Karl-Heinz Rummenigge tritt vorzeitig von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern zurück.
Karl-Heinz Rummenigge tritt vorzeitig von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern zurück.
Bild: imago images / Sammy Minkoff
Analyse

"Salihamidzic und Kahn werden keine Ära prägen": Bayern-Kenner ordnet den Abgang von Rummenigge ein

04.06.2021, 16:29

Der personelle Umbruch beim FC Bayern geht weiter. Nachdem Trainer Hansi Flick den Weggang im Sommer angekündigt hat, folgten ihm Hermann Gerland und Miroslav Klose. Nun gibt es auch eine Veränderung in der Führungsebene. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wird nach über 30 Jahren im Management des Rekordmeisters sein Amt niederlegen. Damit übergibt er seinen Posten ein halbes Jahr früher als geplant an Oliver Kahn.

"Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich für unersetzlich halten. Es ist Teil des Lebens, dass man irgendwann loslassen muss und den Nachfolgern Vertrauen schenkt."
Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge zu seinem Abschied

Zum Abschied versuchte es Karl-Heinz Rummenigge mal mit bayerisch. "Mia bleim mia", sagte der 65-Jährige, dessen so erfolgreiche Ära als Vorstandschef am 30. Juni zu Ende geht. Auch wenn sich Rummenigge die Bayern-DNA erst im Laufe der Zeit aneignen musste, prägte der gebürtige Westfale wie kaum ein anderer den stolzen Klub. Als Spieler reifte Rummenigge in München zu einem Weltstar, sein Wechsel für zehn Millionen Mark zu Inter Mailand machte den Verein mit einem Schlag schuldenfrei. Und wenn er nun den Stab Oliver Kahn übergibt, hinterlässt er eine Weltmarke mit über 600 Millionen Euro Jahresumsatz.

"Es ist ein Abschied mit Zufriedenheit und Stolz, ich darf einen sportlich, wirtschaftlich und strukturell vollständig intakten Klub übergeben. Das war mir wichtig", sagte Rummenigge. Es sei der "strategisch sinnvollste und logische Zeitpunkt." Rummenigge verwies darauf, dass nicht nur das Geschäftsjahr ende, sondern auch ein neuer Abschnitt mit einem neuen Trainergespann beginne. Schließlich tritt Julian Nagelsmann (33) im Sommer die Nachfolge des zukünftigen Bundestrainers Hansi Flick (56) an.

"Wenn man darüber nachdenkt, kommt es nicht überraschend. Ansonsten hätte er mitten in der Saison aufgehört und so gibt es einen guten Abschluss. Es kommt eine neue Transferperiode, ein neuer Trainer und von daher ist es der ideale Zeitpunkt", sagt Bayern-Experte Vjeko Keskic vom größten Bayern-Blog Deutschlands "FCBInside" gegenüber watson.

Bayern-Kenner Vjeko Keskic vom größten Bayern-Blog Deutschlands.
Bayern-Kenner Vjeko Keskic vom größten Bayern-Blog Deutschlands.
bild: privat

Kahn übernahm in vergangenen
Monaten immer mehr Verantwortung

In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur machte Rummenigge Ende September 2020 eigentlich noch deutlich klar, dass er seine Tätigkeit nicht vorher beenden wird. Doch laut Informationen der "Bild" soll er sich nun persönlich für die vorzeitige Übergabe an Kahn eingesetzt haben. In den vergangenen eineinhalb Jahren arbeitete er ihn als Vorstandsboss ein.

Schon bei den Vertragsverhandlungen mit Flick-Nachfolger Julian Nagelsmann hielt sich Rummenigge zurück. So war es Oliver Kahn, der Kontakt zu Leipzig-Boss Oliver Mintzlaff aufnahm und die Ablösesumme verhandelte. Es war die erste Trainer-Entscheidung seit 42 Jahren, die weder von Ex-Präsident Uli Hoeneß noch von Rummenigge verhandelt wurde.

Karl-Heinz Rummenigge (l.) arbeitete Oliver Kahn (r.) die vergangenen eineinhalb Jahre ein.
Karl-Heinz Rummenigge (l.) arbeitete Oliver Kahn (r.) die vergangenen eineinhalb Jahre ein.
Bild: www.imago-images.de / via www.imago-images.de

"An den größeren Deals wie bei Nagelsmann und Upamecano hatte Kahn bereits einen großen Anteil und auch die Vertragsverlängerungen laufen über ihn", verdeutlicht Keskic Kahns gestiegene Verantwortung in den vergangenen Monaten.

Rummenigge und Hoeneß machten den FC Bayern zur Weltmarke

1991 wurde der ehemalige Top-Stürmer Rummenigge zum Vizepräsidenten des FC Bayern gewählt, seit 2002 ist er Vorstandsvorsitzender. Er und der langjährige Vereinspatron Uli Hoeneß waren maßgeblich daran beteiligt, den FC Bayern unter den Top-5-Klubs in Europa zu etablieren. Höhepunkte waren die Triple-Jahre (Champions League, Meisterschaft und DFB-Pokal) unter den Trainern Jupp Heynckes (2013) und Flick (2020).

"Zwischen Rummenigge und Hoeneß gab es immer eine gewisse Hassliebe. Auch wenn sie sich in Sachen Trainern und Spielern nicht immer einig waren, haben sie sich immer zum Wohl des Klubs verständigt", blickt Bayern-Kenner Keskic auf die vergangenen 30 Jahre zurück.

Rummenigge (Mitte) und Hoeneß (r.) machten den FC Bayern zu einer weltbekannten Marke.
Rummenigge (Mitte) und Hoeneß (r.) machten den FC Bayern zu einer weltbekannten Marke.
Bild: SVEN SIMON / Poolfoto/SVEN SIMON

Rummenigge hatte das Fußball-Business rational und nicht aus der Emotion heraus betrieben. "Er hat verstanden, wann er wie und wo eine Aussage treffen muss, um vielleicht auch gewisse Diskussionen bewusst anzuschieben. Zudem war er immer seriös und nie so emotional wie Uli Hoeneß", sagt Vjeko Keskic.

Seriös ist ein Wort, das auch Rummenigge gerne gebraucht. Dazu passt ein klarer Schnitt. Sein Credo lautet: "Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich für unersetzlich halten. Es ist Teil des Lebens, dass man irgendwann loslassen muss und den Nachfolgern Vertrauen schenkt." Und das hat er nun gegenüber Oliver Kahn, der die Münchner in eine glorreiche Zukunft führen soll.

"Seine Verdienste um den FC Bayern kann man gar nicht hoch genug bewerten", sagte Kahn über seinen Vorgänger und gab sich für seine anstehende Aufgabe selbstbewusst. "Ich habe in den vergangenen 18 Monaten alle Facetten des Vereins kennengelernt und weiß sehr genau, wie der FC Bayern funktioniert und welche Herausforderungen auf uns zukommen. Ich bin mir der Aufgabe und der damit verbundenen Verantwortung bewusst und freue mich sehr darauf."

Während sich Rummenigge ganz zurückziehen möchte und die volle Verantwortung auf Oliver Kahn überträgt, mischt Hoeneß bis heute noch immer im Aufsichtsrat mit.

Große Fußstapfen für Kahn und Salihamidzic

Dass das neue starke Duo um Vorstandsboss Oliver Kahn und Sportvorstand Salihamidzic ähnlich eine ganze Ära wie Rummenigge und Hoeneß prägen wird, glaubt der Bayern-Kenner Keskic nicht. "Klar ist, dass Kahn definitiv sicherer im Sattel sitzt als Salihamidzic. Obwohl die Erfolge für Brazzo sprechen, wird seine Arbeit viel kritischer beäugt."

Oliver Kahn (l.) und Hasan Salihamidzic (r.) müssen beim FC Bayern große Fußstapfen ausfüllen.
Oliver Kahn (l.) und Hasan Salihamidzic (r.) müssen beim FC Bayern große Fußstapfen ausfüllen.
Bild: www.imago-images.de / Bernd Feil/M.i.S. via www.imago-images.de

Durch ihre gemeinsame Zeit als aktive Spieler beim FC Bayern haben beide ein gutes Verhältnis zueinander. Daher wird es laut Keskic spannend sein, wie Kahn reagiert, wenn es auch zu Reibungen zwischen Nagelsmann und Salihamidzic kommt.

"Für Brazzo könnte auch in ein, zwei Jahren Schluss sein. Mein Gefühl sagt mir, die beiden werden bei weitem nicht so eine lange Ära prägen wie Rummenigge und Hoeneß."

Hoeneß sieht Rummenigge als
perfekten DFB-Präsidenten

Rummenigge machte bereits vor Wochen klar, dass sein Abschied vom Rekordmeister endgültig ist und er nicht zurückkehren wird. Sein langjähriger Kollege und Freund Uli Hoeneß brachte ihn bereits als neuen DFB-Präsidenten ins Spiel.

Er "sollte beide Ämter irgendwann übernehmen, das heißt das Amt des DFB bei der UEFA und bei der FIFA. Dann hätte die deutsche Fußballwelt den besten Vertreter, den man haben kann. Der hat ein Netzwerk, der ist anerkannt, der ist akzeptiert. Dann hätte man mal diese Flanke geschlossen. Das wäre mal ein Anfang", sagte Hoeneß in seiner Rolle als RTL-Länderspielexperte Ende März.

Doch der scheidende Vorstandsboss schloss ein Amt in einem Verband grundsätzlich aus. "Ich bin völlig ungeeignet für ein Amt in einem Verband." Im UEFA-Exekutivkomitee wird er aber noch bis 2024 sitzen.

(mit Material von dpa)

Meinung

Vier Gründe, warum sich der FC Bayern aktuell arrogant verhält

Beim FC Bayern scheint der Lockdown trotz der Sonderrolle des Fußballs wohl langsam seine Spuren zu hinterlassen. Oder die vergangenen Titelfeiern haben die Verantwortlichen eine ganz andere Realität erleben lassen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge am Samstagabend im "Aktuellen Sportstudio" ganz selbstverständlich erklärt: "Wir sind nicht arrogant."

Nun gut. Wenn er das sagt, muss es wohl so sein. Aber ein Rückblick auf die vergangenen Äußerungen …

Artikel lesen
Link zum Artikel