19 Prozent der über 18-Jährigen sind noch nicht geimpft – viele haben das auch gar nicht vor. Aber warum?
19 Prozent der über 18-Jährigen sind noch nicht geimpft – viele haben das auch gar nicht vor. Aber warum?
Bild: iStockphoto / Abdullah Kilinc
Analyse

Zu wenig Vertrauen: Experten erklären, warum sich Menschen gegen eine Corona-Impfung entscheiden

06.08.2021, 11:1311.08.2021, 12:53

Aktuell sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) 38 Prozent der deutschen Bevölkerung noch nicht geimpft (Stand 5. August). Darunter sind natürlich Menschen, die noch auf ihren Impftermin warten. Aber auch solche, die sich gar nicht impfen lassen wollen. Wer sind diese Menschen und welche Gründe haben sie, eine Corona-Impfung abzulehnen? Watson hat darüber mit Ärzten und anderen Experten gesprochen.

Laut der Studie "Cosmo Covid-19 Snapshot Monitoring" – an der unter anderem die Universität Erfurt und das RKI beteiligt sind – können mit der Menge der bereits geimpften Menschen und mit denen, die das noch vorhaben, eine Impfquote von derzeit 83 Prozent (bei den 18- bis 74-Jährigen) erreichen. So weit die gute Nachricht.

Für die Studie werden alle zwei Wochen Menschen zu ihrer Risikowahrnehmung, ihrem Schutzverhalten und Vertrauen hinsichtlich Covid-19 befragt. Problematisch für die Impfkampagne ist ein anderer Wert: die Impfbereitschaft unter den verbleibenden ungeimpften Befragten liegt derzeit nur bei 29 Prozent. Welche Motive haben diese Menschen, eine Impfung abzulehnen? Die Cosmo-Studie teilt die Gruppe zur Analyse in "Verweigerer" (40 Prozent der Befragten) und "Unsichere Zögerer" (31 Prozent der Befragten) ein.

Die Gründe für oder gegen eine Corona-Impfung werden in der Cosmo-Studie mithilfe der sogenannten "5C-Kurzskala" erfasst.

Diese fünf Komponenten sind:
- Confidence (Vertrauen)
- Complacency (Risikowahrnehmung)
- Constraints (Barrieren in der Ausführung)
- Calculation (Berechnung)
- Collective responsibility (Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft)

Die Studie ergibt, dass bei den "Impfverweigerern" das mangelnde Vertrauen in die Impfung und die Risikowahrnehmung die Hauptgründe für die Ablehnung einer Impfung darstellen. Diese Gruppe hält Covid nicht für gefährlich genug, um ein von ihnen wahrgenommenes Risiko einer Impfung einzugehen.

Bei den Nicht-Impfverweigerern hingegen stellen Alltagshürden den Hauptgrund gegen das Impfen dar: beispielsweise lange Anfahrten zu Impfzentren oder Alltagsstress. Die "Unsicheren Zögerer" dagegen verlassen sich – wie Trittbrettfahrer – eher auf die anderen Geimpften als Eigenschutz, sie glauben nicht an die Notwendigkeit einer Impfung und halten diese auch für weniger sicher.

Vertrauen ist essentiell für eine Impfentscheidung

Es lässt sich zusammenfassen: Wer weniger Vertrauen in eine Impfung hat, lässt sich seltener impfen.

Das bestätigt Rohland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Gespräch mit watson. Er meint:

"Am größten dürfte die Gruppe derjenigen sein, die verunsichert ist oder noch Fragen hat. Sie sind in den Praxen der Niedergelassenen [Ärzte] im Sinne der Beratung gut aufgehoben."

Wenn diese Menschen aber anschließend nicht zur Beratung oder Impfung kämen, müssten die Impfungen eben zu den Menschen kommen: beispielsweise durch Impfungen ohne Terminvergabe in ausgesuchten Ortsteilen oder durch Impfbusse vor Ort, so sein Vorschlag.

Wenn man die gesamte Gruppe der Ungeimpften betrachtet, ist ebenfalls mangelndes Vertrauen der Hauptgrund für eine Entscheidung gegen die Corona-Impfung. Der zweithäufigste Grund ist die eigene Berechnung ("calculation"): Die Gruppe der Ungeimpften wägt ausführlicher zwischen persönlichen Risiken und Nutzen einer Impfung ab. Wer mehr abwägt, will sich tendenziell also auch weniger impfen lassen.

Bei einigen Impfunwilligen steigt außerdem die Vermutung, dass man sich nicht impfen lassen muss, wenn es viele andere tun, was ebenfalls die Impfbereitschaft senkt. Die Wahrnehmung, dass die Impfung überflüssig ist, da Covid-19 keine Bedrohung darstellt, steigt in der Gruppe der Ungeimpften ebenfalls. Außerdem werden auch praktische Barrieren wie Alltagsstress als relevanter Grund angegeben, noch keine Impfung bekommen zu haben.

Die am häufigsten genannten Gründe seien "fehlende Dringlichkeit ('wir haben ja noch keine 4. Welle'), fehlende Einsicht in die Notwendigkeit, Unsicherheit ('hilft es wirklich'), Angst vor Nebenwirkungen und Verschwörungstheorien", berichtet der Berliner Hausarzt Wolfgang Kreischer von seinen Erfahrungen.

Impfquote geringer
bei niedrigem sozioökonomischen Status

Sozioökonomisch scheint die Gruppe der Ungeimpften hauptsächlich der ärmeren Schicht anzugehören. Dies belegt eine Studie der Universität Mainz, die die Impfbereitschaft nach gesellschaftlichem Status untersucht hat. Im Interview mit der Wochenzeitung "Der Freitag" spricht der Mediziner Benjamin Wachtler über mögliche Gründe über die Ablehnung der Impfung bei sozial schlechter gestellten Menschen:

"Viele dieser Menschen haben vielleicht keine guten Erfahrungen mit staatlichen Institutionen oder Ärzten gemacht, sie sind auf Sprachbarrieren gestoßen oder auf Diskriminierung, sie haben Probleme mit Aufenthaltspapieren oder der Krankenkasse. Bei manchen besteht ein berechtigtes Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem."

Laut RKI-Daten haben die unterschiedlichen Bildungsabschlüsse jedoch keinen großen Einfluss auf die Impfquote. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist die Impfquote in den Erhebungen jedoch niedriger (51,1 Prozent einmal geimpft) als ohne (66,7 Prozent einmal geimpft).

"Diejenigen, die an irgendwelche Verschwörungen glauben, werden sie nicht erreichen, das dürfte aber nur eine kleine Minderheit sein."
BKV-Sprecher Rohland Stahl

Dies liegt laut Recherchen der Tageszeitung "Taz" an der sprachlichen Barriere und den Missinformationen im Internet, die etwa Geflüchtete häufig verunsichern würden. Außerdem seien in Flüchtlingsheimen viele Menschen wegen der beengten Wohnsituationen bereits an Covid erkrankt und müssten nun sechs Monate auf die Impfung warten.

Um diese Menschen zu erreichen, müsse der Staat sie auch ansprechen, glaubt Rohland Stahl: "Wichtig sind auch mehrsprachige Informationsangebote. Diejenigen, die an irgendwelche Verschwörungen glauben, werden sie nicht erreichen, das dürfte aber nur eine kleine Minderheit sein."

Wenn die Ungeimpften aber zu einem großen Teil keine Verschwörungsgläubigen sind, wer sind sie dann? Die Cosmo-Studie nennt bestimmte Merkmale, die ungeimpfte Menschen eher aufweisen: Ungeimpfte sind demzufolge jünger, haben eher Kinder, eher eine niedrigere Bildung, eher Migrationshintergrund, kennen eher niemanden, der schon mal COVID-19 hatte und leben eher in Ostdeutschland.

Hausarzt Wolfgang Kreischer hat persönlich ähnliche Beobachtungen gemacht: "Nach meinem Eindruck ist die Impfbereitschaft bei jungen Menschen eher geringer als bei älteren Menschen. Eine scharfe Trennung bei der Altersgruppe kann ich nicht feststellen." Es seien in seiner Praxis eher Patienten mit Migrationshintergrund oder solche mit niedrigem Bildungsstand und prekärer sozialer Situation, die sich nicht impfen lassen wollten, berichtet er.

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