Etwa jeder fünfte Mensch, der wegen Covid-19 auf der Intensivstation landet, ist unter 50 Jahre alt.
Etwa jeder fünfte Mensch, der wegen Covid-19 auf der Intensivstation landet, ist unter 50 Jahre alt.Bild: iStockphoto / Povozniuk
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Weniger Intensivbetten als noch 2020: Mediziner appellieren an Impfnachzügler

01.11.2021, 13:2701.11.2021, 16:23

Es ist Anfang November, der Winter hat noch nicht einmal angefangen – und doch schlagen Intensivmediziner jetzt schon Alarm: Die Hospitalisierungsrate von Covid-19-Patienten steigt an, gleichzeitig arbeiten die Kliniken bereits seit Jahren an der Belastungsgrenze.

Die Lage hat sich seit 2020 sogar noch zugespitzt. Zum einen haben viele Menschen schwerwiegende Erkrankungen in der Coronakrise verschleppt und nicht behandeln lassen, zum anderen herrscht Fachkräftemangel in der Pflege. Und das hat Konsequenzen, wie Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gegenüber watson warnt.

"Teilweise wissen wir von Kliniken, in denen ganze Abteilungen stillliegen."
DIVI-Präsident Gernot Marx

Die Intensivstationen haben weniger betriebsbereite Betten als noch 2020

"Unser größtes Problem ist gerade, dass wir sehr viel weniger betriebsbereite Intensivbetten in ganz Deutschland verzeichnen als im vergangenen Herbst", sagt er. Denn es reicht nicht nur, ausreichend Betten in einer Klinik stehen zu haben – irgendjemand muss die Menschen, die darin liegen, auch betreuen können. Und das erfolgt nach einem vorgegebenen Schlüssel. "Wenn sie nicht für zwei Betten eine Pflegekraft zur Verfügung haben, wird das Bett nicht belegt, es wird gesperrt", erläutert Marx. "Teilweise wissen wir von Kliniken, in denen ganze Abteilungen stillliegen."

Zur Veranschaulichung: Vergangenes Jahr zu Halloween waren 28.970 Intensivbetten "betriebsbereit", dieses Jahr waren es nur noch 24.517 (Quelle: DIVI-Report, 31.10.21). Durch eine aktuellen Umfrage konnte das DIVI ermitteln, dass inzwischen in jedem dritten Bett deutscher Intensivstationen kein Patient mehr behandelt werden kann.

DIVI-Präsident Prof. Gernot Marx
DIVI-Präsident Prof. Gernot MarxBild: Janine Schmitz/photothek.de / Janine Schmitz

Diese nicht verfügbaren Betten sind aber nicht nur für Covid-19-Patienten ein Problem, sondern auch für alle anderen. Schließlich würden auf deutschen Intensivstationen "zu 80 bis 90 Prozent andere schwerst und lebensbedrohlich kranke Menschen" behandelt, wie der Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin am Uniklinikum Aachen weiter veranschaulicht. "Wir möchten und müssen alle optimal versorgen können. Und das wird jetzt aktuell bereits schwierig."

Denn gerade in eiligen Fällen ist die Suche nach einem verfügbaren Krankenbett eine Katastrophe: "Teilweise muss ein Notarzt zwanzig Kliniken abtelefonieren und dann 100 km weit fahren, um seinen Notfallpatienten an die Intensivmediziner übergeben zu können", so Marx.

Auf den Stationen sind dafür mehr Covid-19-Patienten als noch 2020

Politisch sind die Intensivstationen Deutschland besonders im Fokus, da die Hospitalisierungsrate von Covid-19-Patienten diesen Winter den Inzidenzwert als ausschlaggebenden Faktor für Corona-Schutz-Maßnahmen ablösen soll. Wie hoch der entsprechende Schwellenwert liegt, entscheiden die einzelnen Bundesländer selbst.

Aktuell sind 1.984 Menschen in Deutschland aufgrund einer Corona-Erkrankung in intensivmedizinischer Behandlung (Quelle: DIVI-Report, 31.10.21), über die Hälfte von ihnen muss invasiv beatmet werden. Und die Fallzahlen steigen. Beunruhigend daran ist auch, dass diese Zahl schon jetzt höher liegt als noch 2020 (1.944, RKI-Bericht 31.10.20).

Man habe derzeit also im Vergleich zum letzten Jahr mehr Covid-Patienten auf den Intensivstationen, aber gleichzeitig weniger Betten zur Verfügung, wie Marx noch einmal zusammenfasst. Und der Winter kommt erst noch.

Die Negativ-Entwicklung könnte durch Impfnachzügler ausgebremst werden

Zumindest die coronabedingte Hospitalisierungsrate könne allerdings immer noch ausgebremst werden, sind sich die Intensivmediziner einig. Und zwar durch weitere Impfungen.

Der DIVI-Präsident dazu: "Im Moment folgt die Intensivbettenbelegung wieder sehr klar der ansteigenden Inzidenz, allerdings dämpft die Impfquote den steilen Anstieg im Unterschied zu den vorangegangenen Pandemiewellen." Geimpfte Menschen sind vor gravierenden Corona-Erkrankungen besser geschützt und so braucht es bei hohen Impfquoten auch "eine höhere Inzidenz, bis die Intensivbetten vergleichbar stark mit Covid-Patienten belegt sind."

Die Altersstruktur der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen zeigt klar: Betroffen sind vor allem Menschen über 50 Jahre. Sie machen 81,5 Prozent der Patienten aus (Quelle: DIVI, 31.10.21). Betroffen sind auch und vor allem ungeimpfte Menschen. Neun von zehn der Corona-Patienten auf Intensivstationen waren ungeimpft, so meldete es das Bundesgesundheitsministerium auf eine Anfrage der Linken Ende September zuletzt. Die Behandlung dieser Fälle zieht Kapazitäten ab, die auch andere schwerkranke Menschen benötigten.

Schon eine nur um wenige Prozentpunkte steigende Impfquote könnte die Kliniken allerdings massiv entlasten, sind die Intensivmediziner sicher. Vergangenes Jahr hätte man der Coronawelle kaum etwas entgegensetzen können, doch nun habe es "jeder einzelne Bürger selbst in der Hand, wie stark die Auswirkungen durch die Virusverbreitung sein werden und ob es zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommen könnte", wie der DIVI mahnt.

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