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Auch wenn Kultur wieder stattfindet, bleibt die Situation schwierig. Bild: www.imago-images.de / Stefan Boness/Ipon
Musik

Die Ära nach den Lockdowns: Wenn die Kultur sich trotz Konzerten nicht mehr erholt

19.12.2022, 18:3419.12.2022, 18:57

Der Vorhang fällt und die Musik beginnt. Menschenmassen, Euphorie, und man selbst steht mittendrin. Die Lockdowns gehören endlich der Vergangenheit an. Doch während man die tristen Zeiten bereits mit Vergnügen verdrängt, weiß die Band, die auf der Bühne steht, dass es noch nicht vorbei ist: Auch wenn heute noch das Konzert stattfinden mag, steht die restliche Tour auf der Kippe. Die Kultur hat sich noch nicht erholt.

Zu viele Krisen auf einmal

Wer 2022 auf einem Konzert von Rammstein, Coldplay oder auch Helene Fischer war, wird von dieser Spannung nichts mitbekommen haben. Denn die ganz großen Acts, die Stadien und Arenen füllen, sind davon kaum betroffen. Schließlich sind diese auch die ersten, die die meisten Menschen nach langer Durststrecke wieder erleben möchten.

Alles, was sich jedoch eine Ebene darunter befindet, hat zu kämpfen.

Viele Menschen denken daher, dass die Kultur – jetzt, wo sie wieder stattfinden kann und auch Maßnahmen wie die Maskenpflicht weggefallen sind – wieder ihren alten Status zurückerlangt habe. Dass alles wieder in Ordnung sei. Doch die Realität sieht anders aus. Die Gründe dafür sind vielseitig und bedingen sich gegenseitig.

"Das hat mir voll die Motivation genommen, auf Konzerte zu gehen."

Und eigentlich sollte auch gerade jetzt die Zeit sein, in der sich die Musik-Szene wieder erholt. Stattdessen sind Krieg und Inflation hinzugekommen. Dadurch sind die Menschen weniger bereit, Geld für Konzerte auszugeben. Viele Leute haben zudem noch die Angst, sich mit Corona oder anderen Krankheiten anzustecken. In beiden Fällen ist die Folge: ein miserabler Vorverkauf.

Revolverheld live beim Zeltfestival Ruhr. Bochum, 25.08.2022 *** Revolverheld live at Zeltfestival Ruhr Bochum, 25 08 2022 Foto:xxF.xZeisingx/xFuturexImage
Auch Bands wie Revolverheld hatten in der Vergangenheit mit den Unsicherheiten zu kämpfen.Bild: www.imago-images.de / imago images

Laut Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) werden häufig gerade mal 20 Prozent der Tickets verkauft. Da die restlichen Kosten auf die Musiker:innen selbst zurückfallen, müssen viele Events abgesagt oder verschoben werden. Daraus entsteht wiederum eine Unsicherheit unter den Fans, die den Teufelskreis vollständig macht. Denn diese führt dazu, dass die Leute noch weniger Tickets kaufen.

Auf Twitter lässt sich diese Stimmung seit Wochen beobachten:

Auch große Bands betroffen

Um direkt Missverständnisse auszuschließen: Nur weil besagte Mega-Acts weniger von der Thematik betroffen sind, handelt es sich bei den kleineren nicht um Newcomer. Gemeint sind vielmehr etablierte Szene-Größen, die bei ihren ganz üblichen Club-Tourneen plötzlich auf enorme Schwierigkeiten stoßen. Turbostaat, Jupiter Jones, Tocotronic oder Shinedown sind nur wenige Beispiele von sehr vielen.

Die Statements der Bands variieren dabei stark: Das Spektrum reicht von unbegründeten Ausfällen über schwammig ausgedrückte Unsicherheiten bis hin zu jenen, die die Situation ganz klar auf den Punkt bringen. Zu letzterem gehört etwa die Band Jupiter Jones, die im Sommer folgendes Statement über Instagram veröffentlicht hat:

"Wir haben's ja nicht so mit Eiertänzen und heißem Brei, daher machen wir's kurz: Wir müssen leider die Shows in Bendorf und Mannheim absagen. Grund hierfür ist ein katastrophaler Vorverkauf und auch, wenn wir's wirklich leid sind, darüber überhaupt noch zu sprechen, wird's wohl ein weiteres Symptom der Pandemie sein. (...) Wir würden grundsätzlich ja auch 'ne Show für zwei Menschen spielen, aber der finanzielle Schaden, der damit bei allen Beteiligten hängen bleiben würde, wäre vor niemandem zu rechtfertigen."
Die Band Jupiter Jones via Instagram.

Diesem Ton schließen sich auch Tocotronic an, die 2022 neun Konzerte ihrer "Nie wieder Krieg"-Tour verschieben mussten. Ihrem Statement auf Facebook fügen sie hinzu: "Die Zeiten sind wohl nicht danach, viele Künstler:innen machen gerade ähnlich schmerzhafte Erfahrungen."

Nachhol-Events besonders schwierig

Nun könnte man denken, der problematische Vorverkauf betreffe vor allem neu geplante Konzerte. Denn bei vielen Events handelt es sich ja immer noch um bereits bezahlte Nachhol-Shows aus der Vor-Corona-Zeit. Prof. Jens Michow, Präsident der BDKV, erklärt jedoch, dass gerade diese Konzerte finanziell heikel sind. Denn:

"Die Preise dieser Karten wurden auf der Kostensituation des Jahres 2019 kalkuliert. Wir wissen alle, wie dramatisch seitdem alle Kosten gestiegen sind."

Darunter fallen auch alle Veranstaltungskosten, somit also auch die des Personals. Und auch letzteres ist wieder ein weiteres Problem-Feld, denn wie es in einem kürzlichen Beitrag der "Zeit" heißt: Viele Menschen vor, auf oder hinter der Bühne haben sich aufgrund der Unsicherheiten durch Corona neue Jobs gesucht.

"Die meisten Leute kommen nicht mehr zurück", wird dort die Hamburger Musik-Managerin Salome Agyekum zitiert. Dieser Personalmangel führe schließlich sogar zu Absagen ausverkaufter Konzerte.

Die Haltung in der Szene

Watson hat nachgefragt, um sich ein Bild von der Stimmungslage zu verschaffen. Die deutsche Band Leoniden beschreibt, sie habe das Problem stets um sich gehabt. Allerdings als eine derjenigen, die ihre Tour schon vor Corona geplant hatten und zumindest mit dem Vorverkauf keine großen Probleme hatten. Auf Anfrage verraten sie jedoch:

"Wir haben es uns aber aus Unsicherheit verkniffen, weitere Konzerte anzukündigen. Mit diesen ganzen Verschiebungen war das dann doch ziemlich chaotisch und wild."

Den optimistischen Blick haben Leoniden nicht verloren. Sie wissen, dass sie langsam wieder die Möglichkeit haben zu planen – auch wenn sie diesen Gedanken offenbar noch mit Vorsicht genießen: "Wir werden uns dafür allerdings auch Zeit nehmen und sehr sorgfältig überlegen, wann der richtige Zeitpunkt für die nächste Tour ist. Könnte ziemlich gut sein, dass wir kommendes Jahr gar keine eigenen Shows spielen."

Was wir tun können

Das Ganze wirkt wie eine absteigende Spirale, der man nur schwer entfliehen kann. Das eine oder andere hat man allerdings doch in der Hand: Zunächst einmal hilft es, auf die Sache aufmerksam zu machen und entsprechend weiterzugeben. Das versuchen bereits kulturpolitische Kräfte hinter den Kulissen: "All Hands On Deck" ist etwa eine Benefiz-Reihe der oben erwähnten Managerin Agyekum, bei der Acts wie Clueso, Kontra K oder Alligatoah Konzerte anbieten, um Spendengelder für die Branche zu sammeln.

Sebastian Krumbiegel von den Prinzen spricht sich für mehr Kultur-Bewusstsein aus.
Sebastian Krumbiegel von den Prinzen spricht sich für mehr Kultur-Bewusstsein aus.Bild: dpa / Jonas Walzberg

Auch die Bands und Musiker:innen selbst machen regelmäßig auf die Situation aufmerksam. Sebastian Krumbiegel, Sänger bei den Prinzen, sagte etwa kürzlich in dem Podcast "Hotel Matze":

"Wir haben mit den Prinzen dieses Jahr fünf Konzerte gegeben, das ist nicht viel. Ich trete auch alleine auf, doch es kommen wenig Leute. Es läuft zur Zeit nicht gut für alle Musikerinnen und Musiker, das muss man ganz klar sagen. Und ich versuche immer wieder allen Leuten zu sagen: Geht raus, geht zu Konzerten, geht ins Theater, geht ins Kino. Supportet die Kultur, sie ist ein wichtiger Baustein in unserem Leben."
Sebastian Krumpel im Podcast "Hotel Matze".

Und hiermit sei schließlich der zweite Punkt angesprochen, den man beeinflussen kann: Wer nicht nur Tickets für die ganz großen Konzerte kauft, sondern auch seine kleineren Favoriten unterstützt, hilft mit, einen andauernden Teufelskreis zu durchbrechen.

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