Leben
14.11.2020, Italien, Rom: Polizeibeamte gehen in der Einkaufsstraße Via dei Condotti. In Rom werden vorübergehend Polizeikontrollen in der beliebten Einkaufszone durchgeführt, um zur Eindämmung der Corona-Pandemie Ansammlungen von Menschen einzuschränken. Foto: Cecilia Fabiano/LaPresse via ZUMA Press/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Weiterhin herrschen in Italien, hier Rom, strenge Corona-Regeln. Bild: dpa / dpa

Wenig Covid-Fälle in Bergamo: Steckt Herdenimmunität dahinter?

An sich ist es ganz einfach: Damit ein Ausbruch mit einem Krankheitserreger wie dem Coronavirus ein jähes Ende findet, dürfen sich Menschen schlicht nicht infizieren. Braucht der Erreger doch einen Wirt, um zu überleben und sich weiterzuverbreiten. Vermeiden lässt sich das, indem Maßnahmen wie Abstandhalten und Maskentragen dazu beitragen, dass das Virus niemanden mehr befallen kann. Eine weitere Möglichkeit wäre die Herdenimmunität, also der Schutz durch viele Immune in einer Bevölkerung.

Seit Beginn der Corona-Pandemie wird über diesen Weg diskutiert. Jedoch bringt er ein großes Problem mit sich: Für eine Herdenimmunität müssten sich derzeit noch sehr viele Menschen infizieren, da es noch keinen Impfstoff gibt, der sie immunisiert. Für das Gesundheitssystem, völlig egal, in welchem Land, wäre das eine kaum schaffbare Belastungsprobe.

Doch so schwierig die Umsetzung auch ist, in Teilen Italiens scheint das Modell zu funktionieren – zumindest laut der italienischen Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano". Sie veröffentlichte Ende Oktober einen Artikel mit dem Titel "Bergamo und Lodi: Die Herdenimmunität ist ein Fakt". Auf den ersten Blick vielversprechend.

Bergamo: Von Covid-19 gezeichnet

Aktuell verzeichnet die Provinz Bergamo das langsamste Infektionswachstum in der Lombardei. Zwischen dem ersten und 23. Oktober nahm die Zahl der Ansteckungen lediglich um 6,9 Prozent zu. Überraschend und positiv, da Bergamo mitunter der erste Corona-Hotspot in Europa war. Die ganze Stadt war im Frühjahr lahmgelegt, Krematorien mit der hohen Anzahl an Corona-Todesopfern überfordert.

Zur ersten Welle infizierten sich viele, zur zweiten wesentlich weniger. Naheliegend also, von einer Herdenimmunität in der Provinz auszugehen. Der Leiter der Notfallmedizin in einem Klinikum in Bergamo, Luca Lorini, sagte der italienischen Tageszeitung, dass das Gesundheitssystem entsprechend nicht mehr in Gefahr sei.

"Die Antikörper schützen vor einer abermaligen Infektion. Darum erkranken die Menschen in Bergamo und Brescia jetzt weniger."

Er verweist zudem auf Studien, die zeigen, dass im Frühjahr durchschnittlich bis zu 40 Prozent der Bevölkerung in Bergamo mit Covid-19 in Kontakt kamen. In manchen Kleinstädten, etwa Alzano und Nembro, fielen Antikörpertests sogar bei 60 Prozent der Bevölkerung positiv aus. Ein weiterer Hinweis auf eine Herdenimmunität: Städte, in denen die erste Infektionswelle milde verlief, beispielsweise Mailand, kämpfen derzeit mit rapide steigenden Infektionszahlen.

Nicht zwangsläufig eine Herdenimmunität

Allerdings gibt es eine weitere These, warum es in Bergamo aktuell so wenig Fälle gibt: Die Menschen sind schlicht vorsichtiger. Viele Todesfälle und kollabierende Krankenhäuser hinterlassen einen bleibenden Eindruck, sie brennen sich ins Gedächtnis ein. Dass die Bevölkerung eine Wiederholung unter allen Umständen vermeiden will, wäre also logisch und nachvollziehbar. Bergamos Notfallmediziner zieht das ebenfalls in Betracht.

Ob eine Herdenimmunität auf natürlichem Wege, also ohne zusätzlichen Impfstoff, eine sichere Option ist, lässt sich außerdem erst klären, wenn klar ist, wie lange die Antikörper nach einer Corona-Infektion im Blut bleiben. Noch ist das ungeklärt. Im Gespräch mit der "Welt" sagt Virologe Massimo Galli:

"Bei manchen Patienten dauert es Monate, bis die Antikörper verschwinden, bei anderen Wochen."

Zudem wisse er von Fällen, in denen sich Menschen zweimal mit dem Coronavirus infizierten. Dennoch gibt er sich optimistisch, sagt, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen nach einer Infektion weitgehend geschützt sei. Recht muss er damit aber nicht haben. Wie gesagt, wie lange jemand nach einer Infektion immun ist, wissen wir nicht.

Eine Frage der Zeit

Immer wieder tauchen zudem Berichte zu Reinfektionen von Personen auf. Das lässt an einer dauerhaften Immunität zweifeln. Sollte also in Bergamo eine Herdenimmunität bestehen, wäre sie eventuell nur temporär. Letztlich bleibt abzuwarten, wie sich die Lage dort entwickelt.

Ein dauerhafter wie auch zuverlässiger Schutz durch die Masse könnte erst bestehen, wenn es einen Impfstoff gibt, der Infektionen zuverlässig im Keim erstickt. Dafür muss er aber für einen 100 prozentigen Schutz sorgen. Liegt er darunter, können sich Geimpfte ebenfalls infizieren und das Virus weiter übertragen. Alles andere als optimal.

(tkr)

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