Mit dem Großen Zapfenstreich wurde der Einsatz der Soldaten in Afghanistan geehrt.
Mit dem Großen Zapfenstreich wurde der Einsatz der Soldaten in Afghanistan geehrt.Bild: imago images / STEFAN ZEITZ
Analyse

NS-Experte Reitzenstein zu Zapfenstreich: "Es kommt auf den Kontext an"

14.10.2021, 18:2014.10.2021, 19:51

Der Große Zapfenstreich zur Ehrung des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan hat für Empörung gesorgt. Weil die Soldatinnen und Soldaten während des Rituals am Mittwochabend einen Fackelzug vor dem Reichstagsgebäude abhielten, fühlten sich viele an Aufmärsche der Nationalsozialisten erinnert. So etwa bei der Machtübergabe am 30. Januar 1933.

Diese begann mit einem Rohrkrepierer und einem spontanen Ausruf, der in die Geschichte einging.

Zuerst der Rohrkrepierer: Wenige Stunden nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg den Vorsitzenden der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, zum neuen Reichskanzler ernannt hatte, sollte die ganz große Show losgehen. Kolonnen von SA, SS und weiteren Nazi-Anhängern entzündeten Fackeln und traten einen pompösen Siegeszug durch das Brandenburger Tor an. "Es ist fast ein Traum", notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch.

Allein, die Technik wollte nicht so recht mitspielen. Es ist ein Grundsatz der Propaganda, dass jede Inszenierung nur so gut ist wie ihre mediale Verewigung. Und im Falle des Fackelzuges blieb am Ende nicht mehr als eine Sammlung verwackelter Bilder, die kaum für eine Weiterverwendung taugten. Goebbels ließ die Szene Monate später nachstellen.

"Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!"

Eines aber löste der Fackelzug dann doch aus, und damit kommen wir zu dem historischen Ausruf: "Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!", entfuhr es dem impressionistischen Jahrhundert-Maler Max Liebermann, als die Truppen an seinem Haus am Pariser Platz vorbeimarschierten.

Später zog sich der Deutsche mit jüdischen Wurzeln in die Innere Emigration zurück: „Ich lebe nur noch aus Hass. ... Ich schaue nicht mehr aus dem Fenster dieser Zimmer – ich will die neue Welt um mich herum nicht sehen", sagte er einem Besucher.

"Der Große Zapfenstreich wurde nicht von den Nazis erfunden", sagt Julien Reitzenstein, Historiker an der Universität Düsseldorf. "Das NS-Regime hat sich auf vielen Feldern bestimmte Ästhetiken zu eigen gemacht und manches Mal politisiert."

"Das Ritual hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert"

Er stellt die Frage, warum der Zapfenstreich gerade jetzt für Empörung sorgt. "Das Ritual hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert". Tausende Soldatinnen und Soldaten hätten auf Beschluss der gewählten Abgeordneten ihr Leben riskieren müssen, sagt der Experte für NS-Geschichte.

Die Frage sei nicht, ob sich ein Nicht-Bundeswehrangehöriger verletzt fühle und lieber einen freundlichen Brief der Ministerin an jeden der überlebenden, oft schwer verletzten Heimkehrer gesehen hätte.

"Die Frage ist, mit welchem Recht sich manche Kritiker anmaßen darüber bestimmen zu wollen, mit welchen Zeremonien innerhalb einer 'Firma' verdiente 'Mitarbeiter' geehrt werden?"

Wichtig sei doch, sagt Reitzenstein, dass Zeremonien einer öffentlichen Einrichtung sowohl demokratischer Kontrolle unterliegen, als auch von den Geehrten als angemessen empfunden würden. "Zudem ist es immer schwierig, leichtfertig Nazi-Assoziationen Einzelner zum Gegenstand politischer Debatten zu machen."

Auch jüdische Menschen wie die Politikerin Marina Weisband äußerten sich irritiert zu den Bildern. Julien Reitzenstein wägt ab: Wohl nirgendwo auf der Welt dürfte man Nazi-Ästhetik so kritisch sehen wie in Israel. Auch dort gebe es militärische Zeremonielle mit Fackeln und auch mit Fahnenaufmärschen. "Wer würde den IDF Nazi-Ästhetik unterstellen? Es kommt auch hier stets auf den Kontext an."

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