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Carola Holzner ist Intensivmedizinerin und erlebt jeden Tag Covid-19-Patienten. Bild: screenshot / instagram

Interview

Oberärztin erklärt, warum sie müde und wütend ist: "Ohne Ziel ist es schwer, durchzuhalten, und ich glaube, das erleben viele Menschen momentan"

Mitten in der dritten Corona-Welle tauchen wieder Zweifel an der Sicherheit des Covid-19-Impfstoffs Astrazeneca auf. Die Ständige Impfkommission empfiehlt vorerst, das Mittel nur an Menschen über 60 Jahre zu verimpfen – da 31 jüngere, zumeist vorbelastete, Menschen in Deutschland kurz nach Ihrem Impftermin an einer seltenen Sinusvenen-Thrombose erkrankten.

Laut Paul-Ehrlich-Institut, das diese Fälle erfasst, wäre das nur ein Fall auf 100.000 Impfungen. Dennoch reagierten einige Bundesländer prompt – und vergeben vorerst kein Astrazeneca mehr an Jüngere. Das sind schlechte Nachrichten. Nicht nur, weil die Impfkampagne sowieso schon schleppend vorangeht, sondern auch weil derartige Vorfälle das Vertrauen in die Impfstoffe weiter senken. Und das unbegründet, wie Carola Holzner sagt.

Die 39-Jährige aus Essen ist leitende Oberärztin in der Notaufnahme und spezialisiert in den Bereichen Notfallmedizin und Intensivmedizin. Sie hat täglich mit Covid-19-Patienten zu tun und sprach mit watson über ihre eigene Erschöpfung in der Corona-Krise – und darüber, warum das Problem aus ihrer Sicht momentan nicht Astrazeneca an sich, sondern die Debatte darüber ist.

Sie sagt:

"Es muss deutlich werden: Astrazeneca ist ein guter Impfstoff und er ist sicher. Es gibt Nebenwirkungen, die wir beobachten, aber diese sind extrem selten."

watson: Sind die Menschen verunsichert durch die anhaltende Astrazeneca-Debatte?

Carola Holzner: Natürlich. Es fing ja schon bei der Zulassung des Impfstoffs damit an, dass die Wirksamkeit von Astrazeneca als schlechter beschrieben wurde als die anderer Vakzine. Sofort überlegten einige Menschen: Soll ich den Impfstoff überhaupt nehmen – oder dann lieber auf einen anderen warten? Schon damals habe ich vehement gegen die Zweifel angeredet, denn die Daten zur Wirksamkeit wurden oft falsch interpretiert. Denn im Endeffekt geht es doch darum, schwere Verläufe zu verhindern. Und diesen Schutz bietet Astrazeneca genauso wie beispielsweise das Vakzin von Biontec. Es ist ein guter Impfstoff.

Trotzdem wurde älteren Menschen vorerst von der Impfung mit Astrazeneca abgeraten.

Auch das war schlecht kommuniziert und hat zu unnötiger Unsicherheit geführt. Es hätte deutlich gemacht werden müssen, dass der Impfstoff nicht etwa schädlich für Ältere ist, sondern damals einfach nur die entsprechenden Daten für Menschen über 60 Jahre fehlten, um ihn sicher freizugeben.

Nun sprechen alle über mögliche Sinusvenen-Thrombosen, die im Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung stehen könnten.

Wir reden hier über extrem seltene potenzielle Nebenwirkungen, die auch nur eine bestimmte Gruppe von Menschen betreffen. Ich hätte in Anbetracht dieser Seltenheit vor dem Stopp geraten, man impft weiter, wenn auch unter strenger Beobachtung, und bietet Thrombose-Risikopatienten im Zweifelsfall vorerst ein anderes Mittel an. Den Stopp und dann die Wiederaufnahme empfinde ich als grenzwertig.

Wieso?

Es bedeutet maximale Verunsicherung. Stellen Sie sich vor, man steht im Impfzentrum an – und plötzlich werden die Astrazeneca-Spritzen vor den eigenen Augen wieder eingesammelt. Das macht jedes Vertrauen in die Impfkampagne zunichte. Ich kann aufgrund der aktuellen Datenlage verstehen, dass man sicherheitshalber das Alter der Impflinge anhebt, aber wir reden hier von extrem seltenen Nebenwirkungen. Wenn man anschaut, was Menschen sonst zu sich nehmen – da gibt es viel mehr Nebenwirkungen: Die Leute rauchen, trinken, nehmen bei Kopfschmerzen Ibuprofen und verhüten mit der Pille. Aber ausgerechnet bei einem Impfstoff werden alle nun extrem nervös. Es ist der einzige Ausweg aus der Pandemie.

Trotzdem sorgen sich über 60-Jährige nun vielleicht, die den Stoff weiter geimpft bekommen.

Es gibt keinen einzigen bekannten Fall von über 60-Jährigen, die nach der Impfung eine Sinusvenen-Thrombose bekommen haben. Ich sage ganz deutlich: Dieser Impfstoff ist für ältere Menschen sicher. Ich bin dafür, dass die Älteren Astrazeneca von den Hausärzten bekommen, die Jüngeren dann für Biontech und Moderna in die Impfzentren gehen.

"Die Leute rauchen, trinken, nehmen bei Kopfschmerzen Ibuprofen und verhüten mit der Pille. Aber ausgerechnet bei einem Impfstoff werden alle nun extrem nervös."

Wie ist das denn bei Menschen, die bereits mit Astrazeneca geimpft wurden? Beobachten Sie da eine gewisse Panik?

Ja. Alle haben jetzt plötzlich vermehrt Kopfschmerzen nach der Impfung. Oft ist das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Wenn ich auf Schmerzen warte, werden sie auch kommen. Die Menschen lesen von tödlichen Thrombosen, sind viel sensibler – und was vorher gar nicht als Schmerz wahrgenommen wurde, ist plötzlich ein Problem. Man muss ganz deutlich sagen: Wer eine Sinusvenen-Thrombose hat, erfährt nicht nur ein wenig Kopfweh, sondern so massive Schmerzen wie nie zuvor.

Wenn auch solche leichten Nebenwirkungen gemeldet werden – verzerrt das nicht die Statistik darüber, wie häufig sie allgemein auftreten?

Das kann sein. Wenn sich ausreichend Menschen mit echten oder vermeintlichen Kopfschmerzen nach einer Impfung melden, wird das irgendwann nicht mehr als sehr seltene, sondern als häufige Nebenwirkung aufgeführt. Auch hier mangelt es an Informationen: Ich erlebe momentan, dass vor allem junge Menschen drei Wochen nach der Astrazeneca-Impfung zum Arzt gehen, weil sie Kopfschmerzen haben und sich sorgen. Dabei hat man diese Nebenwirkungen entweder wenige Tage danach oder eben gar nicht – wenn sie überhaupt mit der Impfung in Verbindung stehen.

Erleben Sie denn auch Menschen, die sagen: 'Wenn keiner die Impfung von Astrazeneca will, nehme ich sie freiwillig'?

Ja, viele. In meinem direkten Umfeld sprechen mich schon Menschen an: "Bevor Astrazeneca jetzt übrig bleibt oder weggeworfen wird – kann ich das nicht kriegen? Ich wäre sofort bereit!" Diese Überlegung, Freiwilligen Astrazeneca zu impfen, steht ja auch im Raum. Ich fände einen Mittelweg gut. Menschen, die nicht zu Risikogruppen gehören, sollten sich freiwillig melden können. Aber der Arzt sollte das letzte Wort haben dürfen und es auch verweigern können, wenn er ein ungutes Gefühl hat, das Vakzin zu verabreichen. Schließlich trägt er die Verantwortung.

"Für die Impfgegner sind solche Impfstopps Wasser auf die Mühlen, das sieht man in den sozialen Netzwerken."

Würden Sie Astrazeneca guten Gewissens an eine gesunde, junge Frau verimpfen?

Der Impfstoff ist sicher. Auch ich selbst gehöre zu den jungen Frauen und würde mich mit Astrazeneca impfen lassen. Nur, wenn die Patientin bekanntermaßen ein erhöhtes Thrombose-Risiko hat, würde ich ein anderes Vakzin anbieten. Es ist nicht die richtige Zeit für Experimente.

Spielt diese Verunsicherung Impfgegnern in die Hände?

Ja. Für die Impfgegner sind solche Impfstopps Wasser auf die Mühlen, das sieht man in den sozialen Netzwerken. Die meisten von ihnen hätten sich allerdings auch schon vorher nicht impfen lassen wollen, nun fühlen sich umso mehr bestätigt. Aber natürlich geraten auch einige Zweifler ins Fahrwasser, die man mit guter einer Kommunikation der Lage nicht verloren hätte. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir Ärzte und die Gesundheitsministerien ihnen diese Ängste nehmen und eine klare Linie vertreten.

Wie kann das funktionieren?

Es muss deutlich werden: Astrazeneca ist ein guter Impfstoff und er ist sicher. Es gibt Nebenwirkungen, die wir beobachten, aber diese sind extrem selten. Die Impfungen aufgrund dieser Zweifel zu stoppen, ist indiskutabel. Wir sind in einer Pandemie! Wir haben ein globales Problem, dass wir zeitnah und zum Wohle aller beenden müssen, Impfungen sind der Schlüssel dazu.

Sie klingen müde und wütend. Als "mütend" bezeichneten Sie sich zuletzt auch in einem Ihrer Posts – was ist der Hauptgrund dafür?

Unsere Ziellosigkeit. Von Lockdown zu Lockdown zu eiern, ist kein Konzept. Ich fühle mich, als würde ich einen Marathon ohne Ziellinie laufen – und das erschöpft.

Das müssen Sie genauer erläutern.

Um bei diesem Bild zu bleiben: Wenn die Beine wehtun, man nach 15 Kilometern innehält, kann man sich wieder aufrappeln, sofern man weiß, was da noch auf einen zukommt und es ein Ende gibt. Dieses "Noch fünf Kilometer, dann hast du es geschafft"-Gefühl setzt Reserven frei. Aber ohne Ziel ist es schwer, durchzuhalten, und ich glaube, das erleben viele Menschen momentan. Wir haben doch alle brav mitgemacht, monatelang auf vieles verzichtet. Doch nun sind wir im Anstieg der dritten Welle und noch lange nicht durch mit dem Impfen. Das macht wütend und es macht müde.

Was ist die Lösung?

Klare Kommunikation kann helfen. Mir ist bewusst, dass wir alle noch nie durch eine Pandemie gegangen sind und Fehler passieren. Aber neben diesen kleinen Umwegen brauchen wir trotzdem einen Plan, wie wir gedenken, aus der Krise zu kommen. Diesen Plan haben wir nicht. Stattdessen gibt es ein Durcheinander an Lösungsansätzen, die verwirren und das Vertrauen nehmen. Ich verstehe schon lange nicht mehr, wo ich was darf, warum das Gartencenter aufhat, der Baumarkt aber nicht, warum die Friseure auf, die Schulen aber zu sind. Das ist nicht logisch. Die Politiker sind sich nicht einig, sie debattieren hin und her und das schadet am Ende uns allen.

Es fehlt also eine einheitliche Linie.

Mich erinnert das an unsere Arbeit im Schockraum. Da geht es um Leben und Tod, und wir stehen sicher nicht alle über einem Patienten in Not und beratschlagen erst einmal, was jetzt wohl die schlauste Lösung wäre. Da wird nicht diskutiert, sondern einmalig und konsequent entschieden, sonst droht der Patient, zu sterben. In Ruhephasen setzt man sich natürlich zusammen und überlegt, was man verbessern muss. Aber während des Notfalls braucht man einen, der den Hut aufhat und durchzieht. Das wünsche ich mir von der Politik.

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