Die Corona-Pandemie hat den Trend zur Digitalisierung in unserem Alltag enorm beschleunigt.
Die Corona-Pandemie hat den Trend zur Digitalisierung in unserem Alltag enorm beschleunigt.Bild: iStockphoto / Ridofranz
Analyse

So hat Corona unser Leben verändert: Das sind die Megatrends

21.10.2021, 10:1921.10.2021, 15:03

Seit fast zwei Jahren befindet sich Deutschland im dauerhaften Ausnahmezustand. Die Pandemie wies wie unter einem Brennglas auf Missstände, dringenden Veränderungsbedarf und auf lange bestehende Probleme hin: Der Verzug bei der Digitalisierung, die Abhängigkeit unserer Wirtschaft in einer globalisierten Welt, der Mangel an Pflegekräften und Erziehern und deren miese Bezahlung, um nur einige Beispiele zu nennen. Das Coronavirus veränderte unser Leben spürbar – auf negative und positive Weise: weniger soziale Kontakte, mehr Puzzeln und Fernsehabende. Mehr Home Office, weniger Arbeitsreisen oder aber auch mehr Kinderbetreuung und weniger Zeit für sich. Nun steht die Frage im Raum, die "pandemische Lage" zu beenden, wie es Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) derzeit fordert. Die Pandemie steuert wohl offiziell auf ihr Ende zu, doch welche Art von Gesellschaft lässt das Coronavirus zurück? Welche Trends bleiben und welche gehen wieder?

watson spricht mit dem Zukunftsforscher und Publizist Eike Wenzel über die 15 Megatrends und welche davon Corona beeinflusst hat.

Institut für Trend- und Zukunftsforschung (its) heißt das von Eike Wenzel gegründete Zentrum, in der er mit seinem Team auf wissenschaftlicher Basis wie Umfragen und Studien die Trends der Zukunft erforscht. Diese gliedern sich in Megatrends (Reichweite 30 bis 50 Jahre), Technologietrends (zehn bis 20 Jahre), Gesellschaftstrends (zehn bis 20 Jahre) und Konsum beziehungsweise Lebensstiltrends (fünf bis zehn Jahre).

Während Corona einige Verhaltensweisen wie das Home Office nur kurzfristig verändert haben und viele Menschen bereits wieder regelmäßig ins Büro gehen, gibt es auch langfristige Folgen der Pandemie. So hat das Virus auch die Megatrends unserer Gesellschaft in mancher Weise beeinflusst: "Corona hat viele Trends, die schon sehr stark waren, beschleunigt und deutlicher gemacht", so Wenzel im Gespräch mit watson. "Es hat aber auch Trends hervorgebracht, wie die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben, wie soll Gesellschaft aussehen?" Vor allem die bereits bestehenden Megatrends Digitalisierung, Klima und Gesundheit wurden durch Corona geprägt.

Das sind die 15 Megatrends
Die folgenden Megatrends sind eine bloße Auflistung und nicht nach ihrer Bedeutung angeordnet.
1. Neo-Ökologie (Klimawandel)
2. Powershift (Energiewende und Infrastrukturen)
3. Rohstoffe (Wasser, Metalle, Agrar)
4. Neo-Urbanisierung
5. Multipolare Weltordnung/Migration
6. Demografischer Wandel
7. Gesundheit
8. New Work
9. Digitalisierung
10. Mobilität
11. Individualisierung
12. (Digitale) Bildung
13. Dezentralisierung
14. Familie 2.0
15. Ungleichheit
Institut für Trend- und Zukunftsforschung

Corona beeinflusst die Megatrends Digitalisierung, Klima und Gesundheit

"Der Megatrend Digitalisierung hat sich tatsächlich verstärkt durch Corona. Ärzte mussten ihre Dienstleistungen schnell digitalisieren und auch die Arbeitswelt musste stärker im digitalen Raum agieren." Oft seien Technologien eingesetzt worden, die es eigentlich schon länger gab. Doch generell hätten die Unternehmen gut gehandelt, weil sie schnell Ressourcen zur Verfügung gestellt hätten.

Das Thema Gesundheit wurde zum weiteren Megatrend: "Gesundheit aktiv sicherstellen zu können, ist ein großes Bedürfnis vieler Menschen weltweit", so Wenzel gegenüber watson. Und zwar auch von denjenigen Menschen, die sich das gar nicht wirklich leisten können. "Durch Corona hat sich an unserem Gesundheitssystem vieles verändert, ebenso wie an unserem Gesundheitsbewusstsein. Wir stellen fest, dass das Vertrauen der Menschen in digitale Gesundheit tatsächlich gewachsen ist."

Auch die Einstellung zur Klimakrise hat Corona entscheidend verändert: "Wass für uns ein ganz, ganz dominanter Megatrend ist, ist natürlich der Klimawandel, zu dem auch Erneuerbare Energien gehören", so Wenzel gegenüber watson. Jedoch sei die Hoffnung vieler Menschen, dass mit der Corona-Pandemie eine Art Entschleunigung und Besinnung einhergehe, enttäuscht worden. Keine Überraschung für den Zukunftsforscher, der erklärt, die Klimakrise sei einfach zu abstrakt und zu weit weg, um durch die Corona-Pandemie gelöst zu werden. Hier brauche es einen Green New Deal, wie es Wenzel auch in seinem Buch "Das neue grüne Zeitalter" fordert.

Dieser sei notwendig, um die Klimakrise zu bewältigen: "Im Grunde geht es darum, dass wir unsere Wirtschaft auf neue Füße stellen, also aus der fossilen Energiegewinnung aussteigen. Wir dürfen keine Rohstoffe mehr verbrennen", sagt Wenzel im Gespräch mit watson. Er glaube daran, dass in der Gesellschaft ein Nachdenken eingesetzt hat. Diese Zustimmung zum Klimaschutz müsse aber von der Politik tatsächlich umgesetzt werden: "Bei uns in Deutschland wird jetzt entscheidend sein, welche neue Regierung wir bekommen. Dabei wird der Green New Deal meines Erachtens in einer Post-Corona-Ära das große Projekt sein", so der Zukunftsforscher.

Ungleichheit wird durch Corona verstärkt

Leider hat Corona die Welt nicht nur verbessert, auch die Ungleichheit ist gewachsen – unter anderem in eben den Bereichen Digitalisierung, Klima und Gesundheit: "Das Thema Ungleichheit ist durch Corona leider auch geboostet worden. Gerade am Beispiel USA haben wir konkret festgestellt, dass dieses Corona-Virus, das erstmal so neutral wirkt, sich unterschiedlich auswirkt. So zeigte sich, dass Schwarze schneller dran erkrankten aufgrund sozialer Umstände", so Wenzel. In Amerika leiden Schwarze und Latinos unter schlechterer Gesundheitsversorgung und Arbeitsbedingungen und haben deshalb ein höheres Risiko, an Corona zu sterben, wie die amerikanische Zeitung Washington Post im April 2020 ermittelte.

Den Lösungsvorschlag für diese durch Corona verstärkte oder auch einfach nur stärker offengelegte Ungleichheit liefert der Zukunftsforscher gleich mit: der Green New Deal. "Die Industrie braucht ein völlig neues Betriebssystem. Mit dem Green New Deal können wir neue und bessere Arbeitsplätze schaffen und so etwas wie Ungleichheit angreifen", erklärt er gegenüber watson. Dies nenne sich "sozial ökologische Transformation". Ob der Green New Deal alleine jegliche Ungleichheit beseitigen kann, ist fraglich: vielleicht aber ist er aber immerhin ein Anfang.

Eike Wenzel jedenfalls hat Hoffnung, dass die Politik den Green New Deal umsetzen kann – auch dank Corona, das Veränderungen in der Einstellung von Politik und Gesellschaft ausgelöst hat: "Meine Beobachtung ist, dass wir gelernt haben, wie stark wir aufeinander angewiesen sind und wie stark es in die Hose gehen kann, wenn wir uns nicht international vernetzen", sagt er Hinblick auf die vielen Corona-Toten. "Ich denke, dass bei vielen Leuten der Glaube, dass wir nur als Weltgesellschaft zusammen etwas tun können, stärker geworden ist."

Von vielen gesellschaftlichen Chancen und einer Abstrafung des Establishments spricht Wenzel mit watson. Jedoch in dem Sinne, dass "man nicht konservativer wird, aber sich nach neuen Allianzen zu Themen wie Solidarität, Integrität und Sicherheit in der Gesellschaft umsieht. Diese Werte und Begriffe sind im Moment tatsächlich wichtig – gerade nach Corona."

Eine Krise wird als ein Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Konfliktentwicklung in einem sozialen System verstanden, dem eine massive und problematische Funktionsstörung über einen gewissen Zeitraum vorausging. So lässt sich hoffen, dass die Corona-Krise sich im Nachhinein gesehen statt als Tragödie als Wendepunkt für eine bessere Gesellschaft entpuppt.

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