Anlässlich des 83. Jahrestags der Reichspogromnacht findet in der Synagoge der Synagogen-Gemeinde Köln eine Gedenkveranstaltung der Synagogen-Gemeinde Köln und der Kölnischen Gesellschaft für Christli ...
Viele jüdische Menschen in Deutschland trauen sich nicht mehr, ihren Glauben öffentlich auszuleben.Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres
Analyse

Marina Weisband über jüdisches Leben in Deutschland: "Wir sind weit davon entfernt, die Sicherheit zu haben, von der ich träume"

27.01.2022, 16:2528.01.2022, 12:19

"Ich fühle mich wie Sophie Scholl", sagt eine junge Frau im November 2020 auf einer Bühne in Hannover. Die Rednerin ist nicht etwa eine politisch Verfolgte, die sich von rechter Hetze bedroht fühlt, sondern eine Anti-Corona-Demonstrantin, die "seit Monaten aktiv im Widerstand" ist, wie sie sagt. Sie fühle sich wie Sophie Scholl, da sie auf Demonstrationen geht, Reden hält, Flyer verteilt und Versammlungen anmeldet. Und weil sie 22 Jahre ist, das Alter in dem Sophie Scholl von Nationalsozialisten getötet wurde.

Die Querdenker-Bewegung bedient sich derartigen Erzählungen mit zunehmender Häufigkeit: Oftmals vergleichen sich Demonstranten und Impfgegner mit verfolgten Juden zur Zeit des Nationalsozialismus und stellen sich als Opfer böser Mächte dar, meist in Form von Politik und Medien.

Wie wirkt sich diese Verharmlosung des Holocaust auf das jüdische Leben in Deutschland aus? Heute, zum Internationalen Holocaust-Gedenktag, fragt watson nach.

"Einigen kommt diese Pandemie gerade recht", sagt eine Dame mit Kippa auf dem Kopf. Sie ist Teil der Gegendemo in Freiburg, als Corona-Leugner sich auf der Straße versammeln. Ihre Rede trifft den Ernst der Lage: "Antisemitismus und Verschwörungsnarrative gehen Hand in Hand – immer! Und sie haben immer zur Katastrophe geführt, die unfassbarste darunter war die Schoah."

Jüdisch sein in Deutschland

"Das Risiko ist meiner Meinung nach so hoch, wie noch nie nach 1945."
Sylvia Schliebe vom Antisemitismuspräventionsprojekt "Jüdisch für alle"

Ihr Name ist Sylvia Schliebe. Sie ist Sozialarbeiterin und Pädagogin, Mitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Freiburg und seit vielen Jahren aktiv in der Bildungsarbeit und Antisemitismuspräventionsarbeit, aktuell auch bei "Jüdisch für alle", einem Projekt der Liberalen Jüdischen Gemeinde von Freiburg Chawurah Gescher. Auf Nachfrage von watson, wie sie die aktuelle Situation als Jüdin empfindet, sagt Sylvia Schliebe: "Das Risiko ist meiner Meinung nach so hoch, wie noch nie nach 1945."

Dass rechtsgerichtete Querdenker die Gräueltaten der Judenverfolgung mit ihren Vergleichen scheinbar anerkennen, täuscht. Denn dies ist keine Anerkennung, sondern eine Verharmlosung der Situation. "Selbstverständlich sind nicht alle Mitlaufenden und Sympathisierenden dieser Demos Rechte oder Nazis, aber es ist auch keineswegs nötig, dass dies so ist, um eine ernsthafte Gefahr darzustellen", sagt Schliebe.

"Wenn sie sich selbst mit NS-Verfolgten wie den Sophie Scholl oder Anne Frank gleichsetzen, dämonisieren sie Staat, Wissenschaften und Medien zugleich als angeblich neue Nazis."
Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume gegenüber watson
Immer wieder tragen Demonstranten gelbe Sterne mit der Inschrift "ungeimpft" und verharmlosen damit den Holocaust. Das wird nun als Straftat gewertet.
Immer wieder tragen Demonstranten gelbe Sterne mit der Inschrift "ungeimpft" und verharmlosen damit den Holocaust. Das wird nun als Straftat gewertet.Bild: dpa / Christophe Gateau

Die Shoah, also der Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden Europas, sei nicht durch die Parteigenossen und Genossinnen der NSDAP alleine möglich gewesen, sondern vor allem durch eine große Mehrheit, die den NS-Konzepten folgte, zum Teil begeistert und aktiv, im Wissen, was passierte oder auch tolerierend oder opportunistisch in Gleichgültigkeit. "Diese Mehrheiten haben die beispiellosen Verbrechen ermöglicht und heute sehen wir wieder, wie eine Gemengelage ähnlicher Mischung mitläuft oder Sympathien hegt, obwohl nun für alle seit zwei Jahren eine klare Entwicklung in diesem augenscheinlich heterogenen Milieu zu erkennen ist."

Die Opferinszenierung der Querdenker rechtfertigt Gewalt

Michael Blume, Religions- und Politikwissenschaftler sowie Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus, erklärt gegenüber watson die Beweggründe von Querdenkern: "Verschwörungsgläubige spalten die Angstreize wie Viren oder die Klimakrise aus sich ab und schieben sie auf eine vermeintliche Weltverschwörung. Entsprechend inszenieren sie sich selbst als Opfer, beispielsweise mit Judensternen, oder Raunen über antiweißen Rassismus."

Viele Impfgegner vergleichen sich mit verfolgten und ermordeten Menschen während des Nationalsozialismus.
Viele Impfgegner vergleichen sich mit verfolgten und ermordeten Menschen während des Nationalsozialismus.privat

Diese Strategie hat einen höheren Sinn: "Wenn sie sich selbst mit NS-Verfolgten wie Sophie Scholl oder Anne Frank gleichsetzen, dämonisieren sie Staat, Wissenschaften und Medien zugleich als angeblich neue Nazis. Es werden also gleichzeitig die realen Opfer und heutige Demokratien verhöhnt." Eine perfide Taktik. Denn "wer Andersdenkende als vermeintlich absolut böse Weltverschwörer markiert, erklärt sich selbst als völlig unschuldig. Im Extremfall kann dann sogar Gewalt als vermeintliche Notwehr gerechtfertigt werden".

Blume zieht eine beunruhigende Paralle:

"Wer den ZDF-Film über die Wannseekonferenz geschaut hat, wird dieses Grauen erkannt haben: Da beschließen kultivierte und formal gebildete Menschen über millionenfachen Mord, indem sie sich immer wieder einreden, es ginge um Selbstverteidigung. In diesem überzogenen Freund-Feind-Dualismus liegen die Gefahren von Verschwörungsmythen und Antisemitismus - auch heute noch."

Auch die Grünen-Politikerin und Netzaktivistin Marina Weisband sieht diese Gefahr. Sie engagiert sich gegen Antisemitismus, für demokratische Bildung und digitale Partizipation und empfindet solche Vergleiche von Querdenkern als "beleidigend und verletzend".

Sie erklärt gegenüber watson: "Immerhin stellen sich da Menschen, die einfach nur einander gesundheitlich schützen sollen, auf eine Stufe mit unseren Vorfahren, teilweise Eltern, die durch die absolute Hölle gegangen sind – eine gesamte Kultur und nackte Menschenleben, die mit Gewalt vernichtet werden sollten."

Doch das Problem sitzt tiefer, die Gefahr ist größer, als es auf den ersten Blick erscheint. "Ein solch unangebrachter Vergleich ist am Ende eine Verharmlosung der Shoah. Wo die Shoah verharmlost wird, fällt es leichter, sie zu wiederholen."

Marina WEISBAND bei ihrem Redebeitrag, 44. Ordentliche Bundesdelegiertenkonferenz der Partei Buendnis 90/Die Gruenen in der Stadthalle Bielefeld vom 15.-17.11.2019 *** Marina WEISBAND during her speec ...
Marina Weisband debattiert seit Jahren leidenschaftlich im Bundestag, auf Talkshows und in einem Blog gegen Antisemitismus.Bild: www.imago-images.de / Malte Ossowski/SVEN SIMON

Diese Verharmlosung des Holocaust sieht auch Sylvia Schliebe:

"Das steht in einer langen Tradition der Verdrängung, der Realitätsverleugnung und nicht so selten der doch vorhandenen Sympathie für Slogans, die sich dann mit dem eigenen Selbstbild im Grunde nicht mehr vereinbaren lassen. Es gibt eine wesentliche Anschlussfähigkeit scheinbar unterschiedlicher Milieus, die den Schluss zulässt, dass doch mehr geteilt wird, als man wahrnehmen möchte. Hier gibt es auch deutliche Parallelen zu den den Jahren vor 1933."

Deutschland im Jahr 2022 ist gefährlicher für Juden als vor der Pandemie

Marina Weisband, die selbst Jüdin ist, merkt, dass das Klima in Deutschland sich gewandelt hat: "Es begann im Sommer 2020, als ich einen Freund fragte: "'Fühlst du auch, dass sich etwas verändert hat?' und er sagte: 'Oh Gott, ich dachte, ich sei der Einzige, der das fühlt.'", erzählt sie. Sie sieht in den Reihen von Corona-Leugnern die Zunahme von Antisemitismus. "Wenn diese Verschwörungserzählungen, diese Selbstinszenierung als Opfer, diese Gewalt an der Wahrheit weiter um sich greifen, dann sind unsere Leben und unsere Sicherheit wieder in größerer Gefahr."

Denn Antisemitismus basiert nicht auf "Hass auf Juden", sondern auf dem "Gerücht über Juden", also auf einer Weltbetrachtung, die "das Böse" an eine bestimmte Gruppe Menschen bindet. Vordenker der Querdenken-Bewegung würden das laut Weisband schon völlig offen genau so im Bezug auf Juden aussprechen.

Jüdischer Alltag: "Ich verlasse mein Haus ab 17 Uhr nicht mehr"

Dass Jüdischsein heutzutage in Deutschland immer noch nicht ungefährlich ist, zeigt sich im Alltag immer wieder. Beispielsweise, wenn jüdische Menschen auf der Straße zusammen geschlagen werden. Wenn es Attentate auf Synagogen gibt wie in Halle und Gläubige durch die Polizei geschützt werden müssen. Oder wenn Interviewpartnerinnen ihren Nachnamen nicht nennen wollen bei Themen, die überhaupt nichts mit Religion zu tun haben. Im Gespräch mit eben jener Dame, die nur ihren Vornamen Katrin öffentlich machen will, sagt diese: "Ich, mit meinen jüdischen Wurzeln, finde es eine absolute Frechheit, wenn Corona- Leugner sich mit den Opfern des Holocaust vergleichen. Die Juden wurden damals ermordet – nicht wegen einer Impfung, sondern weil man die Rasse ausrotten wollte."

"Ich selbst fühle mich in Deutschland noch sicher, noch. Aber meine Gedanken gehen schon Richtung Auswandern nach Israel."
Katrin
Ist unbeschwertes jüdisches Leben in Deutschland noch möglich? Offenbar nicht immer und überall.
Ist unbeschwertes jüdisches Leben in Deutschland noch möglich? Offenbar nicht immer und überall. Bild: iStockphoto / chameleonseye

"Aber wie sagte meine Großmutter immer? Die Kinder der Überlebenden sind die Rache an den Nazis. Ich selbst fühle mich in Deutschland noch sicher, noch. Aber meine Gedanken gehen schon Richtung Auswandern nach Israel", erzählt Katrin. Denn auch sie erlebt in ihrem Alltag in einer kleinen Stadt oft Antisemitismus. Sie hört dann "Sprüche wie 'Oh, man hat Dich vergessen zu vergasen' oder 'Irgendwann bekommen wir auch Dich.'"

Ein unbeschwertes Leben kann sie in Deutschland nicht mehr führen, wie sie watson berichtet: "Unsere Synagoge steht unter Polizeischutz, ich selbst gehe seit zwei Jahren nicht mehr in die Synagoge. Ich feiere alleine den Shabbat. Solche Kommentare machen mich nicht nur wütend, sondern auch ängstlich. Ich selbst verlasse mein Haus ab 17 Uhr nicht mehr."

Juden brauchen Schutz – durch Politik aber auch durch den Einzelnen

Dass die Gewalt in Deutschland gegenüber Juden zugenommen hat, ist kein subjektiver Eindruck. Auch der Antisemitismus-Experte Michael Blume beobachtet einen Anstieg antisemitischer Vorfälle, der seit dem 11. September 2001 mit der Verbreitung von Verschwörungsmythen durch das Internet konstant angestiegen ist. Verstärkt wurde diese Haltung durch die Finanzkrise 2008 und den sogenannten "GreatReset-Verschwörungsmythos" in den USA: Dort "werden schon jetzt Covid-19, die Wahlniederlage von Donald Trump und die Klimakrise samt Flüchtlingsströmen als Weltverschwörung gedeutet!", berichtet Blume gegenüber watson.

Angesichts dieser Entwicklung ist der Antisemitismusexperte dankbar für die verbesserte Zusammenarbeit von Sicherheitskräften und jüdischen Gemeinden, in Baden-Württemberg sogar mit zwei Polizei-Rabbinern. Seine Prognose: "Wir haben leider noch einige sehr heftige Jahre mit vielen Angriffsversuchen vor uns."

Elio Adler, der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Werteinitiative
Elio Adler fordert Zivilcourage und Bildungsarbeit. Bild: pricat / Ilja Kagan

Elio Adler, der Vorsitzende der WerteInitiative, einem politischem, gemeinnützigen Verein, der sich seit einigen Jahren als eine zivilgesellschaftliche, jüdische Stimme in Deutschland etabliert hat, sagt zu watson: "Zum Schutz jüdischen Lebens sind sehr viele konkrete Handlungen notwendig."

Die Initiative hat aus diesem Grund für die neue Bundesregierung 17 Handlungsempfehlungen geschrieben, um eine jüdische Zukunft in Deutschland zu sichern. "Schutz bedeutet zum einen den konkreten Schutz, das heißt Sicherheit, die dazu dient, dass sich die gewaltsame Ausprägung von Antisemitismus nicht manifestieren kann. Dieser Schutz ändert zwar nichts am Antisemitismus in der Gesellschaft, es ändert aber, dass er sich gewaltsam und potentiell auch tödlich oder zumindest verletzend zeigen kann."

"Der reine Schutz ist ja nur ein Panzerglas, das zwischen Antisemit und Juden steht.“
Elio Adler, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Werteinitiative

Doch es gibt weitere Bereiche, die jüdische Leben schützen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Bildung und Erziehung, aber auch, "wie Medien mit dem Bild von Juden und auch dem neuen Antisemitismus, der meistens in Israelfeindlichkeit eingekleidet ist, umgehen und auch wie die Sozialen Medien mit Hassrede umgehen", erklärt Adler.

So kommt es nicht nur auf den Schutz durch den Staat an, sondern auch durch den Einzelnen. "Es spielt eine Rolle, wie jeder Einzelne in dieser Gesellschaft mit den Grundwerten einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft umgeht und sie lebt und sie verteidigt. Die, die sie verletzen, muss man anprangern und sich ihnen in den Weg stellt." Daher sei dieser "weiche" Bereich sogar viel wichtiger für den Schutz der jüdischen Gemeinschaft, weil er im Kern der Entstehung des Antisemitismus ansetzt. Während "der reine Schutz ja nur ein Panzerglas ist, das zwischen Antisemit und Juden steht."

Marina Weisband sagt zu ihrem Leben als Jüdin in Deutschland im Jahr 2022: "Deutschland ist nach wie vor ein relativ sicheres Land für mich – im Vergleich zu anderen. Aber wir sind weit davon entfernt, die Sicherheit zu haben, von der ich träume. Beten zu können ohne Polizeischutz. Jüdische Kindergärten ohne kugelsicheres Glas und Schleusen. Wo ich Details meiner Familie geheim halten muss. Das ist nicht normal. Das sollte nicht normal sein."

Die Twitter-Apokalypse: Was passiert, wenn Elon Musk versagt?

Angenommen, was gar nicht mehr so utopisch ist, alle technischen Angestellten bei Twitter haben keine Lust mehr auf Elon Musks Eskapaden und kündigen. Oder der ganze Laden geht insolvent, davon redet Musk ja ständig.

Zur Story