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Werden die Apothekenregale demnächst leerstehen? Bild: picture alliance/dpa / Waltraud Grubitzsch

Analyse

Medikamente könnten ausgehen? Das sagen Pharma-Experten

Noch immer breitet sich das Coronavirus in Deutschland aus. Mit den Betroffenzahlen wächst auch die Angst, dass die Medikamente in Deutschland knapp werden. Verständlich. Viele Wirkstoffe werden in China hergestellt, wo der Erreger erstmals auftrat. Zudem bringt das Virus die Gesundheitssysteme von Ländern wie Italien oder Spanien an ihre Belastungsgrenze. Die Sorge um die Stabilität europäischer Lieferketten wird dadurch zusätzlich befeuert.

Nun werden alltägliche Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol nicht in Deutschland hergestellt. Selbiges gilt für viele stärkere Schmerzmittel oder Krebsmedikamente. Obwohl hierzulande einige Arzneimittel, etwa Aspirin, produziert werden, sind wir auf die Lieferung bestimmter anderer Produkte angewiesen.

Der Verband der Arzneimittel-Importeure Deutschlands (VAD) forderte daher, dass Exportverbote und Handelsbeschränkungen für Medikamente aufgehoben werden. Dadurch sollen Medikamenten-Engpässe in der Corona-Krise vermieden werden.

Erhebliche Engpässe

Laut Verbandsvorstand Jörg Geller seien derzeit einzelne Medikamente knapp. Das läge an den teilweise geschlossenen Grenzen innerhalb Europas, Hamsterkäufen von Verbrauchern sowie großzügigen Verschreibungen von Ärzten, berichtete er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Weiter ergänzte er, dass bereits einige Produkte aktuell zu höheren Preisen gehandelt werden als üblich. Auf Anfrage von watson sagte Geller, dass es heute bereits erhebliche Engpässe gebe. Er sagt:

"Einen Teil dieser Engpässe gab es bereits vor der Corona-Krise, aber es ist davon auszugehen, dass die Knappheiten mit zunehmender Dauer der Krise und in Abhängigkeit der von den Staaten ergriffenen Maßnahmen noch deutlich an Bedeutung gewinnen werden."

Die Gründe dafür sind vielseitig. Indien stoppte etwa im Zuge der Corona-Krise den Export einiger Wirkstoffe, um erst einmal den eigenen Bedarf zu decken. Laut Geller ist Indien aber ein bedeutender Lieferant.

Und da viele Arzneimittel arbeitsteilig hergestellt werden, ist das besonders problematisch. Schließlich wird der in Indien gewonnene Wirkstoff woanders in eine Tablette gepresst und das Produkt daraufhin nochmals woanders verpackt. Die Lieferkette wird also unterbrochen.

"Was unser Geschäft als Arzneimittel-Importeure betrifft, sind wir auf offene Grenzen, also den freien Warenverkehr, angewiesen."

Jörg Geller

Und das funktioniere nicht, wenn Länder Exportbeschränkungen erlassen, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen.

Noch mehr Exportstopps?

Es ist ein düsteres Bild, das Geller zeichnet. Nun ist der Exportstopp von Indien bereits seit Anfang März bekannt. Allerdings besteht nicht zwangsläufig eine Abhängigkeit. Denn viele Wirkstoffe werden nicht nur in einem Land hergestellt – etwa Ibuprofen, welches in China, Indien und den USA produziert wird. Allerdings kämpfen derzeit viele Länder mit der Ausbreitung des Coronavirus. Gibt es also noch mehr Exportstopps?

Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) liegen laut eigenen Angaben derzeit zumindest keine belastbaren Hinweise dazu vor.

Es gab eine verstärkte Nachfrage

Was sich hingegen laut BfArM bemerkbar mache, ist die gestiegene Nachfrage nach Medizinprodukten. Denn aufgrund der Ausgangsbeschränkungen haben sich viele Menschen mit Medikamenten eingedeckt. Das bestätigt auch ein Sprecher des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) gegenüber watson. Gellers Theorie bezüglich der Hamsterkäufe scheint also nicht weit hergeholt. Mit dem Einkaufen auf Vorrat könnte allerdings bald Schluss sein.

Denn das Bundesgesundheitsministerium forderte Apotheken vor zwei Wochen auf, Medikamente nur noch in handelsüblichen Mengen zu verteilen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ordnete das ebenfalls an. "Seitdem hat sich die Lage wieder entspannt", ergänzt der BPI-Sprecher. Dennoch betont er:

"Mit der aktuellen Corona-Krise sind bislang nie dagewesene Herausforderungen für alle verbunden. Grundsätzlich tun alle ihr Bestes, um die Grundversorgung der Bevölkerung unter den gegebenen Einschränkungen aufrechterzuhalten und die Wirtschaft arbeitsfähig zu erhalten."

Pharmaunternehmen bleiben dran

Dennoch führte die gestiegene Nachfrage zu einer Zunahme von Importen. Laut Bundesverband für Arzneimittel-Hersteller (BAH) verzehnfachte sich der Import von Wirkstoffen via Flugfracht. Vereinzelt gebe es auch Engpässe bei der Seefracht. Betroffen seien Roh- und Hilfsstoffe sowie der Nachschub an Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmitteln. Produkte, die zeitweise völlig vergriffen waren.

Zudem müssen Betriebe sicherstellen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während ihrer Arbeit kein Infektionsrisiko eingehen. Es gelten quasi erschwerte Bedingungen. Trotz dieser Umstände versuchen Pharmahersteller, die Nachfrage zu erfüllen. Laut BAH mittels Sonderschichten und Wochenendarbeit.

Dennoch kommt die Frage auf, ob wir trotz aller Mühen demnächst auf bestimmte Produkte verzichten müssen. Watson fragte auch beim Pharma-Riesen Bayer nach, wie es sich dort verhält.

Die Antwort: Abläufe und Produktion sind bisher normal. Denn für Notfälle habe das Unternehmen ausreichend Lagerbestände angelegt.

"Es ist daher momentan nicht zu befürchten, dass für unsere Patienten lebenswichtige Bayer-Medikamente in Deutschland nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung stünden."

Bayer-Sprecher

Fazit:

Ja, es gibt vereinzelte Engpässe. Und wichtige Exportländer haben ihre Grenzen dicht gemacht. Das bedeutet aber nicht, dass wir in den nächsten Tagen vor leergefegten Regalen stehen werden. Immerhin müssten dazu zunächst alle weiteren Exportländer ihre Grenzen schließen und die Notbestände aller Pharmaunternehmen aufgekauft werden.

Trotzdem ist es wichtig, Medikamente in den Mengen zu kaufen, in denen sie tatsächlich gebraucht werden, also in haushaltsüblichen Mengen. Hamstern schadet am Ende anderen.

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