Robert Lewandowski erhielt den FIFA-Weltfußballer-Titel zum zweiten Mal.
Robert Lewandowski erhielt den FIFA-Weltfußballer-Titel zum zweiten Mal.Bild: www.imago-images.de / nordphoto GmBH
Analyse

"Durch die individuellen Preise entsteht eine Heroisierung des Fußballs, der eigentlich ein Mannschaftssport ist": Experte erklärt nach Auszeichnung für Lewandowski, wer noch davon profitiert

18.01.2022, 17:2118.01.2022, 19:37

Robert Lewandowski ist der beste Fußballer der Welt. Zumindest, wenn es nach der jüngsten Auszeichnung geht, die der Weltverband Fifa vergeben hat. Die Kapitäne und Trainer der Nationalmannschaften stimmten dafür, zusätzlich gaben auch ein Journalist pro Land und die Fans ihre Wertung ab.

Am Ende setzte sich Lewandowski mit 48 Punkten knapp vor Lionel Messi (44 Punkte) durch. Der Pole drehte damit das Ergebnis des Ballon d'Or von Ende November um. Damals siegte Messi vor Lewandowski.

Personenkult im Mannschaftssport Fußball

Am Tag nach der Auszeichnung gab der 33-Jährige eine Pressekonferenz und sprach darüber, was ihm der Titel bedeute: "Es freut mich sehr, diese Auszeichnung zu gewinnen. Das zweite Mal in Folge bedeutet mir viel, aber nicht nur mir, sondern auch der ganzen Mannschaft, den Mitspielern und dem ganzen Klub." Später sagte er auch, dass es ihn glücklich mache, wenn die Mitspieler ihm gratulierten. Wohl gemerkt: Zu einer individuellen Auszeichnung im Fußball, der eigentlich als Teamsport gilt.

Spätestens dann stellt sich die Frage, wie sinnvoll individuelle Auszeichnungen wie die zum FIFA-Weltfußballer sind oder die Vergabe des Ballon d'Or.

Karlheinz Wild, Chefreporter vom "Kicker" und Bayern-Experte ordnet gegenüber watson genau ein und erklärt: "Durch die individuellen Preise entsteht eine Heroisierung des Fußballs, der eigentlich ein Mannschaftssport ist. Ich kann mich an viele Spieler erinnern, die in der Mixed Zone betont haben, dass die Mannschaft zählt und nicht die eigene Leistung." Ähnlich, wie es Lewandowski auch regelmäßig macht.

Gleichzeitig würden aber sowohl die Medien diesen Personenkult befeuern und die Fans Spieler suchen, die sie anhimmeln können. Die Vereine hätten aber auch etwas davon. Durch Preise ihrer Spieler steige die Attraktivität des Klubs für Marketingauftritte oder auch der Absatz beim Verkauf von Fanutensilien.

Karlheinz Wild (r.) übergibt 2018 die Torjägerkanone an Robert Lewandowski.
Karlheinz Wild (r.) übergibt 2018 die Torjägerkanone an Robert Lewandowski.Bild: imago sportfotodienst / Sven Simon

Wild, der seit über 35 Jahren beim Kicker arbeitet und als genauer Kenner der Branche und des FC Bayern gilt, findet grundsätzlich, dass es zu viele individuelle Preise gibt. Seiner Ansicht nach werden sie "inflationär" vergeben. Außerdem spricht er sich klar für den Ballon d'Or aus. "Der Ballon d'Or ist eine historische Wahl, die es schon lange gibt. Dann kam die Fifa, die ihren eigenen Wettbewerb kreiert hat. Ich finde, die Historie spricht für den Ballon d'Or und ein einziger Preis würde auch reichen."

Was Wild meint: Seit 1956 kürt die französische Fußball-Fachzeitschrift "France Football" die besten Spieler des Jahres. Zunächst war diese Wahl zwar nur auf europäische Spieler begrenzt, später öffnete sich der Preis aber. Ab 2007 durften alle Spieler weltweit gewählt werden. Die Fifa hingegen fing erst 1991, also 35 Jahre nach "France Football" mit den Auszeichnungen an.

"Spanien hat eine andere Wirkung auf die Leute. Obwohl die Premier League ja weltweit das größte Ansehen hat, ist es nicht so, dass die meisten Gewinner von dort kamen. Die Bundesliga steht im Schatten dieser Ligen."
Kicker-Chefreporter Karlheinz Wild darüber, ob Bundesliga-Spieler es schwerer haben, individuelle Auszeichnungen zu erhalten

Wild betonte gegenüber watson auch, dass er persönlich das Gefühl gehabt habe, Lewandowski hätte lieber im November zum ersten Mal den Ballon d'Or gewonnen, als ein zweites Mal zum Fifa-Weltfußballer gewählt zu werden. "Das wäre vermutlich die Abrundung seiner Trophäensammlung gewesen."

Trotzdem sei die Wahl absolut gerechtfertigt. Dafür sei nicht nur der neue Bundesliga-Rekord, den Lewandowski mit 41 Treffern in einer Saison aufgestellt hat, maßgeblich. "Auch in der neuen hat er schon geliefert und in der Champions League hat er nach Sébastien Haller bisher die meisten Tore geschossen."

Starke Verbesserung und starke Teamkameraden als Erfolgsgeheimnis

Es war lange unbestritten, dass Lewandowski ein sehr guter Spieler ist. Deshalb holten die Bayern ihn auch 2014 aus Dortmund. In den vergangenen Jahren steigerte er sich aber noch einmal und stieg in die absolute Weltklasse auf. Das hat laut Wild zwei Gründe: "Er selbst hat sich enorm verbessert. Er hat einen wunderbaren Abschluss und ist ins Spiel eingebunden. Außerdem zieht er nach einem Abspiel im Mittelfeld immer im Vollsprint in den Strafraum, weiß genau, wo er hin muss. Das ist einfach gigantisch."

Neben der eigenen verbesserten Leistung kommen die starken Mitspieler dazu, die Lewandowski beim FC Bayern hat. "Da ist das letzte Spiel gegen Köln exemplarisch. Lewandowski bekommt den Ball zweimal von Leroy Sané auf dem goldenen Tablett serviert."

Karlheinz Wild (r.) 1993 mit dem damaligen Bayern-Spieler Lothar Matthäus.
Karlheinz Wild (r.) 1993 mit dem damaligen Bayern-Spieler Lothar Matthäus.

Trotz Lewandowskis starken Leistungen im vergangenen Jahr schätzt Wild allerdings, dass es grundsätzlich für Bundesligaspieler schwieriger ist, solche Preise zu gewinnen, als für Spieler aus der spanischen Liga: "Spanien hat eine andere Wirkung auf die Leute. Obwohl die Premier League ja weltweit das größte Ansehen hat, ist es nicht so, dass die meisten Gewinner von dort kamen. Die Bundesliga steht im Schatten dieser Ligen."

Von 2009 bis 2019 holten sogar ausschließlich Spieler aus spanischen Mannschaften die Auszeichnung der Fifa. Sechsmal gewann Messi (FC Barcelona), viermal Cristiano Ronaldo (Real Madrid), dazu kam 2018 Real Madrids Mittelfeldspieler Luka Modric. Zusätzlich gewann Ronaldo 2008 auch den Titel, damals allerdings noch als Spieler von Manchester United.

Ob Lewandowski im kommenden Jahr den Hattrick perfekt macht und erneut die Fifa-Auszeichnung holt, wird sicherlich auch von den Leistungen bei der Weltmeisterschaft im November und Dezember abhängen. In der Bundesliga ist der Pole zumindest schon wieder in der Erfolgsspur. In 19 Spielen schoss er 23 Tore.

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