Impfen, was das Zeug hält - und die Impfstoffstoffvorräte hergeben. Das ist die aktuelle Corona-Strategie des neuen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD).
Impfen, was das Zeug hält - und die Impfstoffstoffvorräte hergeben. Das ist die aktuelle Corona-Strategie des neuen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD).Bild: dpa / Stefan Puchner
Interview

"Die Omikron-Welle wird kommen, und sie wird zuallererst und zumeist die noch Ungeimpften treffen": Epidemiologe zur aktuellen Corona-Strategie der Regierung

17.12.2021, 16:4418.12.2021, 08:59

Erhöhte Vorsicht zu Weihnachten und eilige Nachschub-Beschaffung beim Impfstoff für eine möglichst schnelle Booster-Kampagne: So lässt sich die aktuelle Corona-Strategie der Bundesregierung zusammenfassen. Sowohl um die vierte Welle der Pandemie in den Griff zu bekommen, als auch gegen das Anrücken der hochansteckenden Omikron-Variante. Vor allem der neue Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) setzt auf eine sehr offensive, schnelle Booster-Kampagne, um die Verbreitung der Omikron-Variante in Deutschland so klein zu halten wie nur möglich. Das gab er am Donnerstag zusammen mit RKI-Chef Lothar Wieler in Berlin bekannt – machte allerdings am Freitag klar, dass "so klein wie möglich halten" immer noch groß ausfallen kann.

Flächendeckende Kontaktbeschränkungen, Testen, Lüften, schnelleres Impfen, AHA-Regeln: Diese bereits bekannten Elemente der Pandemie-Bekämpfung müssen nach Wielers Aussage zudem weiter intensiviert werden, um die aktuelle Situation zu verbessern. "Lassen Sie uns die Feiertage nicht so begehen, dass es Feiertage für das Virus werden", appellierte er. Es gehe darum, generell Infektionen zu verhindern, damit sich Omikron nicht so schnell ausbreiten könne. Momentan lasse sich noch nicht einschätzen, wie gut die Impfung vor schweren Verläufen schützt und ob Omikron weniger oder mehr krank macht. Dadurch, dass es so extrem ansteckend sei, muss man laut Wieler aber "allein aus mathematischen Gründen" mit einer hohen Zahl an schweren Verläufen rechnen.

Warnung vor "massiver fünfter Welle"

Das betonte Lauterbach auch am Freitag noch einmal: Der Vorteil, dass Omikron möglicherweise weniger häufig schwere Verläufe auslöse, sei früh "konsumiert" durch die Tatsache, dass so viele infiziert werden würden, sagte der Gesundheitsminister am Freitag in Hannover. Dort machte er auch noch einmal deutlich, dass Deutschland vor einer massiven fünften Corona-Welle stehe. Die Omikron-Welle könne verzögert, aber nicht verhindert werden, sagte er.

Mit Spannung wurden Ergebnisse von Beratungen des Expertenrats der Bundesregierung zu Omikron erwartet. Lauterbach kündigte mögliche weiterer politische Entscheidungen auf der Basis dieses Experten-Ratschlags an.

"Jede Entschleunigung der Welle ist wichtig"

Die von Omikron bereits besonders betroffenen Länder Großbritannien und Dänemark hatten in den vergangenen Tagen Rekordzahlen an Neuinfektionen verzeichnet. "Ich gehe von einer massiven fünften Welle aus", sagte Lauterbach in Hannover. Er warnte vor einer massiven Herausforderung "für unsere Krankenhäuser, für unsere Intensivstationen, aber auch für die Gesellschaft in der Gänze."

Was in Großbritannien derzeit beobachtet werde, übertreffe alles, was in der Pandemie bisher beobachtet worden sei. "Das einzige, was zuverlässig schützt vor einem schweren Verlauf bei der Omikron-Infektion ist die Boosterimpfung", so Lauterbach. "Jede Entschleunigung der Welle, die wir nutzen können, um in dieser Zeit einen größeren Anteil der Bevölkerung zu boostern und natürlich auch mit einer Erst- und Zweitimpfung zu verschaffen, ist wichtig."

watson hat den Epidemiologen Prof. Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin um eine Bewertung aktuellen Strategie der Bundesregierung gebeten.

Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin
Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in BerlinBild: Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften Berlin

watson: Reichen in Ihren Augen die bisherigen Maßnahmen oder plädieren Sie aus epidemiologischer Sicht ebenfalls für eine strengere Regelung zum Beispiel für Kontakte über die kommenden Feiertage?

Prof. Timo Ulrichs: Im Gegensatz zum letzten Weihnachtsfest haben wir diesmal die Impfungen, und die geben zumindest nach der Boosterung zusätzliche Sicherheit. Vollständig Geboosterte können zusammen Weihnachten feiern. Aber auch hier gelten die aktuellen Vorsichtsmaßnahmen, und Familientreffen zu Weihnachten könnten durch eine freiwillige Selbstisolierung in den Tagen davor noch sicherer gemacht werden.

Wird uns, wenn wir die Entwicklung der Omikron-Verbreitung beispielsweise in Großbritannien betrachten, eine Intensivierung der Maßnahmen und eine erfolgreiche Booster-Kampagne noch einigermaßen vor einer Omikron-Welle hierzulande retten können, so wie Wieler und Lauterbach es sich erhoffen?

Die Omikron-Welle wird kommen, und sie wird zuallererst und zumeist die noch Ungeimpften treffen. Es ist sehr wichtig, dass wir die Impfkampagne ausweiten und das Boostern vervollständigen. Das Brechen der vierten Welle mit den aktuellen Maßnahmen, zum Beispiel die 2G-Regelung, funktioniert, wenn auch langsam. Diese Kombination aus Abstands- und Hygienemaßnahmen und intensivierter Impfkampagne sollte dann auch das Konzept für die fünfte (Omikron-)Welle sein."

Wie bewerten Sie Bundesgesundheitsminister Lauterbachs Aussage, man müsse zukünftig möglicherweise statt einer halben eine ganze Dosis des Moderna-Impfstoffes beim Boostern impfen, um gegen die Omikron-Variante anzukommen?

Das ist sicherlich hilfreich, aber es handelt sich ja beim Impfen nicht so sehr um eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Das heißt, das Setzen des dritten Reizes für das Immunsystem ist wichtig, seine Stärke muss über einem Schwellenwert liegen.

(mit Material von dpa)

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