Das Personal auf den Intensivstationen hatte trotz niedriger Sommer-Inzidenz kaum eine Verschnaufpause.
Das Personal auf den Intensivstationen hatte trotz niedriger Sommer-Inzidenz kaum eine Verschnaufpause.
Bild: Westend61 / Westend61
Analyse

"Es ist der Beginn einer Pandemie der Ungeimpften": Wie sich die Lage auf den Intensivstationen entwickelt

02.09.2021, 11:3102.09.2021, 13:00

Die Corona-Inzidenz steigt stetig in Deutschland – und mit ihr, wenn auch langsamer, die Zahl der Hospitalisierungen und die Zahl der Intensivpatienten. Dies lässt sich damit erklären, dass die Delta-Mutante zwar ansteckender ist, gleichzeitig aber inzwischen die Mehrheit der Menschen geimpft sind und somit meist nicht so schwer erkranken, dass sie ins Krankenhaus müssen.

Trotzdem sind in Deutschland noch 34,7 Prozent (Stand 1. September) ungeimpft – weil sie sich nicht impfen lassen wollen oder können. Und gerade bei älteren Menschen wurden vermehrt Impfdurchbrüche, also Covid-Infektionen trotz Impfung, festgestellt. Unter den Covid-Intensivpatienten sind nach aktuellen Zahlen des RKI 94 Prozent Ungeimpfte, auf den Normalstationen sind es etwa 90 Prozent. Die Hälfte der stationären Covid-Patienten ist jünger als 48 Jahre, bei der zweiten Welle lag dieser Median noch bei 77 Jahren.

Am Mittwoch kam die Meldung des RKI, dass seit dem 18. Juni erstmals wieder mehr als 1000 COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland behandelt werden.

Kann unser Gesundheitssystem es verkraften, wenn unter den ungeimpften Menschen eine Corona-Mutante wütet, die infektiöser und gefährlicher ist als die während der vergangenen Wellen?

watson hat mit Experten und Gesundheitspersonal gesprochen, wie die Lage auf den Intensivstationen aussieht.

Zahl der Intensivpatienten steigt wieder an

Jörn Wegner, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft, bestätigt, dass die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen tatsächlich seit einiger Zeit wieder stärker ansteigen. Dass 94 Prozent der Covid-Intensivpatienten nicht geimpft sind, kommentiert er gegenüber watson so: "Wir erleben derzeit den Beginn einer Pandemie der Ungeimpften." Und weiter: "Mit derzeit etwas über 80 Prozent sind die Intensivstationen leicht überdurchschnittlich ausgelastet – für die Sommerzeit sind Belegungsquoten von circa 70 Prozent normal."

Dies liege allerdings auch daran, dass immer noch verschobene Operationen aus den Phasen der vorherigen Corona-Wellen nachgeholt würden. "Trotz der aktuell steigenden Zahlen gehen wir nicht von ähnlich starken Belastungen für das Krankenhauswesen wie bei den ersten drei Wellen aus. Dass die Krankenhäuser aber auch Belastungsspitzen meistern können, haben sie in den vergangenen Monaten gut bewiesen", sagt Wegner.

Auch Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care des Aachener Universitätsklinikums, sagt in einer Pressemitteilung, die Situation sei derzeit noch "zu bewältigen". So bezeichnete auch der Sprecher der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Jochen Albrecht, die Situation vor einer Woche gegenüber watson als "noch entspannt".

"Innerhalb eines Monats ist die Zahl der schwerstkranken Covid-Patienten wieder von unter 400 auf über 1000 hochgeschnellt."
Sprecherin des DIVI, Nina Meckel

Eine Woche später erklärte nun aber eine weitere Sprecherin des DIVI, Nina Meckel: "Innerhalb eines Monats ist die Zahl der schwerstkranken Covid-Patienten wieder von unter 400 auf über 1000 hochgeschnellt. Das ist eine noch gut zu bewältigende Zahl, aber die rasante Entwicklung sollte selbstverständlich nicht so weitergehen." Jedoch sei laut Klinikdirektor Marx mit Sorge "zu beobachten, dass es regional jetzt schon zu erheblichen Belastungen der Intensivmedizin mit Patienten komme, die nicht an COVID-19 erkrankt sind."

Marx fordert einen Anzug des Impftempos in Deutschland, damit es nicht zu einer Überlastung der Stationen und des Personals komme. "Wir wissen mittlerweile aus der Forschung, dass die Steigerung der Impfquote – und sei es nur um wenige Prozentpunkte – schon eine große Auswirkung auf die Zahl intensivpflichtiger COVID-19-Patienten haben kann."

Corona wäre "I-Tüpfelchen" auf einem chronisch überlasteten Gesundheitssystem

Ricardo Lange ist Krankenpfleger und engagiert sich schon länger für eine Verbesserung des Gesundheitssystems – auf Instagram, aber auch in den Medien und gegenüber verschiedenen Politikern tritt er für seinen Berufsstand ein. Er ist wütend über die aktuellen Zustände und berichtet gegenüber watson aus seinem Krankenhaus-Alltag:

"Die Überlastung des Gesundheitssystems und gerade der Intensivstationen ist nicht erst seit Corona ein Problem, sondern schon lange vorher. Ganz egal, ob Corona oder nicht Corona, die Pflegekräfte sind am Limit und es gibt viele, die kündigen, weil sie einfach nicht mehr können."

Und weiter: "Wenn jetzt Corona kommt, ist das das I-Tüpfelchen. Man hat quasi den ganzen Sommer verpennt und wieder nichts Signifikantes erlassen, um die Situation der Pflegekräfte zu verbessern."

Seine Prognose für den Herbst ist besorgniserregend. "Sollten die Zahlen im Herbst wieder steigen, finde ich es einfach nicht in Ordnung, dass man die Pflegekräfte so hängen lässt." Sorgen bereitet ihm dabei noch etwas ganz anderes: "Die Patienten leiden darunter. Umso mehr Patienten eine Pflegekraft betreuen muss, desto mehr muss sie ihre Aufmerksamkeit aufteilen und umso mehr Fehler können passieren. Es können so viele Fehler passieren, wenn man unter Zeitdruck steht", sagt Lange gegenüber watson.

"Ganz egal, ob Corona oder nicht Corona, die Pflegekräfte sind am Limit und es gibt viele, die kündigen, weil sie einfach nicht mehr können."
Pflegekraft Ricardo Lange gegenüber watson

Ricardo Lange fordert von der Politik, das Gesundheitssystem endlich zu verbessern. "Das Gesundheitssystem ist die ganze Zeit schon überlastet, es funktioniert nur, weil die Pflegekräfte emotional erpressbar sind. Nur, weil die Pflegekräfte immer wieder aus dem Urlaub oder der Freizeit zurückkommen und einspringen."

Die Situation auf den Intensivstationen sei schon lange problematisch: "Es gibt immer wieder Intensivstationen, die entweder alle Betten befahren (belegen, Anm. d. Red.), zulasten der Pflegekräfte, wo dann eine Pflegekraft vier Patienten betreuen muss. Und andere Intensivstationen, die nicht mehr alle Betten zum Schutz der Pflegekräfte befahren, aber das senkt wiederum die Aufnahmekapazitäten."

"Wie schlimm der Herbst wird, liegt in unserer Hand"

"So oder so ist die Situation auch außerhalb Corona schon blöd. Und Corona passt einfach nicht mehr oben drauf. Der Rucksack, den die Pflegekräfte tragen, ist voll und mehr passt da einfach nicht rein", erklärt Lange.

"Umso mehr Patienten eine Pflegekraft betreuen muss, desto mehr muss sie ihre Aufmerksamkeit aufteilen und umso mehr Fehler können passieren."
Intensivpfleger Ricardo Lange

Jochen Albrecht, Sprecher der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, sagt gegenüber watson: "Noch sind wir nicht über den Berg und auch in diesem Herbst kann es zu einem Anstieg der Hospitalisierungen kommen. Wie dieser ausfällt, liegt in unserer Hand. Je mehr Menschen geimpft sind, umso entspannter können wir den kommenden Monaten entgegensehen."

Derzeit sind 3.401 Intensivbetten belegt und 19.135 frei (Stand 1.9.) Das ergibt einen Satz von etwa 17 Prozent freien Betten. Dies hört sich nach wenig ein, ist laut Intensivregister aber noch relativ normal. Hierzu steht auf der Website des Intensivregisters: "Problematisch wird jedoch ein freier Bettenanteil von unter 15 Prozent oder sogar unter 10 Prozent. Insbesondere wenn dies in mehreren Regionen und Häusern gehäuft und über längere Zeiträume auftritt."

Belegung Intensivbetten
Im Durchschnitt verfügt eine Intensivstation über 10-12 betreibbare Betten. Eine Verfügbarkeit von 10 Prozent bedeutet demnach ein freies Bett im Intensivbereich, das für die Behandlung eines Schlaganfalls, eines Herzinfarkts, eines Unfallopfers, eines Trauma-Patienten sowie für einen COVID-19-Patienten zur Verfügung steht. Dieses Bett muss also zur Verfügung stehen, um den nächsten Notfall versorgen zu können.

Manuel Wenk ist Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf. Er erzählt watson aus seinem Klinikalltag:

"An der Statistik sieht man, wie die Zahlen der Covid-Patienten in ganz Deutschland langsam wieder hochgehen. Dasselbe sehen wir genau eins zu eins bei uns auf der Station. Wir hatten jetzt vor den Sommerferien praktisch null Patienten auf der Intensivstation. Und jetzt sehen wir seit zwei Wochen doch wieder eine deutliche Zunahme der Patientenzahlen. 15 bis 20 Prozent unserer Betten sind derzeit mit Covid-Patienten belegt."

Ein Unterschied zu den ersten Wellen zeichnet sich aber deutlich ab. "Im Moment sehen wir nur ungeimpfte Patienten auf der Intensivstation. Das ist aber auch nicht nur ein Phänomen von uns, sondern wenn sie mit Kolleginnen und Kollegen von anderen Krankenhäusern sprechen genauso." All diese Patienten seien ausschließlich mit der Delta-Variante infiziert und außerdem deutlich jünger. "Grob vereinfacht gesagt: Wenn du über 35 Jahre bist, erkrankst du in der Regel deutlich schwerer an Covid", sagt Wenk.

Wie die vierte Welle sich entwickeln wird, sei dabei schwer einzuschätzen. "Das ist eine relativ neue Situation, insofern als dass wir jetzt einen großen Teil von Menschen haben, die geimpft sind. Und wir wissen noch nicht genau, was passiert. Also wie viel der Geimpften am Ende auf Intensivstationen landen und wie schwer sie an Covid erkranken können", erklärt Wenk. Mit der aktuellen Anzahl an Patienten könne man momentan aber noch gut umgehen.

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