Kontakt mit Freunden geht im Lockdown nur virtuell: Viele junge Menschen leiden unter der Isolation während der Pandemie.
Kontakt mit Freunden geht im Lockdown nur virtuell: Viele junge Menschen leiden unter der Isolation während der Pandemie. Bild: iStockphoto / diego_cervo
Analyse

Cybermobbing, Essstörungen und Suizidgedanken: So extrem leiden Kinder unter der Corona-Pandemie – Experten klären auf

17.01.2022, 11:1417.01.2022, 13:27

Triggerwarnung: Im folgenden Text geht es um das Thema Suizid bei Kindern und Jugendlichen. Das kann belastend und retraumatisierend sein. Bei der Telefonseelsorge findest du 24 Stunden am Tag Hilfe: 0800 1110111

Wenn es um den Umgang mit Kindern in der Pandemie geht, kann man es nur falsch machen: Die eine Seite der Eltern unterrichtet ihre Kinder aus Angst vor einer Infektion mit Corona lieber gleich zu Hause. Und die andere Seite appelliert an die sozialen und emotionalen Auswirkungen und fordert vehement, die Schulen auf jeden Fall offen zu lassen. Wo sich alle einig sind: An die Kinder wurde in der Pandemie zu wenig gedacht und sie leiden enorm unter den Maßnahmen wie Lockdown, Isolation von Freunden, aber auch den teils schlechteren Bildungschancen.

64 Prozent der Lehrer an Gymnasien und zum Abitur führenden Schulen gehen davon aus, dass ihre Schüler die Versäumnisse durch die Corona-Pandemie mit den aktuellen politischen Maßnahmen bis zum Ende des Schuljahres nicht mehr nachholen können. Das geht aus einer Umfrage des Deutschen Philologenverbandes unter rund 7000 Lehrkräften (Gymnasien und zum Abitur führende Schulen) vom November 2021 hervor.

Vor allem die Psyche der Kinder leidet: Laut einer vorveröffentlichten Umfrage der Essener Uniklinik wurden zwischen März und Ende Mai 2021 bundesweit 500 Kinder nach Suizidversuchen auf Intensivstationen behandelt. Dies entspreche einem Anstieg von rund 400 Prozent im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie, wie der Leiter der dortigen Kinder-Intensivstation Christian Dohna-Schwake im Videocast "19 – die Chefvisite" berichtet. Diese Zahl ist eine Hochrechnung von Daten der 27 deutschen Kinder-Intensivstationen aus ganz Deutschland und wird derzeit kritisch diskutiert.

Politische Debatte: Jüngere in den Mittelpunkt rücken

Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte kürzlich Zweifel an einem Zusammenhang zwischen dem Anstieg von Suizidversuchen bei Kindern und den Lockdown-Beschränkungen in der Corona-Pandemie geäußert. Die Opposition im Bundestag wirft dem Gesundheitsminister deshalb vor, psychische Belastungen durch Lockdown-Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen zu relativieren.

"Das Leid der Kinder kleinzureden, ist respektlos und weltfremd", kritisierte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge (CDU), laut einem Bericht der Wochenzeitung "Welt". "Suizidversuche sind nur die traurige Spitze des Eisberges. Zahllose Kinder sind durch den Ausnahmezustand der letzten zwei Jahre psychischen Belastungen ausgesetzt – oft unbemerkt."

Auch die Fraktionsvize der Linken, Susanne Ferschl, fordert deutlich mehr Therapieplätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Lauterbachs Koalitionspartner, die FDP, hielt sich in einer Bewertung der Aussagen zurück – forderte aber ebenfalls, die psychische Situation der Jüngeren in den Mittelpunkt zu rücken.

Vor allem ältere Kinder leiden unter den Corona-Maßnahmen

Dass sich die zur Pandemiebekämpfung nötigen Corona-Maßnahmen auf Kinder und Jugendliche negativ auswirken können, ist laut Nicole Strüber jedoch wahrscheinlich. Die Neurobiologin und Buchautorin von "Corona Kids: Was wir jetzt tun müssen, um unsere Kinder vor den seelischen Folgen der Pandemie zu schützen", sagt im Gespräch mit watson, vor allem ältere Kinder und Jugendliche würden unter den Lockdowns leiden.

Nicole Strüber ist selbst Mutter von zwei Kindern und hat sich für ihr Buch mit den Folgen der Coronapandemie auf Kinder beschäftigt.
Nicole Strüber ist selbst Mutter von zwei Kindern und hat sich für ihr Buch mit den Folgen der Coronapandemie auf Kinder beschäftigt.null / STUDIO EM

Zum einen ließe sich der Stress bei Kindern noch leichter durch den Kontakt mit ihren Eltern abmildern. "Dieser Stress wird physiologisch durch die Eltern gehemmt, in dem Oxytocin ausgeschüttet wird, das den Stresshormonen entgegenwirkt." Doch dieser Mechanismus funktioniert bei Jugendlichen nicht mehr so gut. Heißt, die Jugendlichen sind in stressigen Situationen wie einem Lockdown auf sich allein gestellt, da auch ihre Freunde als Stütze wegfallen.

"In der Jugend, wenn man plötzlich auf eigenen Füßen steht, braucht man ein Netz von Menschen, an denen man sich festhalten kann."
Neurobiologin Nicole Strüber gegenüber watson

Denn wo man bei jüngeren Kindern etwaige verpasste Erfahrungen teilweise wieder nachholen könne, sei das bei Jugendlichen schwierig: "Wenn einmal diese Abnabelung stattgefunden hat und die Beziehung zu den Eltern ein bisschen verloren geht, dann ist es oft wirklich schwierig, da noch wirksam zu werden als Eltern", sagt Strüber. Und hier spielen die Freunde eine wichtige Rolle.

Denn gerade im Teenageralter sei der Kontakt zu Gleichaltrigen enorm wichtig, "um Halt zu finden, nachdem sie sich von den Eltern abgelöst haben". Die Neurobiologin Nicole Strüber vergleicht die Situation der Jugendlichen in der Pandemie damit, "als hätten sie den Karabinerhaken beim Klettern irgendwo abgeklinkt und haben kein neues Seil. Aber das ist es, was sie eigentlich brauchen." Denn in dieser Zeit stärken Jugendliche ihr eigenes Ich und schenken ihren eigenen Meinungen und Überzeugungen mehr Glauben als denen ihrer Eltern.

"Der Kontakt mit Gleichaltrigen ist wirklich von elementarer Bedeutung für ihre Entwicklung. In der Jugend, wenn man plötzlich auf eigenen Füßen steht, braucht man ein Netz von Menschen, an denen man sich festhalten kann." Das könnte für einen Jugendlichen, der dazu neigt, Fehler bei sich selbst zu suchen, die Freunde sein, die vielleicht die gleichen Probleme haben, wie das Gewicht oder schlechte Noten.

"Letztes Jahr haben wir 50.000 Beratungen gemacht und bei 20 Prozent davon geht es um Suizidalität."
Kai Lanz, Krisenchat-Gründer, gegenüber watson

Das heißt, es müssen nicht nur die Schulschließungen an sich sein, die sich negativ auf die Kinder und Jugendlichen auswirken, sondern vor allem die Folgen: Anne Kaman, eine der Autorinnen und Autoren der Copsy-Studie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), die in Deutschland als wichtigste Längsschnittstudie zu psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie gilt, sagt in der Tageszeitung "SZ":

"Es werden eine Vielzahl von Faktoren diskutiert, die einen Einfluss auf die psychische Belastung von Kindern während der Pandemie haben. Möglicherweise ist es weniger der fehlende Besuch der Schule als Institution alleine, sondern der gleichzeitig fehlende Kontakt mit Gleichaltrigen, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Freizeitaktivitäten mit einer gleichzeitig einhergehenden spürbaren Belastung der Eltern, auch Angst vor Infektion oder Ansteckungen. Es ist nicht einfach, die Effekte isoliert zu untersuchen."

Cybermobbing und Selbstmordgedanken nehmen zu

Soziale Medien könnten zwar ein wenig als Ersatz dienen, in manchen Fällen aber auch dazu führen, dass Jugendliche abdriften. "Eine zusätzliche Gefahr ist, dass man sich mit den sozialen Medien in Überzeugungen verrennt, weil man sich das potentielle Korrektiv selbst sucht. Die normalerweise relativierenden Gleichaltrigen ersetzt man hier mit Menschen, die sowieso die gleichen Meinungen haben", sagt die Neurobiologin Nicole Strüber. Als Beispiel nennt sie rechtsextreme Überzeugungen, die normalerweise im Freundeskreis abgemildert würden, da der Jugendliche in einer Gemeinschaft eingebettet sei und die Peergroup in Schule und Familie näher stehe als digitale Bekanntschaften.

Kai Lanz ist Gründer des Krisenchats, einem psychosoziales Beratungsangebot für junge Menschen. Er und sein Team haben im letzten Jahr 50.000 Beratungen angeboten und "der Bedarf ist unglaublich viel höher als das, was man abdecken kann", sagt er im Gespräch mit watson. "Bei 20 Prozent davon geht es um Suizidalität." Die Betroffenen seien schon sehr jung, bereits mit 12 Jahren würden sich Kinder bei ihnen melden.

Corona spiele zwar nur in den Mix der Probleme hinein, doch seien deutlich Auswirkungen der Pandemie auf die Jugendlichen zu beobachten: "In der Zeit, in der die Schulen geschlossen waren, gab es doppelt so viele Fälle von Cyber-Mobbing in der Beratung", sagt Lanz.

Dass die Pandemie das Mobbing ins Netz verlagert hat und extrem angestiegen ist, ergab auch die Studie "Toxicity during Coronavirus" des israelischen KI-Unternehmen L1GHT, das eigentlich Tools gegen Cybermobbing entwickelt. Dafür analysierte es Millionen von Webseiten und soziale Netzwerke und fand heraus, dass seit Beginn der Pandemie Mobbing und Beschimpfungen unter Kindern und Jugendlichen in sozialen Medien und Chatforen um 70 Prozent gestiegen sind.

Als Grund dafür nennt die Studie "Cyberlife III" des Bündnisses gegen Cybermobbing den Fernunterricht und Kontaktbeschränkungen, da "Jugendliche ohne institutionelle Unterstützung gegen Cybermobbing das Internet intensiver nutzen müssen und Sozialkontakte dorthin verdrängt werden." Oft seien die Eltern "überfordert, die Lehrer zu wenig darauf vorbereitet und die Schulen zu zögerlich in der Reaktion."

Zu wenig Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche

Lanz plädiert für ein stärkeres Bewusstsein bei Medien, Politik und Eltern, dass die Probleme der Kinder und Jugendlichen auch ohne Corona existieren und dies weiterhin tun würden.

"Corona hat viele Sache verstärkt, aber auch so geht es ganz vielen jungen Menschen wirklich nicht gut. Und wir sollten nicht denken, wenn jetzt die Pandemie irgendwann hoffentlich vorbei ist, dass dann die Probleme weg sind."

Der Bereich der psychologischen Beratung für Kinder und Jugendlichen sei schon vor Corona extrem unterversorgt gewesen. Dabei ist der Bedarf enorm: "Über 50 Prozent der Leute, die sich bei uns melden, sagen explizit, dass sie vorher noch mit keiner anderen Person darüber gesprochen haben. Das heißt, wir gehen da total in die Dunkelziffer rein", erzählt Lanz.

Starker Anstieg von magersüchtigen Kindern

Und das, obwohl die Nachfrage nach psychologischer Unterstützung enorm ist. Prof. Tobias Renner ist Arzt und Psychiater und leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Tübingen. Er spricht gegenüber watson von einem deutlichen Anstieg von Anfragen in Praxen und Kliniken seit Herbst 2020. "Auch die Zahl von akuten psychischen Erkrankungen und Notfallvorstellungen ist gestiegen. So haben wir beispielsweise bei den Notfallpatienten in Tübingen für das Jahr 2021 einen Anstieg um 30 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren."

"Wir sehen viele Kinder und Jugendliche mit depressiven Erkrankungen, Angsterkrankungen und vermehrt auch Zwangsstörungen."
Prof. Tobias Renner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Tübingen, gegenüber watson

Die jugendlichen Patienten und Patientinnen seien vor allem "Kinder und Jugendliche mit depressiven Erkrankungen, Angsterkrankungen und vermehrt auch Zwangsstörungen", sagt Renner. "Die Zahl der Erkrankungen mit Magersucht hat sich verdreifacht, wobei die Schwere der Erkrankungen zugenommen hat." Bereits Kinder würden derzeit vermehrt an Magersucht leiden. Seiner Einschätzung nach sind von diesen psychische Erkrankungen alle Altersgruppen betroffen.

Normalerweise hätten Kinder und Jugendliche zwar eine hohe Anpassungsfähigkeit, doch "die Belastungen haben sich über die Dauer angesammelt. Insbesondere als unklar und nicht vorhersehbar erlebte Situationen, zum Beispiel in Bezug auf Schulschließungen oder Wechselunterricht, führen zu Unsicherheit", erklärt Renner gegenüber watson. Gerade in diesen belastenden, unsicheren Zeiten sei aktive Unterstützung enorm wichtig für die Kinder – von den Eltern, aber auch von Experten.

Doch die Wartelisten für psychologische Betreuung seien wegen der hohen Nachfrage sehr lang, ein Ausbau der psychologischen Versorgungskapazitäten durch Politik und Kassen daher unerlässlich, sagt Renner. "Unsere Kinder sollten es uns wert sein."

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