Das Neun-Euro-Ticket hat am Pfingstwochenende nicht nur die Fahrgäste an ihre Grenzen gebracht – sondern auch das Personal der Deutschen Bahn.
Das Neun-Euro-Ticket hat am Pfingstwochenende nicht nur die Fahrgäste an ihre Grenzen gebracht – sondern auch das Personal der Deutschen Bahn.Bild: dpa / Lennart Preiss
Analyse

Stresstest Neun-Euro-Ticket: Bahn-Mitarbeiter ziehen ehrliches Fazit nach Pfingst-Chaos

10.06.2022, 18:09

"Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht", so lautet das ernüchternde Fazit von Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn am Montag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zum Ansturm auf den Regionalverkehr am Pfingstwochenende nach der Einführung des Neun-Euro-Tickets. Das bestätigten am Dienstag auch Schaffner der Deutschen Bahn auf Nachfrage von watson. Dahinter stehe eine gute Absicht der Bundesregierung, "gut gemacht eigentlich, aber schwierig", vor allem in der zu raschen Umsetzung der letzten Wochen, resümiert eine Schaffnerin über das Neun-Euro-Ticket.

"Gut gemacht eigentlich, aber schwierig!"
Schaffnerin der Deutschen Bahn über die Umsetzung der Neun-Euro-Ticket-Aktion

Übervolle Züge in Urlaubsregionen, Gedränge auf Bahnsteigen sowie Verspätungen und verärgerte Kunden – für die Rabattaktion mit dem Neun-Euro-Ticket war die Pfingstreisewelle der erste Stresstest. Bestanden hat ihn die Deutsche Bahn wohl nicht, eher überstanden.

Wie haben die Mitarbeiter der Deutschen Bahn in den Zügen und auf den Bahnsteigen den Ansturm am Wochenende erlebt? Watson hat sich am Dienstag, dem ersten Werktag nach Pfingsten, bei Zugbegleitern und einem Techniker der Deutschen Bahn umgehört.

Die Reisewelle über Pfingsten habe vor allem die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an die Belastungsgrenze gebracht, teilte Martin Burkert, der Vize-Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft am Dienstag mit. Die größten Probleme am Wochenende seien wie erwartet überfüllte Züge, die Fahrradmitnahme und die Durchsetzung der Maskenpflicht gewesen.

"Man kommt durch die Züge kaum durch, die Leute sind angefressen. Weil die Züge voll sind, weil sie keinen Sitzplatz haben, weil die Fahrräder nicht mitgenommen werden können. Es ist mehr Stress als schön."
Zubegleiterin im RE 2 gegenüber watson

Der Chef der Bahn-Tochter DB Regio, Jörg Sandvoß, sprach am Dienstag ebenfalls von einem Kraftakt der Mitarbeiter. Die Branche hat aus eigener Sicht den ersten Stresstest bestanden. "Insgesamt blickt die DB auf einen geregelten Pfingstverkehr zurück", teilte die Deutsche Bahn mit. "Jedoch gab es wie erwartet regionale Auslastungsspitzen."

Eine Zugbegleiterin aus dem Regionalzug 2, von Wismar kommend, zieht auf Nachfrage von watson eine etwas andere Bilanz: "Man kommt durch die Züge kaum durch, die Leute sind angefressen. Weil die Züge voll sind, weil sie keinen Sitzplatz haben, weil die Fahrräder nicht mitgenommen werden können. Es ist mehr Stress als schön."

Auch an einem ganz normalen Wochentag ist der Bahnsteig mit Regionalzug-Reisenden gut gefüllt.
Auch an einem ganz normalen Wochentag ist der Bahnsteig mit Regionalzug-Reisenden gut gefüllt.Bild: watson / Evelyn Pohl

Das Personal habe die Zusatzaufgaben über die Betriebsteile hinweg sehr kooperativ und engagiert ausgeübt, sagte der Vize-Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats DB Regio, Ralf Damde, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Dienstag. Er gibt aber zu: "Im Ausnahmefall ist das möglich, aber dauerhaft nicht. Viele Bahn-Angestellte gehen schon jetzt auf dem Zahnfleisch", so Damde.

"Massen, einfach nur Massen."
Schaffner über den Ansturm der Fahrgäste am Pfingst-Wochenende

Ein Schaffner im Regionalzug RE 7 nach Dessau verdreht noch am Dienstag auf Nachfrage von watson in Erinnerung an seinen Wochenenddienst die Augen und stöhnt: Das wären "Massen, einfach nur Massen" an Fahrgästen gewesen. "Das Neun-Euro-Ticket ist ein Fehler – aus," führt der Schaffner weiter aus. "Wir können nicht mehr Züge einsetzen, nichts hinten dran hängen, es ist kein Platz an den Bahnsteigen."

"Es heißt immer nur 'Mehr Wagen' – das geht nicht, weil die Bahnsteige zu kurz sind. Wir haben keine Züge, keine Loks und die Lokführer vorne, die fahren schon am Limit!"
Schaffnerin zur aktuellen Situation der DB Regio

Das bestätigt auch seine Kollegin aus dem Regionalzug RE 1 Richtung Magdeburg ein paar Minuten später. Die Möglichkeiten der Deutschen Bahn seien derzeit restlos ausgeschöpft, mehr Kapazitäten für Fahrgäste zu schaffen: "Also das ganze Ding hat irgendwie fünf Räder. Es heißt immer nur 'Mehr Wagen' – das geht nicht, weil die Bahnsteige zu kurz sind. Wir haben keine Züge, keine Loks und die Lokführer vorne, die fahren schon am Limit!"

"Wir haben keine Züge, keine Loks und die Lokführer vorne, die fahren schon am Limit!"
Schaffnerin aus dem RE 1 gegenüber watson

Gegenüber watson erklärt sie weiter: "Die Möglichkeiten sind halt nicht da, weil wir kein Personal und kein Material haben. Es sind keine Züge da und auch keine Kollegen, die es zusätzlich abdecken können. Das ist das Problem und dann passt halt nicht mehr rauf, weil die Zugfolge schon so dicht ist, dass keine Züge mehr rein passen."

Der Krieg in der Ukraine als zusätzliche Belastung

Der Betriebsrat DB Regio, Ralf Damde, sagte gegenüber dem RND, der massive zusätzliche Personalbedarf habe allein über Pfingsten Tausende Überstunden bei Bahnpersonal nötig gemacht. Dabei gab es auch schon vor Pfingsten und dem Neun-Euro-Ticket Sonderschichten, so die Schaffnerin aus dem Regionalzug Richtung Magdeburg. Die Lokführer müssten schon seit dem erhöhten Fahrgastaufkommen mit den Geflüchteten aus der Ukraine zusätzliche Schichten einlegen.

Der zusätzliche Einsatz von Fahrzeugen habe flächendeckend zu Überstunden für das Bahn-Personal geführt, vor allem bei Lokführern, Kundenbetreuern, Service-, und Reinigungskräften, aber auch beim Personal für die Instandhaltung, sagte Betriebsratsvizevorsitzender Damde dem RND. "Störungen können nicht mehr in der Werkstatt, sondern müssen an Fahrzeugen im Dauereinsatz von mobilen Teams vor Ort behoben werden."

Am Bahnhof erst mal Endstation – für viele gab es wegen überfüllter Züge unfreiwillige Wartezeiten.
Am Bahnhof erst mal Endstation – für viele gab es wegen überfüllter Züge unfreiwillige Wartezeiten.Bild: dpa / Joerg Carstensen

Trotz der vielen zusätzlich eingesetzten Fahrzeuge mussten laut Damde dennoch am Wochenende Passagiere abgewiesen werden. "Überall in Deutschland waren die Bahnsteige und die Züge voll, in mehreren Fällen mussten überfüllte Züge geräumt werden – aber zum Glück keine Bahnhöfe."

Doch kam die Technik in den Bahnhöfen durch die Vielzahl der Reisenden an ihre Belastungsgrenze. So bestätigte ein Haustechniker der Deutschen Bahn gegenüber watson, es wäre am Wochenende auf den Bahnsteigen im Berliner Hauptbahnhof so voll gewesen, dass mehrere Rolltreppen aufgrund der Belastung ausgefallen seien und repariert werden mussten.

"Bitte mit Regeln: Sowas wie 'keine Fahrräder', weil Züge Richtung, Ostsee Richtung Spreewald, sind immer voll mit Fahrrädern. Und jetzt noch mehr. Es ist einfach nicht handlebar."
Fazit einer Schaffnerin nach Einführung des Neun-Euro-Tickets

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft verlangte daher nachhaltige Investitionen in Busse und Bahnen. "Es darf nicht bei einem Strohfeuer durch das Neun-Euro-Ticket bleiben", verlangte Burkert. "Pfingsten hat bereits gezeigt, dass der Schienenpersonennahverkehr von den Menschen angenommen wird." Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband ProBahn fordert sogar darüber hinausgehend: "Wir brauchen nicht nur ein Sondervermögen für die Bundeswehr, sondern auch ein Sondervermögen für den öffentlichen Verkehr."

Die nächste Aktion "bitte mit Regeln"

Diese Forderung dürfte auch beim Personal der deutschen Bahn und deren Tochtergesellschaft DB Regio gut ankommen. Nicht alle sehen das Neun-Euro-Ticket als Fehler. Denn, so eine Zugbegleiterin aus dem RE 1, es sei gut gemeint von der Regierung, dass sie mit der Neun-Euro-Aktion das Bahnfahren "für alle leistbar machen wollen".

Regionalzüge, wie hier der RE 7 Richtung Zossen, sind auch an normalen Werktagen gerne mal überlastet – und die Fahrradmitnahme dann nicht möglich.
Regionalzüge, wie hier der RE 7 Richtung Zossen, sind auch an normalen Werktagen gerne mal überlastet – und die Fahrradmitnahme dann nicht möglich.Bild: watson / Evelyn Pohl

Ihre Verbesserungsvorschläge fürs nächste Mal: "Bitte mit Regeln: Sowas wie 'keine Fahrräder', weil Züge Richtung, Ostsee Richtung Spreewald, sind immer voll mit Fahrrädern. Und jetzt noch mehr. Es ist einfach nicht handlebar. Wir haben halt auch keine Züge in Reserve, wo man sagen kann, die setzen wir jetzt einfach mal schnell ein."

Das bestätigt auch die DB Regio: "Mit 86.000 Zugfahrten ist bei DB Regio über das lange Wochenende alles gerollt, was rollen kann", erklärte Jörg Sandvoß. Das Neun-Euro-Ticket sei ein "einmaliges Experiment und eine große Chance für die gesamte Branche".

"Man konnte sich in dem Sinne nicht vorbereiten, weil die letzten kleinen Sachen, die da beschlossen wurden, wurden ja auch alle auf den allerletzten Drücker erst bekannt gegeben."
Zugbegleiterin der Ostdeutsche Eisenbahn GmbH gegenüber watson

Das Neun-Euro-Ticket ist nicht falsch, nur bei der Umsetzung in Politik und Struktur hapert es. So sieht es eine Schaffnerin der Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (ODEG) auf Nachfrage von watson. War die für deutsche Bürokratieverhältnisse rekordverdächtig rasche Umsetzung von Verkehrsminister Volker Wissings (FDP) Spontanidee eben doch zu schnell? In den Augen der Zugbegleiterin ja: "Zu spontan. Man konnte sich in dem Sinne nicht vorbereiten, weil die letzten kleinen Sachen, die da beschlossen wurden, wurden ja auch alle auf den allerletzten Drücker erst bekannt gegeben."

Die Mitarbeiter und auch die Deutsche Bahn selbst hätten erst im letzten Moment erfahren, wie denn wirklich die tariflichen Bedingungen des Neun-Euro-Tickets seien. Ab wann es das Ticket gebe und ob die Schaffner es im Zug verkaufen dürfen. "Grundsätzlich begrüße ich es, wenn der Bahnverkehr für alle erschwinglich wird – aber unter anderen Voraussetzungen eben!"

Die ganze Palette an Möglichkeiten für neun Euro – der Netzplan der DB Regio um Berlin.
Die ganze Palette an Möglichkeiten für neun Euro – der Netzplan der DB Regio um Berlin.Bild: watson / Evelyn Pohl

Die nächste Bewährungsprobe für alle Beteiligten naht bereits: Fronleichnam am 16. Juni ist in vielen Bundesländern – vor allem im Süden und Westen – ein Feiertag. "Wir rechnen damit, dass der nächste Brückentag kommende Woche wieder ein harter Brocken für die Bahn und für Fahrgäste wird", sagte der baden-württembergische Landesvorsitzende des Fahrgastverbands Pro-Bahn, Joachim Barth.

(mit Material von dpa und afp)

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