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Diese deutsche Stadt soll Drehscheibe für weltweiten Opium-Handel sein

Jonas Mueller-Töwe

Von Düsseldorf aus versorgt ein Mann die Welt mit Opium und anderen harten Drogen. Seine Partner sitzen in Amerika, Asien, Australien und dem Nahen Osten. Haftstrafen gehören zum Geschäft.

08.05.18, 19:36 08.05.18, 22:12

Düsseldorf, Bahnhofsnähe: N. führt ein beschauliches, ein einfaches Leben. Der 63-Jährige bezieht Hartz IV, ist seit 1985 als politischer Flüchtling in Deutschland. Er schwelgt nicht öffentlich im Luxus, nennt keine Villa sein eigen, nur 50 Quadratmeter in einem Mehrfamilienhaus. Nach außen gibt es kaum Anzeichen für die Geschäfte des Deutsch-Iraners: Als Kopf eines internationalen Drogenrings saß er acht Jahre im Gefängnis – und soll sich laut Ermittlern kurz darauf wieder an den Aufbau eines weltweiten Syndikats gemacht haben. Sein Business: Opium. Kokain. Crystal Meth.

Einen vagen Hinweis darauf liefert die Homepage des Import-Export-Unternehmens, das auf seinen Sohn registriert ist:

"Das Ohr am Puls des Welthandels ... Ob auf der Straße, auf der Schiene, auf dem Wasser oder in der Luft ... Sprechen Sie mit uns – wir bringen Ihre Waren an den Zielort oder holen Sie, von wo immer Sie wollen, hierher."

Zitiert nach Homepage des Import-Export-Unternehmens.

Das ist zumindest doppeldeutig. Fahnder sind überzeugt: Während das Geschäft seines Sohnes die legale Kulisse bildet, ist N. 15 Jahre nach seiner ersten Verhaftung wieder dick im Drogengeschäft. Als sie Mitte März mit Spezialeinsatzkräften 30 Wohnungen und Geschäftsräume in Düsseldorf und Wuppertal, in Pulheim, Mettmann und Remscheid stürmen, klicken auch bei ihm die Handschellen. 71 Kilogramm harte Drogen finden die Ermittler, dazu 400.000 Euro Bargeld. Peanuts im Schmugglerbusiness. Vor 15 Jahren stellten die Ermittler in einem ersten Verfahren gegen N. fast vier Mal so viel Opium sicher. N. und seine Komplizen wanderten für Jahre in den Knast.

Auch potentielle Konsumenten sollten sich mit der Wirkung von Drogen auskennen:

Doch das Drogennetzwerk scheint widerstandsfähig und flexibel: Aus Düsseldorf am Rhein streckt es sich auch im Jahr 2018 noch nach Afghanistan und Iran, in die USA und Kanada, nach Australien und Japan. Es ist einer der größten Kriminalfälle der Bundesrepublik – und erfährt kaum Aufmerksamkeit. Es ist ein Multimillionengeschäft.

Afghanistan, der größte Produzent von Opium und Heroin

Mohnanbau in Afghanistan: Aus den Knollen wird Opium gewonnen. Aus Opium wird Morphin, aus Morphin wird Heroin hergestellt.  Bild: Watan Yar/dpa)

Afghanistan ist seit Jahrzehnten der größte Produzent von Opium und Heroin weltweit. Doch im Jahr 2003 wird den Düsseldorfer Schmugglern der Boden dort wohl kurzfristig "zu heiß", vermuten deutsche Ermittler. Eine große Lieferung muss schnell außer Landes gebracht werden. Nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center hat der Westen die Herrschaft der islamistischen Taliban beendet – der Krieg gegen den Terror ist aber noch lange nicht vorbei, das Land längst nicht stabilisiert. In vielen Regionen ringen Warlords, Taliban und Nato-Kräfte um Dominanz. Teure Ware kann schnell in Gefahr geraten – je nachdem, wer gerade die Oberhand behält, mit wem man sich zuvor verbündet hat.

Das Netzwerk nach Deutschland steht zu diesem Zeitpunkt bereits, über den Iran gibt es potenzielle Lieferwege. Üblicherweise fließen große Lieferungen per Lkw über den Balkan nach Deutschland. Dort passieren fast 25.000 Fahrzeuge täglich beispielsweise den Grenzübergang Suben auf der A3. Bei großem logistischen Aufwand können davon nur etwa 100 täglich kontrolliert werden. Vermutlich nimmt auch die große Lieferung nach Düsseldorf diesen Weg – so wie andere zuvor und danach.

Düsseldorf, Drehscheibe für den weltweiten Handel

Die Altstadt in Düsseldorf: Die Landeshauptstadt ist offenbar seit Jahrzehnten die Drehscheibe des internationalen Drogenrings. Bild: dpa

"Unauffällig", so beschreiben die Behörden die Männer, die Anfang der Nullerjahre in Düsseldorf und im Bergischen Land mit dem Drogenschmuggel ihr Geld verdienen. Die Iraner und Italiener sind Pizzabäcker, Taxifahrer, Ladendetektive. N. betreibt ein Geschäft mit orientalischen Teppichen. Das eigentliche Geschäft ist allerdings Rohopium, konkret: der internationale Handel damit. Nach Skandinavien reichen die Kontakte, nach Großbritannien – und in die USA.

Spice ist zwar mitunter legal – trotzdem kann es tödlich sein.

Mit wenig Aufwand kann der getrocknete Saft der Mohnkapseln in provisorischen Laboren zu Heroin verarbeitet werden. Die Gewinnspannen sind gigantisch. Ein Kilo Rohopium wechselt in Afghanistan zu dieser Zeit schon für maximal 200 Dollar den Besitzer – ein Kilo Heroin ist knapp 45.000 Dollar wert.

Düsseldorf ist die Drehscheibe für den weltweiten Handel. In der Wohnung von N. drehen Komplizen das Opium durch den Fleischwolf, bevor sie es zu Platten pressen und in Koffer packen. Ein doppelter Boden soll die Drogen vor Entdeckung schützen – denn die Koffer müssen durch Flughafenkontrollen und durch den Zoll. Ihr Ziel: der US-Bundesstaat Kalifornien. Dort sitzen N.s Ansprechpartner für die Deals. Allein zwischen 2001 und 2003 fliegt er 13 Mal dorthin. Auch seine Komplizen machen sich immer wieder auf den Weg. Stets im Gepäck: Rohopium im Millionenwert.

N. selbst nimmt im April 2002 elf Koffer mit auf die Reise – unwissentlich begleitet von einem Informanten der US-Antidrogenbehörde DEA. Denn sowohl in Los Angeles als auch in Deutschland sind die Behörden dem Ring bereits auf der Spur.

L.A., hier landet das Opium beim "Boss der Bosse"

Los Angeles: In der kalifornischen Metropole sitzen N.'s Kontaktmänner – und verteilen das Opium an ihren lokalen Ring. Bild: ZUMA Wire

Im Golden State an der US-Westküste lebt der iranische Geschäftsmann L. – die Staatsanwaltschaft wird ihn später den "Boss der Bosse" nennen. Zu ihm bringen N. und seine Kuriere das Opium. Wer letzten Endes die Fäden zieht, das Sagen hat zwischen den beiden Partnern – darüber herrscht in deutschen und US-amerikanischen Polizeikreisen offenbar nicht unbedingt Einigkeit. Wahrscheinlich ist es ein Geben und Nehmen.

Nach außen hin ist L. ein erfolgreicher iranischer Unternehmer, sein Juweliergeschäft in Downtown Los Angeles liegt direkt gegenüber der Bank of America. Im Bundesstaat Arizona wird er bereits wegen mutmaßlichen Opiumbesitzes gesucht. Den Drogenschmuggel, vermuten die Fahnder, organisiert er aus seinem Wohnort, dem kalifornischen Surferparadies Santa Monica.

Das Opium wird an Dealer der mittleren Vertriebsebene verteilt. Der Erlös aus dem Verkauf fließt angeblich in Grundbesitz, Immobilien und Eigenheime, in Luxuskarossen und mehrere GmbHs. Bilder der Drogenfahnder zeigen unter anderem einen weißen Mercedes CLS und einen schwarzen SUV, Modell: Cadillac Escalade. Mehr Geld soll auf verschlungenen Wegen das Land verlassen. Wohin, ist noch unklar.

Auch N. organisiert laut den US-Ermittlern von Kalifornien aus seine Finanzen. Er zahlt große Summen bei amerikanischen Banken ein, die auf seine Konten in Deutschland und die Schweiz überwiesen werden. Von dort fließen Teile davon in den Iran. An wen genau? Auch das ist bis heute nicht bekannt.

Deutsche Ermittler des Landeskriminalamtes in NRW werden über 15 Jahre später allerdings feststellen, dass der politische Flüchtling aus dem Iran immer wieder dorthin zurückreist, dort sogar Bankkonten unterhält. "Das wirft Fragen auf", sagen sie. Ist er dort nicht in Gefahr?

Ermittler vermuten ein weltweites Syndikat

Mehr Opium wurde in der Geschichte der Bundesrepublik nie auf einen Schlag sichergestellt: 2003 präsentieren die Ermittler den Fund, den sie bei N. gemacht haben. Bild: dpa

N. und seine Bande haben im Jahr 2003 – kurz bevor die Polizei das erste Mal zuschlägt – mehr Informationen, als sie eigentlich haben dürften. Die Italiener, mit denen das iranische Netzwerk in Deutschland zusammenarbeitet, haben verdeckten Ermittlern 100 Kilo Rohopium angeboten. Die planen nach mehreren Probekäufen von kleineren Mengen den Zugriff. Weil die Italiener Wind von der Sache bekommen, ziehen die Fahnder die Razzia vor. 200 Polizeibeamte rücken gemeinsam mit US-Fahndern gegen den Drogenring aus, verhaften sieben Personen, beschlagnahmen über 270 Kilogramm Rohopium.

Das vorläufige Ende des Schmuggels? Fehlanzeige.

Zwar wird nicht nur N. nach einem Prozess unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zu einer langen Haftstrafe verurteilt, sondern auch seine Komplizen – der Lagerist, die Kuriere, die Helfer. Doch auch nach den Verhaftungen erhält die Connection in L.A. weitere Lieferungen. Von N. aus dem Gefängnis heraus organisiert, glauben die Ermittler in den USA. Beweisen können sie es allerdings nicht.

Erst als zwei Jahre später der US-Ring von Polizeibeamten ausgehoben wird, auch der "Boss der Bosse" für vier Jahre ins Gefängnis geht, scheint das Netzwerk am Ende.

Doch auch das ist ein Trugschluss. Im März 2018, wenige Jahre nach seiner Entlassung, schlagen internationale Ermittler wieder bei N. zu. Der Verdacht: Drogenschmuggel. Die Spur führt erneut auf andere Kontinente: diesmal nicht nur nach Los Angeles an der US-Westküste, sondern auch nach Kanada, ins südamerikanische Ecuador, nach Asien und Down Under. Ermittler vermuten ein "weltweites Syndikat". Das iranische Netzwerk scheint intakt wie eh und je.

Sydney, deutsche Touristen mit Opium im Rollkoffer

Wolkenkratzer in der australischen Metropole Sydney: Drogenkuriere aus Deutschland treffen hier ein, ebenso wie ein präparierter Industrieofen – mit sehr viel Kokain. Bild: AAP

In Australien fallen den Behörden kurz vor der Razzia in Deutschland einige deutsche Touristen schnell auf: Sie sind nervös, mit einem offenkundig schlechten Gewissen. Das junge Paar aus Dormagen, so recht scheint ihnen nicht wohl, als sie die Kontrollen am Flughafen passieren. Kein Wunder.

In ihren professionell präparierten Rollkoffern befinden sich jeweils ein bis zwei Kilogramm Kokain. Der Ring hat nicht nur sein Warensortiment erweitert, er scheint auch gelernt zu haben: Die Reisen unternehmen N. und seine Komplizen laut Polizei nun im Regelfall nicht mehr persönlich. Stattdessen werden bislang unbescholtene, aber dafür chronisch klamme und verschuldete Kuriere in Diskotheken und Pizzerien angeheuert und mit einem "Gratisurlaub" belohnt.

Der könnte sie letzten Endes teuer zu stehen kommen – sechs von ihnen gehen der Polizei ins Netz, gegen weitere 14 wird ermittelt. In Australien stehen auf derlei Delikte bis zu 25 Jahre Haft. Doch längst nicht alle werden hochgenommen. An ihre Auftraggeber in Deutschland sollen insgesamt mindestens fünf Millionen Euro Drogengelder zurückfließen.

Die Drahtzieher schicken außerdem nicht nur Kuriere mit Koffern. Postpakete mit Kinderkleidung und Plüschtieren machen sich auf den Weg. Der größte Coup: ein eigens in Bochum umgebauter Industrieofen – befüllt mit 50 Kilo Kokain. Auch in anderen Staaten kommen Lieferungen an. Die USA stehen erneut auf der Liste. Und das Land des Lächelns im Fernen Osten.

Tokio, auch hier landet "Ware" aus Düsseldorf

Tokio, Japan. Japanische Ermittler schweigen sich noch aus, wer Abnehmer der Drogen aus Düsseldorf war. Bild: EPA

Auch in Japan treffen Kuriere ein, sitzt irgendwo ein Iraner, der von ihnen Kokain und Crystal Meth in Empfang nimmt. N. soll es laut Polizei aus Südamerika und den Niederlanden geordert und dann aus Deutschland auf die Reise geschickt haben.

Die Abnehmer für die Drogen? Japanische Ermittler vermuten: Es sind Yakuza-Clans, die Geld mit den Drogen verdienen wollen. Mehr wollen sie nicht sagen – wegen "laufender Ermittlungen". Die mafiaähnlichen Organisationen haben weite Teile der japanischen Unterwelt im Griff – nicht zuletzt, weil sie als halblegale Organisationen gelten. In Düsseldorf gibt es eine große japanische Community, auch operieren dort Großkonzerne, die in Yakuza-Skandale verwickelt waren. Wurden dort Kontakte angebahnt? Das ist nicht bekannt.

Nicht nur Import-Export-Händler werden mit Drogen erwischt...

Die entscheidende Spur nach Deutschland wird allerdings auch nicht in Japan gefunden, sondern in Australien: Dort stellen Polizisten einen Fingerabdruck in einem der präparierten Koffer sicher und schicken ihn nach Deutschland. Treffer: Er gehört dem Deutsch-Iraner N., dem politischen Flüchtling aus der 50-Quadratmeter-Wohnung in Düsseldorfs Innenstadt.

Die Bilder der Polizei-Pressekonferenz in Düsseldorf Ende April 2018 gleichen jenen der Pressekonferenz nach den Verhaftungen von 2003. Erneut präsentiert das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen die Koffer, dazu Drogen und Geld. Acht Festnahmen hat die Polizei in Deutschland vorzuweisen, gegen 40 Verdächtige wird ermittelt. 20 von ihnen sind Kuriere. Doch noch liegt viel Arbeit vor den Beamten – längst sind nicht alle Fäden zusammengeführt. Auch in andere Staaten laufen noch Ermittlungen. Beim Zugriff im März hatten die Deutschen auch Europol und Interpol mit an Bord.

Sind auch in Kalifornien wieder die gleichen Tatverdächtigen ausgemacht? Ist L., der sogenannte "Boss der Bosse", wieder unter den Verdächtigen? "Dazu können keine Angaben gemacht werden", sagt der Chef-Ermittler des Landeskriminalamts. Stehen Beschuldigte auf US-Sanktionslisten? Denn mindestens ein Deutsch-Iraner ist dort als Heroinschmuggler geführt. "Dazu können keine Angaben gemacht werden." Wer waren die Mittäter im Iran und Australien? "Dazu können keine Angaben gemacht werden."

Sicher ist nur: Der politische Flüchtling N., der mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt hat, sitzt in Untersuchungshaft. Für erwiesen halten die Fahnder: Die Import-Export-Firma war lediglich legale Fassade des Drogensyndikats. Der einzige Angestellte: ein verurteilter Anlagebetrüger im offenen Vollzug. "Der hat den ganzen Tag aus dem Fenster geguckt."

Die Reportage erschien zuerst auf t-online.

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