Leben
Virologist Christian Drosten, from Berlin's Charite hospital attends a news conference on the spread of coronavirus disease (COVID-19) in Berlin, Germany, March 26, 2020.    Michael Kappeler/Pool via Reuters

Virologe Drosten warnt vor Lockerungen der Corona-Maßnahmen und fürchtet einen Rückfall. Bild: reuters / POOL

"Es darf uns nicht entgleiten!" Drosten warnt vor Lockerungen

Endlich wieder raus und shoppen! Oder zumindest mit Kollegen in der Büroküche sprechen können – viele Menschen freuen sich über die baldigen Lockerungen der Lockdown-Maßnahmen. Für Virologen gilt das nicht. Einige von ihnen befürchten, dass das Coronavirus jetzt so richtig um sich greift und alle Maßnahmen damit umsonst waren. Auch Christian Drosten sieht die derzeitige Entwicklung kritisch.

"Wir sind in Deutschland in einer ganz besonders guten Situation, weil wir so früh angefangen haben mit diesen Distanzierungsmaßnahmen", erklärt der Wissenschaftler im NDR-Podcast "Coronavirus Update" am Mittwoch. Doch dieser Vorsprung sei fragil.

Warum es in Deutschland gerade noch gut läuft

Etwa einen Monat bevor das Virus hier um sich griff, habe der Blick in andere Länder und die Diagnostik in deutschen Laboren schon gezeigt, wie tödlich das Virus sein kann. Dies hätte die Politiker aktiviert und uns einen wichtigen Vorsprung verschafft. "In der Entwicklung des Ausbruchs gehören wir zu den besten Ländern weltweit. Wir gehören zu den ganz wenigen Ländern, bei denen die Zahlen rückläufig sind", so Drosten weiter.

"Deswegen bedauere ich es in diesen Tagen so sehr zu sehen, dass wir gerade dabei sind, diesen Vorsprung vielleicht komplett zu verspielen."

Christian Drosten

Was der Virologe befürchtet

Die Lockerungen der Maßnahmen würden schon jetzt zu Situationen führen, die aus epidemischer Sicht fatal sind. Wie zum Beispiel die Öffnung von Läden.

"Jetzt sehen wir diese Geschichten, wo die ganze Einkaufsmall voller Leute ist, weil jedes einzelne kleine Ladengeschäft unter 800qm Fläche hat und geöffnet wird. Und man muss sich dann schon mal fragen, ob das alles noch sinnvoll ist."

Christian Drosten

Dabei sei man so kurz vor dem Ziel gewesen. So hatte die Helmholtz-Gemeinschaft in ihrem Positionspapier vermutet, dass es möglich wäre, die Reproduktionsziffer in Deutschland auf 0,2 zu senken und damit den Ausbruch fast auszulöschen, wenn man die bisherigen, verhältnismäßig milden Maßnahmen noch wenige Wochen fortgesetzt hätte.

Die Reproduktionsziffer gibt an, wie viele Menschen ein Virus-Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Diese Zahl sollte unter Eins bleiben, damit die Epidemie nicht entgleitet, so Drosten. "Wir sind in einem sehr fragilen Bereich. Gestern war die Zahl schon wieder bei 0,9."

Und schon jetzt würden ihn immer wieder Ideen aus der Wirtschaft erreichen, die ihn beunruhigten, "wo man offensichtlich sagen muss: 'Nein. das geht einfach nicht. Das nützt nichts, wenn man sich da ab und an mal die Hände wäscht. Das ist eine Massenansammlung von Menschen. Das kann man nicht machen!'"

Wann sich die Lockerungen rächen könnten

"Wenn man die Maßnahmen jetzt komplett lockert, dann starten an vielen Orten in Deutschland plötzlich neue Infektionsketten. Und nicht nur in Berlin und Hamburg", warnt er weiter. Bei all den Unsicherheiten und Einzelauslegungen derzeit sei Chaos also vorprogrammiert. Und damit auch ein großer Covid-19-Ausbruch mit fatalen Folgen.

"Ich würde mich nicht wundern, wenn wir eben im Mai und Juni in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können."

Christian Drosten

Und wenn das Virus sich erst einmal ordentlich verbreitet hat, reicht ein milder Lockdown nicht mehr aus. Dann helfen nur noch Ausgangssperren wie in Italien oder Frankreich.

Außerdem spricht Drosten mit dem NDR noch über mögliche Mutationen des Virus und internationale Sterbezahlen. Den ganzen Podcast findet ihr hier.

(jd)

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