Für die einen ist ein positiver Schwangerschaftstest der schönste Moment im Leben, für die anderen der schlimmste.
Für die einen ist ein positiver Schwangerschaftstest der schönste Moment im Leben, für die anderen der schlimmste.Bild: iStockphoto / Rawpixel
Analyse

"Doctors of Choice" – Schwangerschaftsabbruch nach Video-Sprechstunde: Ärzte erklären die Initiative und ihre Beweggründe

28.10.2021, 15:5028.10.2021, 18:37

Es gibt im Leben einer Frau Dinge, die von einem Augenblick zum anderen alles noch viel stärker verändern als eine Pandemie. Die atemlosen Minuten, die man auf ein Plastikstäbchen starrt, und die lauernde Furcht vor dem zweiten Teststrich: Eine ungewollte Schwangerschaft kann eine ziemliche Katastrophe bedeuten. Im Jahr 2020 wurden deutschlandweit 99.948 Schwangerschaftsabbrüche erfasst. Obwohl es hier bis zum dritten Monat möglich ist, eine Schwangerschaft abzubrechen, wird schwangeren Frauen diese ohnehin schwere Entscheidung noch schwerer gemacht: Der umstrittene Paragraf 218a Strafgesetzbuch (StGB) macht den Abbruch grundsätzlich rechtswidrig – er bleibt nach einer gesetzlich vorgeschrieben Beratung aber straffrei.

Dazu kommt, dass Schwangere aufgrund des Paragrafen 219a, der das "Werbeverbot" für Schwangerschaftsabbrüche festlegt, kaum Anlaufstellen für eine Abtreibung finden. Nach diesem Gesetz dürfen Ärztinnen und Ärzte nicht angeben, dass und wie sie Schwangerschaftsabbrüche in ihrer Praxis durchführen – ein Gerichtsverfahren gegen die Frauenärztin Christina Hänel klärt immer noch die Frage, ob dazu schon die alleinige Auflistung des Angebots auf der Website zählt. "My body, my choice": Nicht nur zahlreiche Frauen sind dieser Meinung, auch Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierende.

2020, als das Corona-Virus am stärksten wütete, machten einige von ihnen sich Gedanken über das medizinische Angebot für Schwangerschaftsabbrüche. Sie schlossen sich unter dem Namen "Doctors for Choice" zusammen, um ungewollt Schwangeren auf eine neue Weise zu helfen: einem telemedizinischen Schwangerschaftsabbruch, also einer Videosprechstunde und einem Abbruch durch Medikamenteneinnahme.

Was ist Telemedizin?
Telemedizin ist eine Online-Sprechstunde oder ein digitaler Arztbesuch. Sie ermöglicht es, rotz räumlicher Trennung und mit Einsatz audiovisueller Kommunikationstechnologien wie Videokonferenzen, Konsultation, Diagnostik und Notfalldienste von medizinischem Personal anzubieten. Bei einem telemedizinischen Schwangerschaftsabbruch wird die Schwangere beispielsweise per Videocall beraten und nimmt auch einen Teil der Medikamente während einer Konsultation ein. Gerade im ländlichen Raum kann die Telemedizin die medizinische Versorgung erleichtern und verbessern.

Watson hat mit der Ärztin Alicia Baier, Vorsitzende und Mitgründerin des Netzwerks Doctors for Choice, über ihr Projekt gesprochen.

"In Deutschland gibt es ohnehin schon eine schlechte Versorgungssituation im Bereich des Schwangerschaftsabbruchs mit Regionen, die total unterversorgt sind", erklärt Baier. "Wir hatten Sorge, dass durch die Covid-Pandemie der Zugang nochmal schwieriger werden könnte." Die Einrichtungen, in denen man Schwangerschaftsabbrüche durchführen könnte, würden seit Jahren weniger und hätten seit 2003 fast um die Hälfte abgenommen.

Vorbild für die Gründung des Netzwerks war eine Entwicklung in Großbritannien, das zu Beginn der Pandemie als Pionier der digitalen medizinischen Versorgung voranging. Die ersten Berichte waren laut der Alicia Baier positiv: Sie ergaben, "dass die Patientinnen-Zufriedenheit sehr hoch ist und die Sicherheit sowie die Effektivität genauso groß wie bei den herkömmlichen Varianten des medikamentösen Abbruchs", sagt sie. Innerhalb von drei Monaten sein das Angebot in Großbritannien von 30.000 Frauen angenommen worden.

Weniger illegale Abtreibungen durch niedrigschwelligere Angebote und besseren Zugang

Ein Effekt: Die Nachfrage nach illegalen Schwangerschaftsabbrüchen sei in Großbritannien durch das Angebot der Videosprechstunde mit medikamentösem Abbruch gesunken. Diese Entwicklung sieht Baier als großen Fortschritt: Das Angebot habe das Potenzial, auch diejenigen zu erreichen, die sich sonst am Gesundheitssystem vorbei illegal einen Abbruch organisieren würden.

In Deutschland ist der Versand der Medikamente im Gegensatz zu Großbritannien an bestimmte Bedingungen geknüpft: Nach einem ersten Beratungsgespräch von etwa 20 Minuten müssten Frauen, die sich zu einem Abbruch entschlossen haben, einen Ultraschall der örtlichen Gynäkologin sowie alle Dokumente schicken, die sie sonst auch brauchen würden. "Wir schicken ihnen dann die Medikamente zu und sie nehmen das erste Medikament unter Video-Arztaufsicht", erklärt Baier. Diese erste Pille stoppe die Schwangerschaft, leite aber noch keine Blutung ein.

Die zweite Pille soll die Frau in Anwesenheit einer erwachsenen Person einnehmen, die die dann einsetzende Abbruchblutung im Falle von Komplikationen überwachen soll. Ein mitgesendeter Schwangerschaftstest soll die Bestätigung über den erfolgten Abbruch bringen, ein dritter Videoanruf zur Nachsorge dienen, weitere Fragen könnten per Chat beantwortet werden.

Bei einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch in einer Praxis seien bis zu vier Besuche nötig, erklärt die Ärztin. Nach einem Vorgespräch mit Ultraschall sei teilweise jeweils ein extra Besuch für die Einnahme der ersten und zweiten Pille nötig, zudem eine Nachuntersuchung. Ihrer Meinung nach ist der normale Prozess von der Entscheidung für den Abbruch bis zur Einnahme der Medikamente oft zu langwierig und es gibt zu viele Hürden. Auch sei er nicht unbedingt sicherer oder angenehmer als der telemedizinische Vorgang:

"Auch für die Einnahme der zweiten Pille muss man oft noch mal in die Praxis kommen und vier Stunden bleiben. Dort fängt man an, abzubluten, geht dann aber noch blutend nach Hause. Man ist oft auch noch mit anderen Frauen im Raum, das ist für manche nicht so schön. Es ist auch nicht unbedingt sicherer, weil man eh noch blutend nach Hause geht und die – sehr seltenen – Komplikationen treten wenn dann auch eher später auf. Man hat da nicht viel gewonnen."
Ärztin Alicia Baier

Zu wenig Wissen und zu viele Mythen über medikamentösen Schwangerschaftsabbruch

In dem Jahr, seit das Angebot besteht, haben es laut "Doctors for Choice" 50 Frauen in Anspruch genommen. Anfragen gebe es aber schon mehr, als man als einzelnes Zentrum bewältigen könne. Warum bisher trotzdem relativ wenige Frauen ihr Angebot tatsächlich nutzen, erklärt Baier damit, dass einige sich nach der Beratung gegen einen Abbruch entscheiden oder manchmal doch vor Ort eine Abtreibungsmöglichkeit finden. In einigen Fällen seien die Schwangeren auch schon über die ersten zehn Schwangerschaftswochen hinaus und können dann nur noch operativ behandelt werden.

Ein anderer Grund dafür, dass Doctors for Choice bisher etwas unter dem Radar fliegt, ist, dass das Netzwerk wegen des Werbeverbots für Abtreibungen und einer mächtigen Lobby der Abtreibungsgegner vorsichtig mit Maßnahmen zur Informationsvermittlung über sein Angebot ist. Es ist nicht unüblich, dass Abtreibungsgegner auch hierzulande Praxen und Einrichtungen, an denen Abbrüche vorgenommen werden, mit Hasskampagnen oder Klagewellen wegen eines Verstoßes zu 219a überschütten. Daher kennen viele Ärzte die Möglichkeit eines telemedizinischen Schwangerschaftsabbruch nicht und können Ihre Patientinnen auch nicht darauf verweisen.

Um Frauen in der Notlage einer ungewollten Schwangerschaft über ihr Angebot informieren zu können, seien sie allerdings auf Kooperation angewiesen, so Baier: "Die Beratungsstellen sind der Schlüssel. Denn alle Schwangeren müssen laut 219a eine Konfliktberatung machen."

Manche Ärzte würden aber auch absichtlich nicht auf ihr Angebot verweisen: "Es herrschen leider immer noch viele, viele Mythen in der Medizin, dass der medikamentöse Abbruch eine gefährliche Methode sei und ganz viele Reste in der Gebärmutter übrig bleiben würden und solche Sachen. Zum Teil erzählen die Frauen auch, dass ihnen ganz viel Angst gemacht wird bezüglich der medikamentösen Methode generell", erzählt Baier. Eine Gynäkologin in Brandenburg habe beispielsweise einer Patientin in der siebten Woche fälschlicherweise gesagt, die Abtreibung sei nicht mehr medikamentös möglich, nur noch operativ.

Dafür hat Baier kein Verständnis. Denn eigentlich könnte jeder niedergelassene Gynäkologe den Abbruch mit Medikamenten anbieten. "Das Stigma ist einfach zu groß", meint sie. Auf die Frage, ob Operationen einfach mehr Geld einbringen würden, antwortet Baier vorsichtig: "Sicherlich, die 'sprechende' Medizin bringt finanziell vielleicht weniger ein als das Operative. Aber ich glaube, der Hauptgrund, dass der medikamentöse Abbruch so gering ist, ist dieses große Stigma und diese Angst, bei Kollegen in Verruf zu kommen."

Dabei, stellt Baier klar, will man mit Doctors for Choice nicht die wohnortnahe medizinische Versorgung ersetzen, wie es manchmal kritisiert wird. "Der telemedizinische Schwangerschaftsabbruch soll eine Möglichkeit unter vielen sein, aber es soll immer auch eine wohnortnahe Versorgung geben. Für manche Frauen ist das eben einfacher und die mögen das lieber. Da muss es einfach Wahlfreiheit geben", so Baier.

Der Unterschied des telemedizinischen Service sei gar nicht so groß zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch, wie er in vielen Praxen vorgenommen wird und auch zum, im Familienplanungszentrum praktizierten, "Home Use": dort nehme man direkt beim ersten Vorgespräch in der Praxis die Tablette ein, zu Hause unter Aufsicht die zweite. Nur zur Nachuntersuchung ist ein weiterer Praxisbesuch notwendig.

Für manche Schwangere, erzählt sie, ist ein Abbruch in den eigenen vier Wänden "eine schönere Atmosphäre und selbstbestimmter". Manche gingen lieber zu einer Frau, haben aber nur einen männlichen Arzt vor Ort. Oder hätten einen unfreundlichen Arzt, bei dem sie "kein gutes Gefühl haben". Und für manche sei es einfach zu schwer zur organisieren, drei- oder viermal in eine möglicherweise weit entfernte Praxis zu fahren, vor allem wenn sie schon Kinder haben. Der Schwangerschaftsabbruch in einer Klinik sei zudem auch auffälliger: Eine Abtreibung ist immer noch gesellschaftlich ein schwieriges Thema und Frauen nutzen deshalb lieber das telemedizinische Angebot, "weil sie weniger Sorge haben, dass jemand etwas mitbekommt und Fragen aufkommen".

Neue Regierung, mehr politische Unterstützung?

Die Kosten für einen telemedizinischen Schwangerschaftsabbruch sind ähnlich wie bei einem herkömmlichen medikamentösen Abbruch. Nur die Portokosten und der spezielle Schwangerschaftstest kommen noch dazu. Baier hofft, dass eine neue Regierung auch die beiden Gesetzesartikel 218a und 219a abschafft und es mehr politische und finanzielle Unterstützung für ihr Netzwerk geben wird. "Wenn es ein gefördertes Projekt wäre, dann könnte man Stellen schaffen und sogar Zentren einrichten. Man könnte es richtig groß machen, so ähnlich wie in England, aber da fehlt bisher die Unterstützung", so Baier.

Dann könnte das telemedizinische Angebot auch noch ausgebaut werden. "Dafür müsste es sicherlich noch niedrigschwelliger werden, weil wir sehr, sehr vorsichtig sind und per Post alle Dokumente einfordern." In England dagegen reiche ein Anruf für ein Beratungsgespräch und um die Medikamente zu bekommen. "Das wäre eine selbstbestimmte Variante. Denn ein Schwangerschaftsabbruch ist auch zu Hause gut und sicher."

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