Analyse
A midsection of family outdoors on garden barbecue, grilling.

Auf dem Grill landen klassischerweise Steaks und Würstchen. Für immer mehr Deutsche tun Pilze oder andere vegetarische Alternativen es aber auch. Bild: iStockphoto / Halfpoint

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Wegen Tierwohl und Klimaschutz: Deutschen vergeht der Appetit auf Fleisch

Die Fleischindustrie verursacht enorme Mengen an CO2, lässt Tiere leiden und gesund ist mit Antibiotika vollgepumptes Fleisch aus Massentierhaltung auch nicht. Eigentlich wissen wir das alle – aber das Steak vom Grill oder der Burger im Restaurant schmecken dann vielen von uns doch wieder zu gut, um darauf zu verzichten.

Einer in der Zeitschrift "Foods" veröffentlichten Studie zufolge verzichten aber immer mehr Deutsche ganz oder zumindest teilweise auf Fleisch. Die Umfrage der britischen University of Bath, der französischen Universität Bourgogne Franche-Comté und des deutschen Marktforschungsunternehmens Ipsos ergab, dass inzwischen nur noch weniger als die Hälfte der Deutschen – 45 Prozent der Befragten – uneingeschränkt Fleisch isst, also ohne zumindest darauf zu achten, nicht zu viel davon zu konsumieren. Damit ist der Fleischkonsum der Deutschen deutlich bewusster und kritischer als der der ebenfalls befragten Franzosen, bei denen noch 68,5 Prozent vollwertige Fleischesser sind.

30,5 Prozent der befragten Deutschen gaben an, Flexitarier zu sein, also sich vorwiegend fleischlos zu ernähren und nur hin und wieder zu Würstchen oder Fleisch zu greifen. Jeweils rund fünf Prozent ernähren sich pescetarisch oder vegetarisch und knapp zwei Prozent vegan – der Rest wollte sich nicht äußern. In Frankreich dagegen gibt es gerade mal zwei Prozent Vegetarier. Befragt wurden in jedem Land 1000 Menschen. Lea van Nek von Ipsos, die an der Studie mitgearbeitet hat, sagte gegenüber watson:

"Wir sehen in Deutschland eine starke Entwicklung weg von tierischen Produkten, da Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend sensibilisiert sind für die Nachteile der herkömmlichen Produktion von Fleisch – wie Tierleid, Umweltzerstörung und ferner auch Lebensmittelknappheit und eine zunehmende Antibiotika-Resistenz."

Übrigens: Der Hauptgrund, warum die Deutschen kein oder nur wenig Fleisch essen, ist das Tierwohl – das gaben 54 Prozent der Befragten an. Fast genauso wichtig waren ihnen Umweltfaktoren, gefolgt von Bedenken wegen des Antibiotika-Einsatzes in der Massentierhaltung und der Gesundheit.

Immer mehr Fleischersatzprodukte

Doch wie kommt es, dass wir deutlich weniger Fleisch essen als unsere französischen Nachbarn? Van Nek zufolge kommen da mehrere Faktoren zusammen: der starke öffentliche Diskurs in Deutschland, aber auch ein sich verbesserndes Angebot von qualitativ überzeugenden Fleischersatzprodukten. In Frankreich dagegen sei der Diskurs um die Probleme der konventionellen Fleischproduktion weniger stark ausgeprägt. "Hinzu kommt, dass der französische Markt generell eher konservativ ist und Innovationen meist viel später aufnimmt als andere Märkte", so van Nek.

In Europa zählt Deutschland den Studienautoren zufolge übrigens zu einem der Länder mit relativ hohem Vegetarieranteil. Weltweit betrachtet ergibt sich aber noch einmal ein ganz anderes Bild: Hinter Ländern wie Indien, wo fast 40 Prozent der Menschen vegetarisch oder vegan leben, hinkt Deutschland weit zurück, unser Fleischkonsum liegt auf internationaler Ebene im oberen Drittel.

"Menschen, die Fleisch und tierische Produkte konsumieren, glauben, das ist normal – und es ist schwierig, bewusst von der Norm abzuweichen", erklärte Tamara Pfeiler, die zur Psychologie des Fleischessens forscht, im watson-Interview. Auch sozialer Druck trage dazu bei, dass viele von uns doch noch regelmäßig Fleisch und tierische Produkte konsumieren. "Ein anderer Aspekt ist der gesundheitliche: Viele Menschen denken, dass Fleisch, Milch oder Käse zum Beispiel wegen des Proteins oder diverser Vitamine notwendig seien für eine gesunde Ernährung", so Pfeiler.

Akzeptanz für kultiviertes Fleisch

Trotzdem tut sich ganz offensichtlich etwas und eine fleischlose oder zumindest fleischarme Ernährung wird für immer mehr Menschen zur Normalität. Vom Ist-Zustand einmal abgesehen plant der Umfrage zufolge etwas mehr als die Hälfte der Deutschen, ihren Fleischkonsum auch in der Zukunft weiter zu reduzieren – nur knapp elf Prozent lehnen das entschieden ab. Auch wenn die Aussagekraft einer Online-Umfrage immer begrenzt ist, zeigt sich doch: Beim Fleischkonsum findet ein Umdenken statt. Das beweist auch die ebenfalls abgefragte Akzeptanz von kultiviertem, also im Labor gezüchteten Fleisch. Mehr als die Hälfte der Befragten ist offen dafür, künstlich erzeugtes Fleisch aus dem Reagenzglas zu probieren.

Heißt das, wir steuern auf eine vegetarische oder vegane Zukunft zu? Oder setzen sich vielmehr alternative Arten der Fleischproduktion durch? Van Nek sagt:

"Wir erwarten für die Zukunft, dass es sowohl eine große Auswahl an pflanzlichen Fleischalternativen als auch an kultiviertem Fleisch geben wird. Verbraucherinnen und Verbrauchen haben hier die Wahl, was ihnen besser schmeckt." In den Supermärkten der Zukunft, glaubt sie, wird es deshalb ein sehr vielseitiges Angebot geben: von veganen Nuggets bis hin zum kultiviertem Steak. Die Deutschen scheinen dafür bereit zu sein.

(ftk)

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