Leben
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Ausreichend Bewegung kann die Laune auch im Lockdown deutlich verbessern. Bild: www.imago-images.de / Cavan Images

Interview

So kommst du besser gelaunt durch den Lockdown – Tipps einer Psychologin

Schlimm, schlimmer, 2020 – manch einer würde es jetzt wohl gerne dem Grizzly-Bär nachmachen, in den Winterschlaf gehen und erst wieder aufwachen, wenn die Pandemie beendet ist. Dabei kann eine solche Krise auch eine große Chance sein, weiß Judith Mangelsdorf.

Die Psychologin der Freien Universität Berlin ist Teil der Deutschen Gesellschaft für positive Psychologie und glaubt, dass die Veränderungen im Corona-Jahr auch ein Gutes haben können: Denn sie schleudern uns aus unserer festgefahrenen Routine und werfen ganz essenzielle Fragen auf. Watson sprach mit ihr darüber und bat sie um Tipps, um die schlechte Laune im Lockdown loszuwerden.

"Häufig merken wir erst durch die Wegnahme von etwas, ob es uns wirklich wichtig war oder nicht."

watson: Welche Gefühle treiben die Menschen 2020 um?

Judith Mangelsdorf: Interessanterweise sind es zwei Gefühle, die aktuell im Vordergrund stehen: Natürlich erleben viele Menschen Unsicherheit in Bezug auf die aktuelle Situation und die Zukunft. In einer Befragung, die wir in diesem Jahr durchführten, zeigte sich aber auch, wie bedeutsam das Gefühl der Dankbarkeit grade ist. In Deutschland leben wir im weltweiten Vergleich in einer sehr privilegierten Situation, das auch zu sehen, öffnet einen anderen emotionalen Raum.

Was für Herausforderungen ergeben sich durch die Einschränkung sozialer Kontakte und des Freizeitspaßes?

In erster Linie sind wir vieler Automatismen beraubt, die sonst sowohl in unsere physische wie auch psychische Gesundheit einzahlen. Wir bewegen uns weniger und haben weniger Kontakte, die schlicht durch unsere Lebensgewohnheiten entstehen. So ist eine der schwersten Folgen der Krise Einsamkeit und Isolation, die, wie wir wissen, gerade in der Kombination mit Angst schwerwiegende psychische Folgen haben können.

Ist es für die Psyche wichtig, optimistisch zu blieben?

Positive Emotionen im Allgemeinen und das optimistische Denken im Besonderen gehören zu den notwendigen Bestandteilen menschlicher Entwicklung. Ohne Optimismus – also die Annahme eines positiven oder erfolgreichen Ausgangs einer Situation – beginnen wir gar nicht erst, zu handeln oder neue Ideen zu entwickeln. Deswegen ist es grade jetzt gefragt, dass wir bei aller emotionaler Herausforderung daran arbeiten, immer wieder Hoffnung und Optimismus zu unterstützen.

Sie arbeiten mit positiver Psychologie – was genau ist damit gemeint?

Die Positive Psychologie ist die Wissenschaft des gelingenden Lebens. Es ist ein Forschungsbereich der Psychologie, der sich genau mit solchen Fragen beschäftigt wie der, wie es gelingt, das Leben erfüllend zu gestalten und wie es möglich ist, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Umso relevanter sind die Erkenntnisse dieses Fachs gerade jetzt.

"Vielleicht haben auch Sie in der Zeit des Lockdowns die Erfahrung gemacht, dass einige Beschränkungen Ihnen wirklich zugesetzt haben, während andere keine Rolle gespielt haben."

Wie wichtig ist es gerade in unsicheren Zeiten, die eigene Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, zu stärken?

Resilienz entsteht immer in einem Wechselspiel zwischen Umwelt und Person. Das bedeutet, dass ich vielleicht selbst kaum durch den Lockdown betroffen bin, mein Nachbar aber sehr, obwohl er sich in einer vergleichbaren Situation befindet. Es ist deswegen genaugenommen schwer, Resilienz wirklich gezielt zu beeinflussen. Deshalb müsste die korrekte Antwort heißen: Das Wichtigste im Moment ist, sich wirkungsvolle Strategien zu überlegen, wie Sie gut durch diese Zeit kommen und den Herausforderungen begegnen können. Im besten Fall macht Sie das etwas resilienter in Bezug auf den Lockdown, oder aber es unterstützt Ihre Entwicklung als Mensch.

Kann man das lernen?

Resilienz ist kein Muskel – auch wenn das oft fälschlicherweise so kommuniziert wird. Was ich lernen kann, ist, bessere Bewältigungsstrategien zu haben, um mit schwierigen Situationen besser umgehen zu können. Ich kann mein soziales Netz stärken, um einen der wichtigsten Resilienzfaktoren auszubauen und ich kann dafür sorgen, immer wieder bewusst mein Stresslevel zu senken, um weniger schnell in eine echte Überforderung zu rutschen.

"Zu wissen, ich bin nicht allein, macht Erfahrungen leichter verarbeitbar und kommunizierbar."

Oft heißt es, Krisen können auch eine Chance sein. Sehen Sie das als Psychologin auch so?

Unbedingt. Ich habe lange Jahre zu genau dieser Frage geforscht und wir wissen vor allem eines: Echte Krisen zerstören unser Weltbild. Was erst einmal bedrohlich klingt, kann die Möglichkeit für echte Veränderung in sich bergen. Denn erst dadurch, dass wir gezwungen sind, das gewohnte Hamsterrad im Denken und Handeln zu verlassen, kommen wir in die Situation, den eigenen Alltag zu hinterfragen und vielleicht neue und bessere Antworten zu finden auf die großen Fragen unseres Lebens.

Zum Beispiel, sich im Lockdown darüber klar zu werden, welche Menschen einem wirklich wichtig sind oder was man eigentlich möchte?

Ganz genau. Häufig merken wir erst durch die Wegnahme von etwas, ob es uns wirklich wichtig war oder nicht. Vielleicht haben auch Sie in der Zeit des Lockdowns die Erfahrung gemacht, dass einige Beschränkungen Ihnen wirklich zugesetzt haben, während andere keine Rolle gespielt haben. Außerdem hat gerade der große Lockdown im Frühjahr vielen Menschen zum ersten Mal seit Jahren eine Situation beschert, in der es plötzlich Zeit gab für das Ungetane und Ungesagte. In unserer von Beschleunigung geprägten Gesellschaft ist das vielleicht das höchste Gut.

Jeder von uns ist von den Einschränkungen betroffen. Kann das schon ein Trost sein?

Ja. Als geteilte Menschlichkeit bezeichnen wir Psychologen dieses Phänomen. Zu wissen, ich bin nicht allein, macht Erfahrungen leichter verarbeitbar und kommunizierbar. Nicht erst seit der Me-Too-Bewegung hat sich gezeigt, wie existentiell dieser Mechanismus bei der Bewältigung schwieriger Erfahrungen ist.

Haben Sie auch ganz konkrete Tipps, was Menschen in Zeiten des Lockdowns helfen kann?

Der Schlüssel dazu, besser durch diese Zeit zu kommen, liegt darin, bewusst für die Dinge Sorge zu tragen, die sich im Lockdown nicht mehr von selbst ergeben. Dazu gehört die Gestaltung des Kontakts zu Freunden und Familien genauso wie bewusst für ausreichend Bewegung zu sorgen. Aber auch unsere Emotionen brauchen jetzt mehr Aufmerksamkeit als sonst. So, wie Sie bei Rückenschmerzen gezielte Bewegung nutzen können, um sich zu entlasten, können Sie auch negativen Emotionen wie Angst, Sorge und Einsamkeit entgegenwirken.

Stellen Sie bewusst jeden Tag Momente der Positivität und Freude her und sorgen Sie emotional für sich. Darüber hinaus gebe ich meinen Klienten auch gerne noch folgende Frage mit auf den Weg: Stellen Sie sich vor, diese Krise wäre tatsächlich auch eine Chance für Sie, worin könnte sie genau bestehen? Und was können Sie schon heute dafür tun, diese Chance zu ergreifen? Jede Krise ist ein Scheideweg. Wir können nicht immer darauf Einfluss nehmen, wie sie für uns ausgeht. Aber wir können viel dafür tun, den Weg besser und leichter zu gehen und an dessen Ende vielleicht sogar ein Stück daran gewachsen zu sein.

Bund und Länder verhandeln über neue Maßnahmen – erste Einigungen bei Regeln für Geschäfte

Die Corona-Pandemie bereitet Menschen weltweit Sorgen. Nach der ersten Welle, die Europa im Frühjahr erlebte, verzeichnen derzeit viele Länder weltweit wieder steigende Zahlen.

Das Robert-Koch-Institut zählte bis Mittwoch (Stand: 0 Uhr) 961.320 Infektionen in Deutschland sowie 14.771 Todesfälle.

Bund und Länder hatten sich zuletzt auf vorübergehende massive Beschränkungen des öffentlichen Lebens ähnlich wie im Frühjahr verständigt. Die folgenden Maßnahmen gelten vorerst bis Ende November:

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