Leben
Mädchen die Einkaufen waren

Die Tüten gefüllt, die Geldbörse leer: Pathologisches Shoppen und seine Folgen. Bild: Getty Images

Analyse

Shoppingsucht: Woran ich erkenne, dass ich süchtig bin

Ob neue Schuhe, ein Laptop oder eine teure Armbanduhr: Jeder hat mal etwas gekauft, von dem er dachte, er müsste es besitzen. Vielleicht fürs Selbstwertgefühl, vielleicht aus Pragmatismus. Manche verlieren sich jedoch in einem unkontrollierbaren Rausch. Sie kaufen und horten Dinge, die sie nie benutzen. Das geht so lange gut, bis sie verschuldet sind. Ist der Punkt erreicht, sprechen Psychologen von einer Kaufsucht oder einer Oniomanie.

Die Krux: Kaum einer wird sein Verhalten als krankhaft empfinden, sofern er nicht mehr als sein gesamtes Geld verprasst. Stellt sich also die Frage, wann das eigene Kaufverhalten problematisch ist und was dagegen getan werden kann. Denn auch wenn laut einer Analyse verschiedener Studien etwa fünf Prozent der Bevölkerung kaufsüchtig sind, müssen Betroffene dies erst realisieren – bestenfalls bevor sie sich oder ihren Mitmenschen schaden.

Viele Warnsignale

Bei der Kaufsucht handelt es sich um eine nicht substanzgebundene Abhängigkeit. Nicht Drogen wie Kokain oder Alkohol reizen Betroffene, sondern eine Tätigkeit – in dem Fall Shopping. Die Mechanismen sind sich aber ähnlich. Wie auch bei der Drogensucht schießt das Belohnungssystem Dopamin-Salven durch den Körper, sobald Abhängige mit ihrem Suchtstoff konfrontiert werden. Ob es sich bei diesem um ein neues Tablet oder ein Paar Schuhe handelt, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab.

Mit der Zeit häufen sich Dinge an, die Betroffene nicht gebrauchen können. Die liegen dann verpackt herum und wandern ungenutzt in den Mülleimer. Das ist jedoch nur ein erstes Warnsignal.

Bei den meisten Erkrankten schwächen die Glücksgefühle beim Einkauf mit der Zeit ab, erklärt Astrid Müller, Psychologin an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinische Hochschule Hannover, im Gespräch mit watson. Das Kaufverhalten diene dann dazu, negative Gefühle wie Trauer oder Wut zu kompensieren. Verselbstständigt sich dieser Mechanismus, wird es gefährlich. Dann können familiäre oder finanzielle Probleme die Folge sein.

"Hört man dann nicht auf, weil man einen starken Kaufdrang hat, ist es möglich, dass eine Kaufsucht besteht."

Astrid Müller

Das Problem mit dem Internet

Durchs Online-Shopping kann diese Sucht gefördert werden. Dauerpräsente, personalisierte Werbung, schier unendlich viele Geschäfte, unzählige Supersonderangebote, all das befeuert das Verlangen nach mehr. Es entwickelt sich das Gefühl, etwas besitzen zu wollen, gar zu müssen. Manche Gehirnareale können sich dadurch so verändern, dass sie denen Substanzabhängiger ähneln, sagt Müller.

Ein weiteres Problem: Beim Online-Shopping bleibt man halbwegs anonym. Mitmenschen kriegen nicht mit, wer was bestellt. Dabei sind Kaufsüchtige ohnehin schwer zu erkennen.

Eigentlich unauffällig

Substanzgebundene Süchte gehen häufig mit einem körperlichen Verfall der Betroffenen einher. Stellen wir uns jemanden mit einer Alkoholsucht vor, haben wir wahrscheinlich aufgequollene und stark gerötete Gesichter vor Augen. Menschen mit einer Kaufsucht lassen sich aber keinem klassischen Bild zuordnen. "Kaufsüchtige sind auch meist sehr gepflegt, eloquent und haben gute Jobs", sagt Astrid Müller. Zudem fallen sie gerade zu Beginn nicht auf.

"Wir sind eine Konsumgesellschaft. Wir kaufen mehr als wir brauchen."

Astrid Müller

Ein Kaufsüchtiger falle erst auf, wenn er finanzielle Probleme hat und seine Sucht über Kredite oder anderweitige Verschuldung befriedigt. "Auch Betrugsdelikte können vorkommen", erklärt Müller. Dabei werden etwa Kredite unter falschem Namen aufgenommen. Doch woher kommt das Bedürfnis, immer mehr zu wollen?

Bunt gemischt

Leicht beantworten lässt sich das nicht. Laut Müller bilden Kaufsucht-Patienten eine sehr heterogene Gruppe. Manche suchten etwa ständig nach Schnäppchen, andere wollten hingegen nur in bestimmten Boutiquen einkaufen, da sie auch von den Gesprächen mit den Mitarbeitern angezogen würden. Zudem gebe es noch diejenigen, die nach Prestige streben. Die würden sich eine hochpreisige Lederjacke oder sehr teure Schuhe kaufen.

"Ich habe so unterschiedliche Patienten erlebt, dass es mir schwerfällt, sie einem bestimmten Raster zuzuordnen."

Astrid Müller

Die Psychologin hätte etwa eine Patientin gehabt, die sich ständig Bücher kaufte, häufig ohne sie zu lesen. Hier sei es eher die soziale Komponente, also Gespräche mit den Buchhändlern, gewesen. Was laut Müller bei Kaufsüchtigen häufiger vorkommt, ist ein Problem mit dem Selbstwertgefühl. Außerdem gebe es häufig eine materielle Werteorientierung. In dem Fall definierten sich Betroffene über ihren Besitz.

Hilfe gibt es in der Gruppe

Da die Krankheit äußerst individuell ausfallen kann, werden Betroffene auch so behandelt. Müller erklärt, dass sie sich zunächst einen Überblick über die die Lebensumstände und Biographie ihrer Patienten verschafft. In der Psychotherapie ein normales Prozedere. Dass sich die Patienten daraufhin in Gruppentherapie begeben, ist hingegen etwas spezieller. "Das ist aber äußerst effektiv, weil die Patienten in einem Boot sitzen", sagt Müller. Entsprechend falle es ihnen leichter, offen zu kommunizieren.

Zudem durchschauen Betroffene Schummeleien wie Notlügen schnell, da sie eventuell in der Vergangenheit selbst von ihnen Gebrauch machten. In den Gruppengesprächen soll aufgeschlüsselt werden, was eine Person beim Einkauf gedacht und gefühlt hat, wie es danach weiter ging, was sie Positives beziehungsweise Negatives davon hatte oder auch, wann der Kaufdruck begonnen hat.

"Dem Patienten ist nicht immer klar, dass er die Kontrolle verloren hat. Häufig fällt es ihm auch schwer, die Gedanken und Gefühle in der Situation zu reflektieren."

Astrid Müller

Beim Kaufen gehe es Betroffenen darum, diese Gefühle zu kompensieren. Statt hinzuspüren, wo etwas nicht stimmt, wird gekauft. In der Therapie soll das Nachfühlen und Reflektieren jedoch erlernt werden. So kann auch das Rückfallrisiko gesenkt, sagt Müller.

Zuletzt weist Müller darauf hin, dass auch das Umfeld helfen kann. Wer etwa bemerkt, dass ein Freund entgegen seiner finanziellen Situation ständig neue Sachen kauft, diese aber nicht nutzt, vielleicht sogar Geschichten erfindet, woher er diese hat, könnte eine Sucht vorliegen. In dem Fall sollte Hilfe eingeschalten werden.

Hotline der Suchtberatung

Solltest du Hilfe und Beratung brauchen, findest du hier die Webseite der Suchtberatung des Deutschen Roten Kreuzes. Du erreichst ihre Hotline kostenlos und rund um die Uhr unter 08000 365 000.

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