Leben
Sorrow woman shrinked near father husband tomb in cemetery.

Vor seinem Tod haben mein Vater und ich fünf Jahre lang nicht miteinander gesprochen (Symbolbild). Bild: Getty Images

Ich habe nach 13 Jahren zum ersten Mal das Grab meines Vaters besucht

Als ich 13 war, hörte mein Vater auf, mit mir zu reden. Als ich 18 war, starb er. Wortlos. So stelle ich es mir zumindest vor, ich war nicht dabei.

Bei seinem Umzug von Düsseldorf nach Essen wollte er sich kurz ausruhen, nachdem er den Holzboden in den vierten Stock getragen hat. Kurz darauf lag er nach Luft schnappend auf dem Boden und starb, bevor der Notarzt etwas tun konnte.

Über den Tod meines Vaters spreche ich nüchtern. Das verstehen viele nicht. Erstens, weil es ja mein Vater ist, und ein Elternteil zu verlieren ist mit das Schlimmste, was sich viele vorstellen können. Zweitens, weil wir uns vor seinem Tod nicht ausgesprochen haben. Es scheint gesellschaftlich festgelegt zu sein, dass ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben sollte.

Ob meine abgeklärte Beziehung zu meinem toten Vater ein Zeichen dafür ist, dass ich Frieden mit ihm geschlossen habe, obwohl wir uns nie ausgesöhnt haben – das weiß ich nicht.

Weil ich das genau wissen will, fahre ich ihn besuchen. Beziehungsweise sein Grab – ein Ort, an dem ich seit seiner Beerdigung vor 13 Jahren nicht mehr war. Zu Lebzeiten wollte er weder mit mir sprechen noch mich sehen.

Jetzt kann er sich nicht mehr wehren, wenn ich ihn treffen will. Von Angesicht zu Asche.

Ich weiß nicht mehr genau, wo das Grab meines Vaters ist

Es ist ein kalter Novembertag in Berlin. Ich warte am Gesundbrunnencenter auf meinen Freund und laufe den Bahnsteig auf und ab, um mich aufzuwärmen. Nebenbei telefoniere ich mit meiner Mutter: "Sag mal, wo ist eigentlich das Grab meines Vaters? Ich hab's vergessen."

"Warum willst du das wissen?“, fragt meine Mutter. Sie versteht jegliche Form von Totenkult nicht, Beerdigungen und Friedhöfe sind ihr zuwider. Ich weiß, dass sie das Grab meines Vaters nur wenige Male besucht hat – und auch dann nur, um auf ihn zu schimpfen. "Ich dachte, ich fahre mal hin." Ein Bedürfnis, das in den meisten Familien wohl normal ist, schätze ich. Nicht bei uns.

"Warum denn? Was willst du da?", fragt meine Mutter weiter. Ich weiß nicht genau, was ich antworten soll. Nach einem kurzen Schweigen fährt sie fort: "Es ist der Helenenfriedhof. Geradeaus und dann links, das findest du schon. Und schau mal in dem Einkaufszentrum vorbei, das sie nebenan gebaut haben – das muss toll sein." Ich verspreche, es mir zu überlegen.

Mein Vater war ein wütender Mann

Ich weiß nicht genau, woher die Idee kam, meinen Vater plötzlich besuchen zu wollen. Er war ein wütender Mann, ich habe praktisch keine gute Erinnerung an ihn. Wenn ich ihn mir vorstelle, ist sein Kopf rot vom Schreien. Als ich 13 war, wurde er sauer, weil ich lieber ein Nickerchen machen wollte, anstatt ihm von meinem Schultag zu erzählen.

Er schrie mich an: "Wag es bloß nicht, noch ein Wort an mich zu richten!" Das war der Beginn seiner Schweigestrafe, das kannte ich schon. Er sprach dann mehrere Wochen lang nicht mit mir, bis ich mich bei ihm entschuldigte. Was ich falsch gemacht habe, musste ich mir in der Regel von meiner Mutter erklären lassen.

Dieses Mal war ich zu alt, um mich zu entschuldigen. Ich verstand zu gut, dass ich seine Strafe nicht verdient habe. Meine Mutter kam später mit verheulten Augen zu mir. "Warum hast du ihn nur wieder so provoziert?", fragte sie. Ich hätte es doch besser wissen müssen.

Erst drei Monate später, zu Weihnachten, machte ich einen Versuch, mich zu entschuldigen. Mein Vater ist über die Feiertage nach Polen gefahren. Meine Mutter bestand allerdings darauf, dass ich meinen Vater anrufe und ihm frohe Weihnachten wünsche. Ich hielt das für keine gute Idee, aber sie drückte mir den Hörer in die Hand.

Ich sagte: "Ich wollte mich bei dir entschuldigen."

Mein Vater: "Das ist nicht der richtige Zeitpunkt."

Ich: "Und ich wollte dir frohe Weihnachten wünschen."

Mein Vater: "Du kannst mich mal."

Als ich das heulend meiner Mutter erzählte, gab sie zu, ich hätte Recht gehabt. War keine gute Idee gewesen.

Ich brachte es nicht über mich, ein zweites Mal um Vergebung zu bitten. Ich war verletzt. Ich hatte Angst – vor seinen Launen, seinen Ausbrüchen. Ich befürchtete, dass wenn ich nun anfangen würde, wieder mit ihm zu reden, würde alles nur noch schlimmer werden. Also lebten wir schweigend nebeneinander her.

Wir lebten schweigend nebeneinander her. Bis eines Tages der Anruf kam: "Papa ist tot."

Bis es hieß, dass meine Eltern nach Essen ziehen und ich allein in Düsseldorf bleiben würde, um die Schule zu beenden. Und dann kam der Anruf: "Papa ist tot." Und dann weinte ich. Und dann fühlte ich: Nichts. Oder nicht viel. Ein fremder Mann ist aus meinem Leben getreten, mehr ist eigentlich nicht passiert.

Als Hartz-IV-Empfänger bekam mein Vater ein Armenbegräbnis

In der Nacht, bevor ich losfahre, träume ich. Ich erinnere mich nicht an den Traum, wache aber auf mit dem Echo eines Gedanken, den ich im Schlaf gehabt haben muss: Mein Vater wurde verbrannt, hallt es nach. Ich denke, nun bewusst: Meine Mutter will auch verbrannt werden, darüber haben wir gesprochen. Ich auch. Das erste Mal wird mir bewusst, dass das bedeutet: Mein lebloser Körper wird zu Asche gebrannt. So wie es bei meinem Vater war.

Die Erinnerung an die Beerdigung meines Vaters ist verschwommen. Es war im Juni 2006. Vielleicht auch Juli. Die Sonne schien, oder zumindest möchte ich das in meiner Vorstellung so. Ein schwarzes T-Shirt habe ich getragen. Dazu eine braune, weite Leinenhose, für die meine Mutter mich schimpfte, weil sie so unordentlich aussah.

Ich glaube, wir fuhren im schwarzen Auto des Bestatters zum Friedhof, wo wir gleich vor dem Tor ausstiegen. Eine unnötige Inszenierung unserer Ankunft, denn es waren nur meine Mutter, mein damaliger Freund und ich da. Als ich meinen Vater sah – beziehungsweise das, was von ihm übriggeblieben ist – musste ich weinen. Sie haben ihn in eine blaue, marmorierte Urne gesteckt, mit rosa Blumen oben drauf.

Ich weiß nicht, ob ich weinte, weil mein Vater da drin war, oder weil ich die Urne so hässlich fand. Meine Mutter sagte, für den Preis war es noch die beste. Wir liefen kurz über den Friedhof. Auf einem Stück Wiese war ein Loch ausgebuddelt, kein Name dabei. Nur ein Steinkreuz, auf dem stand: "Der Tod ist das Tor zum Leben." Den Spruch finde ich immer noch blöd.

Ich weiß nicht, ob ich um meinen Vater weinte, oder weil ich seine Urne so hässlich fand.

Dann wurde die Urne ins Loch versenkt, wir schütteten jeder eine Handvoll Erde drauf und die vom Bestattungsinstitut zeigen uns die Mülltonnen. Das war‘s. Meine Mutter weinte. "Er ist kein guter Mensch gewesen, aber das hat er nicht verdient", sagte sie leise.

Eine andere Beerdigung konnten wir uns damals nicht leisten, mein Vater hatte von Hartz IV gelebt, meine Mutter hatte soeben ihren Job verloren und musste Privatinsolvenz anmelden. Ich ging noch zur Schule. Zusätzlich der Umzug nach Essen, weil die Aussicht auf einen neuen Job dort bestand.

Zum ersten Mal vermisste ich meinen Vater 8 Jahre nach seinem Tod

Mein Vater starb vermutlich an einer Hirnvenenthrombose. Das sagte die Mutter einer Freundin, nachdem ich ihr den Vorfall beschrieb. Beim Arzt, der die Obduktion durchgeführt hat, haben meine Mutter und ich nicht so genau nachgefragt. Es schien nebensächlich.

Jetzt auf dem Weg nach Essen google ich "Hirnvenenthrombose". Die Verbindung im Zug ist schlecht, das WLAN funktioniert nicht. Als der Wikipedia-Artikel nach mehreren Versuchen endlich aufploppt, weiß ich auch nicht mehr über den Tod meines Vaters. Ich schlafe ein, bis der Zug Essen erreicht.

Das erste Mal vermisst habe ich meinen Vater acht Jahre nach seinem Tod. Es war der Tag der Magisterzeugnisvergabe, vor der Uni standen meine Kommilitonen mit ihren Familien. Meine Mutter konnte nicht kommen. Als ich die anderen Familien ansah, dachte ich zum ersten Mal in meinem Leben: Ich wünschte, meine Eltern wären hier.

Dann habe ich auf dem Absatz kehrtgemacht und bin wieder nach Hause gefahren. Mein Zeugnis habe ich erst Monate später abgeholt, verstohlen und ganz allein im Sekretariat.

Das Grab muss ich lange suchen – und finde es im letzten Winkel des Friedhofs

Auf dem Weg zur Straßenbahn zum Friedhof esse ich Asia-Nudeln aus einer Box. Die hole ich mir, weil meine Mutter und ich die manchmal gegessen haben, als sie noch in der Nähe vom Essener Bahnhof lebte. Die Nudeln kosten drei Euro und sind fettig, salzig und trotzdem fad. Etwas dämlich komme ich mir vor, während ich laufend die Nudeln in mich reinstopfe. Aber ich habe keine Lust, Pause zu machen.

In der Straßenbahn frage ich mich, was ich fühlen soll. Was ist angemessen, bevor man seinen toten Vater besucht? Ich versuche, ganz aufmerksam zu sein und in mich hineinzuhorchen. Vielleicht ist da ein bisschen Aufregung.

Ich schaue die Menschen um mich herum an – irgendwelche Vorzeichen? Ein Bote des Todes, der mir eine Nachricht schicken will, bevor ich am Friedhof ankomme? Bisher nichts. Nur eine Gruppe Schüler zwängt sich an mir vorbei und drückt mich tiefer in meinen Sitz. Vielleicht ist ein Friedhofsbesuch aber auch einfach nur ein Friedhofsbesuch und er muss gar nicht mit großen Emotionen verbunden sein. Ich weiß es nicht, ich habe zu wenig Übung darin.

Auf dem Friedhof angekommen, muss ich mich erst einmal orientieren. Ich kann mich an nichts, rein gar nichts hier erinnern. Ein Pärchen mit einem zotteligen Hund läuft eilig an den Gräbern vorbei. Die scheinen sich auszukennen – ich überlege, zu fragen: Entschuldigung, wissen Sie, wo hier die anonyme Gemeinschaftsgrabstätte für arme Menschen ist? Bevor ich mich traue, gehen sie allerdings weiter. Die scheinen zu tun zu haben.

Ich überlege, die Menschen auf dem Friedhof zu fragen: Entschuldigung, wissen Sie, wo hier die anonyme Gemeinschaftsgrabstätte für arme Menschen ist?

Ich laufe die Gräberreihen entlang. Auffällig viele Männer liegen hier – Hüttenmann, Hermann, Wolfsmann. Eine Bein, gestorben 1970, lange, bevor ich geboren war. Ich suche nach dem Steinkreuz mit der Inschrift "Der Tod ist das Tor zum Leben."

Erst nach mehreren Runden über den Friedhof finde ich es. Es steht ganz, ganz hinten, im allerletzten Winkel beim Schuppen, wo die Geräte zur Friedhofspflege aufbewahrt werden. Ein halb erdiges, halb grünes Feld, etwa drei mal vier Meter. Hier und dort wächst bisschen was Rosanes und bisschen was Weißes, mehrheitlich sieht es allerdings eher nach Unkraut aus. Die hintere Reihe mit Zypressen gesäumt, dazwischen besagtes Steinkreuz mit dem blöden Spruch.

Ich muss sagen: Es sieht beschissener aus, als ich es in Erinnerung hatte. Recht hat meine Mutter, dass sie hier nur zum Schimpfen hergekommen ist.

Wäre mein Vater immer noch wütend, wäre er am Leben? Wahrscheinlich

Ich frage mich, ob mein Vater immer noch sauer auf mich wäre, wäre er noch am Leben. Wahrscheinlich schon. So nah wie jetzt hätten wir uns nicht mehr kommen können. Ich will sagen: Ich vergebe dir. All deine Ausbrüche, deine Zwänge, deine Strafen. Aber kann es dir nicht mehr sagen, also sage ich es zu mir selbst: Ich vergebe dir. Ich bin hier, um mir vergegenwärtigen: Die Erinnerung tut mir nicht mehr weh, ich habe Frieden mit ihr geschlossen.

Als sich ein Sonnenstrahl auf das Grab wirft, beschließe ich, zu gehen. Das wird mir jetzt zu kitschig.

Später sitze ich in einem Café in der Nähe vom Essener Bahnhof und warte auf meinen Zug. Mein Handy vibriert, meine Mutter schreibt: "Alles ok bei dir?" Ja, alles ok.

Während ich auf den Weihnachtsmarkt vor dem Fenster blicke und im Hintergrund absurderweise karibische Musik erklingt, denke ich nach: War es das jetzt wert? Extra aus Berlin nach Essen fahren, um mich neben ein Stück Unkraut mit Steinkreuz zu stellen und Erinnerungen an meinen Vater heraufzubeschwören? Und ja, ich glaube, das war es wert.

Es ist gut, zu spüren, dass ich loslassen kann.

Es war gut, zu spüren, dass ich die Erinnerung loslassen kann. Dass ich dabei weder heulend zusammengebrochen bin noch verbittert war. Es ist gut zu wissen, dass ich mich von einem Menschen verabschieden kann, ohne mich von ihm zu verabschieden.

Es fühlt sich nicht groß an. Es fühlt sich normal an, und normal war etwas, dass es bei uns zu Hause so selten gab. Es ist gut, das mal zu spüren.

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