Dieses Jahr gibt es wegen Kündigungen von Pflegekräften laut Präsident des DIVI rund 4.000 Intensivbetten weniger.
Dieses Jahr gibt es wegen Kündigungen von Pflegekräften laut Präsident des DIVI rund 4.000 Intensivbetten weniger.Bild: iStockphoto / gorodenkoff
Analyse

DIVI-Präsident Marx: "Viele unserer Pflegekräfte haben ihre Pflegetätigkeit gekürzt oder sogar ganz gekündigt"

22.11.2021, 18:2523.11.2021, 08:54

Jeder Tag startet in Deutschland derzeit mit einem neuen Rekord – einem traurigen: "Der heutige Höchststand der Corona-Infektionen beträgt 5.385.585", hörte man es am heutigen Montag aus den Radiosendern tönen. Die Hoffnungen liegen nun auf dem neuen Regelwerk der sondierenden Ampel-Koalition, die strengere Maßnahmen gegen Corona erlassen hat.

Auf einer Pressekonferenz des DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V.) nahm der Vorsitzende Gernot Marx heute zur aktuellen Situation Stellung: "Die Corona-Situation ist sehr besorgniserregend und derzeit nicht unter Kontrolle. Wir machen uns angesichts steigender Inzidenz wirklich Sorgen", so Marx. Der Modellierer Andreas Schuppert zeigt seine Simulation, die von der heutigen Dynamik mit aktuellem Status Quo in die Zukunft rechnet:

"Ende der Woche würden wir die Ausbreitung bei knapp über 4000 Intensivbetten stoppen", sagt Schuppert in der Pressekonferenz. Danach würde die Kurve wieder leicht abfallen. DIVI-Präsident Gernot Marx bestätigt diese Einschätzung: "Es werden mindestens 4.000 Intensivpatienten, selbst wenn jetzt alle Maßnahmen gut greifen. Deswegen müssen wir jetzt alles tun, um die Situation einzudämmen."

"Eine genaue Zahl der Pflegekräfte wird an keiner Stelle, in keinem Register erhoben, das wird aber definitiv eine große Zukunftsaufgabe in Deutschland."
Wissenschaftlicher Leiter des DIVI, Christian Karagiannidis, auf Nachfrage von watson

Eine große Zahl an Pflegekräften hat bereits wegen Erschöpfung gekündigt

Doch wer soll all diese Patienten und Patientinnen betreuen? "Viele unserer Pflegekräfte haben aufgrund der Erschöpfung ihre Pflegetätigkeit gekürzt oder sogar ganz gekündigt. Es sind etwa 4000 Intensivbetten weniger als vor einem Jahr“, so Gernot Marx. Auf Nachfrage von watson, wie viele Pflegekräfte denn seit Beginn der Pandemie gekündigt haben, sagt der wissenschaftliche Leiter des DIVI, Christian Karagiannidis: "Eine genaue Zahl der Pflegekräfte wird an keiner Stelle, in keinem Register erhoben, das wird aber definitiv eine große Zukunftsaufgabe in Deutschland." Man könne immer nur indirekt zurück rechnen anhand des Betreuungsschlüssel der Intensivbetten, woraus man Rückschlüsse auf die Zahl der Betten ziehen könne.

Professor Karagiannidis fügt hinzu:

"Ein betreibbares Bett ist nur dann betreibbar, wenn Pflegepersonal am Bett steht. Was wir gesehen haben, ist, dass viele Pflegekräfte den Beruf verlassen oder ihre Arbeitszeit verringert haben. Ich nehme da gern die Zahl der betreibbaren Beatmungsbetten, da sie ein guter Vergleichsfaktor mit anderen Gesundheitssystemen ist: Diese Zahl der betreibbaren Beatmungsbetten ist von 12.000 Betten im Dezember 2020 auf aktuell 9000 Betten dieses Jahr (ohne Notfallreserve) abgefallen. Das ist die direkte Konsequenz aus dem Pflegepersonal-Mangel."

Die Notfallreserve habe sich zudem in den letzten 4 Wochen dezimiert. Was dagegen hilft? Laut Marx: "Finanzielle, aber auch strukturelle Anreize". Denn wenn die Entwicklung der Inzidenz so weiter gehe wie bisher, müsse man davon ausgehen, "dass die allgemeine Gesundheitsversorgung nicht auf dem guten Standard zur Verfügung steht, wie man das gewohnt ist."

Eine Impfpflicht lehnt der DIVI-Präsident jedoch ab: "Wir sind gegen eine Impfpflicht für einzelne Gruppen", sagte er in der Pressekonferenz. Es gebe aber eine "moralisch-ethische Verpflichtung von Ärzten und Pflegern zur Impfung".

Was passiert jetzt mit Notfall-Patienten? In welchen Bundesländern die Intensivstationen schon voll sind, wo es noch Kapazitäten gibt – und wie Patienten verlegt werden können

Das deutsche Gesundheitssystem ist am Limit: Immer mehr Bundesländer warnen, keine weiteren Intensivpatienten mehr aufnehmen zu können. Die Kapazitäten der Intensivstationen sind erschöpft. Die bayerischen Krankenhäuser warnen angesichts der ungebremst steigenden Corona-Infektionszahlen vor einer unmittelbar drohenden Überlastung: "Die aktuelle Lage ist so dramatisch, wie sie noch nie in der gesamten Pandemie-Zeit in Bayern war", sagte der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, der "Augsburger Allgemeinen" bereits am 19. November. "Wir haben schon jetzt kaum noch Kapazitäten." Er warnt, dass sie "bald keine Chance mehr für Verlegungen innerhalb des Freistaats haben".

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