Der Herbst ist da, und die Corona-Fallzahlen steigen wieder: Muss uns das beunruhigen?
Der Herbst ist da, und die Corona-Fallzahlen steigen wieder: Muss uns das beunruhigen?Bild: Getty Images Europe / Michele Tantussi
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Neue Coronawelle: Experten erwarten Ansteigen der Infektionen, aber milde Krankheitsverläufe

26.10.2021, 11:0226.10.2021, 16:05

Der Herbst ist angekommen in Deutschland, und das nicht nur im meteorologischen Sinn: Die Jahreszeit weckt unangenehme Erinnerungen an die eineinhalb vergangenen Pandemiejahre. Gerade jetzt, wo die Nachrichtenlage zu Corona noch durch vergleichsweise positive Aussichten wie das Ende der pandemischen Lage und höhere Impfquoten unter Erwachsenen bestimmt wurde, bringen die aktuellen Infektionszahlen die harte Corona-Realität zurück.

Die Analogie zum letzten Coronawinter lässt einen schaudern

Die 7-Tage-Inzidenzwerte in Deutschland liegen wieder im dreistelligen Bereich, für den gestrigen Montag vermeldete das Robert-Koch-Institut (RKI) einen Wert von 110 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Nicht nur der Vergleich zum 7-Tage-Inzidenzwert von Ende September 2021 mit 63 Fällen pro 100.000 Einwohner wirkt beunruhigend. Noch Schlimmeres bringt der Blick zurück, auf den Oktober 2020, zu Tage: Am 31. Oktober meldete das RKI eine deutschlandweite Inzidenz von 110. Da kann es einen schon schaudern, angesichts dessen, was der darauffolgende Winter 20/21 bereit hielt: Restaurants, Theater und andere Freizeitstätten schlossen. Bundeskanzlerin Merkel stimmte die Deutschen auf einen "schweren Winter" ein.

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) stellte sich trotz aktuell steigender Fallzahlen am Wochenende hinter die Forderung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die pandemische Lage nationaler Tragweite Ende November zu beenden. "Die Pandemie ist zwar nicht vorbei, aber sie hat durch Impfungen ihren Schrecken verloren" sagte er in der "Bild am Sonntag". Nur warum fühlt sich das gerade nicht so an? Der Schrecken scheint, ganz im Gegenteil, wieder da zu sein. So sieht das, laut einer Insa-Umfrage für die "Bild am Sonntag", wohl auch eine Mehrheit der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger, für die vergangenen Freitag 1005 Menschen befragt wurden. So glauben 63 Prozent, dass die aktuellen Maßnahmen genau richtig oder nicht weitgehend genug sind. Nur 35 Prozent halten sie für übertrieben. Und 56 Prozent haben Angst vor einer neuen Corona-Welle im Winter.

Was kann uns also noch bevorstehen in diesem Jahr? Sind aufgrund der geschätzten Impfquote von 66 Prozent der Gesamtbevölkerung ein extrem steiler Anstieg der Fallzahlen-Kurve, ein anhaltender Anstieg bei den Patientenzahlen in Kliniken und ein erneuter Lockdown ausgeschlossen? Die Antworten der Experten lassen sich auf die kurze Formel bringen: Es ist gerade schwer vorherzusagen. Das hängt nicht nur von der Impfquote ab. Auch das Verhalten der Bevölkerung, politische Entscheidungen und etwaige weitere Mutationen des Virus können die Lage kurzfristig beeinflussen. Watson hat die Antworten auf die wichtigsten Fragen zusammengefasst.

Muss mich der aktuelle dreistellige Inzidenzwert beunruhigen?

Wenn man individuelle Risikowerte wie Vorerkrankungen und Lebensstil außer Acht lässt, solltest Du geimpft und unter 60 Jahre alt sein: Nein. Im Gegenteil, wie der Immunologe Prof. Carsten Watzl kürzlich gegenüber Watson sagte: "Aus immunologischer Sicht wäre eine Impfung und im Nachgang eine Infektion ideal." Bei Jüngeren ohne Vorerkrankung sei das Risiko bei einer Durchbruchsinfektion überschaubar. Seit Beginn der Impfkampagne gab es in Deutschland bei den 18- bis 60-jährigen Geimpften sechs Todesfälle, bei den Ungeimpften in der gleichen Altersgruppe 1200 Tote.

In der am stärksten gefährdeten Gruppe der über 60-Jährigen ist das Risiko schon deutlich höher, bei einer Infektion stationär versorgt werden zu müssen. In dieser Altersgruppe müssten etwa 20 Prozent der Covid-19-Fälle ins Krankenhaus. Bei dieser Gruppe bestehe zudem noch eine Impflücke, sagte Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie zur Deutschen Presse-Agentur. Die Zielimpfquote des RKI bei Menschen über 60 liegt bei 90 Prozent. Aktuell sind die meisten Menschen, die nach einer Infektion intensivmedizinisch betreut werden, ungeimpft, alt oder haben Vorerkrankungen. Ärzteverbände und Patientenschützer fordern deutlich mehr Tempo bei den Drittimpfungen für Hochbetagte und Vorerkrankte. "Boosterimpfungen für die vulnerablen Gruppen werden gerade mit Blick auf die steigenden Zahlen dringend gebraucht", sagte Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes der niedergelassenen Ärzte, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, beklagte den "schleppenden Verlauf" der Auffrischimpfungen. "Die Kassenärztlichen Vereinigungen tragen die Verantwortung dafür, dass nach gut drei Monaten gerade mal zwölf Prozent der über 70-Jährigen ein drittes Impfangebot erhalten haben", sagte Brysch dem Blatt. "Für Pflegeheimbewohner, ambulant versorgte Pflegebedürftige und Krankenhauspatienten wird der Corona-Schutzschirm sogar immer schwächer", sagte Brysch.

Warum steigen denn die Inzidenzwerte überhaupt wieder so stark an, obwohl laut RKI etwa 84 Prozent der Erwachsenen geimpft sind?

Das RKI erklärt diese Entwicklung so: Die Impfung schützt zwar, je nach erhaltenem Impfstoff, zu einem Wirkungsgrad zwischen 60 und 95 Prozent vor einer Covid-19-Infektion. Aber eben nicht zu 100 Prozent. Daher sind Infektionen auch bei Geimpften nie ganz zu verhindern. Zudem beziehen sich die angegeben Wirkungsgrade auf den Status kurz nach der vollständigen Impfung. Doch die ist bei den meisten Menschen in Deutschland schon wieder einige Wochen oder sogar Monate her. Nach einer relativ kurzen Zeit lässt die Antikörperproduktion im menschlichen Körper nach, eine symptomatische Infektion ist dann wieder möglich.

Dazu kommt: Wenn immer mehr Menschen geimpft sind, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Erkrankten Geimpfte sind. Fallzahlen und Infektionsdynamik spielen eine zusätzliche Rolle. Aktuell breitet sich das Virus jahreszeitlich bedingt und aufgrund der ansteckenderen Delta-Variante wieder stärker aus, die Inzidenzen steigen – dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen und sich zu infizieren. Der Immunologe Carsten Watzl kann auch hier beruhigen: "Wir impfen nicht, um symptomatische Infektionen zu vermeiden, sondern um schwere Verläufe zu verhindern."

Was bedeutet die aktuelle Entwicklung für den Alltag der bevorstehenden Herbst- und Wintermonate?

Grundsätzlich erwarten Experten ein weiteres Ansteigen der Infektionszahlen für die weiteren Monate. Die Zeit, in der sich Menschen drinnen aufhalten und damit automatisch das Ansteckungsrisiko steigt, hat schließlich gerade erst begonnen. Dennoch zeigt sich der Immunologe Carsten Watzl vorsichtig optimistisch, gerade auch wegen der vom RKI vermuteten Untererfassung der offiziellen Impfquote bei Erwachsenen: "Wir könnten es mit den aktuellen Maßnahmen schaffen, gut durch den Winter zu kommen."

Aber man müsse die Situation genau beobachten und Maßnahmen etwa von 3G auf 2G verschärfen, sollte es einen deutlichen Anstieg der Krankenhausbelegung geben, so Watzl gegenüber der dpa. Auch für die Münchner Virologin Ulrike Protzer sind die steigenden Infektionszahlen kein Grund zur Panik. Man müsse aufmerksam damit umgehen. Schließlich habe man gelernt, was zu tun sei – nämlich Abstand halten, und wer sich schützen wolle, müsse sich impfen lassen, sagte Protzer dem Bayerischen Rundfunk.

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warnt gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vor stark steigenden Infektionszahlen bei Kindern. Vor allem, da Kinder unter 12 noch ungeimpft und dadurch auch dem Long-Covid-Risiko ausgesetzt sind. "Wir werden nach den Herbstferien deutlich mehr Ausbrüche in den Schulen erleben, weil die Kinder nicht mehr lange lüften können", sagte er mit Blick auf den heranziehenden Winter. "Auch in den Betrieben wird es Ansteckungsketten geben. Dasselbe gilt für Bars und Restaurants. Wir haben einen kontinuierlichen Anstieg zu erwarten."

Lauterbach plädiert für verstärktes Testen: "Dreimal in der Woche testen, das wäre mein Vorschlag, morgens mit Antigen-Tests, weil diese die vorherrschende Delta-Variante sehr zuverlässig erfassen." Dazu solle es fünf Testtage hintereinander für Kontaktpersonen von Infizierten geben. "So könnten wir die unkontrollierte Pandemie an den Schulen praktisch beenden." Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, meinte zur Lage an den Schulen im kommenden Herbst und Winter: "Bundesweit betrachtet sind die Schulen in diesem Herbst in Sachen Gesundheitsprävention besser aufgestellt als vor einem Jahr, die Impfquote unter den Beschäftigten in den Schulen ist außerordentlich hoch." Dennoch seien viele Schulen immer noch nicht ausreichend mit Luftfiltern ausgestattet. "Hier herrscht dringender Handlungsbedarf", sagte sie.

(mit Material von dpa und afp)

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