In einigen Bundesländern gilt nach den Weihnachtsferien auch am Sitzplatz Maskenpflicht.
In einigen Bundesländern gilt nach den Weihnachtsferien auch am Sitzplatz Maskenpflicht.Bild: dpa / Matthias Balk
Analyse

Angst um Noten, Unsicherheit und Omikron – die Stimmung der Schülerinnen und Schüler nach den Weihnachtsferien

04.01.2022, 13:1105.01.2022, 11:57

Maskenpflicht in Schulen ist ein "absolutes Muss". So drückte es Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach am Wochenende gegenüber "Bild am Sonntag" aus. Zu Recht wies er damit darauf hin, dass effiziente Maßnahmen im Kampf gegen die Virusvariante Omikron vor allem an Schulen notwendig sind.

Denn am Montag starteten bereits die ersten fünf Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen und Rheinland-Pfalz nach den Weihnachtsferien wieder in den Präsenzunterricht, am Dienstag folgt Saarland und am Mittwoch Hamburg – nur Thüringen hat seine Schülerinnen und Schüler vorerst am Montag und Dienstag in die Distanzlehre geschickt.

"Es wurde leider versäumt, Schulen pandemiesicher zu machen. Dazu würde die flächendeckende Aufstellung von Luftfiltern sowie eine verstärkte Impfkampagne in diesem Altersbereich gehören."
Epidemiologe Professor Markus Scholz mit Blick auf den Schulstart in Präsenz

Watson hat bei den Schülervertretungen der Bundesländer, dem Deutschen Lehrerverband und dem Epidemiologen Professor Markus Scholz nachgefragt, wie die Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften nach den Feiertagen ist und ob ein Präsenzunterricht in der aktuellen Situation vertretbar ist.

Thüringen startet zunächst mit Online-Unterricht

Die zögerliche Haltung des Bundeslandes Thüringen im Hinblick auf den Präsenzunterricht ist auf die momentan noch unklaren Inzidenzen und hohen Fallzahlen zurückzuführen. Mit einer Hospitalisierungsrate von 9,5 liegt das Land im bundesweiten Vergleich auf Platz 1. Thüringen kündigte an, dass die Schulen ab Mittwoch individuell entscheiden sollen, ob die Schülerinnen und Schüler weiterhin online am Unterricht teilnehmen oder wieder zurück ins Klassenzimmer dürfen.

"Die Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern in Thüringen ist sehr gespalten."
Vincent Raue, Vorstandsvorsitzender der Landesschülervertretung Thüringen

Dies ruft bei den Schülerinnen und Schülern in Thüringen jedoch gemischte Gefühle hervor. Vincent Raue, Vorstandsvorsitzender der Landesschülervertretung Thüringen, erklärt gegenüber watson: "Die Stimmung unter den Schülerinnen und Schülern in Thüringen ist sehr gespalten. Manche sind froh über die zwei Tage 'Entlastung', manche würden aber die zwei Tage bis Mittwoch lieber in Präsenz verbringen."

Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in Thüringen für Präsenzunterricht

Bei den Schülerinnen und Schülern werde zudem Verunsicherung "durch die unklare Formulierung der Gestaltung der beiden Tage" Onlinelehre in Thüringen ausgelöst. Die Mehrheit der Schülerschaft sei für den Präsenzunterricht, betont Raue, hätte aber "kein generelles Problem mit Distanzunterricht, wenn es das Infektionsgeschehen nicht anders zulässt."

Am Mittwoch wollen die Kultusminister in einer kurzfristigen Videoschaltkonferenz zusammenkommen, um über die Lage an den Schulen mit Blick auf Omikron zu beraten. Im Fokus steht das Thema, ob die Schulen nach den Weihnachtsferien im Regelbetrieb starten sollten – dies geschieht noch vor der Ministerpräsidentenkonferenz am Freitag.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat in den vergangenen Tagen wiederholt davor gewarnt, dass die Inzidenzen und die Angaben zur Verbreitung der Omikron-Variante nicht aussagekräftig sind, da die Feiertage um Weihnachten und Silvester mit verzögerten Infektionsmeldungen und weniger Tests einhergingen.

In Thüringen müssen Schülerinnen und Schüler zunächst von Zuhause aus lernen.
In Thüringen müssen Schülerinnen und Schüler zunächst von Zuhause aus lernen.Bild: imago images / ari

Angesichts der aktuellen Lage wurden deshalb vor den Ferien verschiedene Möglichkeiten diskutiert: Auf dem Tisch lagen verlängerte oder vorgezogene Weihnachtsferien und auch die Option des Wechsel- oder Distanzunterrichts. Doch von der Verlängerungsoption haben nur wenige Bundesländer Gebrauch gemacht. Umso wichtiger für die Schülerinnen und Schüler, am Mittwoch endlich Klarheit über die Situation an den Schulen zu bekommen.

"Regelmäßige Tests sowie die Maskenpflicht derzeit unabdingbar" an Berliner Schulen

Auch in Berlin ist bisher kein Wechsel zwischen Online- und Präsenzunterricht geplant. Stattdessen sollen tägliche Tests dazu beitragen, dass die Schulstunden in Präsenzlehre abgehalten werden können. Die Schülerinnen und Schüler in Berlin befürworten, ähnlich wie in Thüringen, ebenfalls den Präsenzunterricht, "da wir alle gemerkt haben, dass dieser uns das Lernen am leichtesten macht und uns auch mental am geringsten belastet", erklärt Rufus Franzen, Sprecher des Landesschülerausschusses Berlin, auf Anfrage von watson.

Franzen betont, dass diese Art von Unterricht jedoch nur möglich ist, wenn dieser "unter strikten Hygienebestimmungen" stattfindet. "Daher halten wir regelmäßige Tests sowie die Maskenpflicht derzeit für unabdingbar. Außerdem muss der Stufenplan der Senatsverwaltung konsequent umgesetzt werden", sagt er gegenüber watson.

Schülerinnen und Schüler in Sachsen fordern vorübergehende Umstellung "in das Wechselmodell"

Andere Töne hingegen hört man von den Schülerinnen und Schülern aus Sachsen. Zwar sprechen auch sie sich für einen "uneingeschränkten Präsenzbetrieb" aus, wie Oliver Sachsze stellvertretender Vorsitzender des LandesSchülerRats Sachsen, auf watson-Anfrage mitteilt, jedoch sollte aufgrund der steigenden Infektionszahlen "für einen begrenzten Zeitraum in das Wechselmodell umgestellt werden."

In Sachsen wurden vor Weihnachten regelmäßig Hotspot-Schulen geschlossen – Sachsze erwartet eine Fortsetzung dieses Vorgehens im Januar. Nicht zuletzt deshalb übt der LandesSchülerRat Sachsen Kritik an der Landesregierung: "Insbesondere gelingt es der Kultusverwaltung in Sachsen bisher nicht, eine tägliche Testung aller Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten – das wäre aus unserer Sicht aber notwendig."

Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz sind verunsichert

Während das Land Berlin in der ersten Woche nach den Ferien auf tägliche Tests setzt und ab der zweiten Woche wieder wie zuvor auf drei Schnell-Tests pro Woche verringert, startet Rheinland-Pfalz mit einer Masken- und Testpflicht in das neue Jahr und damit auch in die Präsenzlehre. Dabei müssen die Masken auch während des Unterrichts getragen werden. Nicht geimpfte oder genesene Schülerinnen und Schüler werden zweimal pro Woche getestet.

"Man kann nicht 'auf Teufel komm raus' den Präsenzunterricht aufrechterhalten."
Colin Haubrich, Landesvorstandsmitglied der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz, über Präsenzunterricht nach Weihnachten

"Die Stimmung der Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz ist aktuell nicht sehr gut", erzählt Colin Haubrich, Landesvorstandsmitglied der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz im Gespräch mit watson. Nach dem Schulstress folgte in den Ferien die Nacharbeitung des Stoffes und nach dem Schulstart am Montag komme nun wieder die Unsicherheit mit der Omikron-Variante auf. Die aktuellen Fallzahlen würden zu dieser Unsicherheit beitragen, erklärt das Mitglied des Landesvorstandes der Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz.

Homeschooling hätte während der Ferien vorbereitet werden müssen

Haubrich zeigt sich realistisch und sagt: "Man kann nicht 'auf Teufel komm raus' den Präsenzunterricht aufrechterhalten." Wenn das Risiko zu hoch sei, müsse man zurück in den Wechselunterricht oder das Homeschooling gehen. Doch dies gehe nicht so einfach, erklärt er. "Darauf muss man sich vorbereiten. Diese Vorbereitung hätte man in den Ferien machen können, doch dafür wurde nichts getan." Als Beispiele nennt er die bisher immer noch mangelhafte digitale Infrastruktur – sowohl aufseiten der Lehrkräfte, als auch der Schülerinnen und Schüler.

Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz sollen auch bei den Abiturprüfungen eine Maske tragen.
Schülerinnen und Schüler in Rheinland-Pfalz sollen auch bei den Abiturprüfungen eine Maske tragen.Bild: dpa / Sebastian Gollnow

Seine Haltung ist klar: "Präsenz so lange es geht". Doch zugleich müssten die Tests massiv erhöht werden. Es solle alles getan werden, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. In Sachen Maßnahmen wie Luftfilter und Maskenpflicht mangelt es jedoch noch. Denn: "Luftfilter sind fast gar nicht vorhanden", erklärt Haubrich. Zudem starten bereits in dieser Woche die Abiturprüfungen, bei denen durchgehend eine Maske getragen werden soll. "Fünf bis sechs Stunden die Maske am Stück zu tragen, geht einfach nicht", betont er. Mit Abstand und verpflichtenden Tests vor den Prüfungen sollte die Absolvierung des Abiturs ohne Masken möglich sein.

Generell wünsche sich Haubrich aber für die Schülervertretung ein "aktiveres Mitspracherecht" in der Politik. Man werde zwar angehört, aber eine wirkliche Einbindung finde aktuell nicht statt. "Die Gesundheit aller schützen, sollte Ziel Nummer eins sein", betont er. Dafür seien unter anderem "niedrigschwelligere Impfangebote" vor allem für jüngere Menschen notwendig. "Die Impfung ist die Lösung, um den Unterricht zu garantieren."

Schulen sind weiterhin nicht pandemiesicher

Auch Epidemiologe Professor Markus Scholz sieht die aktuellen Probleme an Schulen in fehlenden Luftfiltern und der lückenhaften Impfkampagne für die junge Generation begründet. Er sagt gegenüber watson: "Es wurde leider versäumt, Schulen pandemiesicher zu machen. Dazu würde die flächendeckende Aufstellung von Luftfiltern sowie eine verstärkte Impfkampagne in diesem Altersbereich gehören." Doch er findet noch deutlichere Worte und betont:

"Wenn man unter den aktuellen Gegebenheiten am Präsenzunterricht festhält, nimmt man stillschweigend die Durchseuchung des Kinder- und Jugendbereiches in Kauf."
Epidemiologe Professor Markus Scholz über Präsenzunterricht an Schulen

Scholz erklärt weiter: Zwar bestehe ein gesellschaftlicher Konsens, dass Schulen möglichst in Präsenz bleiben sollen, er vermisse im Gegenzug aber eine Diskussion darüber, ob es vertretbar ist, den noch weitgehend ungeimpften Kinder- und Jugendbereich komplett durchseuchen zu lassen. "Ich persönlich finde das, vor allem in Hinblick auf mögliche Langzeitfolgen von COVID-19, gefährlich."

Hybridunterricht als "kaum zu bewältigende Doppelbelastung"

Eine Lösung, um den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten, sind laut Heinz-Peter Meidinger, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Notfallpläne, die festschreiben, wie im Bedarfsfall reagiert werden muss. Meidinger betont gegenüber watson, er hielte es für "einen verhängnisvollen Fehler", wenn die Kultusministerkonferenz am Mittwoch und die Schulministerien einen solchen Notfallplan nicht bereithielten. "Erst zu überlegen, was zu tun ist, wenn die Omikronwelle in die Schulen schwappt, ist zu spät."

Zwar sei "das Beste für unsere Schülerinnen und Schüler vollständiger Präsenzunterricht", dennoch müsse man sich "rechtzeitig strategisch" gegen mögliche explodierende Infektionszahlen wappnen, erklärt Meidinger weiter. "Grundsätzlich sind Lehrkräfte natürlich für Präsenzunterricht, weil wir um die Folgeschäden von Schulschließungen wissen – allerdings nicht um jeden Preis." Der Präsident des Lehrerverbandes warnt jedoch, dass "die Verpflichtung zu Präsenzunterricht, etwa in halbierten Klassen, und gleichzeitigem Onlineunterricht für die andere Klassenhälfte" für Lehrkräfte unzumutbar sei. "Das ist eine kaum zu bewältigende Doppelbelastung."

Lehrerinnen und Lehrer stehen in vielen Bundesländern vor einer Doppelbelastung durch Hybrid- oder Wechselunterricht.
Lehrerinnen und Lehrer stehen in vielen Bundesländern vor einer Doppelbelastung durch Hybrid- oder Wechselunterricht.Bild: KEYSTONE / LAURENT GILLIERON

Dass Thüringen den Schulen ab Mittwoch die Möglichkeit geben will, selbst zu entscheiden, in welcher Form der Unterricht abgehalten wird, befürwortet Meidinger: "Außerdem plädiert der Deutsche Lehrerverband für mehr Entscheidungsspielräume der Einzelschule im Umgang mit dem Infektionsgeschehen vor Ort."

Doch nicht nur der Deutsche Lehrerverband hat hohe Erwartungen an die Kultusministerkonferenz am Mittwoch, auch die Schülervertretungen stellen klare Forderungen an die Politik im Kampf um die Virusvariante Omikron an Schulen: Schülerinnen und Schüler wollen mehr Mitspracherecht bei neuen Regelungen und einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf, um sich rechtzeitig darauf einstellen zu können. Außerdem soll Bildung weiterhin, auch in einer weiteren Infektionswelle, oberste Priorität haben. Dafür werden klare Konzepte benötigt, um Schulschließungen und Onlineunterricht weitestgehend zu vermeiden.

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