Polizisten des Inspektionsdienstes Erfurt-Süd der Landespolizeiinspektion Erfurt gedenken der getöteten Polizisten aus Rheinland-Pfalz. Die Beschäftigten der Polizeidienststellen der Länder wollten bu ...
Bundesweit hat am Freitag eine Schweigeminute in Gedenken an die erschossenen Polizisten in Kusel stattgefunden.Bild: dpa-Zentralbild / Martin Schutt
Analyse

Nach Tod von Polizisten in Kusel: So gefährlich wird der Polizei-Job wahrgenommen

08.02.2022, 16:2909.02.2022, 08:27

"Die schießen!" – so lautete der Funkspruch der beiden Polizisten, kurz bevor sie am vergangenen Montag auf einer einsamen Landstraße im Kreis Kusel durch Schüsse tödlich verletzt wurden.

Die Tat ereignete sich am frühen Montagmorgen bei einer Verkehrskontrolle. Gegen 4.20 Uhr erfolgte zunächst der Funkspruch, dass die beiden jungen Polizisten totes Wild in einem Fahrzeug gefunden hatten, dann folgten die tödlichen Schüsse.

Der Tod der 24-jährigen auszubildenden Polizistin und des 29-jährigen Polizisten erschüttert seitdem das Land. Nach einer Öffentlichkeitsfahndung wurden zwei Tatverdächtige festgenommen, die sich derzeit in Untersuchungshaft befinden. Haftbefehl wurde wegen des Vorwurfs des gemeinschaftlichen Mordes erlassen. Laut den Ermittlern sollte mit der Tat eine Wilderei verdeckt werden. Einer der beiden Tatverdächtigen bestreitet, selbst geschossen zu haben, der andere verweigert eine Aussage.

Menschen stehen bei einer Schweigeminute vor der Polizeiinspektion Kusel. Heute fand eine Gedenkminute für die beiden erschossenen Polizeibeamten statt.
Vor der Polizeiinspektion Kusel liegen Blumen. Menschen gedenken den beiden erschossenen Polizisten.Bild: dpa / Sebastian Gollnow

Fälle wie diese machen deutlich: Der Polizei-Job ist gefährlich. Einsätze können eskalieren. Daran schließen sich einige Fragen an: Für wie sicher halten die Menschen in Deutschland den Beruf des Polizisten? Und würden junge Menschen diesen Job heutzutage noch ergreifen?

Wir haben Antworten: Laut einer exklusiven repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey im Auftrag von watson schätzen mehr als 80 Prozent der Befragten die Lage so ein, dass der Polizei-Beruf in den letzten Jahren gefährlicher geworden ist. Dabei kommt die meiste Zustimmung aus der älteren Bevölkerung.

"Dass der Polizeiberuf als zunehmend gefährlich wahrgenommen wird, dürfte insbesondere auf den Anstieg der einschlägigen Fälle und die mediale Berichterstattung darüber zurückzuführen sein", Michael Siefener, Sprecher des Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration, gegenüber watson. Jedoch habe es bereits vor der Corona-Pandemie einen solchen "besorgniserregenden Anstieg" an Gewalttaten gegenüber Polizistinnen und Polizisten gegeben.

Diese Einschätzung deckt sich auch mit den Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA). In dem Papier "Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamte" aus dem Berichtsjahr 2020 legt das BKA Zahlen vor, die belegen, dass der Beruf gefährlicher wurde. 80.084 Polizistinnen und Polizisten wurden im Jahr 2019 Opfer von Gewalttaten. 2020 stieg diese Zahl sogar noch um 4747 Fälle. Männliche und unter 35-jährige Polizisten wurden dabei besonders häufig Opfer von Gewalttaten.

Junge Menschen können sich der Umfrage nach eher vorstellen, den Beruf des Polizisten oder der Polizistin auszuüben als ältere – sofern sie heute ihren Job noch einmal neu wählen dürften. Aber egal in welcher Altersgruppe: Für die meisten Menschen wäre das offenbar kein Traumberuf.

Fast 70 Prozent der Befragten können sich nicht vorstellen, den Polizei-Job heute auszuüben. Woher rührt diese ablehnende Haltung gegenüber dem Beruf? Gilt die Polizei heute nicht mehr als "Freund und Helfer" in der Not?

Siefener sieht einen Grund dieser Haltung in der Corona-Pandemie: "Wir stellen aber auch fest, dass die Corona-Pandemie die jungen Leute im Hinblick auf ihre Zukunftsplanung verunsichert", betont er bei watson. Erschwerend komme hinzu, dass wegen der Pandemie persönliche Berufsinformationsveranstaltungen, wie Ausbildungs- oder Berufsmessen, nicht mehr stattfanden und auch Schülerpraktika ausgesetzt werden mussten.

Erhöhte Aggression gegen die Polizei

Wenn sich zwei Drittel der Befragten in Deutschland nicht vorstellen können, heutzutage Polizistin oder Polizist zu werden – steht die Polizei dann nicht vor einem Nachwuchsproblem?

In den vergangenen Monaten wurde vermehrt über radikale Ausschreitungen bei Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen berichtet und über einen Anstieg der Aggressionen gegenüber Polizistinnen und Polizisten. "Corona-Demos: Ausschreitungen – Mann beißt Polizisten", "Heftige Ausschreitungen gegen Polizei bei Corona-Protesten" oder "Corona-Demo mit Ausschreitungen – fünf Polizisten verletzt" sind nur einige der Nachrichten, die Schlagzeilen machten. Sie machen Polizeianwärterinnen und -anwärtern nicht unbedingt Mut.

Das Resümee im Bericht des BKA betont, passend dazu: "Durch den Anstieg vor allem der Opferzahlen, insbesondere durch die im Berichtsjahr erfassten versuchten 62 Tötungsdelikte sowie dem vollendeten Mord wird erneut das hohe und konkrete Berufsrisiko von Polizeivollzugsbeamten und -beamtinnen deutlich."

Weiter heißt es:

"Der erneute Anstieg bei verübten Gewalttaten zeigt, dass auch weiterhin die Achtung vor der Durchsetzung der Staatsgewalt ein gesamtgesellschaftliches Thema darstellt. Deutlich wurde dies im Berichtsjahr auch bei gesellschaftlichen Konfliktlagen, die zunächst kein genuin sicherheitspolitisches Thema waren, die dann aber im Rahmen von Demonstrationsgeschehen in Teilen auch in Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamte und -beamtinnen als Repräsentanten des Staates mündete."
Vor Beginn einer Demonstration gegen Corona-Einschränkungen und Impfpflicht verhindert die Polizei, dass sich die Teilnehmer in Richtung Innenstadt fortbewegen. Zu der allwöchentlichen Demonstration h ...
Die Polizei während einer Demonstration gegen Corona-Einschränkungen. Bild: dpa-Zentralbild / Bernd Wüstneck

"Angst ist immer ein schlechter Begleiter"

Wie dramatisch und unerwartet sich Situationen während eines Einsatzes verändern können, beweist auch der Fall der getöteten Polizisten in Kusel. Was als Routine-Einsatz begann, endete mit tödlichen Schüssen.

Dass Einsätze, wie sie die jungen Polizisten vergangene Woche durchführten, also nachts und als Zivilstreife, Alltag sind, bestätigt Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Rheinland-Pfalz, Thomas Meyer, gegenüber watson. "Daran ist nichts Ungewöhnliches", sagte er. Das sei auch in jeder Polizei-Ausbildung Routine-Bestandteil.

"Die eigene Sicherheit ist oberstes Gebot in der Ausbildung, aber auch danach."
Thomas Meyer über die Lehren aus Polizeieinsätzen

Doch sollten solche Einsätze in der Ausbildung angesichts dieses dramatischen Vorfalls in Kusel in Zukunft verboten werden? "Zu diesem Zeitpunkt ist es verfrüht, sich konkret damit auseinander zu setzen", sagt Meyer.

Man würde aber ohnehin nach jedem Polizeieinsatz, ob positiv oder negativ gelaufen, die Situation neu bewerten und seine Lehren daraus ziehen. "Die eigene Sicherheit ist oberstes Gebot in der Ausbildung, aber auch danach", betont der rheinland-pfälzische Gewerkschaftschef, der aber auch weiß: "Angst ist immer ein schlechter Begleiter."

Kein Nachwuchsproblem bei der Polizei

Nicht nur die Befragten der Civey-Umfrage können sich nur teilweise vorstellen, den Polizei-Beruf auszuüben, auch junge Polizistinnen und Polizisten zweifeln nach der Tat in Kusel daran, ob sie noch den richtigen Beruf ausüben.

Martin D. und Markus R. (die Namen wurden von der Redaktion geändert) hat der Fall zum Nachdenken angeregt. Die beiden sind junge Polizisten aus Bayern und Baden-Württemberg und überlegen sich nun zweimal, wie sie an einen Einsatz herangehen und wie gefährlich auch ein Streifendienst mit einer routinemäßigen Verkehrskontrolle werden kann. Martin sagte gegenüber watson:

"Man geht mit besonderer Vorsicht heran, weil man mal wieder vor Augen geführt bekommen hat, dass es sehr gefährlich ist, diesen Job auszuüben."
Martin D. (Namen von der Redaktion geändert), junger Polizist aus Bayern

Auch Markus war schockiert nach dem Tod der Kollegin und des Kollegen. Der Fall wirkt sich schon jetzt auf seinen Arbeitsalltag aus:

"Ich habe mir auch selber schon Gedanken dazu gemacht, wie ich zukünftig Verkehrskontrollen durchführen werde."
Markus R. (Name von der Redaktion geändert), junger Polizist aus Baden-Württemberg

Vor einem Nachwuchsproblem scheint die Polizei in Deutschland angesichts der gefährlicher werdenden Situation für die Beamtinnen und Beamten dennoch nicht zu stehen. Das bestätigen zumindest die Zahlen der Bewerbungen, die in den vergangenen Jahren bei der Polizei des Landes und des Bundes eingegangen sind.

Polizeischüler bei der Schießübung in der Raumschießanlage in der Polizeiakademie.
Polizeischüler beim Schießtraining in einer Raumschießanlage der Polizeiakademie.Bild: dpa-Zentralbild / Britta Pedersen

Nach Daten des Statistischen Bundesamts hat sich die Zahl der Polizeianwärterinnen und -anwärter in den letzten Jahren sogar mehr als verdoppelt. Seit 2010 erhöhte sich demnach die Quote um 240,5 Prozent auf 7100 angehende Polizistinnen und Polizisten allein bei der Bundespolizei. Bei der Landespolizei um 107,4 Prozent auf 32.100 Anwärterinnen und Anwärter. Dabei war der Zuwachs in Hamburg besonders groß, mit einem Plus von 345,8 Prozent.

Blickt man nur auf den Zeitraum der Corona-Pandemie, vermeldet zumindest das Bundesland Bayern einen leichten Rückgang der Bewerbungen für die dritte Qualifikationsebene, früher als "gehobener Dienst" bekannt. Auch wenn: "die bayerische Polizei nach wie vor ein beliebter Arbeitgeber" sei, wie der Sprecher des Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration, Michael Siefener, sagt. Dennoch verzeichnet die bayerische Polizei im Jahr 2021 "nur" noch 21 Bewerbungen pro freier Stelle – im Vergleich zu 2018, als es 29 waren.

Die Bewerbungen bei der Bundespolizei sind im Gegensatz dazu in diesem Zeitraum jedoch noch einmal angestiegen: Im Jahr 2019 wurden dort rund 35.000 Bewerbungen abgegeben, 2020 rund 37.500 – und "2021 verzeichnete die Bundespolizei einen Eingang von rund 40.000 Bewerbungen", wie das Bundespolizeipräsidium watson mitteilte.

Hasskommentare im Netz bestätigen Aggressionspotenzial gegenüber Polizei

Ausreichend Bewerbungen scheinen bei der Polizei dennoch nach wie vor einzugehen, doch die Tat in Kusel bringt nun eine ganz andere, gesellschaftliche, Debatte auf: Hasskommentare im Netz gegen Beamtinnen und Beamte.

Eine Woche nach der Ermordung der beiden Polizisten wird die Tat von manchen Menschen im Netz verharmlost oder sogar mit Zustimmung bewertet. Das Landeskriminalamt Mainz hat bereits hunderte Fälle von Hass und Hetze im Zusammenhang mit der Tat ermittelt. Innenminister Roger Lewentz teilte am Montag mit, dass von 399 Online-Beiträgen 102 strafrechtlich relevant seien und in 15 Fällen die eigens dafür eingerichtete Ermittlungsgruppe die Verantwortlichen der Kommentare bereits identifiziert habe.

Diese Reaktion mancher Menschen auf eine solche Schreckenstat zeigen das Aggressionspotential gegenüber der Polizei in Teilen der Bevölkerung.

Rubbellose, Schokolade oder Kosmetik? Was der Adventskalender über den Charakter verrät

Es soll ja Menschen geben, die dem Gegenüber immer als erstes auf die Schuhe schauen, um zu erkennen, mit wem sie es zu tun haben. Sneakers gleich entspannt, Boots gleich tough, sind sie zu sauber, bist du pedantisch, und so weiter.

Zur Story