Das Praktische Jahr ist für Medizinstudenten finanziell eine schwere Hürde.
Das Praktische Jahr ist für Medizinstudenten finanziell eine schwere Hürde.Bild: iStockphoto / Viktor_Gladkov
Interview

1,79 Euro Stundenlohn auf der Corona-Station: Medizinstudent berichtet von seinem Praktischen Jahr

29.12.2021, 10:5703.01.2022, 16:21

Das Praktische Jahr (PJ) im letzten Jahr des Medizinstudiums gilt mitunter als Highlight des gesamten Studiums. Doch die Arbeitsumstände dafür lassen an manchen Krankenhäusern zu wünschen übrig. Das bedeutet: in Vollzeit arbeiten und Nachtschichten stemmen für gar kein oder nur geringes Gehalt. Hinzu kommt seit mehr als einem Jahr die Situation um Corona. Ärzte und Krankenhauspersonal sind von der prekären Lage auf den Corona-und den Corona-Intensiv-Stationen oftmals überfordert. Für eine Einweisung der PJler bleibt da kaum noch Zeit.

Gleichzeitig sind die Krankenhäuser in Deutschland offenbar auf die kostengünstigen Arbeitskräfte angewiesen. watson hat mit einem Medizinstudenten gesprochen und sich einen Überblick über die Situation der jungen Auszubildenden an einer Krankenhauslehrstelle in Sachsen Anhalt verschafft.

Was passiert im praktischen Jahr (PJ)?
Das PJ ist der letzte von insgesamt drei Teilen des Medizinstudiums. Diesem vorangegangen sind im Studium bereits Vorklinik und Klinik. Wenn das Praktische Jahr erreicht ist, sind die ersten zwei Examen bereits geschafft und die erworbenen theoretischen Kenntnisse sollen innerhalb eines Probejahres in der Praxis angewandt werden.

Medizinstudenten als billige Arbeitskräfte

Das Praktische Jahr sollte bedeuten, dass Medizinstudenten von zugeteilten Ärzten und Ärztinnen an die Hand genommen werden und unter Aufsicht lernen, selbstständig zu arbeiten und ihre Interessen innerhalb des Berufsfeldes zu erforschen. Leider sieht die Realität zum Teil anders aus.

Timo, 30 Jahre alt, ist seit gut einem Monat PJler in einem ortsansässigen Krankenhaus. Den Namen des Krankenhauses oder der Uni möchte er nicht nennen. Auch die Kennzeichnung durch den Namen der Stadt ist im zu heikel. "Ich hätte Sorge, dass sich die folgenden Aussagen auf mich zurückführen lassen und sich das auf meine kommende Prüfung auswirkt. Die betreuenden Ärzte sind ja auch meine Prüfer.", sagt er. Deshalb bleiben wir bei der Nennung des Bundeslandes. watson ist also im Gespräch mit Timo, einem Medizinstudenten in einem Krankenhaus, irgendwo in Sachsen Anhalt.

watson: Wie sieht dein Praktisches Jahr aus?

Timo: Das PJ geht klassischerweise ein Jahr. Es ist gesplittet in drei Teile à vier Monate. Chirurgie und Innere Medizin sind Pflicht und es gibt dabei noch ein Wahlfach.

Und wie sind deine Arbeitszeiten?

Man arbeitet in Vollzeit. In manchen Bundesländern wird bis zu ein Studientag in der Woche gewährt. Aber das kann von Bundesland zu Bundesland auch nochmal unterschiedlich sein. An diesen Studientagen kann man in Ruhe lernen und sich auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten. Das ist beim PJ das dritte und letzte Staatsexamen, die mündliche Prüfung, die am Ende ansteht.

"Wir müssen rechtlich gesehen nicht auf den Covid-19 Stationen arbeiten. Aber die Erwartungshaltung in den Krankenhäusern ist eine andere."

Wie viele freie Tage hast du, wenn es von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist?

In Sachsen-Anhalt werden nur drei Tage pro Tertial, also drei freie Tage pro vier Monate gewährt. Man soll bei uns in Vollzeit arbeiten. Man kann auch in Teilzeit arbeiten, aber dann verlängert sich das PJ.

Was bedeutet das konkret?

Wir müssen auch Spätschichten sowie Wochenenddienste stellen und sollen auf Corona-Stationen arbeiten. Das ist vor allem für den Fall problematisch, dass wir an Corona erkranken, denn das geht von unseren Fehltagen ab. Wir haben ein Kontingent von dreißig Fehltagen für das komplette PJ. Dabei ist es egal, ob wir Urlaub nehmen oder krank sind – es wird alles in Fehltagen angerechnet. Wenn man bei Covid in Quarantäne muss, wären also schon zehn Fehltage weg. Dies gilt, seitdem die Pandemielage aufgehoben wurde und kann sich natürlich auch jederzeit wieder ändern.

"Ich bekomme umgerechnet 1,79 Euro pro Stunde für das Arbeiten in Vollzeit."

Wird das PJ bezahlt?

Es gibt tatsächlich ein bisschen Bezahlung für das PJ. Die Spanne beträgt dabei in Deutschland von 0 Euro bis hin zum BAföG Höchstsatz (momentan bei 861 Euro). Es gab eine Aktion dazu, Faires PJ hieß die. Das Projekt hat sich dafür eingesetzt, dass beim PJ der Höchstsatz an BAföG gezahlt wird und dass es mehr freie Studientage innerhalb des PJ gibt. Einige der geforderten Regelungen sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre in Kraft treten. Ich verdiene derzeit 300 Euro monatlich, also bei 168 Arbeitsstunden 1,79 Euro pro Stunde.

Wie finanzierst du dich denn mit 300 Euro im Monat? Das dürfte, wenn überhaupt, nur für die Miete reichen.

Ich habe das Glück, von meiner Familie unterstützt zu werden. Zudem konnte ich vor dem PJ viel arbeiten, um mir einen Puffer anzusparen. Bei anderen Kollegen und Kolleginnen sieht das teilweise schon ernst aus. Die müssen Studienkredite aufnehmen oder sich anderweitig Geld leihen. Eine Kollegin von mir musste jetzt ihre Stelle kündigen, weil sie nicht mehr arbeiten konnte. Sie macht gerade nur Minus im Vergleich zu vorher. Zum Glück hat sie noch einige Ersparnisse.

Was sind deine alltäglichen Arbeitsbereiche, deine Aufgaben?

Also vieles dreht sich darum, Blut abzunehmen und Venenverweilkanülen – mit diesen kann man Medikamente zugeben oder Blut abnehmen – zu legen. Dann sind wir bei den Visiten dabei, also wir nehmen in Dokumentationen mit auf, was die Ärzte untersuchen. Aufklärungen gehören dazu, in der Notaufnahme sind es Anamnese-Gespräche oder körperliche Untersuchungen. Je nachdem wer einen betreut, kann man auch sehr selbstständig arbeiten, also auch Arztbriefe schreiben und Medikamente verordnen. Natürlich alles in genauer Absprache mit den Ärzten. Diese unterschreiben und haften dann am Ende ja auch.

Wie sieht euer Einsatz auf den Corona-Stationen aus?

Die Corona-Stationen sind zu unterscheiden in solche, wo die Menschen nicht konkret in Lebensgefahr schweben, jedoch behandelt werden müssen. Und dann gibt es noch die Corona-Intensivstation, da müssen wir nicht hin. Wir sollten aber schon auf den Covid-"Normal"-Stationen arbeiten. Die rechtliche Situation besagt eigentlich, dass man dazu nicht verpflichtet ist, da man auch keinen Arbeitsvertrag hat. Die Erwartungshaltung in den Krankenhäusern ist natürlich oftmals eine andere.

"Die normale Arbeit unterscheidet sich massiv von der Arbeit auf den Corona-Stationen. Der Lerneffekt auf den Covid-19-Stationen ist gleich Null."
Medizinstudenten begleiten die Ärzte und Ärztinnen auf tägliche Visiten.
Medizinstudenten begleiten die Ärzte und Ärztinnen auf tägliche Visiten.Bild: iStockphoto / Wavebreakmedia

Unterscheiden sich die Aufgaben auf den normalen Stationen von denen auf den Covid-19-Stationen?

Massiv! Der Lerneffekt ist auf den Covid-19-Stationen gleich Null, denn hier haben alle Patienten das Gleiche. Man verbringt hier die meiste Zeit mit der Einkleidung. Man nimmt vor jedem neuen Betreten eines Zimmers eine neue Plastikhaube, Handschuhe, Brille, einen Schutzkittel und eine neue Maske und kleidet sich damit ein. Danach entledigt man sich aller Kleidung, wenn man die Station verlässt, zieht seine eigenen Sachen an und desinfiziert die Schutzbrille.

Und das passiert dann vermutlich mehrmals am Tag?

Genau. Beim nächsten Patienten geht das Prozedere wieder von vorne los. Das kostet unendlich viel Zeit. Die Aufgaben auf den Covid-Stationen beschränken sich dadurch größtenteils auf Blutabnahmen und Venenverweilkanülen legen. Mehr kann man hier auch nicht sinnvoll machen. Es sind hier vorwiegend die Maßnahmen, Sauerstoff und Medikamente zu verabreichen. Das machen dann die Ärzte.

"Ich habe keine Angst auf der Corona-Station zu arbeiten, da ich dreimal geimpft bin. Aber ich habe Angst, über eine Infektion meine Urlaubstage zu verlieren."

Macht es dir Angst, auf der Covid-Station zu arbeiten?

Nein, eigentlich nicht. Auch, weil ich dreifach geimpft bin. Ich hätte nur Angst, die Urlaubstage opfern zu müssen. Aber durch die Impfung habe ich keine Angst, dass es schlimm werden könnte.

Wird denn dafür gesorgt, dass ihr geimpft werdet?

Momentan gibt es noch keine Impfpflicht, aber man bekommt genug Termine gestellt, dass man leicht zu einem Impftermin gehen kann.

Gibt es Personal bei euch, das nicht geimpft ist?

Von uns PJlern sind alle geimpft. Wir müssen uns zu der Impfung auch dreimal in der Woche schnelltesten lassen. In der Pflege weiß ich von einer Person, die nicht geimpft ist. Die Leute, die nicht geimpft sind, müssen sich dann dreimal in der Woche schnelltesten lassen.

"Es gibt Stationen, da laufen Untersuchungen nicht richtig, wenn keine PJler da sind."

Hast du den Eindruck, dass ihr als PJler auch in Richtung Covid-Stationen gedrängt werdet?

Auf jeden Fall! Wir müssen theoretisch nicht dorthin, aber es wird immer wieder nachgefragt und man wird definitiv in diese Richtung komplimentiert. Es kommt hier aber auch darauf an, wer gerade Dienst hat. Die einen Ärzte haben mehr oder weniger Verständnis, dass wir als PJler nicht auf diesen Stationen eingesetzt werden wollen. In Bezug auf die Arbeitsbedingungen generell kommt von manchen Ärzten auch das Argument: das war früher auch so, da mussten wir alle durch. Das finde ich ein schwaches Argument. Sklaverei war früher auch normal und veranlasst heute doch auch nicht mehr dazu, weiterhin umgesetzt zu werden.

Es werden gerade überall Stellen gestrichen und es herrscht Fachkräftemangel. Wie fühlt es sich an, dann so intensiv eingesetzt zu werden?

Nicht besonders gut. Zumal wir bei den einfachen Dingen wie Blutabnehmen unentbehrlich werden. Ohne die PJler würden die das im Krankenhaus gar nicht mehr schaffen. Das nimmt nämlich viel Zeit in Anspruch. Von anderen Stationen kenne ich es auch noch schlimmer. Dort laufen Untersuchungen oder Aufnahmegespräche nicht richtig, wenn keine PJler da sind. Ich habe kein Problem damit, viel zu arbeiten, aber dann möchte ich auch dafür entlohnt werden und wirklich etwas lernen. Das mit dem Lernen trifft bei mir nur zur Hälfte der Zeit zu.

"Man ist in vielen Fällen eine billige Hilfskraft, die einfache Aufgaben übernehmen kann, aber in die Ausbildung wird wenig investiert."

Wie könnte die Lernsituation deiner Meinung nach für euch verbessert werden?

Ich finde, man sollte hier ein standardisiertes Curriculum einführen oder die Ärzte und das Personal schulen, wie sie zu unterrichten haben. So, wie es jetzt ist, ist es zum Teil durchaus frustrierend. Denn dann wird man aus dem PJ kommen und sollte eigentlich viele praktische Fähigkeiten erworben haben, die man am Ende, wenn man selbstständig arbeiten soll, nicht beherrscht. Man ist in vielen Fällen eine billige Hilfskraft, die einfache Aufgaben übernehmen kann, aber in die Ausbildung wird wenig investiert.

Stellst du durch die Pandemie deinen Beruf infrage oder hast du dir schon mal so etwas gedacht wie: "Darauf war ich nicht vorbereitet?"

Vorbereitet war ich natürlich nicht, aber ich stelle meinen Beruf trotzdem nicht in Frage. Nur, weil wir in Deutschland bislang nicht betroffen waren, gab es ja trotzdem in einigen Teilen der Welt auch früher Epidemien oder Pandemien. Wer sich ein bisschen näher mit "public health" beschäftigt weiß, dass Epidemien in jedem Fall eine Eventualität sind, die vorkommen können. Natürlich macht Corona das PJ stupider, aber der Beruf beinhaltet für mich diese Form von Eventualitäten.

Public Health
Public Health ist das anwendungsorientierte Fachgebiet, das sich mit der Gesundheit der Bevölkerung, insbesondere mit der Vorbeugung von Krankheiten, Förderung der Gesundheit und Verlängerung des Lebens beschäftigt. In den Anfängen ging es um die Eindämmung von Infektionskrankheiten.
wikipedia
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