In der Corona-Isolation wünschen sich viele Deutsche einen Kuschelpartner. Doch die Tierheime befürchten, dass die Tiere bald wieder abgegeben werden.
In der Corona-Isolation wünschen sich viele Deutsche einen Kuschelpartner. Doch die Tierheime befürchten, dass die Tiere bald wieder abgegeben werden.
Bild: iStockphoto / Sparveriuspict
Analyse

Haustier-Boom – Tierheime warnen: "Nach der Pandemie rechnen wir mit einer großen Abgabe-Welle"

22.04.2021, 13:5823.04.2021, 08:56

In der Einsamkeit der Pandemie sind sie die idealen Begleiter: Haustiere. Die Zahl der Hunde, Katzen und anderer tierischer Mitbewohner stieg 2020 um fast eine Million an, meldet der Industrieverband Heimtierbedarf. Viele Menschen, die schon seit Jahren mit der Anschaffung eines Haustieres geliebäugelt haben, nahmen die Pandemie offenbar zum Anlass, sich endlich einen kuscheligen Lebenspartner ins Haus zu holen.

Kein Wunder: In den Urlaub kommt man momentan kaum, Gassi-Gehen umschifft sogar strenge Ausgangssperren und im Homeoffice ist es auch schön, jemanden zu haben, der – Kontaktbeschränkung hin oder her – ausgiebig umarmt und gestreichelt werden kann.

Tierheime sind allerdings ein wenig skeptisch, was den Ansturm auf "Corona-Haustiere" angeht und befürchten, dass viele Hunde und Katzen im Stich gelassen werden könnten, wenn die Pandemie endet.

Wohin mit den Tieren nach dem Ende der Pandemie?

"Sorgen bereiten uns neue Haustiereigentümer, die die Entscheidung unüberlegt getätigt haben und nach den Corona-Beschränkungen keine Lust mehr auf ein Tier haben. Da werden leider sicherlich viele im Tierheim landen", gibt Colin Wellmann vom Tierschutzverein München im Gespräch mit waston zu bedenken.

Denn irgendwann käme die Zeit der Fernreisen und Büroarbeit zurück – und wohin soll dann das Tier? Auch in Norddeutschland gibt es diese Befürchtung, wie die tierärztliche Leitung des Hamburger Tierschutzvereins von 1841, Urte Inkmann, bestätigt: "Nach der Pandemie rechnen wir mit einer großen Abgabe-Welle, wenn Menschen zum Beispiel in den Urlaub fahren möchten oder die Zeit im Homeoffice wieder weniger wird."

Für die Vermittler ist es deshalb momentan besonders wichtig, die Motive der Interessenten zu hinterfragen. "Impulskäufe" sollen vermieden werden, heißt es auch im Tierheim Köln-Ostheim: "Wir haben seit der Corona-Krise Anfragen ohne Ende", sagt die dort arbeitende Stefanie Flam von Menschen für Tiere e.V. gegenüber watson. Gewünscht seien momentan vor allem Hunde und Katzen zum Kuscheln.

"Genau wie viele andere Tierheime befürchten wir eine bisher nie dagewesene Abgabe-Welle."
Stefanie Flam von Menschen für Tiere e.V.

Prinzipiell freut es das die Tierheime durchaus – es müsse nur gründlich begutachtet werden, "ob die Menschen nur eine Beschäftigung während der Pandemie suchen oder langfristiges Interesse an einem Tier haben", so Flam. In vielen Fällen wäre die Corona-Krise nur der nötige Schubs gewesen, einen langgehegten Haustier-Traum endlich anzugehen, berichten die Vermittler. Dann käme es durchaus zu Win-Win-Situationen.

Der illegale Online-Handel mit Tieren boomt

Gedankenlosere Leute würden allerdings spontan Tiere im Internet kaufen und das sei problematisch, berichtet Flam: "Sehr große Sorgen bereitet uns die hohe Zahl an Billigwelpen und anderen Tier-Verkäufen auf Online-Plattformen. Von diesen Tieren werden mit Sicherheit viele abgegeben oder ausgesetzt, wenn die Lebensumstände der Menschen sich wieder ändern."

"Mittlerweile kann man Tiere leider überall kaufen, vor allem online geht das schnell. Wahrscheinlich werden Menschen dann auch ebenso schnell überfordert sein und die Tiere zu uns bringen."
Urte Inkmann vom Hamburger Tierschutzverein von 1841

Tierärztin Urte Inkmann ergänzt, dass die Corona-Krise dubiosen Tierhändlern auch noch Aufschwung verleihe, die gestiegene Nachfrage "befeuert leider auch den illegalen Online-Handel mit Tieren, insbesondere mit Welpen, die oft sehr krank sind oder sogar sterben."

In München beobachtet man bereits, dass diese Tiere – aufgrund fehlender Papiere und mangelnder ärztlicher Versorgung – krank und unterversorgt wieder im Tierheim abgegeben werden. Deshalb würden die Heime trotz erhöhter Corona-Nachfrage nicht leerer, sagt Wellmann: "Faktoren wie diese führen trotz guter Vermittlungszahlen dennoch zu steigenden Beständen."

Was sich jeder Tierfan vor der Adoption fragen sollte

So schön die Idee von einem kuscheligen Corona-Begleiter ist, von dubiosen Online-Angeboten sollte man also die Finger lassen. Und sich auch sonst ehrlich fragen: Bin ich bereit, für die Lebensdauer eines Tieres Verantwortung zu übernehmen? Kann ich mir das finanziell leisten, auch die Tierarztkosten? Kann ich eine angemessene Betreuung gewährleisten – auch wenn ich wieder im Büro arbeite? Was passiert im Krankheitsfall oder wenn ich in den Urlaub will? Passt der Charakter des Tieres überhaupt zu meinem Leben?

Tierheime können diese Fragen zusammen mit Interessenten klären und "schauen, welches Tier zu welchem Menschen passt", so Ute Inkmann gegenüber watson. "Werden diese Punkte vor der Adoption berücksichtigt, ist das ein guter Start für ein schönes Zusammenleben." Ein Zusammenleben, das auch über die Krise hinaus gelingt. Denn die treuen Tröster in der Not zurückzulassen, nur, weil es einem selbst wieder besser geht, wäre wirklich hundsgemein.

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