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WASHINGTON, DC - JUNE 10: U.S. President Donald Trump winks during a round table discussion with African American supporters in the Cabinet Room of the White House on June 10, 2020 in Washington, DC. (Photo by Doug Mills-Pool/Getty Images)

Auch Donald Trump (l.) will vielleicht nicht immer wissen, was hinter seinem Rücken geredet wird. Bild: Getty Images North America / Pool

Analyse

Enthüllungsbuch zeigt: So wird im Weißen Haus wirklich über Trump gesprochen

John Bolton rechnet in seinem kürzlich erschienenen Enthüllungsbuch "The Room Where It Happened" mit Donald Trump ab. watson hat die spannendsten Teile des Buches für euch zusammengefasst. Heute Teil 5 der Serie – die Meinungen der Kabinettsmitglieder und engsten Mitarbeiter über den US-Präsidenten.

Dass in den Fluren des Weißen Hauses nicht nur gut über Donald Trump gesprochen wird, ist spätestens seit dem Buch des Journalisten Michael Wolff, "Feuer und Zorn" bekannt. Viele Mitarbeiter sind selbst sehr überrascht über das Ausmaß an Chaos und Inkompetenz, das in der Zentrale des mächtigsten Mannes der Welt zutage tritt.

Zahlreiche Mitarbeiter und Kabinettsmitglieder haben sich seit Trumps Regierungsantritt die Klinke in die Hand gegeben. Allein drei Außen- und vier Verteidigungsminister hat Donald Trump in seinen dreieinhalb Jahren Regierungszeit bereits verschlissen. Viele sind im offenen Streit gegangen oder gegangen worden. Bei Ex-Sicherheitsberater John Bolton trifft beides zu, je nachdem, wen man nach seiner Version der Geschichte fragt.

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Die watson-Serie "Inside Trump" zum Enthüllungsbuch "The Room Where It Happened" – Teil 5. Bild: Kevin Lamarque /reuters / Kevin Lamarque /reuters

Dass aber auch engste Vertraute und Unterstützer von Donald Trump, so wie der immer noch amtierende US-Außenminister Mike Pompeo, hinter dessen Rücken schlecht über den US-Präsidenten sprechen, zeigt wie schlecht die Stimmung im Weißen Haus wirklich ist. Ex-Sicherheitsberater John Bolton schildert einige Details in seinem neuesten Enthüllungsbuch "The Room Where It Happened".

Trump lässt sich von Kim Jong-un an der Nase herumführen – Außenminister Pompeo ist fassungslos

In seinem Buch schildert John Bolton eine Begebenheit während des ersten Aufeinandertreffens zwischen Donald Trump und Kim Jong-un 2018 in Singapur. Außer den beiden Staatschefs waren aufseiten der US-Delegation unter anderem Bolton und Außenminister Mike Pompeo anwesend.

Nach dem üblichen Geplänkel und Austausch von Höflichkeiten, bei denen Donald Trump Kim Jong-un unter anderem einen sehr cleveren, guten und aufrichtigen Menschen mit einem großartigen Charakter genannt hatte, wurden die Standpunkte ausgetauscht.

Kim Jong-un erklärte, dass es sein Ziel sei, die koreanische Halbinsel zur nuklearen Sperrzone zu machen. Dass viele an seiner Aufrichtigkeit in dieser Sache zweifeln, führte der nordkoreanische Diktator auf seinen Vorgänger, seinen Vater Kim Jong-il zurück. Er sei aber anders, versicherte Kim während des Gesprächs.

WASHINGTON, DC - JUNE 07:  (L-R) White House Press Secretary Sarah Huckabee Sanders, National Security Advisor John Bolton, U.S. Secretary of State Mike Pompeo and Vice President Mike Pence share a laugh before the start of a joint news conference with President Donald Trump and Japanese Prime Minister Shinzo Abe in the Rose Garden at the White House June 7, 2018 in Washington, DC. Trump and Abe discussed the upcoming U.S.-North Korea summit.  (Photo by Chip Somodevilla/Getty Images)

Da hatten beide noch gut lachen: Der damalige nationale Sicherheitsberater John Bolton (l.) und US-Außenminister Mike Pompeo (r.) kurz vor dem Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un im Juni 2018. Bild: Getty Images North America / Chip Somodevilla

Eigener Außenminister über Trump: "He is so full of shit"

Bolton zufolge band Kim Jong-un Trump während des gesamten Gesprächs einen ordentlichen Bären auf und erzählte ihm, dass die Spannungen zwischen Nordkorea und den USA mit der feindseligen Nordkorea-Politik der US-Administrationen der vergangenen Jahrzehnte zu tun hätte. Donald Trump wiederum bestätigte Kims Darstellungen, dass es in den USA "einige sehr militante Menschen" gebe.

Schließlich verstieg sich Trump dazu, Kim Jong-un zu sagen, dass er einen möglichen Vertrag über nukleare Abrüstung mit dem Senat besprechen müsste, woraufhin Außenminister Mike Pompeo laut Boltons Bericht der Kragen platzt. Pompeo schob dem Sicherheitsberater sein Notizbuch mit dem Vermerk "He is so full of shit" ("Er labert Scheiße") herüber. "He", damit war Donald Trump gemeint.

Bolton stimmte zu. Und das zurecht, glaubt man dem Bericht von Trumps Ex-Sicherheitsberater. Denn: Im folgenden Verlauf des Meetings brachte Kim Jong-un demnach Donald Trump dazu, künftige Militärübungen mit Südkorea abzusagen. Trump versprach dem nordkoreanischen Diktator nicht nur seinen Bündnispartner im Stich zu lassen, sondern erklärte gar, dass die Militärübungen sowieso "reine Geldverschwendung" seien.

Vor Trump traute sich Pompeo jedoch nicht zu widersprechen

Im Gegenzug erhielt Trump lediglich eine absolut windige Zusage, dass das Nuklearprogramm der Nordkoreaner dauerhaft zurückgefahren und Kapazitäten vernichtet werden würden. In völliger Verkennung des eigenen Fehlers wand Trump sich anschließend an seine Berater und rühmte sich, dass er gewusst hätte, dass die Vereinbarung von Deals für ihn einfach sein würde. Außenminister Pompeo formulierte keinerlei Kritik, sondern stimmte laut Bolton zu. Offenbar traute sich niemand im Stab, Trump die Wahrheit zu sagen.

Stabschef über Weißes Haus: "Das ist ein schlechter Arbeitsplatz"

Auch an anderen Passagen lässt Ex-Sicherheitsberater John Bolton keinen Zweifel daran, dass die Stimmung im Weißen Haus alles andere als gut ist. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit soll ihm der damalige Stabschef John Francis Kelly gesagt haben: "Du kannst dir nicht vorstellen wie sehr ich hier rauswill. Das ist ein schlechter Arbeitsplatz."

In der Folge sollte sich das auch für John Bolton bestätigen. Wie er in seinem Buch beschreibt, hatte er wohl zu Anfang noch den Eindruck, dass Trumps chaotische Arbeitsweise daher rührt, dass seine Umgebung ihn schlecht beraten hätte und dachte, mit seiner Ankunft würde sich das ändern. Eine überhebliche Fehlannahme, die sich noch rächen sollte.

In der Folge beschreibt Bolton die Auseinandersetzungen über die strategische Ausrichtung der Außenpolitik als "Food fights", quasi Verteilungskämpfe am Tisch. Man würde nicht mehr um die Sache streiten, sondern nur noch versuchen, den größeren Happen abzubekommen.

USA-Experte Thomas Jäger von der Uni Köln teilt die Einschätzung, dass es im Weißen Haus unter Trump speziell zugehen dürfte:

"Das Weiße Haus war nie ein schöner Platz zum Arbeiten. Zu viele Egos, zu viele Konflikte, zu viel Zeitstress. Unter Trump aber war der Personalwechsel ausgeprägter und abrupter als in früheren Administrationen. Das hängt damit zusammen, dass die Berater Trumps zu Beginn dachten, den Präsidenten einhegen zu können. Es gelang ihnen nicht."

Thomas Jäger, USA-Experte

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"The Room Where It Happened" von John Bolton ist am 23. Juni 2020 im Verlag Simon & Schuster erschienen. Bild: simon & schuster

Doch Jäger hält auch Boltons Schilderungen für fragwürdig und vermutet eigene Interessen des Ex-Sicherheitsberaters dahinter:

"Bolton kam mit der Meinung, seine Vorgänger hätten den Entscheidungsprozess nicht ausreichend strukturiert, sodass das Chaos vor allem auf ihre mangelnde Organisationsfähigkeit zurückzuführen sei. Jetzt sagt er, das sei eine falsche Einschätzung gewesen und das Chaos habe einen Namen: Trump. Der Präsident interessiere sich nicht für die grundlegenden Fragen, habe kein festes Weltbild und keine Strategie – außer dass er mit allen Mitteln wiedergewählt werden wolle (Welcher Politiker eigentlich nicht?). Aber auch Bolton hat dies 17 Monate mitgemacht und Trump tapfer verteidigt. Jetzt kritisiert er dessen Nordkorea-Politik, die nie hätte erfolgreich sein können, damals hat er in langen Interviews erläutert, warum Trump genau das Richtige tut."

Thomas Jäger, USA-Experte

Über den Experten

Prof. Dr. Thomas Jäger ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik. Sein neustes Buch, "Das Ende des amerikanischen Zeitalters: Deutschland und die neue Weltordnung" ist im April 2019 erschienen.

John Bolton ist also selbst nicht viel besser als Mike Pompeo, der hinter Trumps Rücken über die Unfähigkeit des Präsidenten abgelästert hat und am Ende aber nicht den Mut hatte, dessen Politik Trump gegenüber oder sogar öffentlich zu kritisieren.

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