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Alleinsein kann auf Dauer zermürbend sein. (Symbolbild) Bild: getty images / MarioGuti

Interview

Corona-Isolation: Ein Psychologe gibt Tipps gegen Einsamkeit

Keine Gruppentreffen, kaum zwischenmenschliche Interaktion, viel Zeit allein: Das Coronavirus zwingt uns zur sozialen Isolation. Bundeskanzlerin Merkel verdeutlichte das kürzlich, als sie die neuen Abstandsregeln für Deutschland vorstellte. Dabei besonders wichtig: Den Kontakt zwischen Menschen, die nicht zusammenwohnen, auf ein Minimum reduzieren.

Nun ist es so, dass viele Menschen aufgrund von Homeoffice ohnehin weniger Kontakt zur Außenwelt haben. Wer dann noch allein wohnt, könnte besonders unter der aktuellen Situation leiden. "Doch es gibt Wege, zurechtzukommen", sagt Psychologe Hannes Zacher, der sich unter anderem mit den Auswirkungen von Isolation beschäftigt.

Wie diese Wege aussehen, was Einsamkeit mit uns machen kann und warum Grübeln besonders problematisch ist, erklärt er im Interview mit watson.

Die Folgen der Isolation zu Corona-Zeiten

watson: Derzeit sollen wir den Kontakt zu Menschen außerhalb unserer Wohnung meiden – oder zumindest stark reduzieren. Für viele kann das zu sozialer Isolation führen. Welche Folgen könnte das haben?

Hannes Zacher: Die Wohnung nicht zu verlassen bedeutet logischerweise auch, dass wir unsere Zeit nicht mit den Menschen verbringen können, mit denen wir es sonst tun. Dazu zählen Freunde, Kollegen oder Vereinsmitglieder. Zunächst bedeutet das, dass unsere sozialen Bedürfnisse nach Kontakt oder dem Austausch untereinander nicht befriedigt werden können. Auf lange Sicht kann sich das auf unsere körperliche sowie psychische Gesundheit auswirken.

Inwiefern?

Wenn Menschen sozial isoliert werden, beobachten Psychologen, dass sich einige einsam oder ausgeschlossen fühlen. Und das kann zu Ängsten, Verstimmungen oder einer grundlegenden Traurigkeit führen. Diese psychischen Veränderungen sind auch nicht gut für unser Immunsystem. Unser Körper kann da negativ drauf reagieren, was uns anfälliger für Krankheitserreger macht.

"Die psychischen Veränderungen sind auch nicht gut für unser Immunsystem"

Kann sich auch jemand allein fühlen, der Menschen um sich hat – etwa in einer Wohngemeinschaft?

Das ist durchaus möglich. Einsamkeit und Alleinsein sind nicht dasselbe. Menschen, die häufig viel Gesellschaft haben, können sich trotzdem allein fühlen. Das hängt auch davon ab, wie stark die Nähe zu anderen Menschen ausgeprägt ist. Andererseits können auch Menschen, die allein sind, sich nicht einsam fühlen, da sie sich gut mit selbst beschäftigen können. Die sind vielleicht auch nicht so unzufrieden mit der derzeitigen Situation.

Es gibt verschiedene Persönlichkeitstypen: Extrovertierte oder Introvertierte, zum Beispiel. Gibt es Menschen, die mit sozialer Isolation besser umgehen?
Gerade bei Introvertierten wäre das naheliegend.

Hier sprechen Sie die sozialen Persönlichkeitsmerkmale an. Extrovertierte Menschen haben gern sozialen Kontakt, sprich sie gehen gern auf Partys oder treffen sich mit Freunden. Für sie ist die soziale Isolation schwieriger als für jemand introvertierten.

Doch auch diese Menschen brauchen ein gewisses Mindestmaß an sozialem Austausch. Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal wäre die Verträglichkeit, also wie gut jemand mit anderen Menschen zurechtkommt. Gerade für Menschen mit einem gemeinsamen Haushalt ist momentan eine hohe Verträglichkeit wichtig.

"Auch introvertierte Menschen brauchen ein gewisses Mindestmaß an sozialen Austausch"

Gibt es Strategien, um die Isolation seelisch möglichst gut zu verkraften?

Zunächst sollte man sich überlegen, was einem fehlt und was nicht. Fehlt der soziale Kontakt, ist es eine gute Strategie, andere Menschen über soziale Medien, Telefon oder auch Briefe zu erreichen. Ein weiteres Beispiel wäre eine Whatsapp-Gruppe oder regelmäßige Treffen via Videokonferenz. Der Kontakt zu Freunden ist da enorm wichtig. Fehlt einem hingegen Bewegung, sollte man das Haus verlassen und spazieren gehen.

Ablenkung soll ebenfalls eine Maßnahme sein. Was würden Sie da empfehlen?

Es gibt verschiedene Arten von Bewältigungsstrategien, also Wege, um mit einer Situation umzugehen. Kann man nicht die Wohnung verlassen, wäre eine Option, sich einem Hobby zu widmen, für das bisher keine Zeit war. Man kann auch Pläne für die Zukunft machen. Ungünstig sind hingegen Bewältigungsstrategien wie Alkohol trinken oder Aggressionen zeigen, also alles, was schlecht für einen selbst und andere ist.

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Während der Corona-Krise haben wir viel Zeit zum Nachdenken. Vielleicht auch zu viel. Bild: Getty Images

Wer viel Zeit allein verbringt, kommt schnell ins Grübeln. Das könnte unter anderem auch zu Ängsten führen, sei es vor einer Ansteckung oder aufgrund der unklaren Arbeitssituation. Wie kriegt man das in den Griff?

Das wäre das dritte Persönlichkeitsmerkmal: Neurotizismus. Menschen, bei denen diese Eigenschaft besonders stark ausgeprägt ist, machen sich häufig Sorgen, sind ängstlich oder lassen sich schnell stressen. Für sie ist das gerade eine sehr ungünstige Situation. Die Gefahr ist dabei, dass sich jemand seinen Ängsten und Sorgen hingibt, statt seine Probleme aktiv zu lösen.

Und wenn sie es nicht können?

Dann müssen sich die Menschen Hilfe suchen. Sei es bei Freunden, Familie oder Psychologen. Auch das Sorgentelefon wäre da eine Maßnahme. Denn in so einer Situation ist es wichtig, besonnen zu sein und ruhig zu bleiben.

Wenn es mir emotional ohnehin nicht gut geht, sollte ich da nicht das Nachrichtengeschehen um Corona meiden?

Wichtig ist, dass Menschen mit Unsicherheiten oder mehrdeutigen Nachrichten umgehen können – besonders zur derzeitigen Situation. Die psychologische Forschung empfiehlt, sich nicht zu viel mit dem Nachrichtengeschehen auseinanderzusetzen, aber sich trotzdem regelmäßig zu informieren. Es gilt, eine zu Balance zu finden. Meine Empfehlung ist, zweimal am Tag Nachrichten zu schauen und dabei auf seriöse Quellen zu vertrauen.

"Meine Empfehlung ist, zweimal am Tag Nachrichten zu schauen und dabei auf seriöse Quellen zu vertrauen"

Auch wenn es Wege gibt, sich abzulenken, bleibt immer noch die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Kann sie überhaupt gestillt werden, wenn es eine Kontaktsperre gibt? In Italien sangen etwa ein paar Menschen gemeinsam auf ihren Balkonen.

Die Forschung würde sagen, dass das nur bis zu einem gewissen Ausmaß kompensiert werden kann. Denn Dinge wie körperliche Nähe sind Grundbedürfnisse, die wir nicht online oder über den Innenhof des Hauses hinweg stillen können. Da geht schon was verloren, was möglichst schnell wiederhergestellt werden muss. Körperliche Nähe und direkter Augenkontakt können schließlich nur schwer durch Online-Medien kompensiert werden. Dennoch ist es besser, online zu kommunizieren, als nichts zu tun.

Kann die soziale Isolation im Homeoffice zu mangelnder Motivation führen?

Die Gefahr besteht durchaus. Viele Unternehmen und Vorgesetzte befürchten, dass die Arbeit zu Hause schnell in Vergessenheit gerät. Für Angestellte ist es wichtig, sich im Homeoffice selbst zu motivieren. Funktionieren würde da, regelmäßig Feedback für die Arbeit einzuholen, Kontakte zu pflegen und einen stabilen Arbeitsalltag mittels To-do-Listen oder Stundenplänen zu schaffen.

"Für Angestellte ist es wichtig, sich im Homeoffice selbst zu motivieren"

Könnte manchen Menschen die Isolation leichter fallen, wenn sie nebenher arbeiten?

Zumindest am Anfang. Viele Menschen, mit denen ich spreche, sagen, dass es sich für sie wie eine Art Urlaub zu Hause anfühlt. Andere vermissen bereits ihre Kollegen oder die Situation im Büro. Da ist es gut, Kontakt zu den Kollegen zu halten.

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