Leben
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Das Auschwitz-Eingangstor. Sheindi (li.) und Schwester Yitti (re. außen) waren im Konzentrationslager inhaftiert. bild: imago /ZUMA press / watson montage

Ich war bei der Ausstellung einer Auschwitz-Überlebenden – das hat sie mit mir gemacht

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist es voll an diesem Tag, dem 27. Januar. Genau 75 Jahre nach der Befreiung der Gefangenen in Auschwitz durch sowjetische Truppen sind viele gekommen, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Zwischen Schulklassen und Touristen suche ich, Jahrgang 1993, die Sonderausstellung "Deportiert nach Auschwitz – Sheindi Ehrenwalds Aufzeichnungen" – und laufe erstmal direkt dran vorbei. Fast ein wenig versteckt in einer Ecke, thematisch unpassend zwischen Ausstellungsstücken des Ersten Weltkriegs, ist ein kleiner Bereich abgeteilt.

Der erste Gegenstand, der mir auffällt, ist ein Gästebuch, das am Eingang der Sonderausstellung liegt. Ich blättere es durch: Viele Menschen haben in unterschiedlichsten Sprachen hineingeschrieben, was sie an der Ausstellung bewegt hat. Auf der letzten beschriebenen Seite steht dann jedoch: "Es war ganz amüsant! Richtig uninteressant." Darunter ist ein Hakenkreuz gezeichnet. So richtig überrascht bin ich leider nicht, ich schreibe es ein paar Schülern zu, die sich vielleicht gegenseitig etwas beweisen wollten. Ich gehe weiter.

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Einer der Einträge im Gästebuch. bild: watson

Worum geht es in der Ausstellung?

Grundlage der Ausstellung sind die Tagebucheinträge der damals 14-jährigen Sheindi Ehrenwald. Diese wird im Sommer 1944 zusammen mit ihrer Familie aus dem besetzten Ungarn ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort wurden die meisten Mitglieder ihrer Familie ermordet, darunter ihre Eltern, Großeltern und Geschwister. Nur sie selbst, ihre Schwester und ihr Bruder überlebten den Holocaust.

Sheindi selbst verbrachte den Großteil ihrer Gefangenschaft mit Zwangsarbeit für die Firma Diehl aus Nürnberg, deren Waffenproduktion als "kriegswichtig" eingestuft wurde. Nach Kriegsende heiratete sie einen Mann aus ihrer Heimatstadt und zog mit ihm 1948 nach Israel.

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Zitate aus Sheindis Tagebuch. bild: watson

Zwischen den Tagebucheinträgen Sheindis werden in der Ausstellung auch weitere Informationen und historische Dokumente gestreut, von Täterporträts, der Organisation eines Konzentrationslagers bis hin zum mühsamen bürokratischen Weg, den viele Überlebende der Konzentrationslager nach Kriegsende gehen mussten, um "Wiedergutmachung" zu erhalten.

Die erschütternden Tagebücher

Wie auch im Tagebuch von Anne Frank und anderen zeitgenössischen Dokumenten sticht heraus, wie normal das Leben von Sheindi und ihrer Familie war, bis es das eben plötzlich nicht mehr war. Schleichend kommt es zu Einschränkungen und Veränderungen, dann muss sich die ganze Familie in einem verlassenen Pferdestall verstecken und plötzlich befindet sich eine Vierzehnjährige als Gefangene in einem Konzentrationslager und muss Zwangsarbeit ableisten. Und dann ist das ihre Realität, ihr Alltag.

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Sheindi als 18-Jährige. bild: watson

Der für mich bewegendste Teil der Ausstellung, beziehungsweise der Tagebücher ist der, dass Sheindi diese in ihrer Situation überhaupt anfertigte. In ihrer Lage, in der ständig Freundinnen und Mitgefangene aussortiert wurden und "verschwanden", nahm sie trotzdem heimlich Karteikarten von ihrer Arbeit mit, um ihr Tagebuch weiterzuführen. Beim Betrachten der Aufzeichnungen stellt man sich unweigerlich die Frage, wie viele andere Gefangene Tagebuch geführt haben mochten, die nicht erhalten geblieben sind.

Deshalb ist es meiner Meinung nach auch richtig und wichtig, sich derart intensiv mit Einzelschicksalen zu beschäftigen. Ich selbst habe als Schülerin vor Jahren das Konzentrationslager Buchenwald und das Arbeitslager Neuengamme bei Hamburg besucht. Doch wenn man dort ist, sieht man auf den ersten Blick eben tatsächlich vor allem "nur" Gebäude. Leere Baracken und dazwischen Grasflächen. Und auch, wenn einem dort jemand erzählt, was in diesen Gebäuden alles passiert ist, fällt es doch schwer, die Ereignisse und den verlassenen Ort zusammen zu bringen.

Doch unmittelbar beschriebene Erfahrungen sind auch Jahrzehnte später noch nachvollziehbar und gehen nah. Es macht die Erlebnisse "relatable", wie man heute vielleicht sagen würde, aber eben auf eine erschreckende Art.

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Sheindis Schwester Yitti (re.) mit Freundinnen, die im Holocaust ermordet wurden. bild: watson

Ich verlasse die Ausstellung.

Auf dem Weg nach draußen bemerke ich, dass das Gästebuch von seinem Platz entfernt wurde.

Die Ausstellung, die in Kooperation mit Axel Springer SE erstellt wurde, ist jeden Tag von 10-18 Uhr im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2 in Berlin zu besichtigen.

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