auch "später" kümmern.

Und die Bücher aus der Bibliothek zur Untermauerung der Thesen, naja, die werden sicher noch von selbst zum Tisch fliegen.  

Phase 3: This is shit.

Etwa ab Monat drei fängt die richtig harte Zeit an. Man ist schon knietief drin im Projekt, weiß aber nicht mehr genau, auf was man eigentlich hinaus will. Auch die Forschungsfrage, die man zu Beginn formuliert hat, hört sich nach mehrmaligem Lesen irgendwie ... unvollständig an? Ja, hat man vielleicht etwas sehr Wichtiges vergessen?

Man liest und liest und schreibt und schreibt und nichts ergibt so wirklich Sinn.

Der rote Faden schwimmt in der YamYam-Suppe, die seit drei Tagen neben dem Computer steht und löst sich in seine Einzelteile auf.

Das Projekt hat ein Eigenleben entwickelt, und es hat nicht vor, dich an seinen Plänen teilhaben zu lassen. HILFE.

Phase 4: I am shit.

Da ist er, der Selbsthass. Ja, warum hat man überhaupt geglaubt, dass man das schaffen könnte; war ja von vornherein klar, dass das Projekt viel zu schwierig und absolut nicht mit den geringen zeitlichen und finanziellen Ressourcen umsetzbar ist. Vielleicht ist man aber auch einfach nur scheiße.

Ja, genau, das wird es sein. Man hat nicht genügend Hirn, Talent oder Sprachgefühl. 

Den Auftrag hätten sie jemand anderem geben sollen. 

Phase 5: This might be ok.

Der gesellschaftlich kultivierte Selbsthass – gepaart mit der eigenen Überforderung – führte dazu, dass man sich jeden Tag körperlich mehr vernachlässigt und dafür ins Projekt gehängt hat.

Erst jetzt wird realisiert, dass man schon von Anfang an ein bisschen strukturierter und organisierter hätte arbeiten sollen. Aber hey, späte Einsicht ist besser als keine und so langsam fügt sich doch noch alles, weil man das Dokument nicht gelöscht, sondern fünfmal gelesen und überarbeitet hat. Ein paar flockige Überleitungen hier, eine gute Quelle da, achja, Bibliotheken haben doch ihre Berechtigung.  

Phase 6: This is awesome.

Okay, das Adjektiv "awesome" werden bescheidene Menschen wie du und ich für die Beurteilung unseres eigenen Werks vielleicht nie benutzen, es hilft aber schon fürs nächste Mal eine Woche früher an den Punkt zu gelangen, an dem man weiß: Ich habe wahrlich mein Bestes gegeben, statt sich in Endlosschleife weiterzuknechten wie in Phase 4. Babysteps

Denn mal unter uns: Den Unterschied zwischen "großartig" und "sehr gut" können sowieso nur jene sehen, liebe Nicht Genügend, die die dafür notwendigen Strapazen in Kauf nehmen wollen.

Bild

Bild: Pixabay

So lange korrigieren, bis sie selbst keinen Fehler mehr finden und so hart daran arbeiten, bis keine Angst mehr vor einem externen Urteil besteht. 

Klingt schmerzhaft? Findet auch die Autorin von folgendem Artikel: "Under Neoliberalism, You Can Be Your Own Tyrannical Boss". Vielleicht sollten wir uns öfters mit unserer eigenen Durchschnittlichkeit konfrontieren und zufrieden geben? 

Selbst, wenn genau das in einer Gesellschaft schwerfällt, die sich nicht scheut, vernichtende Urteile über alles und jeden ins Internet zu streuen. 

Egal, wie sehr man sich zwischen Phase 1 und 5 angestrengt.
Also warum noch länger stressen?

Alles Liebe,

Bianca

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Bianca Xenia Jankovska...

...hat bisher in vier Städten in drei Ländern gewohnt, die Sicherheit einer Festanstellung gegen konstante Ungewissheit getauscht und dabei unter anderem gelernt, dass man nicht ewig gegen seine inneren Neigungen arbeiten kann, ohne unglücklich zu werden. Als freie Autorin und Bloggerin schreibt sie über Machtstrukturen und persönliche Kämpfe auf dem Arbeitsmarkt und Privilegien, die manchmal selbst enge Freunde entzweien. Ihr erstes Buch "Das Millennial Manifest" erscheint im Herbst 2018.

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