Das medizinischen Personal weiß vielerorts nicht mehr, wohin mit den Notfallpatienten und -patientinnen.
Das medizinischen Personal weiß vielerorts nicht mehr, wohin mit den Notfallpatienten und -patientinnen. Bild: OJO Images RF / Sam Edwards
Geschichte

Überforderung in der Notaufnahme: "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, da sei noch nichts zum Nachteil eines Patienten passiert"

14.12.2021, 13:1202.06.2022, 10:30
Max p.

Max P. (Name geändert) arbeitet als Arzt in der Notaufnahme einer Klinik im Großraum Frankfurt und erlebt die vierte Corona-Welle derzeit hautnah. Watson gegenüber schildert der 35-Jährige, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr weiß, wohin mit schwerkranken Patienten, wenn man wütende Angehörige am Telefon trösten muss und die Freunde währenddessen weiter Feiern gehen.

Ich arbeite in der Notaufnahme von einem Maximal-Versorger. Das sind die Krankenhäuser, in denen wirklich alles ankommt: Von leichteren Erkrankungen wie Husten bis hin zu wirklich schweren Notfällen, Herzinfarkten und Reanimation. Es ist eine bunte Mischung. Daher müssen wir bei jedem Patienten immer als Erstes entscheiden: Wie schwer ist dieser Fall? Und was machen wir jetzt mit diesen Menschen? Es gibt dafür in fast allen größeren Kliniken ein Triage-System, in dem Patienten nach festgelegten Kategorien unterteilt werden, zum Beispiel nach Dringlichkeit und Dauer ihrer Behandlung.

Dieses Triage-System gibt es schon immer, allerdings hat es jetzt, wo die Ressourcen knapp werden, eine andere Konsequenz. Ständig steht die Frage im Raum: Wo bringen wir die Schwerkranken und Verletzten hin? Die Notfallversorgung funktioniert meistens noch, woran es aber mangelt sind die weiteren Behandlungs-Kapazitäten, Intensivbetten zum Beispiel. Je mehr Covid-Patienten diese belegen, desto weniger Kapazitäten sind für andere Erkrankte da. Durch die Suche nach einem freien Bett wird aber deren Behandlung verzögert, auch wenn sie sofort stattfinden müsste.

"So läuft die Kommunikation zwischen den Krankenhäusern und den Gesundheitsämtern noch per Fax."

Das Verlegungssystem ist auch logistisch schlecht gemacht: Da sitzt dann das eh schon überlastete Personal im Arztzimmer und telefoniert eine Liste an Kliniken ab, um zu hören, wo ein Bett frei ist. Es ist 2021– warum kann das nicht soweit digitalisiert werden, dass zumindest jedes Bundesland ein System hat, in das man sich einloggt und sehen kann, welche Betten frei sind? So läuft die Kommunikation zwischen den Krankenhäusern und den Gesundheitsämtern noch per Fax. Bedeutet: Einer aus dem Personal muss sich hinsetzen und die Befunde in den Computer abtippen. Natürlich verzögert all das die Versorgung der Menschen unnötig – und zwar nicht nur von Corona-Patienten.

In meinem vergangenen Nachtdienst habe ich ungelogen zehn Krankenhäuser abtelefoniert, bis ich eines gefunden habe, das einen Patienten aufnehmen konnte, der sofort eine Notfall-Dialyse brauchte. Seine Verlegung hat dann auch nach anderthalb Stunden Fahrtzeit in Anspruch genommen. Das frisst Zeit, die der Betroffene in diesen Momenten nicht hat und die ernste Folgeschäden nach sich ziehen können. Und so bitter es ist, bleibt einem in solchen Fällen derzeit kaum etwas Anderes übrig, als zu sagen: "Es tut mir unheimlich leid, aber es ist nun mal gerade leider so."

Das medizinische Personal ist vielerorts komplett erschöpft.
Das medizinische Personal ist vielerorts komplett erschöpft.Bild: iStockphoto / Georgiy Datsenko

Davor in der Woche hatte ich eine Patientin nach einem Suizidversuch vor mir, für die wir in ganz Südhessen keinen Platz mehr auf einer Intensivstation gefunden haben. Deswegen mussten wir sie hier bei uns fünf Stunden im Nachtdienst in der Notaufnahme beatmen, bis wir sie auf eine Station mit entsprechenden Geräten verlegen konnten. Das bedeutet auch, dass während dieser fünf Stunden alle anderen Patienten auf der Station von uns Ärzten nicht mehr gesehen wurden. Da kümmert sich dann ein Pfleger oder vielleicht springt auch ein Kollege aus der Urologie ein, wenn es gut läuft, aber diese Menschen müssen dann auf eine fachspezifische Versorgung verzichten.

"Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, da sei noch nichts zum Nachteil eines Patienten passiert."

Das kann gut gehen, aber es ist ein Risiko. Denn wenn ein Patient – was sehr typisch ist – mit Brustschmerzen in die Notaufnahme kommt, dann müssen wir den eigentlich sofort untersuchen. Wenn der einzige dafür ausgebildete Arzt im Dienst nun aber gerade bei einem kritisch-kranken Patienten steht oder in der Isolierung bei einem Corona-Fall, dann steckt er dort auch mal anderthalb Stunden fest – und nebenan passiert ein Herzinfarkt, von dem er erst im Nachhinein hört. Besonders abgeschnitten vom Rest der Station ist man als Arzt, sobald man in einem Covid-Bereich eingeschleust wurde. In der Isolation bekommt man nicht mehr mit, was auf dem Flur passiert und man könnte auch gar nicht so schnell raus, selbst wenn man wollte. Das ist gerade auf einer Notaufnahme mit vielen akuten Fällen extrem schlecht.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, da sei noch nichts zum Nachteil eines Patienten passiert. Der Aufwand, den die Behandlung eines Covid-19-Patienten erfordert, ist enorm und zieht Kapazitäten ab. Da man sich am Bett eines Corona-Patienten in einem Schutzbereich befindet, braucht man zum Beispiel eine zweite Person, die einem von außen alle nötigen Dinge aus den Schränken anreicht, die man selbst nicht aufmachen darf, weil die Dinge darin ja sauber bleiben müssen. Dieses Personal könnte in der Zeit auch kranke Patienten versorgen.

Die Intensivstationen stehen derzeit im Fokus der Corona-Politik, aber die können sich zumindest abmelden, wenn sie voll sind. Wir Notaufnahmen sind hingegen verpflichtet, zumindest eine Notfallversorgung bei allen ankommenden Patienten zu leisten. Und selbst, wenn bei uns die Räume besetzt sind und wir eigentlich niemanden mehr behandeln können, kommen die Patienten zum Teil selbstständig zu Fuß zu uns – die können wir dann ja nicht draußen aussperren. Dem Rettungsdienst gegenüber kann man fehlende Kapazitäten natürlich signalisieren. Aber es ist zunehmend so, dass sich alle Krankenhäuser bei denen abgemeldet haben und dann kommen die natürlich trotzdem. Es ist eine erlebte Hilflosigkeit.

Wir sagen: "Wir können nicht weiter aufnehmen, wir melden uns ab. Mehr geht nicht." Aber der Rettungsdienst bringt trotzdem mehr und mehr Patienten, weil sie auch nicht wissen, wohin. Und wir können diese Menschen dann nicht mehr wegverlegen, weil die Intensivstation sagt: "Wir sind voll." Das führt dazu, dass wir manchmal eine Art Zwischenintensivstation auf der Notaufnahme leiten.

Doctor And Nurse Suture Patient In Emergency Room
Die Suche nach einem freien Intensivbett dauert manchmal Stunden.Bild: iStockphoto / TwilightShow

Ich fühle mich an vielen Tagen hilflos und unzufrieden. Der Hauptgrund ist, dass ich meinen eigenen Arbeitsansprüchen nicht mehr gerecht werden kann. Und diesen Frust teilen auch viele meiner Kollegen. Eigentlich würde ich mich gerne auch mal mit einem Patienten unterhalten, eine gründliche Versorgung leisten können, aber momentan bleibt dafür einfach kein Raum. In der letzten Nachtschicht habe ich es innerhalb von zehn Stunden genau einmal auf Toilette geschafft und mir außer einem Kaffee keine Pause gönnen können. Das schlaucht.

"Es ist als bewege man sich zwischen diesen zwei Welten, die schon lange nicht mehr zusammenpassen."

Und dann kommen noch die Beschwerden der Angehörigen obendrauf, die wutentbrannt anrufen und sagen: "Hey, meine Mutter liegt jetzt seit fünf Stunden in ihrer Notaufnahme. Niemand hat nach ihr gesehen, niemand ihr auch nur ein Wasser gebracht. Was zur Hölle ist bei euch los?!" Die Leute sind zu Recht sauer. Und weil es einem leidtut, versucht man das dann wieder zu kompensieren und noch weniger Pausen zu machen, bis man fahrig wird. Ganz ehrlich: Es reicht einfach hinten und vorne nicht mehr.

Wenn man nach einer so anstrengenden Schicht dann durch die Stadt nach Hause geht und man sieht die Menschen fröhlich auf dem Weihnachtsmarkt zusammen anstoßen, dann fühlt man sich ausgenutzt. Es ist als bewege man sich zwischen diesen zwei Welten, die schon lange nicht mehr zusammenpassen. Auf der einen Seite gehen Viele wieder in Clubs feiern, auf der anderen Seite laufen die Notaufnahmen voll – ich pendle zwischen diesen zwei Extremen und staune nur noch, wie wir sehenden Auges auf diese Katastrophe zurasen.

Der Frust wird dadurch größer, dass auch bei uns einige Patienten nicht an Corona glauben und dann selbst noch auf dem Krankenbett diskutieren, dass ihre Beschwerden doch sicher einen anderen Ursprung hätten. Ich weiß, dass es sich nicht gehört, da pampig zu werden, aber manchmal rutscht einem dann doch ein: "War ja wohl nicht so schlau, sich nicht impfen zu lassen" raus. Auch wir sind nur Menschen. Es wundert mich nicht, dass viele Kollegen und Kolleginnen angesichts all dessen bereits gesagt haben: "Keinen Bock mehr drauf. Ich gehe." Und extrem viele Leute bei uns spielen schon mit dem Gedanken, es ihnen gleichzutun. Die haben das Gefühl, unser Dilemma interessiere einfach keinen, nicht einmal die Politik, die schon lange hätte handeln sollen.

"Wenn man nach einer so anstrengenden Schicht durch die Stadt nach Hause geht und man sieht die Menschen fröhlich auf dem Weihnachtsmarkt zusammen anstoßen, dann fühlt man sich ausgenutzt."

Ganz akut kommt mir ein weiterer Lockdown unvermeidbar vor. Wir müssen diese Welle ja irgendwie brechen oder zumindest abmildern. Auch eine Impfpflicht halte ich für nötig, weil ich einfach erlebe, dass viele Ungeimpfte nicht mehr für rationale Argumente zugänglich sind. Letztlich braucht es aber vor allem eine umfassende Reform des Gesundheitssystems – denn das läuft schon seit Jahren nicht mehr rund und jetzt, in der Pandemie zeigen sich all die Probleme akkumuliert in ganz drastischer Weise.

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Krankenhäuser privatisiert worden und schrauben extrem an den Arbeitsbedingungen herum, um Kosten zu sparen. Als privates Unternehmen bist du natürlich verpflichtet, Gewinn einzufahren. Aber das bedeutet auch, dass Personal zunehmend nur noch extern eingekauft wird – vom Pfleger bis zum Reinigungspersonal – und dass sich diese oder jene Operation nicht rechnet und daher nur noch ungerne gemacht wird. Um diese Probleme zu beheben, braucht es eine Reform des Krankenhaus-Systems.

Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das von öffentlicher Hand gesteuert wird, und nicht profitorientiert arbeitet, sondern sich nach dem Wohl der Patienten ausrichtet. Wenn die Corona-Krise kein guter Anlass wäre, was denn dann?!

Protokoll: Julia Dombrowsky und Julia Jannaschk

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