Leben
 Christian Drosten, Direktor am Institut fuer Virologie der Charite Berlin, aufgenommen im Rahmen einer Presseunterrichtung des Bundesgesundheitsministeriums zur Ausbreitung des Coronavirus. In der Bundespressekonferenz in Berlin, 09.03.2020. Berlin Deutschland *** Christian Drosten, Director at the Institute of Virology of the Charite Berlin, recorded during a press briefing of the Federal Ministry of Health on the spread of the coronavirus At the Federal Press Conference in Berlin, 09 03 2020 Berlin Germany Copyright: xJaninexSchmitz/photothek.netx

Seit 23. März gelten in Deutschland Kontaktbeschränkungen. Virologe Drosten erklärt, warum die Maßnahmen wirksam waren. Bild: imago images / photothek

Lockdown sinnlos? So weist Virologe Drosten seine Kritiker zurecht

Die Corona-Pandemie wird sich nicht so leicht endgültig stoppen lassen. Deswegen ist es nun offenbar Deutschlands erklärtes Ziel, die pandemische Welle zumindest abzuflachen. Um die Abflachung nachvollziehen können, berechnen Experten die Zahl R: Das ist die Infektionsrate und bezeichnet, wie viele Personen ein Corona-Infizierter im Schnitt ansteckt. Momentan liegt die Zahl in Deutschland bei 0,9, das heißt, nicht mehr jeder, der das Coronavirus in sich trägt, steckt im Durchschnitt jemand anderen an.

Laut des Robert-Koch-Instituts sei die Zahl bereits Anfang März, also vor dem Lockdown am 23. März, gesunken. Demnach gab es schon zu diesem Zeitpunkt womöglich kein exponentielles Wachstum der Neuinfizierten mehr. Deswegen mehren sich kritische Stimmen: Der Lockdown in Deutschland sei unnötig gewesen.

Diese Grafik zeigt den Verlauf der Infektionsrate:

Bild

quelle: robert-koch-institut

Andere Kritiker behaupten, der Lockdown sei wirkungslos: Schließlich stecken sich immer noch täglich teilweise über 2000 Menschen mit dem Corona-Virus an.

In seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" bringt Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin Licht in die düsteren Theorien um den vermeintlich unnötigen oder unwirksamen Lockdown und erklärt, was genau es mit der Infektionsrate auf sich hat. Seiner Meinung nach gibt es vier Gründe, warum die Zahl R schon seit Anfang März, also vor dem Lockdown, gesunken ist:

Die Menschen haben schon Maßnahmen ergriffen, bevor sie angeordnet worden sind

Anhand von Mobilitätsdaten von Mobilfunkbetreibern kann man laut des Virologen nachvollziehen, "dass schon in der Woche ab dem 9. März die Mobilität ganz stark verringert wird in ganz Deutschland". Drosten erinnert sich:

"Das war eine Zeit, in der hier in Berlin die Straßen schon ziemlich leer waren."

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Ausbruch in Heinsberg bekannt und Aufnahmen katastrophaler Situationen aus Italien gingen durch die Medien. Der Virologe vermutet:

"Da hat die Bevölkerung einfach spontan reagiert und gesagt, das ist hier wirklich ernst."

Es wurde generell schon viel öffentlich diskutiert, wie wir in der Corona-Krise weiter vorgehen sollten. Es stimme laut Drosten also gar nicht, dass erste gesellschaftliche Veränderungen erst am 23. März gekommen wären.

Die Maßnahmen zeigen ihre Wirkung stufenweise und zeitverzögert

Das stufenweise Einführen von Maßnahmen habe laut Drosten zu einer stufenweisen Verringerung der Ansteckungen geführt. Zunächst wurden Großveranstaltungen verboten, dann die Schulen geschlossen – das Infektionsgeschehen ging in den Haushalten allerdings noch weiter.

"Das ist natürlich erst nach einer gewissen Zeit totgelaufen oder weniger geworden."

Da wir aber erkennen können, dass die Zahlen der Neuinfektionen Anfang April und noch einmal Mitte April abgefallen sind, in mehreren Stufen also, steht fest: Der Lockdown zeigt positive Effekte – allerdings leicht zeitverzögert.

Die Maßnahmen konnten nicht in allen sozialen Gruppen umgesetzt werden

Dass es nun immer noch neue Ansteckungen mit dem Coronavirus gibt, liegt nicht daran, weil sich die Bevölkerung nicht konsequent genug an die Maßnahmen gehalten hätte oder weil der Lockdown wirkungslos sei. Sondern daran, weil das Virus nun in abgeschlossenen Teilen der Gesellschaft ausgebrochen sei, zum Beispiel in Pflegeheimen oder in Krankenhäusern. Laut Drosten sind das...

"(...) Sondersituationen, wo man im Prinzip eine Situation hat fast wie in einem Haushalt, aber viel größer. Und wo einfach diese Kontaktmaßnahmen nicht greifen konnten."

Das bedeutet: Das Virus konnte weiterhin auf neue Menschen übergehen, allerdings nicht in der breiten Bevölkerung. Die Masse der Infektionen konnte durch die Maßnahmen verringern. Dennoch gab es Menschen, die einer Ansteckung weiterhin ausgesetzt waren, weil Kontaktverbot und Abstandsregeln bei ihnen nicht umsetzbar waren.

Seit März wurden die Testkapazitäten erhöht

Die Labore haben von Mitte Februar bis Mitte März einen enormen Sprung gemacht, was die Diagnostik des Coronavirus angeht, meint Drosten. "Es wurden 87.000 Tests gemacht in der Woche, die am 2. März anfängt", sagt der Virologe. Eine Woche darauf seien es schon 127.000 gewesen, eine weitere Woche später 348.000. "Das ist natürlich ein extremer Zuwachs", meint Drosten.

Vor diesem Hintergrund erklärt der Experte, dass R nicht nur von der Anzahl neu gemeldeter Fälle abhänge, die mithilfe der PCR-Tests positiv getestet worden sind, sondern auch von den Testkapazitäten.

"Das heißt, wir hatten zwei Effekte, die gleichzeitig auftraten: Nämlich der Zuwachs an den Möglichkeiten, das überhaupt zu erkennen, und dann aber auch der reale Zuwachs (von Neuinfektionen)."

Drosten hat demnach den starken Verdacht: Vorher hatten wir zwei Anstiege parallel, nämlich die der Neuinfizierten und die der Testkapazitäten. Das führte dazu, dass wir im Ergebnis einen starken Anstieg der gemeldeten Fälle hatten. Die Testkapazitäten stagnieren nun, sie steigen nicht weiter. Dass die Anzahl der gemeldeten Fälle ebenfalls nicht mehr steigt, kann also auch damit zusammenhängen, dass wir einfach nicht noch mehr Personen testen können.

Die Schlussfolgerung in Hinblick auf die Zahl R ist: Sie lässt sich eigentlich gar nicht so genau berechnen, weil wir nicht wissen können, wie hoch die reale Anzahl der Infizierten ist. Es könnte sich also auch um eine statistische Verzerrung handeln, dass die Infektionsrate gesunken ist.

Die Kritik, der Lockdown wäre unnötig oder unwirksam, ist nicht berechtigt

Die Forscher werden laut Drosten weitere Berechnungen zur Zahl R vornehmen, um die Lage genauer zu erforschen und Verzerrungen zu vermeiden. Dennoch meint der Virologe: Die von ihm genannten Effekte könnte man gegen die Mutmaßung halten, dass der Lockdown nichts gebracht hätte.

Außerdem spricht Drosten mit dem NDR in seinem Podcast noch über einen möglichen Impfstoff aus China und die Rolle von T-Zellen bei der Immunität. Den ganzen Podcast findet ihr hier.

(ak)

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