Beim "WeihnachtsZauber" am Gendarmenmarkt werden in diesem Jahr nur geimpfte oder genesene Besucher reingelassen und es gilt zudem Maskenpflicht für alle.
Beim "WeihnachtsZauber" am Gendarmenmarkt werden in diesem Jahr nur geimpfte oder genesene Besucher reingelassen und es gilt zudem Maskenpflicht für alle.Bild: www.imago-images.de / Peter Meißner
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Steigende Inzidenzen und Klinikbetten-Alarm: Die Weihnachtsmärkte in Berlin haben trotzdem geöffnet – so ist die Stimmung bei Gästen und Schaustellern

04.12.2021, 16:06

"Ich finde es gut, dass die Leute hier wenigstens Masken tragen", sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin. Die beiden sind warm angezogen, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Kein Wunder, denn an diesem Donnerstagabend kann man den Temperaturen nach zu urteilen nun wirklich von Winter sprechen. Dicht an dicht drängen sich die Besucher des Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz um die Glühweinstände, auch die Gänge sind gut gefüllt. Wie passt dieses Bild mit den steigenden Corona-Infektionszahlen und vielerorts drastisch verschärften Maßnahmen zusammen? Und hat die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci nicht gerade erst gefordert: "Wir wollen mehr verbieten"?

Sicherheitsleute patrouillieren mit Warnwesten über den Weihnachtsmarkt am Ku'damm und fordern immer wieder Besucher zum konsequenten Tragen ihrer medizinischen Maske auf, auch die Schausteller tragen einen Mund-Nasen-Schutz – zumindest die meisten. An den Eingängen ermahnen große rote Schilder zum Maskentragen, Hände-Desinfizieren und Abstandhalten. Doch von Desinfektionsspendern fehlt auf dem gesamten Platz jede Spur. Und auch der große QR-Code, der zum Einchecken in der Luca-App auffordert, wird von keinem der Besucher beachtet.

Ein Schild am Eingang des Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz erinnert an die geltenden Maßnahmen: Maskenpflicht.
Ein Schild am Eingang des Weihnachtsmarktes am Breitscheidplatz erinnert an die geltenden Maßnahmen: Maskenpflicht.bild: laura czypull

Ordner: Zehn Prozent der Besucher versuchen es ohne Maske

"Ich fühle mich hier auf dem Weihnachtsmarkt sicher, ja, aber nur, weil ich geimpft bin", sagt Fabme, eine der beiden jungen Frauen, die inzwischen vor einem Stand mit Weihnachtsgebäck stehen geblieben sind. Und auch ihre Freundin Yasmine ist der gleichen Meinung: "Ich würde auch noch mal herkommen, aber nicht mit gefährdeten Personen, wie beispielsweise meinen Eltern." Die beiden Frauen sind sich einig, dass die hier getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen und würden sich eine 2G- oder gar 2G-Plus-Kontrolle wünschen, denn immerhin sei man beim Essen oder Trinken – was auf Weihnachtsmärkten ja durchaus oft geschieht – ohne Maske, gibt Fabme zu bedenken.

Der Weihnachtsmarkt ist gut besucht, die Abstände werden nicht immer eingehalten.
Der Weihnachtsmarkt ist gut besucht, die Abstände werden nicht immer eingehalten.bild: laura czypull

Zumindest die Maskenpflicht scheint aber auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz weitestgehend umgesetzt zu werden. "Achtung an alle: Eine blonde Frau und eine mit schwarzen Haaren sind von der Maskenpflicht befreit, bitte nicht ermahnen!", tönt es aus dem Funkgerät eines Ordners in blauer Warnweste. Er hat sich an einem der seitlichen Eingänge zum Kurfürstendamm hin positioniert und läuft konzentriert auf und ab – den Blick unentwegt auf die Besucher gerichtet. Ohne Maske kommt keiner an ihm vorbei. Diskussionen gebe es aber selten, erklärt er. "Zirka zehn Prozent der Besucher versuchen es ohne Maske, die werden auch ermahnt. Die meisten ziehen sie dann wortlos an." Er begründet dies damit: "Die Menschen wissen, dass wir streng kontrollieren."

Berliner Senat hält Ansteckungsrisiko im Freien für "erheblich geringer"

Am Donnerstag gaben Kanzlerin Angela Merkel und ihr designierter Nachfolger Olaf Scholz nach einer erneuten Ministerpräsidentenkonferenz bekannt, dass der Verhandlungspunkt 11, also eine bundesweite 2G-Regelung für Weihnachtsmärkte, von der Tagesordnung gestrichen wurde. Die Begründung: Die Bundesländer hätten dies bereits selbstständig geregelt oder die Märkte gleich ganz abgesagt. So ist es. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci hatte dazu am Dienstag mitgeteilt: Weihnachtsmärkte sollen hier zwar geöffnet bleiben, aber künftig nur noch unter 2G. Der Sprecher der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Matthias Borowski, erklärt auf Anfrage von watson am Freitag, man halte das Ansteckungsrisiko im Freien für "erheblich geringer" als in Innenräumen.

"Der Berliner Senat hält es daher für gesundheitspolitisch vertretbar, Weihnachtsmärkte für Geimpfte und Genesene (2G) offen zu halten."
Matthias Borowski, Sprecher der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe

Borowski fügt hinzu: "Selbstverständlich beobachten wir die Lage genau und werden gegebenenfalls weitere Anpassungen der Infektionsschutzverordnung vornehmen."

Der Wunsch nach 2G ist da

Auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gilt jedoch noch kein 2G, wann diese Regelung kommen wird, ist noch offen. Wünschen würden es sich die Besucher offenbar und auch unter den Schaustellern ist eine verhaltene Zustimmung zu spüren. "Ich fände 2G schon besser, aber dann kommen natürlich noch weniger Leute", gibt Duaa Srais, die Standbesitzerin der tunesischen Firma Aoudi, zu bedenken. Die junge Frau kommt mit ihren ätherischen Ölen bereits seit über zehn Jahren auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Ihr Stand sticht sofort ins Auge, mit vielen bunten Farben, filigranen Gefäßen und einem leichten Duft der ätherischen Öle, den man sogar durch die Maske riechen kann. Man fühlt sich etwas in eine andere Welt versetzt und vergisst wenigstens kurz den Trubel rundherum. Duaas Stand reiht sich neben eine Bude mit Lederwaren und gegenüber eines großen gemütlichen Zeltes mit warmen Speisen und Glühwein ein.

Duaa hofft jeden Tag, dass der Weihnachtsmarkt noch öffnen kann, denn ihre Fixkosten könne sie in diesem Jahr nicht decken. Für viele Schausteller lohnt es sich in diesem Jahr kaum, dass sie ihre Buden aufgestellt haben. Im Gegenteil – auch bei Duaa scheint sich eher ein Minus-Geschäft abzuzeichnen. Es seien "ganz klar, viel viel weniger Leute" auf dem Weihnachtsmarkt zu Besuch als die Jahre zuvor.

"Der Tourismus fehlt, ganz klar"

Einige Stände weiter, an einem bunten Crêpes-Stand direkt vor der Gedächtniskirche, zeigt sich ein ähnliches Bild: Ein paar Menschen stehen für eine der leckeren französischen Süßspeisen Schlange, doch "es fehlt der Tourismus, ganz klar", meint der Verkäufer. Mit einer Mütze und einer Schürze steht er neben seinem Kollegen und bedient freundlich und immer wieder lachend seine Kundschaft. Gelohnt, den Stand aufzustellen, habe es sich in diesem Jahr zwar schon, sagt er, "aber rentabel ist was anderes".

Überfüllte Gänge, dichtes Gedränge und nicht alle tragen eine Maske: So sieht es aktuell auf dem WeihnachtsZauber am Gendarmenmarkt aus.
Überfüllte Gänge, dichtes Gedränge und nicht alle tragen eine Maske: So sieht es aktuell auf dem WeihnachtsZauber am Gendarmenmarkt aus.bild: laura czypull

Anscheinend gibt es also für die Stände, die Speisen oder Getränke anbieten, noch etwas mehr Hoffnung, die Umsatzziele halbwegs zu erreichen. Für viele Schausteller ist das Weihnachtsgeschäft immerhin die Haupteinnahmequelle des Jahres. Diese Annahme unterstreichen auch die Standbesitzer am Gendarmenmarkt. Der dort WeihnachtsZauber genannte Markt hat seit mehr als einer Woche geöffnet und zieht alleine wegen der 2G-Regelung vor Ort schon weniger Menschen an, wie Stephan Kniep, ein Sprecher des Marktes, gegenüber watson erklärt.

"Der WeihnachtsZauber Gendarmenmarkt ist zur Zeit unter den erweiterten 2G-Regelungen geöffnet (Geimpft/ Genesen + Maskenpflicht). Schon allein deswegen verringert sich also die Besucherzahl genau um den Prozentsatz der nicht Geimpften, sowie jegliche BesucherInnen, die strikt gegen das Tragen der Maske sind."

Menschen kaufen verhaltener aufgrund des unsicheren Weihnachtsfests

Auch die Schausteller haben dort das Gefühl, dass sich weniger Menschen auf dem Gendarmenmarkt aufhalten. Außerdem seien die, die da sind "verhaltener beim Kaufen, da sie selbst nicht wissen, wie sie Weihnachten feiern werden", erzählt eine Verkäuferin in den Gängen des "Handwerkerviertels" auf dem Markt. Dieser Teil befindet sich in warmen Zelten, die miteinander verbunden sind. Ein roter Teppich und viele handwerkliche Stände laden hier zum Verweilen ein. Normalerweise. Denn vor allem in Innenräumen sind der Verkäuferin zufolge geringe Besucherzahlen zu beobachten. "Vermutlich fühlen sich die Leute draußen einfach sicherer", sagt sie. Sie steht an einem Stand mit allerlei Dekorationsartikeln und Geschenkwaren, schräg gegenüber des Eingangs, und beobachtet die draußen vorbeischlendernden Besucher.

Doch eine Besonderheit gibt es auf dem WeihnachtsZauber-Markt an diesem Tag: "Heute sind es wieder etwas mehr Leute, weil die 2G-Plus-Regelung aufgehoben wurde", erzählt Joliene Brösicke freudig. Die junge Verkäuferin steht mit einer Schürze und einer warmen Wollmütze hinter einem großen Topf mit duftendem Apfel-Punsch. "Wollen Sie mal unsere eingelegten Rumäpfelchen dazu probieren?", fragt sie eine Besucherin. Der Stand bietet Punsch und heiße Schokolade "handgerührt mit feinsten Zutaten" – so steht es in verschnörkelter Schrift auf dem Schild an der knallroten Bude, die in der Mitte des Weihnachtsmarktes aufgestellt ist. "Wir haben hier natürlich eine super Lage mit dem Stand", erklärt Joliene, "aber durch die Kontrollen sind es schon viel weniger Leute." Sie arbeitet seit vier Jahren auf dem WeihnachtsZauber und ist "froh, dass überhaupt Leute kommen".

Maskenpflicht wird auf dem WeihachtsZauber von vielen nicht so ernst genommen

Doch sie gibt zu bedenken, dass die Kontrollen am Eingang zwar streng sind, man muss immerhin auch Eintritt bezahlen, aber auf dem Weihnachtsmarkt selbst werde eher wenig kontrolliert. "Ich beobachte so oft Menschen, die ihre Maske nicht tragen und besonders oft gehen die Sicherheitsleute auch nicht durch die Gänge", erzählt sie.

Eigentlich gilt auf dem WeihnachtsZauber am Gendarmenmarkt aktuell 2G plus Maskenpflicht.
Eigentlich gilt auf dem WeihnachtsZauber am Gendarmenmarkt aktuell 2G plus Maskenpflicht.bild: laura czypull

Eine mögliche Begründung dafür wäre, dass sich die Besucher durch die 2G-Regel alleine schon sicherer fühlen und die zusätzliche Maskenpflicht deshalb nicht so ernst nehmen. Zumindest bestätigt eine Mutter mit ihrer Tochter, dass sie die aktuellen Maßnahmen auf dem Markt für ausreichend halten. Die beiden sind zum ersten Mal in diesem Jahr auf dem WeihnachtsZauber am Gendarmenmarkt und gerade auf dem Weg nach Hause. Es ist bereits kurz vor 22 Uhr, in wenigen Minuten schließt der Markt seine Türen für den Donnerstag. Das junge Mädchen blickt seine Mutter an und fügt hinzu: "Alleine wegen der Schausteller und der Weihnachtszeit an sich, würde ich mir schon wünschen, dass die Weihnachtsmärkte weiterhin offen bleiben."

Mutter stellt ihren Lebensentwurf infrage: "Soll es das gewesen sein?"

Letztens ist es einfach so passiert. Ich war mit beiden Kindern im Auto unterwegs und im Radio lief "TGIF" von Katy Perry. Nun bin ich wahrlich kein Katy-Perry-Fan, aber bei dem Part, in dem sich der "TGIF"-Sprechgesang immer weiter zuspitzt, bis ein Saxofon-Solo den musikalischen Höhepunkt erreicht, überkam es mich plötzlich, völlig überraschend. Ich spürte wieder dieses Freitagabend-Gefühl und ich vermisste in diesem Augenblick so vieles: die Pläne, alles aus einem Wochenende herauszuholen, spontane Verläufe eines Abends, wenn aus einem geplanten Drink fünf werden, völliges Ausrasten auf einer Tanzfläche, weil ein bestimmter Song gespielt wird.

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