Um besser durch den Winter zu kommen, hofft die Regierung auf mehr Booster-Impfungen.
Um besser durch den Winter zu kommen, hofft die Regierung auf mehr Booster-Impfungen. Bild: iStockphoto / Alejandro Martinez Gonzalez
Analyse

Brauchen wir Impfzentren und Booster für alle? Worum es in der aktuellen Debatte geht

02.11.2021, 17:4104.11.2021, 10:56

Eine Frage, die angesichts steigender Corona-Infektionszahlen und drohender Überlastung der Krankenhäuser im kommenden Winter gerade Ärzte, Experten und Politik umtreibt, lautet: Wer soll wann eine Impfauffrischung bekommen, und auch wo? Angeheizt hatte die Debatte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der laut Funke-Mediengruppe Auffrischungsimpfungen auf möglichst breiter Front forderte. Neben einem Beschlussentwurf des Bundes, in dem es heißt, die Länder sollen nun alle über 60-Jährigen informieren, schlug Spahn vor, Auffrischungsimpfungen auch "grundsätzlich allen Personen" anzubieten, die diese nach Ablauf von sechs Monaten nach der ersten vollständigen Impfung wünschen.

Schon jetzt können sich Senioren und Risikogruppen "boostern" lassen

Impf-Verstärkungen, also sogenannte Booster, werden derzeit nach der aktuellen Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur Älteren ab 60 Jahren, Corona-Risikogruppen wie Bewohnern von Pflegeheimen und medizinischem sowie Pflegepersonal, aber auch Geimpften mit Astrazeneca und Johnson & Johnson angeraten. Grundsätzlich sind sie laut Impfverordnung für alle anderen Menschen ebenfalls möglich, aber nicht vordergründig vonnöten.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, hält es mit Spahns Vorschlag und sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe am Dienstag: "Jeder, dessen vollständige Impfung sechs Monate zurückliegt, sollte sich bald eine Auffrischungsimpfung holen." Er erklärte weiter: "Weil der Immunschutz nach einem halben Jahr abnimmt, müssen wir als Gesellschaft ein Interesse daran haben, dass der Schutz stabil bleibt."

Die Stiko beschäftigt sich nach den Worten ihres Vorsitzenden Mertens gerade ausführlich mit dem Thema Auffrischungsimpfungen und sieht die Booster-Frage etwas differenzierter: "Das macht aus jetziger Sicht keinen Sinn. Wir werden uns aber jetzt damit beschäftigen, ob in Zukunft auch eine Booster-Impfung der Unter-60-Jährigen zum Schutz vor Übertragung sinnvoll sein kann.", sagte Mertens am Dienstag in der Bundespressekonferenz. Bislang ist diese generelle Empfehlung noch nicht ausgesprochen worden. Übrig bleibender Impfstoff in den Arztpraxen solle nicht weggeworfen werden, so Mertens, dennoch sei eine Priorisierung, ähnlich wie im vergangenen Winter, dringend geboten. Das hieße: Senioren und Pflegeheimbewohner sowie Pflegepersonal zuerst. Dann alle anderen.

Noch deutlicher wird der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen: "Ein 'Booster für alle', macht keinen Sinn. So lange wir keine allgemeine Impfquote von 90 Prozent in der Bevölkerung erreicht haben, müssen wir die Alten und Vorerkrankten zuerst impfen." Alle sollten sich, laut Chef der KBV an die Stiko-Empfehlung halten, auch die Politik.

Bislang äußerte die Stiko nur, dass die Corona-Impfstoffe generell "effektiv und anhaltend vor schweren Erkrankungen und Tod durch Covid-19" schützten. Allerdings "zeigt sich, dass der Impfschutz mit der Zeit insbesondere in Bezug auf die Verhinderung asymptomatischer Infektionen und milder Krankheitsverläufe nachlässt." Das gelte besonders für ältere Menschen, deren Immunantwort auf das Vakzin geringer ausfiel.

Hausärzte kritisieren die Booster-Ankündigungen der Regierung

Was also, wenn ein unter 70-Jähriger ausdrücklich eine Auffrischungsimpfung wünscht? Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, sagte dazu am Dienstag in Berlin, "Das sind die Diskussionen, die wir in den Praxen haben. Man muss ganz klar sagen, dass die wissenschaftlichen Empfehlungen eine andere Sprache sprechen." Ein solcher Wunsch müsse nach individuellem Bedarf, zwischen Patient und Arzt besprochen und entschieden werden.

Die Hausärzte äußerten sich ebenfalls kritisch zu Spahns Aufruf. "Wir sind verärgert, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Erwartungen schürt, Booster-Impfungen seien für alle möglich", sagte Bundesvorstandsmitglied Armin Beck dem RND. Der Impfkampagne sei nicht geholfen, wenn vor jeder Praxis nun täglich hundert junge Menschen ohne Risikofaktoren stünden. Wichtiger sei es, nun die gefährdeten Älteren zu schützen und noch vollständig Ungeimpfte zu erreichen, sind sich die Kritiker einig. Auch Dr. Wolfgang Kreischer, Hausarzt in Berlin, bestätigt das weitgehend aus der Erfahrung in seiner Praxis: "Booster-Impfungen sind derzeit nur für Patienten über 70 Jahre vorgesehen. Dies ist sinnvoll, sollte aber auf alle Patienten mit chronischen Erkrankungen oder bei beruflicher Indikation erweitert werden. Erst anschließend sollten alle Menschen die Möglichkeit einer Booster Impfung erhalten. Wenn die Grundierung mit Astra war, sollte bevorzugt geboostert werden."

Bislang scheint es aber noch keinen Run auf die Drittimpfungen zu geben. Rund 1,9 Millionen Menschen haben nach Angaben des RKI bisher den Booster erhalten. Da ist noch viel Luft nach oben bei den Menschen über 60 Jahren in Deutschland. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Bundesgesundheitsministerium fehlt der dritte Piks momentan zwischen zehn und 13 Millionen Personen aus dem genannten Kreis. Dabei scheinen erste Studien aus Israel darauf hinzuweisen, dass flächendeckende Booster-Impfungen das Infektionsgeschehen tatsächlich dämpfen.

In Israel wurde die Booster-Impfung schon im Sommer zuerst den Senioren, inzwischen allen Interessenten angeboten und so sind bereits 4 der 9,6 Millionen Israelis zum dritten Mal geimpft. Die Fallzahlen sinken seitdem, was nicht ausschließlich, aber auch auf die Booster-Impfung zurückzuführen ist, wie Forscher vermuten. So haben Wissenschaftler der Technischen Universität in Haifa festgestellt, dass Menschen mit "nur" zwei Impfungen elfmal so häufig an Corona erkrankten, wie Menschen nach einem Booster (die Studie siehst du hier).

"Keine weitere Impfkampagne, wir sehen ja, wie diese auch gegen die Wand fahren kann. Aber ein gezieltes Einladeverfahren mit persönlicher Ansprache."
Andreas Gassen, KBV-Vorsitzender

Es sei jedoch wichtig, im Auge zu behalten, dass die Booster-Impfung vor allem für ältere Menschen relevant und wichtig ist. "Für die Notwendigkeit von Auffrischimpfungen für Menschen jeglichen Alters gibt es bisher keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz", sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Er warf der Politik mangelnde Aufklärungs- und Informationspolitik vor. "Es wäre jetzt eigentlich Aufgabe der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über die Booster-Impfung für ältere Menschen zu informieren und auch mit den Falschinformationen in den sozialen Netzwerken aufzuräumen."

Der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen fordert auf Nachfrage von watson in der Bundespressekonferenz, ob eine neue, zentrale Impfkampagne der Bundesregierung zur Beschleunigung der Booster-Impfungen wünschenswert sei: "Keine weitere Impfkampagne, wir sehen ja, wie diese auch gegen die Wand fahren kann. Aber ein gezieltes Einladeverfahren mit persönlicher Ansprache. Viele Menschen wissen nicht, dass sie geboostert werden sollten. Und es trifft in diesen Fall ja keine Impfunwilligen." Gassen erwähnt das Beispiel Berlin, wo das Land persönliche Anschreiben zum Boostern verschickt hat und dieses Verfahren sehr positiv verlaufen sei.

Ist es nötig, die Impfzentren nun zu reaktivieren?

Die Städte haben Jens Spahns Anregung über eine kurzfristige Reaktivierung von Impfzentren für Corona-Auffrischungsimpfungen kritisiert. Ein Impfzentrum sei "keine Taschenlampe", die je nach Stimmungslage aus- und wieder angeknipst werden könne, heißt es in einem Schreiben des Deutschen Städtetags an die Gesundheitsminister der Länder, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Strukturen seien verändert, Flächen anderweitig genutzt, Personal umgeschichtet worden. Ein derartiger Richtungsumschwung sei nicht nachvollziehbar.

Bund und Länder hatten vereinbart, die zum Impfstart eingerichteten zeitweise mehr als 400 regionalen Impfzentren zum 30. September zu schließen oder die Kapazitäten zurückzufahren. Spahn brachte nun ins Gespräch, dass die Länder die Impfzentren wieder startbereit machen, um mehr Impf-Auffrischungen als Schutz im Winter zu ermöglichen. "Auch in der Pandemie braucht es ein Mindestmaß an Kalkulierbarkeit von Entscheidungen", mahnte der Städtetag. Dabei sei es angesichts dynamisch steigender Infektionszahlen richtig, die Frage von Auffrischungsimpfungen rechtzeitig zu thematisieren.

"Hört auf die Mediziner und setzt die Forderungen um!"
Andreas Gassen, KBV-Vorsitzender

Zunächst seien die Kassenärztlichen Vereinigungen bei der Organisation gefordert. Diese hätten "stets signalisiert, ein Massenimpfgeschäft im Herbst und Winter ohne die kommunalen Impfzentren leisten zu können". Die Städte stünden selbstverständlich bereit, ihre niedrigschwelligen Impfangebote aufrechtzuerhalten und bei Bedarf auch zu erweitern.

Auch der Berliner Hausarzt Dr. Kreischer zeigt sich skeptisch gegenüber der Frage, die Impfzentren zu reaktivieren: "Ob man die die Impfzentren noch einmal braucht, das wird sich zeigen. Es ist eine Frage der zukünftigen Impfbereitschaft. Außerdem sind die Zentren im Vergleich sehr teuer: Im Impfzentrum kostet eine Impfung etwa 200€. Beim Hausarzt dagegen 20€."

KBV-Chef Gassen sagte dazu am Dienstag in Berlin: "Die Hausärzte schaffen das, dazu müssen die Rahmenbedingungen aber stimmen." Die Politik müsse klare, geordnete Botschaften senden. "Hört auf die Mediziner und setzt die Forderungen um!" appelliert Gassen an die Politik.

Auch Stephan Hofmeister, Vize-Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, ist dafür, positiv in die Zukunft zu blicken und keine Angst in der Bevölkerung für die voraussichtlich letzte Phase der Pandemie kommenden Winter zu schüren. "Die Menschen müssen mit klaren, eindeutigen und positiven Botschaften überzeugt werden."

(mit Material der dpa)

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