Welche Gegenstände und Geschichten zu Corona werden wir der nächsten Generation wohl im Museum zeigen?
Welche Gegenstände und Geschichten zu Corona werden wir der nächsten Generation wohl im Museum zeigen? Bild: iStockphoto / JackF
Interview

"Zu Corona hat jeder irgendeine Geschichte zu erzählen": Wie wir uns später an die Pandemie erinnern werden

19.12.2021, 15:52

Welches Bild hast du als Erstes vor Augen, wenn du an Corona denkst? Vielleicht Masken, leere Geschäfte und Desinfektionsmittel – oder doch Zoom-Konferenzen, Puzzle-Abende und den Stress wegen der Kinderbetreuung während des Home Office? Wie wir uns später einmal an die Corona-Pandemie erinnern werden, ist höchst individuell. Und doch eine kollektive Erinnerung.

Viele deutsche Museen haben schon kurz nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie die Einzigartigkeit dieser Zeit erkannt – und damit begonnen, Ausstellungsstücke zu sammeln, um diese seltsamen Jahre zu dokumentieren. Schließlich soll auch künftigen Generationen die Pandemie möglichst anschaulich vermittelt werden. Watson sprach mit Jörn Leonhard, Historiker der Globalgeschichte von der Universität Freiburg, darüber, welche Gegenstände wir wohl künftig in Corona-Ausstellungen sehen und wie wir uns an die Pandemie erinnern werden.

Der Historiker Jörn Leonhard forscht an der Universität Freiburg.
Der Historiker Jörn Leonhard forscht an der Universität Freiburg. Bild: www.schwichow.de / Ekko von Schwichow

watson: Wie finden Sie es als Historiker, dass man schon mitten in der Pandemie mit der Erinnerungskultur daran beginnt?

Jörn Leonhard: Als Historiker finde ich es zunächst interessant, dass die Museen so früh damit angefangen haben, diese Zeit der Pandemie zu dokumentieren. Das ist insofern aufschlussreich, weil es eine Parallele zum Ersten Weltkrieg gibt: Mit Beginn des Weltkrieges im Sommer 1914 begannen in praktisch allen kriegführenden Gesellschaften die Leitungen von Museen, Galerien und Bibliotheken damit, sogenannte Kriegssammlungen anzulegen.

Kann man denn aber eine Kriegssammlung und eine Corona-Ausstellung miteinander vergleichen?

Es handelt sich jedenfalls in beiden Fällen um ein subjektives Bewusstsein, dass das gerade Erlebte einen ganz tiefen Einschnitt darstellt, den es zu dokumentieren gilt. Es ist jedenfalls historisch eher eine Ausnahme, dass man im Moment des Ereignisses Menschen darum bittet, Dinge, die ihnen aufgefallen sind, aufzuheben oder einzusenden. Das spricht dafür, dass ein starkes Bewusstsein dafür existiert, dass das gerade ein tiefer Einschnitt, eine Zäsur, so etwas wie ein epochaler Wandel sein könnte. Ich kann mich an wenig andere Ereignisse erinnern, bei denen Museen und Bibliotheken so schnell reagiert haben.

"Das Virus ist unsichtbar und produziert erst sekundär Bilder, beispielsweise von überfüllten Intensivstationen."

Warum gibt es im Gegensatz zu anderen einschneidenden historischen Ereignissen gerade bei Corona dieses Bewusstsein dafür, dass man jetzt schon mit dem Sammeln anfangen muss?

Das hat zunächst damit zu tun, dass Corona anders als andere Krisen für längere Zeit sehr viel mehr Menschen unmittelbar und mit globaler Reichweite betroffen hat. Die Pandemie ist keine Krise, die nur politische oder wirtschaftliche Eliten betrifft. Die Anschläge auf New York 2001 führten zu einer Bedrohungssituation, aber die Anschläge fanden nicht in Deutschland statt: Zwar wurde der Flugverkehr ausgesetzt, aber das endete nach ein paar Tagen wieder, und so stellte sich schnell wieder so etwas wie Normalität ein. Das war bei Corona völlig anders: Der Lockdown betraf alle, ganz konkret, er hatte eine weltweite Dimension, und griff unmittelbar in den Alltag vieler Menschen ein, ob in der Pflege in der Familie oder bei der Kinderversorgung.

Plötzlich standen alle Länder der Welt vor dem gleichen Problem...

Genau das ist der zweite Punkt: Die Corona-Pandemie schuf eine ähnliche Situation für Menschen weltweit. Man konnte also unmittelbar vergleichen, wie unterschiedlich Gesellschaften mit der gleichen Herausforderung umgingen. Die Globalisierung lässt diese Vergleiche zu, nicht zuletzt aufgrund neuer Medien und Datenportale. Man konnte praktisch jeden Tag oder fast jede Stunde vergleichen: Wie viele Infektionen, wie viele Todesfälle und wie hoch ist die Hospitalisierung in jedem Land?

Aber Sie meinten ja, die Corona-Pandemie wäre vergleichbar mit dem Ersten Weltkrieg...

Den Vergleich darf man nicht überstrapazieren. Corona ist, anders als eine Kriegssituationen, keine unmittelbar menschengemachte Krise, auch wenn wir mit immer längerer Dauer und mit mehr Informationen den Zusammenhang zwischen Umweltveränderungen und der pandemischen Gefahr deutlicher erkennen. Aber in der Wahrnehmung hatten und haben wir es nicht mit einem mächtigen menschlichen Gegner zu tun, sondern mit einer Gefahr, die real ist und trotzdem unsichtbar. Der Unterschied ist: Eine kriegerische Auseinandersetzung ist unmittelbar sichtbar über Gewalteinwirkung, Zerstörungen oder Soldaten. Sie produziert andere Bilder. Das Virus ist zunächst unsichtbar und produziert erst sekundär Bilder, beispielsweise von überfüllten Intensivstationen oder Schlangen vor Impfzentren. Diese Gründe zeichnen die Pandemieerfahrung aus. Das ist schon eine neue Qualität, und das erklärt auch, warum viele Museen darauf reagiert haben.

"Zu Corona hat jeder irgendeine Geschichte zu erzählen."

Wie glauben Sie, werden diese Ausstellungen aussehen?

Zu Corona hat jeder irgendeine Geschichte zu erzählen. Bei anderen einschneidenden Ereignissen wie der Ermordung des US-Präsidenten Kennedy oder den Anschlägen von 9/11 erinnert man sich daran, wo man war, als man die Nachricht empfing. Bei Corona ist es anders: Jeder, den Sie fragen, wird sofort eine oder mehrere ganz persönliche Geschichten zu erzählen haben, wie das Virus ihn oder seine Familie, sein berufliches Umfeld unmittelbar und über längere Zeit betroffen hat. Das ist eine neue Qualität, und es produziert natürlich auch eine Menge Quellen, seien es E-Mails, aufgezeichnete Gespräche, Videos oder Bilder.

Wie hat uns denn Corona als Gesellschaft verändert?

Dazu nur ein Beispiel: Was Digitalisierung bedeutet, das konnte plötzlich jeder quasi in Echtzeit erleben, ob bei der Organisation von Unterricht oder der Kommunikation mit Verwandten und Freunden. Plötzlich wusste jeder, was eine Zoom-Sitzung ist. Dinge, von denen man vorher vielleicht gehört hatte, erhielten innerhalb kurzer Zeit eine ganz neue Relevanz. Natürlich kann man daraus allein nicht schließen, wie in zwei oder fünf oder zehn Jahren auf diese Phase zurückgeblickt wird, weil wir nicht wissen, was die konkreten Kontexte in zwei, fünf oder zehn Jahren sein werden. Wenn wir in zehn Jahren eine noch schlimmere Pandemie erleben, dann wird Corona der Vergleichsmaßstab sein, um zu formulieren: Das ist schlimmer oder das ist weniger schlimm als das, was wir damals erlebt haben.

Das Hamburgische Museen sammelt bereits Ausstellungsstücke und gibt an, dass die Problematik bei Corona darin besteht: Wie erinnert man sich an etwas, das weniger geworden ist oder weggefallen ist?

Wenn Menschen sich erinnern wollen, dann finden sie auch Wege, das zu tun. Deshalb bin ich sicher, dass es auch vielfältige und dokumentierbare Erinnerungen an Corona geben wird, es werden nur andere sein als zu anderen Zeiten. Darauf müssen sich Museen neu einstellen, weil es sehr viel mit dem Medienwandel zu tun hat: Wenn Menschen häufiger telefonieren oder skypen anstatt Briefe zu schreiben wie in anderen Jahrhunderten, dann sind diese Gespräche für Historiker kaum dokumentierbar. Aber jeder Mensch kann heutzutage über sein Smartphone seinen Alltag vielfältig dokumentieren: Über soziale Medien werden Fotos, Videos, Sprachnachrichten, Textnachrichten geteilt und damit auch große Mengen an Erinnerungsstücken produziert.

Aber so etwas kann man ja nicht ins Museum stellen.

Es ist unter Umständen schwieriger für Museen, an die Medien der Erinnerung heranzukommen und dann auch noch eine gute Auswahl zu treffen. Ich bin sicher, dass in der Corona-Phase mehr Menschen angefangen haben, Dinge aufzuzeichnen. Solche Texte, Bilder und Videos kann man abfragen und versuchen zu dokumentieren. Auch in anderen Zeiten war die Dokumentation von Erinnerungen schwierig. In der Phase der Weltkriege etwa gab es Zensur und Materialmangel und trotzdem ist aus dieser Phase viel Material zusammen gekommen. Die Herausforderung für Museen könnte darin bestehen, von persönlichen und familiären Erinnerungen auf die kollektive Ebene zu schließen. Aber eigentlich ist genau das eine Frage, mit der sich Museen immer auseinandersetzen müssen.

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