Deutschland
Mother and son looking out of window

Wie lange kann man Menschen den größten Teil des Tages in ihren Wohnungen einsperren? Diese Frage müssen sich Politiker in Deutschland derzeit stellen. Bild: iStockphoto / Kaan Sezer

Corona-Krise: Wie geht es nun weiter? Experte nennt drei mögliche Szenarien

Der Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus hat in Deutschland zu den stärksten Einschränkungen des öffentlichen Lebens seit Gründung der Bundesrepublik geführt. Vorletzten Freitag wurde bereits beschlossen, in allen Bundesländern Schulen und Kitas zu schließen. Kurz darauf wurden Versammlungen stark eingeschränkt. Am Sonntag folgte nochmal eine Verschärfung der Maßnahmen.

Mittlerweile dürfen sich im öffentlichen Raum bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr als zwei Menschen gemeinsam aufhalten. Die Wohnung soll nicht mehr ohne triftigen Grund verlassen werden, Restaurants, Friseure sowie alle Geschäfte, die keine Lebensmittel verkaufen, sind geschlossen.

Zunächst für zwei Wochen gelten diese Maßnahmen, dann soll neu entschieden werden. Und dann? Was danach kommt, weiß bisher keiner. Es gibt aber drei Möglichkeiten, was dann passieren könnte.

Watson erklärt dir, welche Szenarien denkbar sind – und welches davon am wahrscheinlichsten ist:

Alle Maßnahmen werden wieder aufgehoben

Zugegeben, das ist die mit Abstand unwahrscheinlichste Variante. Sie würde vorsehen, dass Schulen und Kitas wieder öffnen und das Kontaktverbot sowie die Versammlungsbeschränkungen wieder aufgehoben werden.

Dass das schon Anfang April so kommt, davon geht derzeit eigentlich niemand aus. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery rechnet eher mit dem Gegenteil. "Ganz ehrlich: Die Situation ist in zwei Wochen eher schwieriger als heute", sagte er der "Augsburger Allgemeinen".

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Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery geht nicht davon aus, dass die Situation schnell besser wird. Bild: imago images / Rüdiger Wölk

Es gibt allerdings ein Argument, das tatsächlich dafür spricht, die Beschränkungen relativ bald wieder vollständig aufzuheben: die Herdenimmunität. Das bedeutet schlicht, dass sich bei einer Ansteckung breiter Teile der Bevölkerung sehr viele immunisieren und damit das Virus endgültig stoppen. Die jetzigen Maßnahmen verhindern dies aber. Das liegt daran, dass sie einen anderen Zweck haben: die Verbreitung zu verlangsamen, um das Gesundheitssystem vor einem Zusammenbruch durch zu viele Infizierte mit schwerem Krankheitsverlauf zur gleichen Zeit zu schützen.

Ein Experte, der dafür plädiert, nach dieser Phase der Verlangsamung in den Herdenimmunitäts-Modus zu wechseln, ist Epidemiologe Martin Eichner von der Universität Tübingen. Gegenüber "Focus Online" erklärte er, es könnte sinnvoll sein, die Maßnahmen zwar nicht schon nach zwei, wohl aber nach fünf Wochen wieder aufzuheben – und damit eine neue Stufe im Kampf gegen das Virus einzuleiten.

Die Ausgangsbeschränkungen und das Kontaktverbot werden gelockert

Anstatt das Kontaktverbot und die Ausgangsbeschränkungen ganz aufzuheben, Schulen und Kitas wieder zu öffnen und so zu einem komplett normalen Alltag zurückzukehren, ist denkbar, dass bestimmte Maßnahmen lediglich gelockert werden. Allerdings auch das nur für eine begrenzte Zeit – jedenfalls, wenn man der Herdenimmunitäts-Theorie folgt.

Hierbei spielt das Timing eine sehr wichtige Rolle. Kontaktverbot und andere Maßnahmen, die dem Social Distancing dienen, könnten beispielsweise für drei Wochen ausgesetzt werden. In dieser Zeit sollten sich dann genug Menschen in der Bevölkerung infiziert und damit immunisiert haben. Wissenschaftler Eichner erklärt dazu bei "Focus Online", zwischen den beiden Interventionen mit entschlossenen Maßnahmen müsse eine Pause liegen, sonst verzögere auch die zweite Intervention nur die Welle. Das wiederum führe dazu, dass die jetzigen Maßnahmen über eine sehr lange Zeit aufrechterhalten werden müssten.

Alle Maßnahmen bleiben weiter in Kraft

Genau das – die Maßnahmen möglichst lange in Kraft zu lassen – ist aber ebenfalls ein denkbares Szenario. Dann würde man statt auf die Herdenimmunität darauf setzen, dass früher oder später ein Impfstoff und/oder Medikamente gegen das Coronavirus, beziehungsweise gegen die von ihm ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 entwickelt werden. Bis dahin müssten die Ausgangsbeschränkungen und die Kontaktverbote in Kraft bleiben – mindestens für die sogenannten Risikogruppen, also ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

Das Problem an dieser Variante: Keiner weiß, wie lange es dauert, bis ein Impfstoff gefunden ist. Bisher geht die Bevölkerung mit den Einschränkungen größtenteils sehr geduldig und einsichtig um. Doch niemand weiß, wie lange das so bleibt. Wer will die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Lage in Deutschland mehrere Monate so eingeschränkt ist wie jetzt? Eichner jedenfalls stellt fest, das sei schlicht nicht durchzuhalten.

Wahrscheinlich werden die Corona-Maßnahmen gelockert

Es spricht vieles dafür, dass die jetzigen Maßnahmen auch über die vorerst vereinbarten zwei Wochen hinaus in Kraft bleiben. Das öffentliche Leben in Deutschland aber länger als einige Wochen, womöglich bis zum Sommer, komplett stillzulegen, erscheint dagegen unrealistisch und womöglich auch nicht durchsetzbar.

Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass die Maßnahmen Schritt für Schritt zurückgefahren werden, natürlich abhängig davon, wie genau sich die Fallzahlen und auch die Sterberate entwickeln. Denkbar ist zudem, dass nur noch bestimmte Bevölkerungsteile isoliert werden – die tatsächlich Infizierten sowie bestimmte Risikogruppen etwa.

(om)

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    Alle Leser-Kommentare
  • wernerk 27.03.2020 15:32
    Highlight Highlight Es ist immer der im Vorteil, der lesen kann. Wieso hat keiner die Bundesdrucksache 17/12051 vom 3.1.2013 gelesen, die die Folgen einer Coronaepedemie beschreibt und u.A. vom Robert Koch Institut für viel Steuergeld verfasst wurde ? Es muß immer erst etwas "passieren" damit gehandelt wird.

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