Viele werdende Mütter haben immer noch Sorge, mit der Corona-Impfung ihrem Kind zu schaden – obwohl die Empfehlung dafür eindeutig ist.
Viele werdende Mütter haben immer noch Sorge, mit der Corona-Impfung ihrem Kind zu schaden – obwohl die Empfehlung dafür eindeutig ist. Bild: iStockphoto / MilanMarkovic
watson antwortet

Corona-Impfung, Schwangerschaft und Kinderwunsch: Experten beantworten die wichtigsten Fragen – "Gerücht stimmt nicht"

21.01.2022, 11:51

Nachdem Schwangeren zu Anfang der Impfkampagne gegen das Coronavirus noch nicht zu einer Impfung geraten wurde, wird sie seit September 2021 ausdrücklich auch schwangeren und stillenden Frauen von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen. Doch weiterhin tun sich viele Frauen mit der Impfentscheidung schwer – aus Angst, ihrem un- oder neugeborenen Kind zu schaden. Auch die Sorge, bei Kinderwunsch unfruchtbar zu werden, hält sich bei vielen.

Dabei geht die Gefahr für Schwangere nicht von einer Impfung, sondern einer Infektion mit Covid-19 aus, wie Berichte über schwere Verläufe oder das Risiko einer Fehlgeburt durch eine Corona-Erkrankung zeigen. Auf der anderen Seite sorgen Berichte, dass der weiblichen Zyklus durch die Impfung durcheinander gebracht wird, bei Frauen mit Kinderwunsch für offenen Fragen.

Medizinerinnen und Mediziner aus Portland und Providence, USA, analysierten zur Klärung dieser Frage Daten von 4000 Nutzerinnen einer Zyklus-App. Die Auswertung zeigte laut der Anfang diesen Jahres veröffentlichten Studie, dass die Impfung den Zyklus leicht beeinflussen könnte. Die Periode kam nach der Corona-Impfung im Schnitt einen Tag später.

Watson hat Dr. Cornelia Hösemann, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft "Impfen" des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. (BVF) und den Gynäkologen Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, dazu befragt.

Kann man durch eine Impfung unfruchtbar werden?

Dieses Gerücht stimmt nicht, wie Professor Udo R. Markert, Leiter des Placenta-Labors für Geburtsmedizin der Universitätsklinik Jena, in einer Publikation im "Journal für Reproductive Immunology" widerlegte. Das Corona-Spike Protein besteht aus 1273 Aminosäuren. Darin enthalten ist die aus 5 Aminosäuren bestehende Sequenz VVNQN. Eine ähnliche Sequenz (VVLQN) befindet sich laut Studie im Protein Syncytin-1, das in der menschlichen Plazenta gebildet wird.

Es wird behauptet, dass der Impfstoff dadurch eine Immunantwort nicht nur gegen das Corona-Spike Protein, sondern auch gegen das Syncytin-1 in der Plazenta hervorrufen und so Unfruchtbarkeit verursachen könnte. "Träfe dies zu, müsste auch oder erst recht eine Covid-19-Erkrankung zu einer Infertilität führen, da in diesem Fall die Antigen-Belastung der Patientin durch das Corona-Spike Protein und somit auch die potenzielle Antikörper-Bildung deutlich höher und unkalkulierbarer als im Falle einer Impfung wäre.", heißt es in der Studie. Die Angst vieler Frauen ist also unbegründet. Nachgewiesen gefährlich für Mutter und Kind ist aber eine Covid-19-Erkrankung.

Ab wann können sich Schwangere und stillende Frauen gefahrlos gegen Corona impfen lassen?

"Daten zur Sicherheit während der Schwangerschaft zeigen kein gehäuftes Auftreten von sogenannten 'schweren unerwünschten Arzneimittelwirkungen' bei Mutter und Kind. Der empfohlene Impfstoff gilt als sicher, verträglich und wirksam", sagt Dr. Cornelia Hösemann, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. (BVF), gegenüber watson.

"Für ungeimpfte Schwangere gilt eine Empfehlung für die erste Corona-Schutzimpfung ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel, optimal zwischen der 15.-24. Schwangerschaftswoche", erklärt sie. Wurde die Schwangerschaft erst nach einer Corona-Erkrankung oder bereits erfolgten Corona-Impfung festgestellt, schließe sich die zweite Impfung ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel an. Der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung beträgt bei dem von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen m-RNA Impfstoff (COMIRNATY) drei bis sechs Wochen.

"Gegen Corona sind inzwischen Millionen von Menschen – auch Schwangere – mit dem mRNA-Impfstoff geimpft worden, und alle bisherigen Studien zeigen, dass die Impfung keinen negativen Einfluss auf die Schwangere, die Schwangerschaft und auf das Baby hat", sagt auch der Gynäkologe Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, gegenüber watson.

Sollten sich Schwangere auch boostern lassen?

"Auffrischimpfungen sind für Schwangere und stillende Frauen drei Monate nach der letzten Impfung oder auch nach einer Corona-Erkrankung möglich", sagt Dr. Hösemann. Seit November 2021 wird auch die Booster-Impfung ab dem 2. Trimester empfohlen. Als Impfstoff sollte Biontech / Pfizer eingesetzt werden.

Mit welchen Impfreaktionen müssen Schwangere rechnen?

Eine Studie, die Anfang Juli 2021 im "New England Journal of Medicine" veröffentlich wurde, wies mit Daten von mehr als 35.000 Frauen in den USA nach, dass Schwangere im Vergleich zu Nicht-Schwangeren ähnliche Impfreaktionen hatten. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass lediglich die Rate der lokalen Impfreaktionen, beispielsweise ein schmerzender Arm, erhöht ist, während Fieber oder Gliederschmerzen bei Schwangeren sogar seltener vorkamen.

Ist eine Corona-Erkrankung für die schwangere Mutter oder das ungeborene Kind gefährlich?

Dr. Hösemann sieht hier durchaus ein ernstes Risiko für die Mutter:

"Ungeimpfte Schwangere gehören zu den Personen, die häufiger problematisch erkranken können, das Auftreten von schweren Krankheitsverläufen ist erhöht."

Es gebe Daten, die belegen, dass "Vorerkrankungen wie chronische Atemwegserkrankungen, Herzerkrankungen oder Nierenerkrankungen für Infizierte ein zusätzliches Risiko darstellen." Das sind die Gefahren für die Mutter. Und für das Kind? Die Gynäkologin und Expertin des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. (BVF) sagt dazu:

"Für die Kinder bringt eine mütterliche Corona-Infektion ein bis 80 Prozent höheres Risiko für Frühgeburtlichkeit, Wachstumsverzögerungen oder 26-fach erhöhte Sterblichkeit. Mit einer vollständigen Schutzimpfung gegen SARS-CoV-2 reduzieren Schwangere ihr Infektionsrisiko und verringern die Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaftskomplikationen, die infolge der Virusinfektion auftreten können."

Wie hoch schätzen Sie das Risiko von ungeimpften Schwangeren ein?

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe verkündet in einer Pressemitteilung vom November 2021, dass das Corona-Virus eine ernste Gefahr für Mutter und Kind darstellt. Im Vergleich zu Nicht-Schwangeren mache eine Infektion mit Covid-19 sechsmal häufiger eine intensivmedizinische Betreuung nötig. Eine Beatmung sei sogar 23-mal häufiger notwendig als bei der nicht schwangeren Vergleichsgruppe. Das Frühgeburtsrisiko ist bei Covid-19 positiven Frauen außerdem fast doppelt so hoch, wie bei gesunden Schwangeren.

Auch Dr. Hösemann bestätigt: Eine erhöhte Neigung zur Frühgeburtlichkeit wurde im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion der Schwangeren beobachtet. Es gibt Hinweise, dass sich das Risiko für Gestationsdiabetes, Gestationshypertonie, Wachstumsretardierung und Präeklampsie durch eine Infektion mit dem Coronavirus erhöhen", sagt sie. Insgesamt seien Todesfälle bei Schwangeren mit COVID-19 aber nur selten beobachtet worden.

Es gibt Berichte, dass Kinder doppelt so viele Antikörper nach der Geburt hatten, wenn die Mutter geimpft wurde. Stimmt das?

Im Nabelschnurblut von Neugeborenen können bestimmte IgG-Antikörper gegen SARS-CoV-2- messbar nachgewiesen werden. Das heißt "die Höhe der mütterlichen Antikörper spiegelt sich beim Neugeborenen wider", sagt Dr. Hösemann zu watson. Ob das allerdings bedeute, dass es einen sogenannten Nestschutz auch gegen Covid-19 gebe, der das Neugeborene eine Zeit lang vor Infektionen schützt, wie es nach anderen Impfungen (z.B. Keuchhusten-Pertussis) der Fall ist, sei bisher noch unklar.

Was jedoch klar ist: "Geimpfte Schwangere haben einen (signifikant) höheren SARS-CoV-2-Antikörperspiegel als Schwangere nach einer durchgemachten Coronaerkrankung. Die Antikörperkonzentration im Nabelschnurblut bei Neugeborenen von geimpften Müttern wies ebenfalls einen höheren Wert auf." Hösemann erwartet, dass künftige Studienergebnisse die klinischen Beobachtungen zunehmend belegen werden.

Können sich stillende Frauen gefahrlos impfen lassen?

Die Deutschen Fachgesellschaften für Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit weisen darauf hin, dass neben Schwangeren ausdrücklich auch stillende Frauen von einer Auffrischimpfung profitieren. So gibt es Hinweise drauf, dass die Kinder Antikörpern durch die Milch aufnehmen könnten: Eine Studie vom November 2021 im Fachmagazin "Frontiers of Immunology" kam zu dem Ergebnis, dass die geimpften Mütter Antikörper bilden, die in gleicher Menge in der Muttermilch wie im Blut der Mutter gefunden wurden. Bei der Studie zeigten sich weder bei den Müttern noch bei den Kindern negative Auswirkungen der Impfung.

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