Ob Schwangerschaft oder mangelndes Vertrauen: das sind konkreten Gründe von Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten.
Ob Schwangerschaft oder mangelndes Vertrauen: das sind konkreten Gründe von Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten.
Bild: E+ / xavierarnau
Analyse

Eure Gründe gegen eine Corona-Impfung – von Experten kommentiert

16.08.2021, 10:4516.08.2021, 14:41

Über die Gruppe der willentlich Ungeimpften in Deutschland wird viel geredet, geschimpft und gerätselt. Sie wird in Studien erforscht und kategorisiert als Impfzweifler, Impfskeptiker oder Impfverweigerer. Klar ist aber: Nicht alle Menschen, die nicht geimpft sind, sind Verschwörungstheoretiker oder Egoisten – bei vielen ist Unsicherheit und mangelndes Vertrauen ein Grund dafür, dass sie sich nicht impfen lassen.

Dabei ist eine möglichst hohe Impfquote sehr wichtig für den weiteren Verlauf der Pandemie. Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko) Thomas Mertens, sagte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Der entscheidende Rest sind die Achtzehn- bis Neunundfünfzigjährigen. Hier entscheidet sich die vierte Welle und nicht bei den Zwölf- bis Siebzehnjährigen."

Wir wollen ganz konkret wissen, warum einige Menschen noch zögern, sich gegen Corona impfen zu lassen. Watson hat deshalb einige eurer Bedenken gegen eine Impfung eingesammelt und sie von Experten beantworten lassen.

Angst vor der Impfung wegen Schwangerschaft

Kathrin R., 33, ist Erzieherin aus dem Berchtesgadener Land. Sie ist bereits einmal geimpft

"Das Schlimme mit der Impfung ist: Mein Kopf sagt, ich soll es auf jeden Fall machen. Dann sind ich und das Baby geschützt. Weil ich schon enorm Angst habe vor Corona. Und ob die eine Impfung vor der Schwangerschaft etwas hilft? Keine Ahnung. Aber mein Bauchgefühl sagt nein. Die Erfahrungen sind so gering, was die Auswirkungen auf das Baby sind. Die Stiko hat es ja auch noch nicht empfohlen – nur für Risikopatienten. Und das macht mich auch skeptisch."

Gynäkologe Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, antwortet:

"Die Angst vor einer Corona-Infektion ist verständlich. Gerade bei den Infektionen mit der neuen Delta-Variante sind verstärkt jüngere Menschen betroffen. Es kommt auch häufiger als bisher schon zu schweren Verläufen bei Schwangeren. Eigentlich hilft nur die Impfung, um sich vor der Infektion und vor einem schweren Verlauf zu schützen. Wenn eine schwangere Frau sich ohne Impfung vor der Infektion schützen will, hilft nur ein strikter persönlicher Lockdown mit Maske, Abstand und sämtlichen Regeln der Kontaktreduktion.

Was die Sicherheitsdaten angeht: Es ist richtig, dass die mRNA-Impfung gegen SARS-CoV2 noch nicht einmal zwölf Monate auf dem Markt ist. Deshalb fehlen auch die letzten Sicherheitsdaten, die die Ständige Impfkommission (Stiko) braucht, um eine generelle Empfehlung für die Impfung in der Schwangerschaft auszusprechen. Auf der anderen Seite haben wir eine Virus-Erkrankung, die auch erst vor weniger als zwei Jahren erstmals aufgetreten ist, inzwischen allein in Deutschland über 90.000 und weltweit über 4 Millionen Tote gefordert hat, die mit oder an der Infektion gestorben sind, und das trotz teilweise sehr eingreifender Lockdown-Maßnahmen.

Zum Vergleich: Die Grippewelle ist in diesem Winter praktisch ausgeblieben. Dass wir jetzt einen so deutlichen Rückgang der Infektionszahlen haben, liegt – neben dem Sommer – nur daran, dass inzwischen mehr als 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Die beiden Corona-Impfungen so bald wie möglich vornehmen zu lassen, also natürlich auch VOR der Schwangerschaft, das ist auf jeden Fall sinnvoll.

Es liegen inzwischen Untersuchungen dazu vor, dass die Corona-Impfung keinen Einfluss auf das ungeborene Baby und auf das Neugeborene hat und dass der Impfstoff auch nicht mit der Muttermilch auf das Baby übergeht. Es ist nicht zu fürchten, dass das Baby durch die Impfung einen Schaden nimmt. Durch die Corona-Infektion dagegen kann es jedoch zu einer schweren Erkrankung der Mutter kommen, zu einer Frühgeburt und manchmal auch dazu, dass das Baby sich während oder kurz nach der Geburt bei seiner Mutter infiziert. Auch Todesfälle sind schon eingetreten."

Mangelndes Vertrauen

Thomas F. (Name v. d. Red. geändert), 35, arbeitet als Landschaftsgärtner und ist bisher ungeimpft

"Mich irritiert die sich ständig verändernde Datenlage und die steigenden Fallzahlen trotz Impfungen – letzteres gerade in Bezug auf die Delta und Gamma Variante. Außerdem irritiert mich, dass die positiven und negativen Informationen sich ständig abwechseln und beispielsweise in Israel nun trotz hoher Impfratewelle eine große Welle startet. Speziell auf dem Bau herrscht Ärger über Politik und Medien, weil niemand die Arbeiter auf dem Bau (das sind in Deutschland 5,6 Millionen) integriert oder thematisiert. Dort gibt es bereits das Sprichwort: Auf dem Bau gibt es kein Corona."

Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz antwortet:

"Die Impfungen verhindern hauptsächlich schwere Krankheitsverläufe. Die aktuellen Wellen erreichen deshalb zwar noch hohe Fallzahlen, aber vergleichsweise wenige schwere Fälle. Das Risiko für einen schweren Verlauf ist ohne Impfung deutlich erhöht, wie Zahlen aus Großbritannien zeigen. Die Impfwirkung gegen Ansteckung ist schwächer. Da die Delta-Variante deutlich ansteckender ist, kann hier eine Herdenimmunität nur bei fast vollständiger Durchimpfung erreicht werden. Die Hauptansteckungsgefahr lauert in Innenräumen, während Arbeiten im Freien relativ sicher sind. Wenn man mit anderen in Innenräumen zusammenarbeitet, wären vorherige Tests beziehungsweise Impfungen sinnvoll."

Immunisierung durch Erkrankung und Kinderwunsch

Stefanie T., 35, ist Physiotherapeutin aus München und genesen

"Da ich bereits an Covid-19 erkrankt war, hatte mein Immunsystem schon mit Corona zu tun. So wie bei der Impfung eigentlich – also mein Körper hat die nötige Information zur Immunisierung schon. Wenn man den Prozess des Virus schon durchlaufen hat wie ich – und das hab ich angesichts meiner T-Zellen, also Gedächtniszellen, im Körper sehr intensiv – ist mein Körper jetzt schon immunisiert. Deswegen würde ich mich nie impfen lassen, das ergibt ja gar keinen Sinn. Mein zweiter Grund ist, dass es einfach zu wenig Forschung dazu gibt, was die Impfung mit uns jungen Frauen macht, gerade bezüglich Kinderwunsch. Es wird zwar immer gesagt – aber das wurde in der Medizin schon ganz oft gesagt – etwas ist ganz unbedenklich und dann war es am Ende doch nicht so. Mein Vertrauen ist da von Haus aus sehr gering. Ich nenne nur das Beispiel Contergan, wo es zu diesen Missbildungen bei Neugeborenen gekommen ist. Da hatte die Pharmaindustrie auch gesagt, diese Medikamente seien völlig unbedenklich. Und diese mRNA-Impfung ist jetzt noch mal eine andere Geschichte, die ist ja ganz neu."

Epidemiologe Markus Scholz antwortet:

"Es ist richtig, dass eine durchstandene Infektion einen Schutz gegen Neuinfektionen darstellt. Allerdings ist dieser Schutz nicht 100-prozentig, da es durchaus möglich ist, sich zum Beispiel mit einer neuen Virusvariante anzustecken. Unter Umständen ist es deshalb für Risikogruppen sinnvoll, trotz durchstandener Infektion eine Impfung zu verabreichen. Studien aus den USA konnten zeigen, dass eine Impfung nach Infektion zu einer Auffrischung der Immunwirkung und damit voraussichtlich zu einem besseren Schutz vor Neuinfektionen führen kann."

Gynäkologe Christian Albring antwortet:

"Thalidomid (bekannt unter dem Markennamen Contergan, Anm. d. Red.) wurde in den 50er Jahren als Schlafmittel verordnet. Man hatte jedoch übersehen, die Kontraindikation Schwangerschaft in den Beipackzettel zu schreiben. Damals gab es auch kaum Studien und Vorschriften zur Sicherheit von Arzneimitteln oder Impfstoffen. Seitdem sind die Maßnahmen in Deutschland, in Europa und weltweit sehr streng geworden, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Gegen Corona sind inzwischen Millionen von Menschen – auch Schwangeren – mit dem mRNA-Impfstoff geimpft worden, und alle bisherigen Studien zeigen, dass die Impfung keinen negativen Einfluss auf die Schwangere, die Schwangerschaft und auf das Baby hat.

Warten auf ein besseres Vakzin

Theresa H. (Name v. d. Red. geändert), 34, aus Freilassing. Biologin, bisher ungeimpft

"Noch dieses Jahr sollten Protein- und Totimpfstoffe wie Sanofi und Novavax gegen den Coronavirus auf den Markt kommen. Das sind altbewährte Wirkmechanismen wie bei Masern oder FSME. Ich gehöre nicht zu den Corona-Risikopersonen, habe auch mit keinen Risikopersonen engeren Kontakt und achte darüber hinaus mit meinem Verhalten darauf, mich allgemein nicht viral oder bakteriell bei Personen anzustecken, was ich mit regelmäßigen Corona-Tests vor jedem Treffen mit Bekannten oder Freunden überprüfe. Deshalb sehe ich im Moment nicht die Dringlichkeit, mich noch vor diesen Zulassungen mit einem mRNA oder Vektorimpfstoff impfen zu lassen, bei denen Langzeitstudien aufgrund der bedingte Zulassung noch nicht vorliegen können."

Epidemiologe Markus Scholz antwortet:

"Da die Deltavariante sehr ansteckend ist, ist es sehr schwer, sich permanent ausreichend zu schützen, da man ja doch zum Beispiel beim Einkauf, auf Arbeit oder bei Freizeitaktivitäten mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Die mRNA-Impfstoffe sind mittlerweile millionenfach erprobt und werden weiterhin kontinuierlich überwacht. Das Impfrisiko ist sehr gering und ist viel niedriger als das Risiko einer Infektion mit schwerem Verlauf oder möglichen Langzeitfolgen, die auch nach leichten Verläufen und auch bei jungen Menschen auftreten können. Für perspektivisch zugelassene Impfstoffe wäre die Datenlage erstmal deutlich geringer und damit das Impfrisiko schwerer abschätzbar."

Abwarten der Langzeitfolgen

Markus L., 28, (Name v.d.Red. geändert), ist bisher ungeimpft

"Ich will mich noch nicht impfen lassen. Ich warte lieber ab, wie die Langzeitfolgen der Impfung sind."

Epidemiologe Markus Scholz antwortet:

"Langzeitfolgen in dem Sinne, dass unerwünschte Nebeneffekte erst sehr viel später auftreten, gibt es bei Impfungen typischerweise nicht. Das ist nicht zu vergleichen mit Medikamenten, die über längere Zeit eingenommen werden. Wenn, dann treten unerwünschte Effekte kurz nach der Impfung auf. Das Risiko hierfür ist bei den aktuell eingesetzten Impfstoffen sehr gering. Die Impfnebenwirkungen werden kontinuierlich überwacht. Inzwischen liegen Daten von Millionen von Impfungen vor, so dass das Risiko sehr gut eingeschätzt werden kann. Im Gegensatz dazu können wir die Langzeitfolgen einer COVID-19 Erkrankungen aktuell nicht gut abschätzen. Die Studienlage gibt aber Anlass zu Befürchtungen, dass hier dauerhafte Schädigungen auch nach leichten Verläufen möglich sind."

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