Leben
Virologe Christian Drosten meldet sich aus der Sommerpause mit Informationen zum Coronavirus.

Einer der bekanntesten Virologen Deutschlands: Christian Drosten. Bild: www.imago-images.de / Jens Schicke

"Eine Unverschämtheit": Drosten kritisiert Umgang von Politikern mit ihm

Die ersten Schüler in Deutschland dürfen trotz Corona-Krise wieder in die Schule gehen – zumindest unter bestimmten Voraussetzungen: Die Abstands- und Hygieneregeln müssen eingehalten sowie Mundschutz getragen werden. Teils dürfen auch nicht alle Schüler einer Schule gleichzeitig die Klassenräume betreten, sondern versetzt zu unterschiedlichen Uhrzeiten.

Wie wichtig eine kontrollierte und schrittweise Öffnung der Schulen ist, zeigt eine Studie aus Frankreich, die der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" bespricht. Sollte die Virusübertragung verlaufen wie an der französischen Schule, die von den Forschern untersucht wurde, rät Drosten von einer zu schnellen Öffnung ab.

Studie aus Frankreich zeigt, wie sich Corona in Schulen verbreiten könnte

Bei der Studie handelt es sich um eine Vorveröffentlichung aus dem Departement Oise in Frankreich, wo der Verlauf eines zunächst unbemerkten, schweren Coronavirus-Ausbruchs an einer Schule rekonstruiert wurde. Getestet wurden von den französischen Wissenschaftlern dafür 660 Personen, darunter Lehrer, Schüler, deren Eltern und Geschwister.

Etwa fünf Wochen lang konnte sich das Virus recht unbemerkt an dem Gymnasium, das vor allem von 15- bis 18-Jährigen besucht wird, verbreiten. Geschlossen wurde die Schule schließlich nicht wegen des Lockdowns, sondern schlichtweg, weil Ferien waren. Deswegen konnten die Forscher eine recht "natürliche" Schulsituation beobachten, erklärt Drosten.

Nachdem den Lehrern, Schülern und deren Angehörigen, die sich allesamt freiwillig für die Untersuchung gemeldet hatten, Blut abgenommen wurde für einen Corona-Test, wurde ermittelt: Die Übertragungsrate von Schülern auf Eltern beträgt 10,2 Prozent, von Schülern auf Geschwister 11,4 Prozent. Innerhalb eines Haushalts ist das eine erwartbare Rate und liege damit im grünen Bereich, sagt der Virologe im Podcast.

Fast die Hälfte aller Menschen hat sich in der Schule mit Corona angesteckt

Überraschend hoch ist nun die Ansteckungsrate in der Schule selbst: Die Schüler haben sich dort zu 38,3 Prozent infiziert. Lehrer zu 43,4 Prozent und sonstige Mitarbeiter, wie Kantinenmitarbeiter, Hausmeister oder Schulpsychologen, zu 60 Prozent.

Angenommen, wir würden alle Anti-Corona-Maßnahmen abrupt fallen lassen, wären das verheerende Aussichten: Schließlich haben sich in der untersuchten Schule insgesamt 40 Prozent der Menschen angesteckt. Drosten sagt dazu:

"Das sind Zahlen, da muss man schon sagen: Wenn das in Schulen passiert, dann darf man Schulen nicht öffnen."

Drosten gibt zu bedenken, dass ein großes Gymnasium in einer Stadt schon mal 1500 Schüler haben könne. "Wenn man sich vorstellt, innerhalb von ein paar Wochen haben wir plötzlich 800 neue Fälle (...) – da kann man sich natürlich vorstellen, dass das einen Ausbruch treibt."

Bei der Bewertung der französischen Daten sollte allerdings nicht vergessen werden, dass die getesteten Lehrer, Schüler und Angehörige sich freiwillig gemeldet haben. Das könnte die Ergebnisse verzerren, die Zahlen sind also nicht unbedingt repräsentativ. Dennoch lässt sich eine Tendenz ablesen, wie leicht sich das Coronavirus in Schulen (in diesem Fall mit älteren Jahrgängen) verbreiten könnte.

Politik in Deutschland trifft entsprechende Maßnahmen für Schulöffnung

Dass sowohl Politik als auch Teile der Bevölkerung darauf drängen, Schulen wieder zu öffnen, kann Drosten aus persönlicher Sicht nachvollziehen. Er mahnt dennoch zur Vorsicht:

"Ich kann das schon verstehen, dass man jetzt die Abiturprüfungen schnell durchziehen will und andere Abschlussprüfungen. Aber dann haben wir grundsätzlich auf einem Pausenhof mit älteren Schüler, die im Bereich von 17, 18 Jahren sind und dort dicht gedrängt stünden, eine Situation wie in einer Kneipe in Ischgl. Und das müssen wir vermeiden."

Solche Szenarien drohen uns aktuell glücklicherweise nicht, da bei den Schulöffnungen bereits im Vorfeld viele Maßnahmen überlegt wurden, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Neben ausgedünnten Klassen und versetzten Unterrichtszeiten plädiert Drosten außerdem dafür, dass Kinder von Risikopatienten weiterhin zu Hause unterrichtet werden können.

Wie sich die Corona-Lage in den Schulen aber tatsächlich entwickelt, werden die kommenden Wochen erst noch zeigen.

Am Ende wird Drosten persönlich: "Eine Unverschämtheit"

Allgemein warnt Drosten davor bei Studien zu schnelle Schlüsse zu ziehen. Zu oft würden Ergebnisse nicht von Wissenschaftlern, sondern von Presse-Stellen zusammengeschrieben und verbreitet.

Wissenschaftler würden oft von Medien und Politikern falsch dargestellt. Auch er sei davon betroffen. Es werde häufig vom Inhalt abgelenkt und stattdessen eine Person – also er – in den Vordergrund gestellt, der man alle möglichen Eigenschaften anhänge, so Drosten.

"Die Wissenschaft wird in den Medien zu sehr polarisiert. Nicht nur ich als Person. Inzwischen nennen Politiker meinen Namen in Talkshows, was ich eine Unverschämtheit finde und eine vollkommene Irreführung der Öffentlichkeit und auch der politischen Meinungsbildung", erklärt Drosten.

"Das ist wirklich so langsam gefährlich", sagt der Virologe. Stattdessen solle man sich häufiger fragen: "Wie kann uns in der jetzigen Phase die Wissenschaft wieder helfen?"

Im Podcast sprach Drosten außerdem noch über Kontaktbeschränkungen in Schulpausen und warum viele Daten noch immer vorläufig sind. Den Podcast könnt ihr hier hören.

(ak)

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