Ricardo Lange ist derzeit wohl Deutschlands bekanntester Intensivpfleger.
Ricardo Lange ist derzeit wohl Deutschlands bekanntester Intensivpfleger.Bild: dpa / Kay Nietfeld
Interview

Intensivpfleger Ricardo Lange im Interview: "Wir behandeln ja auch Gewalttäter – warum also eine solche Debatte bei Ungeimpften?"

07.12.2021, 07:3607.12.2021, 10:32

Auf Instagram, Twitter, Zeitungen und TV-Talkrunden: Überall begegnet einem derzeit das Gesicht von Ricardo Lange, der Alarm schlägt, weil die personelle Situation in deutschen Kliniken kollabiert. Dass ein Intensivpfleger aus Berlin zu einem Fast-Schon-Prominenten wird, verrät viel über die Corona-Zeit und die Menschen, die sie zu schultern haben.

Dabei hat Ricardo die pflegerische Arbeit eigentlich nicht erlernt, um ins Fernsehen zu kommen, sondern "weil es Spaß macht, jeden Tag vor neuen Herausforderungen zu stehen", wie er sagt. "Es macht aber keinen Spaß mehr, wenn die Herausforderungen so hoch sind, dass man sie nicht mehr bewältigen kann." So wie jetzt, in der vierten Welle der Pandemie.

Nicht nur der 40-Jährige ist inzwischen frustriert, viele seiner Kollegen haben im Laufe der Corona-Krise den Beruf bereits verlassen. Dabei werden sie gerade dringender gebraucht denn je. Mit watson sprach Lange über Weihnachten, gebrochene Versprechen der Politik und den Umgang mit Ungeimpften auf Station.

Er sagt:

"Es war ein Fehler, dass Politiker von einer 'Pandemie der Ungeimpften' sprachen."

watson: Weihnachten steht vor der Tür. Wird das Klinikpersonal überhaupt feiern können? Oder erwarten Sie Hochbetrieb auf den Stationen?

Ricardo Lange: Wir durften durchaus Feiertage einreichen, die sind aber noch nicht freigegeben. Man hat schon so ein Déjà-vu-Erlebnis, weil es letztes Jahr genauso lief. Da stiegen die Fallzahlen, die Inzidenzen gingen hoch und auf den Intensivstationen hat man das dann zeitverzögert gemerkt. In vielen Kliniken werden jetzt schon provisorische Beatmungsplätze geschaffen, weil man einfach weiß, was auf uns wartet. Der Unterschied ist, dass dieses Jahr noch mehr Pflegepersonal fehlt als noch 2020. Die konnten nicht mehr und sind gegangen. Das heißt aber auch, wir haben noch weniger Betten, die man betreiben könnte.

Nicht nur Corona-Patienten müssen von ihnen versorgt werden, sondern auch andere schwerkranke Menschen. Bleibt dafür nun gar keine Zeit mehr?

Wir haben ja jetzt schon die Situation, dass manchmal ein Krankenwagen mehrere Kliniken anfahren muss, um dort einen Patienten abgeben zu können. Denn wie gesagt, müssen die Betten von Fachpersonal betreut werden und wenn das nicht der Fall ist, meldet sich die Klinik von der Rettungsstelle ab. Das Problem hatten wir letztes Jahr und werden wir auch dieses Jahr haben. Natürlich werden diese Patienten am Ende doch noch irgendwie untergebracht, dann im Notfall eben auf provisorische Intensivbetten gelegt. Aber da steht dann Personal daneben, das nur unzureichend oder gar nicht geschult ist im Umgang mit solchen Patienten. Nun stellen Sie sich vor, Sie haben einen Herzinfarkt oder ein Schädel-Hirn-Trauma und liegen dann auf einer fachfremden Station, mit fachfremden Personal – da ist die Betreuung einfach nicht optimal.

"Wenn aber nicht mal in einer Pandemie und im Rahmen eines Wahlkampfs Konzepte zur Verbesserung der Kliniksituation geschaffen werden, wann dann?!"

Plötzlich eine Aufgabe übernehmen zu müssen, für die man nicht wirklich ausgebildet ist, klingt aber auch für die Klinikmitarbeiter nach Stress.

Absolut. Aber das wird diesen Winter immer wieder passieren. Das hätte man nur verhindern können, wenn man dem Pflegepersonal, das den Beruf bereits verlassen hat, im Sommer Anreize geliefert hätte, zurückzukommen. Das ist aber nicht passiert. Nun ist es umso wichtiger, zu schauen, dass zumindest die Pfleger bleiben, die noch im Dienst sind.

Was meinen Sie damit konkret?

Erstmal muss man den Pflegekräften Hoffnung geben, dass ihre Arbeitsbelastung in Zukunft gemildert wird. Diese Hoffnung wurde zu Beginn der Pandemie geweckt, dann aber enttäuscht. Wenn aber nicht mal in einer Pandemie und im Rahmen eines Wahlkampfs Konzepte zur Verbesserung der Kliniksituation geschaffen werden, wann dann?! Wir Pflegekräfte sehen die Chancen derzeit bei Null. Dabei ist uns natürlich klar, dass mehr Pflegepersonal nicht übermorgen hergezaubert werden kann, aber wir wollen ein Licht am Ende des Tunnels sehen. Momentan ist es dort zappenduster. Wir brauchen jetzt einen verpflichtenden Fahrplan zur Verbesserung der Pflegesituation, damit die Motivation nicht völlig stirbt. Dann wüsste man zumindest: "Okay, jetzt überstehen wir gemeinsam die nächsten Monate Pandemie und dann bewegt sich aber was."

Worüber ist das Personal denn am meisten gefrustet? Die Bezahlung?

Geld ist natürlich immer wichtig, ganz klar. Aber Geld wird das Problem nicht lösen. Bei den vergangenen Streiks des Pflegepersonals ging es auch nicht primär um Bezahlung, sondern Entlastung. Was die Pfleger wirklich fertig macht, sind die Arbeitsbedingungen, die eine ordentliche Versorgung der Patienten fast unmöglich macht. Selbst wenn wir 6000 Euro im Monat verdienen würden, wäre dieser Frust noch da.

"Wir sind ausgebrannt!": In Köln legten die Beschäftigten der Uniklinik erst am 9. November die Arbeit im Warnstreik nieder.
"Wir sind ausgebrannt!": In Köln legten die Beschäftigten der Uniklinik erst am 9. November die Arbeit im Warnstreik nieder.Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Das heißt, Pfleger werden dem eigenen Arbeitsanspruch nicht mehr gerecht?

Die eigenen Ansprüche waren schon vor der Pandemie nicht zu erfüllen, aber seit Corona erst Recht nicht mehr. Menschen vor sich zu haben, denen man nicht so helfen kann, wie man es will – das ist es, was uns wirklich fertig macht.

Einige Pflegekräfte haben sich anonym auch über uneinsichtige Ungeimpfte auf Station beschwert. Sind solche Fälle Thema unter den Kollegen?

Es gibt einen Pflege-Kodex, der besagt, dass ich als Pflegekraft im Krankenhaus jeden Patienten gleich zu behandeln habe, ungeachtet seiner Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit. Jeder ist gleich. Und wer anfängt, einen Patienten aufgrund seiner politischen oder persönlichen Einstellung anders zu behandeln, hat den falschen Beruf. Für mich liegt in dem Moment ein kranker Mensch da, der Hilfe braucht. Wir behandeln ja auch Gewalttäter, wenn sie verletzt sind – warum also eine solche Debatte bei Ungeimpften? Es ist nicht meine Aufgabe, Menschen anzuklagen. Darf es auch nicht sein.

"Wer anfängt, einen Patienten aufgrund seiner politischen oder persönlichen Einstellung anders zu behandeln, hat den falschen Beruf."

Wird die Impfdebatte Ihrer Meinung nach zu sehr von oben herab geführt?

Das ist ein wichtiger Punkt. Es melden sich seit Beginn der Pandemie Menschen zu Wort, die eigentlich gar keine Expertise haben. Das geht auf Social Media los, bis hin zu den Politikern. Es ist nicht Aufgabe der Politiker über eine medizinische Substanz aufzuklären. Die Debatte wird dann schnell unsachlich und verunsichert die Menschen eher. Lasst doch die Ärzte ihren Patienten erklären, warum Ihnen das Vakzin nützen kann und was die Nebenwirkungen sind. Alles andere kocht die Stimmung weiter hoch.

Glauben Sie, die Menschen hören den Corona-Nachrichten überhaupt noch zu?

Ich denke, die Menschen sind nach fast zwei Jahren Pandemie einfach erschöpft. Jeder hat doch seinen Rucksack in der Corona-Zeit zu tragen, jeder eigene Sorgen, die ihn seit zwei Jahren beschäftigen. Die Energie der Leute ist einfach aufgebraucht und die Geduld auch. Aber genau das ist ja die Gefahr – alle werden wieder nachlässiger.

Und kaum waren die Menschen entspannter, stiegen die Zahlen wieder...

Es war ein Fehler, dass Politiker von einer "Pandemie der Ungeimpften" sprachen. Das suggeriert den Geimpften, sie seien nicht mehr Teil der Infektionsketten und damit raus aus den Vorsichtsmaßnahmen. Ich sehe das so, dass die Impfung ein kleiner und wichtiger Beitrag für jeden ist, aber der Piks alleine entzieht uns noch lange nicht aller Verantwortung. Wir haben es mit einer weltweiten Pandemie zu tun. Da wie ein Wahnsinniger Karneval feiern zu gehen, ist unangebracht, selbst, wenn man geimpft ist.

Ebenfalls Köln: Zwei Tage nach dem Warnstreik des Klinikpersonals feierten zahlreiche Menschen (hier im 2G-Bereich) ausgelassen Karneval.
Ebenfalls Köln: Zwei Tage nach dem Warnstreik des Klinikpersonals feierten zahlreiche Menschen (hier im 2G-Bereich) ausgelassen Karneval.Bild: dpa / Thomas Banneyer

Sollte die Politik da eingreifen?

Was helfen würde wäre, wenn die Politik anfängt, eine eindeutige Sprache zu sprechen. Wenn Herr Spahn anfangs verspricht, es werde keine Impfpflicht geben, auch nicht durch die Hintertür und dann passiert genau das, ist doch klar, dass die Leute sagen: "Alles Lügner!" Damit spielt man den Skeptikern in die Hände und bestätigt deren Narrativ. Das bringt dann selbst Leute ins Zweifeln, die vorher der Politik vertraut haben, das halte ich für fatal.

"Ich habe Angst, wenn ich in die Zukunft blicke und Bilder wie aus den Niederlanden sehe, wo Schüsse fallen, wo Autos brennen."

Ist der Verlust des Vertrauens auch für zukünftige Maßnahmen ein Problem?

Ein Großes. Da haben sich Experte im Sommer den Mund fusselig geredet, dass wir im Herbst aufpassen müssen und die Politiker waren nur mit Wahlkampf beschäftigt. Und dann bereichern sich Politiker auch noch auf dubiose Art an dem Verkauf von medizinischen Masken. Das alles führt dazu, dass die Akzeptanz der Politiker und auch der Corona-Maßnahmen sinkt. Dabei sind diese doch maßgeblich entscheidend dafür, dass wir als Gesellschaft die anstehenden Probleme bewältigen können. Wenn man das Vertrauen der Bevölkerung verspielt, wird es schwierig, selbst sehr sinnvolle Maßnahmen überhaupt noch durchzusetzen.

Belastet Sie der Gedanke, was diesen Winter auf der Arbeit droht?

Mich persönlich belastet eher, was momentan in der Gesellschaft los ist. Nach zwei Jahren Pandemie müsste man doch eigentlich zusammenstehen, füreinander da sein. Aber genau das Gegenteil ist passiert. Die Gesellschaft hat sich dermaßen gespalten. Eine hitzige Debatte folgt der nächsten. Die Geimpften und die Ungeimpften werfen sich ihre Haltung gegenseitig vor und es geht eigentlich nur noch darum, sich gegenseitig fertigzumachen, statt einfach mal gemeinsam an einem Strang zu ziehen und diese – ich sage es mal deutlich – beschissene Pandemie endlich zu überstehen. Ich habe Angst, wenn ich in die Zukunft blicke und Bilder wie aus den Niederlanden sehe, wo Schüsse fallen, wo Autos brennen.

"Wenn Herr Spahn anfangs verspricht, es werde keine Impfpflicht geben, auch nicht durch die Hintertür und dann passiert genau das, ist doch klar, dass die Leute sagen: 'Alles Lügner!'"

Erleben Sie selbst denn Anfeindungen?

Aufgrund meiner Medienpräsenz wurde ich schon bedroht, beleidigt, und beschimpft, sogar auf offener Straße. Was die Menschen dabei oft vergessen ist, dass auch wir Pfleger von den Corona-Maßnahmen betroffen sind. Ich muss auch den ganzen Tag Maske tragen, meine Partnerin war in Kurzarbeit, auch wir können in der Freizeit nicht mehr viel machen und hatten zwischenzeitlich Angst um unsere Jobs. Aber natürlich habe ich einfach einen anderen Blick auf Corona, weil ich die Krankheit Tag für Tag auf Station erlebe. Wir Pflegekräfte sehen die Infizierten, die Verstorbenen und ihre Angehörigen in ihrem Kummer. Wer das nicht gesehen hat, kann es sich einfach nicht vorstellen.

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