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Viele Menschen haben wegen des Coronavirus nun das Bedürfnis, Vorräte und Toilettenpapier anzuhäufen. Bild: imago images/Eibner

Psychiater über Hamsterkäufe: Warum wir ausgerechnet so viel Toilettenpapier kaufen

Das sich ausbreitende Coronavirus sorgt für Verunsicherung. Während es zahlreiche, den Umständen entsprechend sinnvolle Maßnahmen gibt, wie gründliches Händewaschen, Abstand halten und die Schließung von Freizeiteinrichtungen, sorgen andere wohl eher für Kopfschütteln. Wie Hamsterkäufe zum Beispiel.

In den vergangenen Tagen stand wohl jeder Mitbürger schon einmal in einem mindestens halb leer gekauften Supermarkt. Vor allem Konserven, Nudeln und Toilettenpapier sind besonders betroffen. Kurz, Produkte, die sich bei einer andauernden Ausgangssperre besonders lange halten würden, werden besonders oft gekauft.

Sorge vor dem Coronavirus ist nachvollziehbar – Hamsterkäufe nicht

Lebensmittelknappheit droht in Deutschland allerdings nicht. Auch der Virologe Christian Drosten von der Charité warnte in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" vor Hamsterkäufen. Dass die Menschen sich Sorgen machen, bisweilen sogar fürchten, kann man ihnen angesichts der Corona-Krise wohl kaum verübeln.

Wie es zu dem Bedürfnis kommt, Vorräte zu hamstern, wie wir mit der Verunsicherung umgehen können und warum Produkte wie Toilettenpapier besonders gerne gehortet werden: Darüber hat watson mit dem Psychiater Michael Huppertz gesprochen.

"Im psychiatrischen Sinne ähneln Hamsterkäufe ein wenig Zwangshandlungen, bei denen bestimmte Gedanken und Handlungen dazu dienen, vermeintlich die Kontrolle zurückzugewinnen"

watson: Herr Huppertz, wieso kommt es zu Hamsterkäufen?

Michael Huppertz: Viele Menschen ertragen es nicht, eine Situation nicht ganz im Griff zu haben – die Corona-Pandemie ist wirklich schwer abzuschätzen oder gar zu kontrollieren. Im psychiatrischen Sinne ähneln Hamsterkäufe ein wenig Zwangshandlungen, bei denen bestimmte Gedanken und Handlungen dazu dienen, vermeintlich die Kontrolle zurückzugewinnen. Wer jetzt in den Supermarkt geht und im großen Stil Vorräte einkauft, vermittelt sich selbst das Gefühl, einen Plan zu haben und handlungsfähig zu sein.

Gefühlt sind in jedem Supermarkt gerade bestimmte Regale leer. Warum hamstern denn so viele Menschen?

Wahrscheinlich sind es gar nicht so viele, die große Hamsterkäufe machen. Es reicht ja schon, wenn wir alle ein klein wenig hamstern – zum Beispiel drei oder vier Dosen Tomaten kaufen anstatt nur zwei. Darauf sind die Supermärkte wahrscheinlich nicht vorbereitet.

Und dann wird das Ganze zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wenn ich irgendwann vor den leeren Regalen im Laden stehe, bekomme ich den Eindruck: Jetzt bin ich selbst der Blöde, der sich nicht gekümmert hat. Dann kaufe ich bei nächster Gelegenheit möglicherweise auch vier Dosen Tomaten.

"Das Toilettenpapier unterscheidet den Menschen vom Tier"

Warum kaufen die Menschen ausgerechnet so viel Toilettenpapier?

Gute Frage. Das Toilettenpapier unterscheidet den Menschen vom Tier. Manche Menschen denken sich das schlimmste Szenario aus: Wenn ich mich in Krisenzeiten schon nicht versorgen kann, dann darf zumindest das Klopapier nicht fehlen. Denn da geht es wirklich ans Körperliche, an die Würde. Scham ist schlimmer als Armut und schlimmer als Mangel.

Warum erreichen Meldungen wie "keine Versorgungsengpässe" die Menschen nicht?

Das ist eine Frage des Vertrauens, denke ich. Viele Menschen zweifeln an öffentlichen Meldungen oder Aussagen von Politikern. Versprechungen vonseiten der Politik werden oft nicht erfüllt oder Missstände vertagt. Ich glaube, wir müssen deswegen eine neue Kultur des Vertrauens entwickeln. Denn ohne Vertrauen kommen wir in solchen Krisensituationen wie jetzt nicht weiter.

Wie kann ich mich davon abhalten, zu hamstern, wenn andere das machen?

Man sollte sich bewusstmachen, dass es nicht nur um einen selbst geht. Man sollte sich in Erinnerung rufen: Ich bin nicht der Bauchnabel des Universums. Ich komme auch mit wenig aus, also muss ich nicht hamstern. Ich kann so meine Stärke, aber auch meine Großzügigkeit erleben und Solidarität zeigen. Das ist eine positive Motivation, kein Verlust. Gerade in dieser Krise, in der die meisten von uns nicht selbst betroffen sein werden, wohl aber die Schwächeren unter uns, geht es auch um die Sorge um und für Andere.

"Man sollte sich in Erinnerung rufen: Ich bin nicht der Bauchnabel des Universums"

Denn, wenn jemand anderes Angst hat und viele Vorräte anhäufen will, sollte ich der Person auch in gewissem Maße die Möglichkeit lassen, ihren Ängsten nachzugehen, ohne mich davon in meinem eigenen Tun beeinflussen zu lassen.

Gibt es Möglichkeiten, Hamsterkäufe vorzubeugen?

Da könnten die Supermärkte selbst gegensteuern. Zum Beispiel könnte an den Eingängen ein Schild angebracht werden, auf dem erklärt wird, dass die Lebensmittelversorgung nicht gefährdet ist und dass man die Versorgung aller Kunden im Auge behalten sollte. Auch kann man bei der Gelegenheit darauf aufmerksam machen, dass die Mitarbeiter das Recht haben, Einkäufe zu begrenzen. So könnte man auch den sozialen Aspekt der Einkäufe noch mal betonen.

(ak)

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