Leben
MUNICH, GERMANY - SEPTEMBER 21: A young woman stands next to a high-speed amusement park ride on the first day of the 2019 Oktoberfest on September 21, 2019 in Munich, Germany. This year's Oktoberfest, which will draw millions of visitors from all over the world, will run from September 21 through October 6. (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Im vergangenen Jahr herrschte reger Betrieb auf dem Oktoberfest. In diesem Jahr fällt die Wiesn aus. Eine Katastrophe unter anderem für Schausteller, bei denen die Existenzgrundlage wegbricht. (Symbolbild) Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup

Exklusiv

Schausteller von Oktoberfest-Aus bedroht: "Dann gibt es nächstes Jahr keine Volksfeste"

Die Corona-Krise provoziert historische Entscheidungen, und dazu gehört auch diese: Erstmals seit mehr als 70 Jahren wird das Oktoberfest in München nicht stattfinden. Ministerpräsident Markus Söder und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter überbrachten diese schlechte Nachricht für alle Wiesn-Fans am Dienstag.

Klar, feiernde Massen sind in Corona-Zeiten ein zu großes Risiko. Um das zu verstehen, genügt ein Blick nach Ischgl oder Heinsberg. Und wie sollen sechs Millionen Besucher aus aller Welt in den engen Gassen und überfüllten Festzelten die Abstandregeln einhalten?

Für viele ist die Nachricht dennoch ein Schock. Nicht nur für Besucher, sondern auch für die, die einen Großteil ihres Geldes auf der Wiesn verdienen. Für Wirte, Festzelt-Betreiber oder Trachten-Shop-Besitzer ist das Volksfest nicht nur eine Herzensangelegenheit. Vielen bricht damit ihre Existenzgrundlage weg. Auch für die Stadt München ist die Absage ein herber Schlag. Rund 1,23 Milliarden Euro betrug der Wirtschaftswert laut ihren Angaben 2019, die der bayerischen Landeshauptstadt dieses Jahr fehlen werden.

Wie nehmen die Betroffenen die Nachricht auf? Watson hat mit Brauereien, Wirten und weiteren Menschen gesprochen, deren finanzielle Existenz vom Oktoberfest abhängt: Was halten sie von der Maßnahme, dass das größte Volksfest der Welt abgesagt wurde? Und wie sichern sie das Fortbestehen ihrer Unternehmen?

Paulaner beispielsweise rechnet mit einem "enormen wirtschaftlichen Schaden". Der Schaustellerbund erklärt sogar, dass viele Mitglieder seit Dezember keinen Cent verdient haben und mahnt: "Wenn unsere Schausteller nicht überleben, gibt es nächstes Jahr keine Volksfeste."

Alle Stimmen im Überblick.

"Wir werden das Oktoberfest schmerzlich vermissen"

Das Hofbräu-Zelt ist eines der beliebtesten Festzelte des Oktoberfests. Ein Sprecher des Hofbräuhaus sagt gegenüber watson:

"Wir haben befürchtet, dass es zu dieser Entscheidung (der Absage des Oktoberfestes) kommen wird. Es ist für uns nachvollziehbar, aber sehr schade, dass die Wiesn aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden kann. Auf dem Oktoberfest kommen wir mit Kunden und Partnern aus der ganzen Welt zusammen. Dieses internationale soziale Networking wird unseren Partnern und uns auf alle Fälle fehlen.

"Für uns ist das Oktoberfest nicht nur das größte, sondern auch das schönste Bierfest der Welt."

Sprecher des Hofbräuhaus

Das Oktoberfest hat als Veranstaltung weltweit eine Leitfunktion. Viele andere Bierfeste auf der ganzen Welt werden daher voraussichtlich auch nicht stattfinden. Zur wirtschaftlichen Bedeutung: Von knapp 50.000 Litern produzierten Hofbräu-Oktoberfestbieres gehen etwa 15 Prozent auf das Oktoberfest. Der Rest wird an Handel und Gastronomie geliefert beziehungsweise exportiert. Wir rechnen durch die Absage des Oktoberfestes und ähnlicher biertypischer Veranstaltungen insgesamt mit geringeren Oktoberfestbier-Bestellungen unserer Kunden.

Für uns ist das Oktoberfest nicht nur das größte, sondern auch das schönste Bierfest der Welt. Wir werden es in diesem Jahr schmerzlich vermissen. Glücklicherweise bedeutet der Ausfall des Oktoberfestes für uns keinen auf das Gesamtergebnis der Brauerei durchschlagenden Verlust."

"Ein Oktoberfest 'light' wäre für uns nicht vorstellbar gewesen"

Eine weitere Brauerei, die vom Oktoberfest nicht wegzudenken ist, ist Paulaner. Eine Sprecherin des beliebten Bier-Herstellers sagt:

"Für uns als Münchner Traditionsbrauerei ist die Wiesn nicht nur ein fester Termin im Kalender. Alle Mitarbeiter sind bei den Vorbereitungen, zum Beispiel beim Einbrauen des Bieres, mit dem Herzen dabei, das gehört einfach zu uns.

"Der wirtschaftliche Schaden für alle Beteiligten wie die Stadt, die Wirte, die Schausteller und eben auch die Brauereien wird enorm sein."

Sprecherin der Paulaner-Brauerei

Aber wir verstehen diese Entscheidung und tragen sie mit. Die Gesundheit der Menschen steht im Vordergrund. Ein sogenanntes Oktoberfest 'light' wäre für uns nicht vorstellbar gewesen. Das Fest lebt von seiner Gastlichkeit, dem Zuprosten, und dem gemeinsamen Feiern – mit guten Freunden und Gästen aus aller Welt. Der wirtschaftliche Schaden für alle Beteiligten wie die Stadt, die Wirte, die Schausteller und eben auch die Brauereien wird enorm sein, dazu werden wir allerdings keine Zahlen kommentieren.

Falsch ist aber die Aussage, die im Bayerischen Rundfunk zum Thema Oktoberfestbier getätigt wurde: Denn das Bier, das auf dem Oktoberfest ausgeschenkt worden wäre, wird bei uns traditionell erst im Juni/ Juli eingebraut, damit es nach einer optimalen Lager- und Reifezeit frisch in die Bierzelte kommt. Wir werden selbstverständlich für Handel, Gastronomie und Export auch dieses Jahr Oktoberfestbier brauen. Zusätzlich arbeiten wir an Konzepten, wie wir das Wiesn-Gefühl zu den Menschen nach Hause bringen können. Wir hoffen und freuen uns auf 2021, um dann gemeinsam eine gesunde und friedliche Wiesn zu feiern."

Munich, Germany - October 1, 2019: Paulaner Beer Garden during Oktoberfest in Munich with its famous symbol and the Löwenbräu lion in the background

In diesem Jahr wird der berühmte Paulanergarten gar nicht erst aufgebaut. Bild: iStock Unreleased / Rocky89

"... damit das Oktoberfest in Zukunft sicher Freude macht"

Für die Ochsenbraterei-Wirtin Antje Schneider von Haberl Gastronomie steht die Gesundheit der Oktoberfest-Besucher im Vordergrund, deswegen konzentriert sie sich lieber auf Zukunft, wenn das Oktoberfest hoffentlich wieder wie gewohnt stattfinden kann:

"Ich finde es richtig, dass man aufgrund der zu befürchtenden Auswirkungen auf die Gesundheit der Münchner, der Bevölkerung in Deutschland und eben auch der ganzen Welt das Oktoberfest 2020 abgesagt hat. Auch der gewählte Zeitpunkt war richtig.

Als Münchener Unternehmen richten wir ab sofort unsere gesamte Energie darauf aus, unsere Ideen und Möglichkeiten in die Entwicklung eines Gesamtkonzepts einzubringen, damit Gastronomie und eben auch das Oktoberfest in Zukunft sicher Freude machen.“

Muenchen, Oktoberfestaufbau auf der Theresienwiese, die Ochsenbraterei im Aufbau *** Munich, Oktoberfest construction on the Theresienwiese, the Ochsenbraterei in construction

Auch die bekannte Ochsenbraterei wird nicht öffnen können. Bild: www.imago-images.de / bSTL

"Ich werde heuer nicht einen Euro verdienen"

Manfred Schauer spielt den Schichtl auf dem Oktoberfest. Das Theater hatte vergangenes Jahr sein 150-jähriges Jubiläum auf der Wiesn. Er erinnert sich an ein berühmtes Zitat des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude:

"Die Absage war gerechtfertigt. Zweifel waren vorhanden, und die Gesundheit geht vor. Für mein Geschäft bedeutet das absoluten Stillstand. Schichtl gibt es nur auf der Wiesn. Aber es gibt ja eh keine anderen Veranstaltungen. Ich werde heuer nicht einen Euro verdienen.

Hoffen kann man viel, aber ich muss jetzt die Realitäten abschätzen. Man muss sich mit der Situation abfinden. Natürlich hoffe ich auch auf staatliche Hilfe. Wer hofft das nicht?

Schichtl ist seit 150 Jahren auf der Wiesn. Der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Ude hat mal gesagt: Eine Wiesn ohne Schichtl ist undenkbar. Jetzt ist es umgekehrt: Jetzt gibt’s den Schichtl ohne Wiesn."

Auf geht_s beim Schichtl, Oktoberfest, München, Bayern, Deutschland | Verwendung weltweit

Muss ebenfalls pausieren: Der legendäre Schichtl. Bild: chromorange / Reinhold Tscherwitschke

"Ich rechne mit bis zu 80 Prozent Umsatzausfall"

Stefan Vogler versorgt die Hälfte aller Lebkuchen-Stände auf dem Oktoberfest mit dem traditionellen Gebäck. Er zeigt sich enttäuscht über die Entscheidung, das Oktoberfest zum jetzigen Zeitpunkt schon abzusagen:

"Ich finde die Absage zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht, man hätte noch an Hygienemaßnahmen oder anderen Lösungen arbeiten können. Die wirtschaftliche Existenz vieler Schaustellerfamilien und ihrer Zulieferer, wie auch mir, hängt davon ab, ob Volksfeste auch in reduzierter Form durchgeführt werden können. Ich habe aufgrund der Oktoberfest-Absage einen Umsatzverlust von zirka 30 Prozent.

"Meine Popcorn- und gebrannte Mandel-Produktion sowie Schokoladenproduktion stehen still."

Stefan Vogler, Süßwarenhersteller

Seit März bis voraussichtlich mindestens Herbst werden alle Volksfeste sowie andere öffentliche Veranstaltungen, bei denen meine Produkte verkauft werden, abgesagt. Deswegen rechne ich im Moment mit bis zu 80 Prozent Umsatzausfall. Und sollten auch die Weihnachtsmärkte abgesagt werden, sieht es nochmal deutlich schlechter aus. Ich habe auch mein Personal, zirka 25 Personen, in Kurzarbeit geschickt. Meine Popcorn- und gebrannte Mandel-Produktion sowie Schokoladenproduktion stehen still."

A group of People at beer festival in Munich, Germany. The woman wearing typical dirndl and the men lederhosen - the traditional bavarian clothing.

Verleiher und Verkäufer von Lederhosen fürchten um ihr Geschäft. Bild: iStockphoto / Nikada

"Diese Wiesn wäre nicht die gleiche wie sonst"

Die Designerin Janina Maria Albrecht entwirft für ihren Shop "Jan & Ina" Trachten für Männer und Frauen. Das Oktoberfest ist eine wichtige Saison für sie. Wenn ihr Laden Ende April wieder öffnet, wird sie übrigens auch passende Schutzmasken zum Dirndl anbieten:

"Traurig aber wahr: Es ist die einzig richtige Entscheidung. Man wusste es ja eh zu 99,9 Prozent schon, dass das Oktoberfest nicht stattfinden wird, aber es nochmals schwarz auf weiß zu lesen schmerzt umso mehr. Dennoch wäre es unverantwortlich gewesen, das Fest stattfinden zu lassen. Diese Wiesn wäre dann auch nicht die gleiche wie sonst, denn man wäre definitiv zurückhaltend.

Natürlich rechnen wir mit einem Rückgang des Umsatzes. Jetzt wird auf keinen Fall derselbe Hype sein wie sonst – die Menschen sind zurückhaltender, weil die Krise ja sehr viele Teile der Gesellschaft wirtschaftlich betrifft. Was verständlich ist. Aber wir werden geöffnet haben und die neue Kollektion anbieten, denn man kann ja auch einfach viel mehr Tracht im Alltag tragen – gerade in München! Daher wollen wir #MünchenträgtTracht etablieren und unsere Branche (auch die Mitbewerber) unterstützen und erhalten.

Das Oktoberfest macht bei uns bis zu 80 Prozent des Jahresumsatzes aus, daher ist es für uns und auch alle anderen in der Branche sehr wichtig. Es gibt zwar auch Hochzeiten und alle anderen Feste übers Jahr verteilt, aber auch diese sind ja teils abgesagt beziehungsweise verschoben.

"Die Liebe zur Tracht bleibt und das sollen unsere Kunden trotz Distanz merken."

Designerin Janina Maria Albrecht

Wir werden ab nächste Woche 30. April 2020 wieder öffnen – und dann sehen, wie unser Angebot angenommen wird. Es wird sicherlich zurückhaltender geshoppt, allerdings haben wir online auch weiter unsere laufenden Bestellungen. Wir bieten auch einige Aktionen diese Saison, um unser Angebot weiter attraktiv zu machen. Denn die Tracht wird ja nicht alt, sondern kann dann ganz brandneu entweder gleich oder zur nächsten Saison ausgeführt werden.

Ab Mai 2020 wird sich dann zeigen, wie sich die Corona-Krise auf den Einzelhandel und unsere Branche auswirkt. Wir werden natürlich auch alle Hygiene Maßnahmen ergreifen! Nur maximal eine Person! Mindestabstand! Desinfektion am Eingang! Handschuhe und natürlich Maskenpflicht (hier wird es Einwegmasken geben für die, die keine haben). Aber auch stylische Masken passend zum Dirndl wird es geben. Und unisex, klassisch in Weiß!

Bestimmt wird die Beratung mit Handschuhen und Maske aber trotzdem etwas eigenartig sein, da man ja beim Dirndl-Shopping nah am Kunden ist. Dennoch bleibt die Liebe zur Tracht und das sollen unsere Kunden trotz Distanz merken."

Bild

Lebkuchen, eine beliebte Leckerei auf dem Oktoberfest, werden wir dieses Jahr wohl nicht genießen können. Eine Katastrophe für Süßwarenhersteller. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Lothar Brademann

"Geschäftsgrundlage fällt weg"

Andreas Greipl betreibt "bavariashop.de", den offiziellen Online-Shop des Oktoberfests. Er ist froh, dass immerhin der Online-Betrieb weitergeht und kündigt an, dass Teile des Erlöses an die Schausteller gespendet werden sollen:

"Alle diejenigen, die noch mit einer Durchführung gerechnet haben, leben offenbar fernab der Weltgeschehnisse. Es war absolut die richtige Entscheidung, so denken wir alle, so bitter es auch für die Wirte und Schausteller ist. Gegen eine sinnvolle gesundheitliche Entscheidung können wir uns nicht wehren. Auch, wenn es sicher nicht einfach für den einen oder anderen wird.

Als offizieller Online-Shop des Oktoberfests betrifft uns das natürlich sehr direkt. Wir haben noch einen gewissen Vorteil, weil wir online erreichbar sind. Wir merken auch, dass sehr viele Fans bei uns anfragen wegen Sammler-Objekten. Es gibt ja jedes Jahr einen offiziellen Bierkrug. Wir wissen noch nicht, ob es dieses Jahr trotz der Absage auch einen gibt, aber wenn, dann wäre das natürlich ein Ding, ein Bierkrug zu einer Wiesn, die gar nicht stattgefunden hat. Also, wir können unsere Türen und Tore noch offen halten. Wir setzen auch Spendenaktionen auf, um die Schausteller zu unterstützen. Ein gewisser Teil des Erlöses geht an die raus. Die haben ja das größte Problem, deshalb versuchen wir im Online-Bereich zu helfen.

Online wird allerdings per se sehr überschätzt. Wir sind ein ganz kleines Lichtl im Vergleich zu den Shops vor Ort. Und unsere Geschäftsgrundlage fällt trotzdem weg. Offizieller Online-Shop des Oktoberfests ist halt ohne Oktoberfest trotzdem irgendwie blöd."

"Es wird keinen Rückgang geben, sondern einen Totalausfall"

Wolfgang Zeilinger von Lederhosenverleih.de spricht von katastrophalen Zuständen, weil das Oktoberfest abgesagt wurde. Er rechnet auch damit, dass in den kommenden Jahren ein wirtschaftlicher Rückgang zu spüren sein wird:

"Ich finde die Entscheidung, das Oktoberfest abzusagen, absolut gerechtfertigt. Vor allem in Hinblick darauf, wie eine eventuelle Infektionswelle, die auf dem Oktoberfest ihren Ursprung hätte, dem Fest langfristig schaden würde.

"Sämtliche Veranstaltungen werden künftig überprüft oder hinterfragt werden oder nicht stattfinden."

Wolfgang Zeilinger von Lederhosenverleih.de

Das Oktoberfest macht etwa 80 Prozent unseres jährlichen Anteils aus. Was unsere Verkaufszahlen angeht, wird es keinen Rückgang geben, sondern einen Totalausfall. Neben der Wiesn statte ich Hochzeiten, Firmenfeiern und Ähnliches aus – all das ist entweder schon abgesagt, storniert oder wird nicht stattfinden. Mit einem Bestand von mehr als 1500 Trachten können wir neben dem Oktoberfest Einzel- oder Firmenveranstaltungen mit bis zu 850 Teilnehmern ausstatten. Derartige Veranstaltungen wird es auf absehbare Zeit jedoch nicht geben.

Das Jahr 2020 wird, wie gesagt, ein Totalausfall, für die Zeit danach wird – Stand jetzt – auf jeden Fall ein Rückgang zu verzeichnen sein. Sämtliche Veranstaltungen werden künftig überprüft oder hinterfragt werden oder nicht stattfinden."

"Da muss der Staat helfen"

Robert Birk betreibt auf dem Oktoberfest den Flohzirkus. Für ihn fällt mit der Absage des Oktoberfestes seine Haupteinnahmequelle weg. Noch mehr Sorgen macht er sich jedoch um seine anderen Schaustellerkollegen. Viele davon müssen ganze Familien ernähren und werden dieses Jahr kaum Geld verdienen:

"Ich fand die Absage nicht überraschend. Es kann ja nicht sein, dass man so kleine Volksfeste absagt und das größte Volksfest nicht. Das wäre in meinen Augen unverschämt gegenüber den anderen.

Hygienevorschriften lassen sich auf dem Oktoberfest nicht umsetzen. Wann fallen Hemmungen? Wenn Alkohol getrunken wird. Wollen wir ein Oktoberfest mit Limonade? Mir wäre es egal, ich trinke keinen Alkohol. Aber für die Stimmung wäre es fatal.

Ich bin extrem betroffen von der Absage. Ich habe übers Jahr vier bis fünf kleine Veranstaltungen, dann Buchungen für Schulen und Kindergärten. Die Haupteinnahmequelle ist das Oktoberfest. Jetzt muss ich mich umorientieren, und schauen, wo kann ich Geld verdienen. Ich mit meinem kleinen Betrieb kann das. Aber ein großer Schausteller, der zum Beispiel eine Geisterbahn oder ein Karussell betreibt - da muss der Staat helfen. 5000 Euro Soforthilfe reichen da nicht. Der hat laufende Kosten von 20.000 Euro monatlich. Das funktioniert nicht.

Es gibt rund 5000 Schausteller-Familien, das sind ja zu 90 Prozent Familienbetriebe. Diese Betriebe ernähren natürlich auch die Alten, Großvater, Urgroßmutter. Da haben wir ein großes Problem. Schausteller, Künstler oder auch Zirkusleute, für die fängt die Saison im März an. Die hatten dieses Jahr gar keine Einnahmen. Wovon sollen die Leute leben?

Ich bin ein sehr, sehr kleiner Betrieb, ich brauch vielleicht mal jemand zum aufbauen und abbauen. Das ist nicht so personalintensiv. Die Lage ist auch aufs Jahr gesehen sehr schwierig. Die Regierung entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen.

Wenn jetzt aber teilweise Weihnachtsmärkte schon abgesagt werden, finde ich das übereilt."

"Wenn unsere Schausteller nicht überleben, gibt es nächstes Jahr keine Volksfeste"

Frank Hakelberg ist der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbund e.V. Ihm ist es wichtig zu betonen, dass es auch noch fast 10.000 weitere Volksfeste in Deutschland gäbe und diese jetzt nicht voreilig abgesagt werden dürfen. Außerdem fordert er staatliche Hilfen für die Schausteller:

"Grundsätzlich: Wenn es aus gesundheitlichen Gründen erforderlich ist, das Oktoberfest abzusagen, dann stehen wir nicht davor, das akzeptieren wir natürlich – schweren Herzens. Die bundesweite Absage aller Großveranstaltungen bis 31. August schlägt uns allerdings fürchterlich ins Kontor, eine Katastrophe. Wir plädieren dafür, jetzt nicht auch alle Volksfeste danach abzusagen. Warum sollte man jetzt schon Feste im September oder Oktober absagen? Niemand kann doch die Entwicklung bis dahin verlässlich vorhersagen. Ein Volksfest ist in ein bis zwei Wochen aufgebaut. Deshalb ist es verfrüht, jetzt schon alles abzusagen.

Das gilt wohlgemerkt für die typischen Volksfeste. Das Oktoberfest spielt in seiner eigenen Liga, bedarf längerer Vorbereitung. Zu keinem anderen Volksfest kommen 6 Millionen Besucher, auch aus Japan, den USA oder Südamerika extra angereist. Deshalb sollten wir jetzt nicht aus einem Automatismus heraus andere Herbstfeste platt machen, sondern erstmal abwarten, wie sich die Sache entwickelt.

Die Schausteller haben seit Dezember keinen Cent mehr verdient. Sie brauchten die Ostermärkte, die jetzt schon ausgefallen sind. Es steht im Raum, dass es dieses Jahr überhaupt keine Volksfeste mehr gibt. Das ist eine dramatische Situation. Kein Schausteller ist nur von einem Fest abhängig, auch nicht vom Oktoberfest. Natürlich ist es für viele ein ganz herber wirtschaftlicher Verlust, aber man kann das nicht isoliert betrachten. Es geht uns um alle Volksfeste.

Im Prinzip gilt für uns ein Berufsausübungsverbot. Aus nachvollziehbarem Grund natürlich, aber wenn die Politik uns verbietet, unser Geld verdienen zu können, brauchen wir jetzt auch ihre Hilfe. Jetzt! Nicht erst übernächsten Monat, unsere Schausteller stehen vor dem Nichts. Die bereits ausgezahlten Soforthilfen waren wichtig und gut, viele Schausteller haben das Geld auch schon bekommen. Aber mit einer Absage aller Volksfeste überleben unsere Betriebe nicht ohne weitere staatliche Hilfe, nicht ohne einen Rettungsschirm.

Ohne pathetisch klingen zu wollen: Wir reden hier über 1200 Jahre Volksfest-Geschichte. Wenn unsere Schausteller nicht überleben, gibt es nächstes Jahr keine Volksfeste."

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watson-Story

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