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Es gibt noch viel zu tun bei der Gleichberechtigung. Bild: getty / stockfour

Weltfrauentag: Wie steht es wirklich um die Gleichberechtigung? 17 Zahlen zeigen es

Seit 1911 feiern Menschen weltweit den "Internationalen Tag der Frauen". Viel hat sich seitdem geändert.

In Deutschland dürfen Frauen seit 1918 wählen. 1949 wird die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz verankert. 1961 gibt es mit Elisabeth Schwarzhaupt die erste Bundesministerin. 1977 wird die gesetzliche Verpflichtung der Frau zur Haushaltsführung abgeschafft. Seit 1997 steht auch die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe. 2005 wird Angela Merkel als erste Frau Bundeskanzlerin.

Doch noch immer ist Gleichberechtigung in Deutschland work in progress. Das attestierte auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) der Bundesrepublik im "Global Gender Gap Report 2020". Deutschland landete auf Platz 10, das WEF sah insbesondere im Bereich Wirtschaft Nachbesserungsbedarf. Ein Urteil, das auch für andere Staaten gilt.

Wir haben genau hingeschaut und den Stand bei der Gleichberechtigung anhand von Fakten dargelegt. Gleichberechtigung ist ein emotionales und oft sehr persönliches Thema. Zahlen aber zeigen, was wirklich Sache ist.

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So viele prominente Bewerberinnen um den CDU-Vorsitz gibt es derzeit. Nicht alle Namen der 13 Bewerber sind bekannt, möglich, dass auch noch eine Frau vortreten wird.

Trotzdem: Als Favoriten werden Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen gehandelt. Und das sind allesamt Männer. Natürlich bedeutet Gleichberechtigung nicht, dass nach Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer wieder eine Frau Vorsitzende sein muss. Dass aber nicht eine CDU-Politikerin als Kandidatin gehandelt wird, zeigt: Die Unterrepräsentation von Frauen in der Politik ist ein strukturelles Problem in Deutschland.

31 Prozent

Das ist der Anteil der Frauen im Bundestag. Mit der Bundestagswahl 2017 war der Anteil von zuvor 36,3 Prozent noch weiter gefallen. Ein Spiegel der Gesellschaft ist der Bundestag damit nicht, der Frauenanteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 51 Prozent.

Gründe für den niedrigen Frauenanteil gibt es viele. Manche Parteien haben einen extrem niedrigen Frauenanteil, gerade Union, FDP und AfD, die Quotenregelungen ablehnen. Männer treten häufiger als Direktkandidat auf, auf den Listen landen mehr Männer als Frauen.

8,2 Prozent

Das ist der Anteil der Frauen an Oberbürgermeister-Posten, wie die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung 2017 herausfand. Der Anteil unter Dezernenten und Dezernentinnen war immerhin 29,1 Prozent.

Politik ist in Deutschland immer noch häufig Männersache. Und die Ungleichheit zwischen Mann und Frau setzt sich in anderen Bereichen fort.

21 Prozent

Diese Ziffer kennt eigentlich jeder. Und kaum ein Fakt über die Gleichberechtigung in Deutschland vermag so zu polarisieren. Der Gender Pay Gap, die Einkommenslücke zwischen Mann und Frau, beträgt 21 Prozent.

Vermutlich aber hat auch schon jeder gehört, dass man zu diesen 21 Prozent noch einiges wissen muss. Es handelt sich um den unbereinigten Wert für die Einkommenslücke. Rechnet man strukturelle Unterschiede heraus, etwa dass Frauen häufiger in Teilzeit oder in Berufen mit niedrigeren Löhnen arbeiten, liegt die Lücke bei sechs Prozent (laut der letzten Berechnung von 2014). Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) kommt gar nur auf eine Lücke von zwei Prozent.

Diese "bereinigten" Zahlen sollen zeigen: Frauen werden in Deutschland nicht systematisch schlechter bezahlt. Immerhin gilt arbeitsrechtlich: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Kritiker der "21 Prozent"-Lücke werfen zudem gerne ein, dass Frauen womöglich weniger aggressiv ihre Gehälter verhandeln oder Führungspositionen wegen der Familie ablehnen.

Doch die 21 Prozent Unterschied sind ein Fakt. Es mag viele Gründe dafür geben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer – was Folgen mit sich bringt.

1106 Euro

Das ist die Höhe der durchschnittlichen Rente (brutto) für Frauen nach 35 Beitragsjahren, wie das ZDF berichtet. Die Rente liegt damit 27 Prozent unter dem Beitrag, den Männer durchschnittlich kriegen. Da liegt die Altersrente bei 1520 Euro brutto.

Da ist es auch kein Wunder, dass besonders Frauen in Deutschland von Altersarmut betroffen sind.

80 Prozent

... ist der Anteil der Frauen in Pflegeberufen, wie aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht. In der Altenpflege beträgt der Anteil 84 Prozent.

10,4 Prozent

... aller Sitze in Aufsichtsräten der 200 größten deutschen Unternehmen sind Frauen.

Für börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen gilt seit 2016 eine Frauenquote für Aufsichtsratsplätze von 30 Prozent. Und die Quote wirkt auch, wie Erhebungen zeigen.

2.174.000

So viele alleinerziehende Mütter gab es 2018 in Deutschland. Zum Vergleich: Bei den Vätern waren rund 407.000 alleinerziehend.

Alleinerziehende sind häufiger von Armut gefährdet. Sie tun sich schwer, die Kinder zu erziehen und zugleich mehr als in Teilzeit zu arbeiten. Diese Probleme betreffen Frauen weitaus häufiger als Männer.

37 Prozent

Das ist der Anteil der Väter, die in Elternzeit gehen. Zum Vergleich: Bei den Müttern sind es laut dem Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW Berlin) mehr als 90 Prozent.

Dazu kommt noch, dass Männer meist nur zwei Monate zu Hause bleiben. Knapp 72 Prozent der Väter, die im Jahr 2018 Elterngeld bezogen, nahmen nur zwei Monate Elternzeit.

Elterngeld wird grundsätzlich zwölf Monate lang gezahlt, wenn ein Elternteil sich nach der Geburt eine Auszeit nimmt. Zusätzlich gibt es zwei Monate, wenn auch der Partner in Elternzeit geht. Häufig ist das der Mann, die Frau nimmt die übrigen zwölf Monate.

4 Stunden und 13 Minuten

So viel Zeit leisten Frauen im Schnitt unbezahlte Care-Arbeit am Tag, wie das Gutachten des zweiten Gleichstellungsberichts des Familienministeriums im vergangenen Jahr errechnete.

Männer verbringen mit Haushalt, Pflege und Betreuung von Kindern und Erwachsenen oder ehrenamtlichem Engagement täglich im Durchschnitt zwei Stunden und 46 Minuten. 87 Minuten weniger.

30 Prozent

... höher ist das Risiko für Frauen laut ADAC, bei einem Verkehrsunfall eine schwere oder lebensbedrohliche Brustverletzung zu erleiden, wie die "Zeit" berichtet. Ein Grund dafür: Der Dummy bei Crashtests repräsentiert mit 1,75 Meter Körperlänge und rund 78 Kilogramm Gewicht den Durchschnittsmann in Mitteleuropa. Aber nicht die Durchschnittsfrau.

Aber: Das Risiko für Frauen, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, ist laut Statistik geringer als für Männer. Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes verunglückten 2017 419 Frauen, aber 536 Männer je 100.000 Einwohner.

188.347

... Frauen starben laut Statistischem Bundesamt 2017 an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Bei den Männern waren es 156.177. Beim Herzinfarkt starben mehr Männer als Frauen.

Einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt es aber noch: Laut der "MEDEA-Studie" des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung vergehen bei über 65-jährigen Frauen bis zu viereinhalb Stunden, bis sie in der Notaufnahme sind. Bei den Männern über 65 ist es im Schnitt eine Stunde weniger.

Ein Grund ist, dass ältere Frauen oft alleine leben und im Notfall niemanden haben, der ihnen Hilfe holt. Ein anderer Grund aber ist auch, dass Frauen den Herzinfarkt oftmals nicht als solchen erkennen. Denn bei ihnen tritt seltener ein starker Schmerz im Brustkorb auf, sie fühlen häufiger ein Druck- oder Engegefühl in der Brust.

1,76 Prozent

Für diese Zahl müssen wir etwas ausholen: In einem Experiment von Forschern aus Berlin und den USA mussten 500 Studentinnen und Studenten Mathe- und Sprachaufgaben lösen. Dabei ergab sich: Je wärmer die Raumtemperatur, desto höher die Leistung der Frauen.

Mit jedem Grad Celsius mehr habe sich die Leistung der Frauen bei Mathe-Aufgaben um 1,76 Prozent verbessert, bei Männern habe sie mit jedem Grad um rund 0,6 Prozent abgenommen, berichtet das ZDF über die Studie.

Fazit: Die ideale Raumtemperatur liegt bei Frauen höher als bei Männern.

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... ist die Anzahl der weiblichen Künstler, die gerade in der deutschen Streaming-Top-10 steht. Während die Liste von den Samras und Capital Bras dominiert wird, hat es mit Dhurata Dora immerhin eine Frau in die Charts geschafft.

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... von 18 Filmen auf der Berlinale stammten von einer Regisseurin oder einem Regisseur-Duo mit einem weiblichen Mitglied.

68,6 Prozent

... der Stellung des Mannes hat die Frau global bisher erreicht. Das ist das Ergebnis des WEF-Berichts zum Stand der Gleichberechtigung, den wir eingangs zitiert haben.

Der Report untersucht dabei die vier Bereiche Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Politik. Zur Berechnung der Lücke greift der Report auf Indikatoren wie Einkommensunterschiede bei gleicher Tätigkeit oder Anzahl der Ministerinnen in einem Kabinett zurück.

99,5 Jahre

So lange dauert es laut dem WEF-Report noch, bis Frauen die Lücke von 31,4 Prozent aufgeschlossen haben. Wenn die Geschwindigkeit der Fortschritte bei der Gleichberechtigung so bleibt wie bisher.

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